CASH, JOHNNY
Biografie
Johnny Cash (voc, g), am 26. Februar 1932 in Kingsland, Arkansas, als Sohn eines Baumwollfarmers geboren, sang mit seiner Begleittruppe Tennessee Three amerikanische "Geschichte für die Massen" ("Melody Maker") als eine Art "Dylan ohne Metaphern" (Richard Goldstein). Der Mann in Schwarz (Albumtitel) mit dem "Gesicht wie aus einem Steckbrief" ("Life") und der sonoren Patriarchenstimme war der "erste zornige Poet unter den Country-Sängern" ("New York Times"). "Johnny schrie sich nicht die Seele aus dem Leib", schwärmte Bob Dylan, "aber er warf zehntausend Jahre Kultur ab. Er klingt, als stehe er am Feuer, im Tiefschnee oder in einem Geisterwald – die Coolness bewusster, unübersehbarer Kraft, wuchtig und unheildrohend. Johnnys Stimme war so groß, dass die Welt neben ihr zusammenschrumpfte, ungewöhnlich tief, dunkel und dröhnend. Worte, die Gesetz waren, hinter denen göttliche Gewalt stand."
Seine oft als Sprechblues zu simplen Harmonien vorgetragenen Sympathieerklärungen für rechtlose Indianer, verketzerte Hippies und eingesperr-te Kriminelle machten den Cherokee-Abkömmling und einstigen Drogenkonsumenten 1968/69 zum Superstar der Subkultur-Anhänger, die immer mehr nach unverfälschten Klängen aus der amerikanischen Musik-Vergangenheit verlangten und in Cash einen sozial engagierten Mann aus dem Volk zu sehen glaubten.
Doch der selbsternannte Feld-, Wald- und Wiesen-Missionar war ein Idol voller Widersprüche: Er stand sich gut mit dem Protestler Bob Dylan und sang Plädoyers für die langhaarige Aktivistenjugend ( What Is Truth); interpretierte aber auch, zusammen mit dem Law & Order-Prediger Billy Graham, naiv-erbauliche Mittelklassen-Gospels. Er applaudierte den Vietnam-Aktivitäten des Watergate-Präsidenten Nixon immerhin als "Taube mit Falkenkrallen" (Cash), weigerte sich aber bei einem Liederabend im Weißen Haus, vom Präsidenten gewünschte Spottgesänge auf die Hippies und sozial Unterprivilegierten vorzutragen. Er präsentierte sich in zahlreichen, oft unentgeltlichen Zuchthausauftritten (Folsom, St. Quentin) als Sympathisant der Outlaws (Songtext: "Ich erschoss einen Mann in Reno, bloß um ihn sterben zu sehen") und zeigte Mitgefühl für die an Heroin gestorbene Janis Joplin. Gleichzeitig deckte er die meisten seiner mehr als 500 selbstverfassten Lieder mit der "Küchenphilosophie" ("Stereo Review") vom patriarchalischen Aktivisten ein, dem das gesunde Gefühl für Recht und Unrecht das Schießeisen oder den Spaten führt.
Nach der High School meldete er sich auf der Lackland Air Force Base in San Antonio zur Luftwaffe. Als John R. Cash wurde er auf dem US-Luftstützpunkt Landsberg, Germany, stationiert. Er nahm in Deutschland Gitarrenunterricht und gründete seine erste Band, die "Landsberg Barbarians". Seine ersten Aufnahmen machte er 1955 bei Sun Records in Memphis, deren früherer Besitzer Sam Phillips auch die Debütplatten von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins produzierte. Perkins zog lange Jahre mit Cash durch die Tourneestädte in aller Welt, genauso wie die zweite Cash-Frau June Carter, die für ihren Mann den Erfolgssong Ring Of Fire schrieb. Johnnys (Stief-)Töchter aus beiden Ehen, Roseanne Cash und Carlene Carter, etablierten sich als erfolgreiche Country Rock-Performerinnen, während der Vater wiederholt mit einer Tablettenabhängigkeit zu kämpfen hatte.
Als ihn seine Plattenfirma Columbia 1986 nach 28 Jahren sang- und klanglos feuerte, nutzte Cash die Brüskierung zu einem erneuten Karriereaufschwung. Johnny Cash Is Coming To Town (1987) zeigte den Vater der ländlichen Folklore wieder in traditioneller Form. Vor allem Musiker der jungen britischen New Wave-Generation entdeckten in dem komplexen Cash-Charakter Seelenverwandtschaften und nahmen 1988 eine Hommage-Platte mit Cash-Songs ( ’til Things Are Brighter) zugunsten der englischen Aidshilfe auf. Abseits des Redneck-Images, das Teilen der Country Music – mitunter mit Berechtigung – immer noch anhing, war der charismatische Sänger zu einer unangreifbaren und unabhängigen Größe geworden. Musiker jedweder stilistischen Herkunft rechneten es sich als Ehre an, zu Plattenaufnahmen mit ihm eingeladen zu werden. An seinem Album Water From The Wells Of Home (1988) waren neben Tochter Rosanne Cash und Sohn John Carter Cash Emmylou Harris, Paul McCartney, The Everly Brothers, Waylon Jennings und Hank Williams Jr. beteiligt.
Mit Boom Chicka Boom (1989) hielt er mühelos den Anschluss an die Generation junger, nicht unbedingt von Nashville geprägter Country-Musiker und erhielt dafür den wichtigsten Preis der US-amerikanischen Songwriter-Vereinigung, den Aggie Award. Er reanimierte das Quartett The Highwaymen, das er zusammen mit Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson 1985 gebildet hatte, und ging mit dieser Formation auf Tournee. Nach The Mystery Of Life (1991) wechselte Cash von Mercury zu Rick Rubins Label American Recordings. Das erste Resultat American Recordings (1994) war bereits bei seiner Veröffentlichung ein Meilenstein amerikanischer Country-Tradition im digitalen Zeitalter, es wurde als "Best Contemporary Folk Album" prompt mit einem Grammy bedacht. Dassel-be geschah mit dem Folgealbum Unchained (1996), an dem Tom Petty, Mary Stuart und Flea mitwirkten: ein Grammy als bestes Country-Album.
Inzwischen hatten ihm die Kritiker des "Rolling Stone" 1995 das "Comeback of the Year" bescheinigt, er war wieder mit den Highwaymen (u. a. in David Lettermans TV-Show) aufgetreten, hatte den Soundtrack zum Film Dead Man Walking um einen Song bereichert und seine normale Konzertaktivität fortgesetzt. Im Mai 1997 nahm er mit Willie Nelson auf zwei Barhockern für den TV-Kanal VH 1 die Live-Session Storytellers auf, die seine alte Hausmarke Columbia/Sony auf CD und Video veröffentlichte – "noch nicht zahnlos, aber doch ohne Biss" (so Hagen Liebing in "Tip"). Als er sich im Oktober 1997 auf einer Konzertbühne in Flint, Michigan, nach einem Gitarrenplektrum bückte und nicht wieder hochkam, verlautbarte das Tournee-Management, er leide an der Parkinson’schen Krankheit.
Konzerte wurden abgesagt, ebenso eine Promotion-Tour für seine soeben erschienene Autobiographie (Deutsch bei Palmyra). Im November wurde er im Baptist Hospital in Nashville zusätzlich wegen Lungenentzündung behandelt. Innerhalb des folgenden Jahres musste er mit derselben Diagnose zwei weitere Male ins Krankenhaus. Krank – ja, aber zahnlos noch lange nicht. Als nach seinem zweiten Grammy bei American Recordings die Herren von Columbia wieder ihre Fühler nach ihm ausstreckten, von denen er, so Cash ironisch, "viele, viele Jahre nichts gehört" hatte, bedankte er sich auch namens seiner neuen Plattenfirma auf einer ganzseitigen Anzeige im Branchenblatt "Billboard" beim "Nashville music establishment and country radio" für ihre Unterstützung. Auf dem alten Foto aus den sechziger Jahren war ein wütender Johnny Cash zu sehen, der dem Betrachter den ausgestreckten Mittelfinger zeigte.
Von Parkinson’s Disease nicht genesen, hat er dann doch noch seinen Frieden mit Columbia gemacht. Für das Dreifach-Album Love – God – Murder (2000) stellte er eigenhändig die ihm noch aktuell genug erscheinenden Songs aus seinem Back-Katalog zu den drei CD-Themen Liebe, Mord und Gott zusammen – Zentralthemen seines Lebens und seines Werks. Im Februar 1999 erhielt Johnny Cash, der als einziger Musiker in die Country Music Hall of Fame, die Songwriters Hall of Fame und die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden war, dann auch noch einen Grammy für sein Lebenswerk. "Von Johnny Cash gecovert zu werden ist eine Auszeichnung", konstatierte Christine Heise in einer Rezension des Albums American III: Solitary Man (2000). Zu den Kollegen, deren Lieder er vielfach unerhört neue Facetten abgewann, gehörten Neil Diamond (das Titelstück), Nick Cave ( The Mercy Seat) und U2 ( One).
Wie genau Cash hingehört habe, um auch bei den Jungen die wirklich guten herausfinden, so Christine Heise in "Tip", belege die überraschende und erschütternde Version des Will Oldham-Titels I See A Darkness: "Selten so harten Stoff gehört. Hier wird Bilanz gezogen. Der Song bringt einen lebenslangen Kampf mit Gut und Böse, mit Gott und dem Teufel auf den Punkt." Das Jahr 2001 verbrachte Cash, zu Konzertreisen nicht mehr fähig, mit seiner Frau June Carter Cash abwechselnd in ihren Häusern in Tennessee, Virginia und Jamaika. "Ich würde meine Zukunft nicht gegen die irgendeines anderen Menschen tauschen", schrieb er in den Liner Notes zu Solitary Man. Noch einmal ging er ins Studio, um die American-Serie mit Volume IV abzuschließen: The Man Comes Around (2002), dem Neuen Testament gewidmet, mit Songs von Depeche Mode ( Personal Jesus), den Beatles ( In My Life), Simon & Garfunkel ( Bridge Over Troubled Water) und so fort. Wie vordem waren prominente Gäste dabei.
Das Album überraschte und enttäuschte nicht. Als Johnny Cash am 12. September 2003 im Alter von 71 Jahren in Nashville an den Folgen seines Diabetes starb,(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs (Auswahl):
With His Red & Blue Guitar (1957)
Sings The Songs That Made Him Famous (1958)
Johnny Cash (1959)
Hymns (1959)
Song Of Our Soil (1959)
Ride This Train (1960)
There Was A Song (1960)
Sings Hank Williams (1960)
Johnny Cash (1961)
All Aboard The Blue Train (1962)
Sound (1962)
Hymns From Heart (1962)
Blood, Sweat & Tears (1963)
Ring Of Fire (1963)
Christmas Spirit (1963)
Bitter Tears (1964)
I Walk The Line (1964)
Original Sun Sound Of Johnny Cash (1964)
Orange Blossom Special (1965)
Everybody Loves A Nut (1966)
Mean As Hell (1966)
Carryin’ On With Johnny Cash And June Carter (1967)
Happiness Is You (1967)
By The Time I Get To Phoenix (1968)
From Sea To Shining Sea (1968)
At Folsom Prison (1968)
At San Quentin (1969)
The Singing Story Teller (1969)
Get Rhythm (1969)
Show Time (1969)
Story Songs Of The Trains And Rivers (1969)
The Holy Land (1969)
Jackson (1970)
Hello, I’m Johnny Cash (1970)
The Johnny Cash Show (1970)
The World Of Johnny Cash (1970)
Sunday Down South (1970 mit Jerry Lee Lewis)
The Rough Cut King Of Country Music (1970)
Country Comeback (1970 mit Jerry Lee Lewis)
Man In Black (1971)
Sings Hank Williams (1971 mit Jerry Lee Lewis)
A Thing Called Love (1972)
America – A 200 Year Salute In Story And Song (1972)
Der Sheriff/I Walk The Line (1972 Soundtrack)
Christmas With The Johnny Cash Family (1972)
Any Old Wind That Blows (1973)
The Gospel Road (1973)
Johnny Cash And His Woman (1973)
Five Feet High And Rising (1974)
Ragged Old Flag (1974)
The Junkie And The Juicehead Minus Me (1974)
Welcome To Europe (1975)
John R. Cash (1975)
Johnny Cash’s Children Album (1975)
Sings Precious Memories (1975)
Look At The Beans (1975)
Strawberry Cake (1976)
Riding The Rails (1976)
One Piece At A Time (1976)
The Last Gunfighter Ballad (1977)
The Rambler (1977)
I Would Like To See You Again (1978)
Gone Girl (1978)
The Unissued (1978)
Johnny & June (1978)
Silver (1979)
A Believer Sings The Truth (1979)
Tall Man (1979)
Rockabilly Blues (1980)
A Free Man (1981)
The Baron (1981)
Old Golden Throat (1981)
More Of Golden Throat (1981)
The Survivors (1982 mit Jerry Lee Lewis & Carl Perkins)
The Adventures Of J.C. (1982)
Johnny 99 (1983)
Bitter Tears (1984)
Rainbow (1985)
Heroes (1986 mit Waylon Jennings)
Johnny Cash Is Coming To Town (1987)
Water From The Wells Of Home (1988)
One Million Dollars (1988)
1,000,000 Dollars (1988)
Boom Chicka Boom (1989)
The Mystery Of Life (1991)
American Recordings (1994)
Unchained (1996)
VH-1 Storytellers (1997)
American III:
Solitary Man (2000)
American IV:
The Man Comes Around (2002)
Johnny Cash At Madison Square Garden (2002)
Unearthed (2003)
My Mother’s Hymn Book (2004)
American V:
A Hundred Highways (2006)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Johnny Cash’s Greatest Hits Vol. 1 (1967)
Johnny Cash’s Greatest Hits Vol. 2 (1972)
Johnny Cash’s Greatest Hits Vol. 3 (1980)
Up Through The Years, 1955–1957 (o. J.)
The Man In Black (1990 Box mit fünf CDs, enthält Sun- und Columbia-Aufnahmen, Unveröffentlichtes, Outtakes)
The Man In Black Volume II (1991 5-CD-Box)
Love – God – Murder (2000 3-CD-Box)
Cash:
The Legend (2005)
Johnny Cash And June Carter (2006)
The Sun Outtakes (2007 3-CD-Box)
LPs mit Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson als The Highwaymen:
Highwaymen (1985)
Highwaymen II (1990)
The Road Goes On Forever (1995)


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