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Tiny Tim

Tiny Tim

Biografie

Tiny Tim (voc, ukulele), bürgerlich: Herbert Khaury, in bitterer Armut als Sohn eines libanesischen Einwanderers und einer Polin in den Washington Heights-Slums von New York aufgewachsen, verschwieg hartnäckig sein Alter: "Ich glaube wirklich, ich bin 19, und gebe mir Mühe, es dabei zu belassen." Als er am 30. November 1997 im Henepin County Medical Center an Herzstillstand nach vorangegangenem Infarkt gestorben war, gab die "New York Times" sein Alter mit 64, der Hamburger "Spiegel" mit 66 an. In Wirklichkeit dürfte der "bizarrste Unterhaltungskünstler seit den Tagen von Barnum & Baileys Zirkus" ("Time") nach Ermittlungen der Londoner "Times" am 12. April 1922 in New York geboren, mithin mit 74 gestorben sein.

Mit glockenhellem Falsettosopran und in Baritontiefen tönte der naive Entertainer zum Ricky-Ticky-Ragtimeklang seiner Ukulele (einer viersaitigen Minigitarre) im Stil berühmter Vaudeville- und Revuesänger aus der Schellackplatten-Ära. Damit wurde er 1968 bei Umsätzen von 35 000 LPs pro Woche, zahlreichen TV-Auftritten bei den Talkmeistern Johnny Carson, Jackie Gleason, Ed Sullivan und Personalstorys in allen großen US-Zeitungen und -Zeitschriften zur Attraktion der Subkultur. Von den Folkinterpreten Peter, Paul & Mary entdeckt, mimte er für ein Millionenpublikum Ritter, romantische Helden, Harlekine und weinende Clowns, schluchzte die Schlager aus der Gründerzeit des Musikgeschäfts und agierte unter schulterlangen Locken, in grotesk zusammengestückeltem Dress und mit kalkweiß gepudertem Gesicht wie eine Figur aus Grimms Märchen. Das sei mit nichts vergleichbar gewesen, was bei Reprise oder anderswo auf Platten erschien, konstatierte Franz Schöler ("Rolling Stone"), habe auch nichts mit dem abgedrehten Charme gemeinsam ge-habt, mit dem sich Jonathan Richman und seine Modern Lovers bei dem von John Cale produzierten Debüt profilierten: "Das war Showbusiness einer gänzlich abgefahrenen Art, wie sie auch kein anderer Stand-up-Komiker zu dieser Zeit kultivierte."

Zehn Jahre lang hatte Tiny Tim zuvor in heruntergekommenen Kneipen und einem Flohzirkus am Times Square unter den Pseudonymen Julian Foxglove, Emmett Swink, Derry Dover und Larry Love, "der singende Kanarienvogel", für Transvestiten, Trunkenbolde und Penner jubiliert. Der Schmutz konnte ihm nichts anhaben: Er salbte sich mit Cremes, Puder und Wässerchen und badete bis zu siebenmal pro Tag. Diese Gewohnheiten änderte er nicht, als er zum hochbezahlten Show-Exzentriker avancierte, der vor Fernsehkameras 1970 die damals 17-jährige Victoria Mae Budinger, genannt Miss Vicky, heiratete, und auch nicht, als es nach seinem kurzlebigen Sensationserfolg wieder abwärtsging. "Sein Habitus", beteuerte sein Agent, "ist keine Show. Und wenn es eine sein sollte, dann wäre es die größte aller Zeiten."

Auch im Plattenstudio transzendierte Tiny Tim Zeit und Raum. Auf seiner ersten Reprise-LP God Bless Tiny Tim intonierte er zur Ukulele in totaler Übereinstimmung mit dem alten Pathos Irving Berlins patriotisches Stay Here Where You Belong, ließ sich in der Countryparodie Then I’d Be Satisfied With Live von der Velvet Underground-Muse Nico anschmachten: "Oh Tiny … Tiny I love you", drückte bei Sonny & Chers I Got You Babe so sehr auf die Tube, bis alle Soul-Seriosität aus dem Lied entschwand. Tiny Tim’s Second Album vereinigte aktuelle Topical Songs von Tom Paxton, Hoyt Axton mit dem "Casablanca"-Filmschlager As Time Goes By von Herman Hupfeld und dem Jerry Lee Lewis-Fetzer Great Balls Of Fire, wieder ein Potpourri von einer grotesken inneren Stimmigkeit und hoher Identität. Doch als der zwielichtige Rattenfänger im dritten Album For All My Little Friends seine Psychopathologie ins Kinderzimmer verlegte ("I’m so awfully lonesome, awfully sad / It’s a longer time since I’ve been glad / But I know what I’ll do by and by / I’ll eat some worm and then I’ll die"), ohne damit die Geldbeutel der Eltern zu öffnen, verlor Reprise die Geduld und kündigte dem Künstler.

Ende 1974 – seine Frau hatte ihn inzwischen wiederholt verlassen – versuchte er nach harten Tingeltangel-Jahren in der Provinz mit einer neuen Show ein Comeback im New Yorker Nachtlokal Jimmy’s. Er war nun in wechselnde Glitzerkostüme gekleidet und wurde von sexy Tanzmädchen umsprungen, weigerte sich aber immer noch, ihm schmutzig erscheinende Vokabeln wie Sex und Love anders auszusprechen als buchstabiert. Seine Tochter nannte er Tulip (Tulpe) – nach seinem einzigen Single-Hit Tiptoe Through The Tulips. 1977 wurde er geschieden und heiratete in zweiter Ehe eine Jan Alweiss, die es bis zu seiner zweiten Scheidung nur kurz bei ihm hielt. Er war an den Alkohol geraten, litt an Diabetes und hielt sich in drittklassigen Clubs und auf Kreuzfahrtschiffen mühsam über Wasser.

Im Juli 1987 sang er im Swanee-Studio in einem Nest namens Mount Juliet in Tennessee seinen größten und einzigen Hit Tiptoe neben anderen goldenen Oldies noch einmal für das Album The Eternal Troubadour ein, das er bei seinen Auftritten verkaufte. Es wurde 1995 unter dem Titel Resurrection (Auferstehung) von Bear Family Records wiederveröffentlicht. Ein spätes Comeback deutete sich an. Die LP Girl auf Rounder Records mit Led Zeppelins Stairway To Heaven als Barmusik und Hey Jude von den Beatles im Cha-Cha-Kneipenbeat verstand der "Musikexpress" ("Dem Mann ist nichts heilig") gründlich miss: "Der Vokalist mit dem meckernden Ziegenvibrato singt insgesamt 14 Oldies und hat dabei die Lacher mehr als einmal auf seiner Seite. Zum Schrum-Schrum einer Ukulele interpretiert er unvergessene Klassiker, die nach sei-ner brüllkomischen Verhohnepiepelung freilich kaum wiederzuerkennen sind."

Tatsächlich hatte Tiny Tim Girl zwischen 1988 und 1993 aufgenommen. Die Produktion begann am 19. Juni 1988 nach einem Gig in Dallas, Texas, mit der lokalen Brave-Combo in einem Studio in Denton. Dort bat ihn ein Teenager, eine Miss Stephanie, um ein Autogramm, die aufs Haar seiner Vicky in deren Maienblüte glich. Dies sei, so zwitscherte Tiny Tim, nun endlich die Traumprinzessin, auf die er sein Leben lang gewartet hätte. Er korrespondierte mit Stephanie – ohne Erfolg. 1990 war er wieder in Denton, um weitere Songs aufzunehmen, aber als sich ihm die Angebetete weiterhin entzog, brach er die Session ab. Erst weitere drei Jahre später fand er sich unter dem Eindruck einer anderen neuen Liebe bereit, die Aufnahmen 1993 zum Abschluss zu bringen. Und erst 1995 gab er sie zur Veröffentlichung frei, nachdem er seine neue Liebe, die liebliche Miss Sue Gardner, tatsächlich in dritter Ehe geheiratet hatte.

Stephan Düfel charakterisierte Tiny Tim in seiner Girl-Rezension im Magazin "Zitty" 1996 zutreffender: Er hatte "Charme und verleitet einen öfters zu einem milden Lächeln. Welcher Musiker kann das heute schon von sich behaupten?" Am 30. November 1996 erlag Tiny Tim einem Herzinfarkt. Er wurde mit seiner Ukulele begraben. 2006 veröffentlichte Rhino die Box God Bless … The Complete Reprise Studio Masters mit allen Aufnahmen, Demos und Raritäten, die in den Archiven der Firma zu finden waren. Für jeden, der sich mit dem außerhalb jeden Mainstreams liegenden Œuvre dieses Exzentrikers befassen wolle, empfahl Franz Schöler, sei dies "ein Sammlerteil allererster Güte".

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs und
Zusammenstellungen (Auswahl):
God Bless Tiny Tim (1968)
Tiny Tim’s Second Album (1968)
For All My Little Friends (1969)
Concert In Fairyland (Kassette o. J.)
The Eternal Troubadour (1987)
Tiny Rock (1992)
Current 93 Present:
Song Of An Impotent Troubadour (1994)
Resurrection (1995 Wiederveröffentlichung von The Eternal Troubadour)
Girl (1996)
Tiny Tim’s Christmas Album (1996)
Live At The Royal Albert Hall (2000 Aufnahme von 1968)
God Bless … The Complete Reprise Studio Masters (2006 Box)

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