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Joan Armatrading

Armatrading, Joan

Biografie

Joan Armatrading (voc, g), am 9. Dezember 1950 in St. Kitts, Westindien, geboren, seit 1958 in Birmingham, England, aufgewachsen, vereinte in ihren Songs und ihrer Performer-Persönlichkeit eine Reihe von Widersprüchen. Sie sang von verletzten Gefühlen, zerbrochenen Beziehungen, Einsamkeit, Leere, Spannungen zwischen Menschen, die nicht zueinander finden können – doch ohne Selbstmitleid, ohne morbide Lust an der Depression, bisweilen in klinisch neutraler Anteilnahme. Ihre kehlige Stimme ließ Willensstärke und Selbstbewusstsein hören, und dennoch zerflossen ihre Songs beinahe spielerisch in extravaganter, impulsiver Rhythmik. Die scheue Sängerin hatte "die Nachdenklichkeit einer stolzen, unabhängigen Frau und zugleich die Verletzlichkeit und hoffnungslos romantische Attitüde eines jungen Mädchens" ("Rolling Stone"). Obwohl sie als schwarze Frau aus der Karibik mit weißen britischen Szenemusikern ein Konglomerat aus Rock, Reggae, Rhythm & Blues darbot, fehlten in ihrem Œuvre nahezu alle feministischen oder ethnischen Obertöne. Was sie jedoch "mit ihrer Gitarre anstellt, das hat man in solcher Konzentration von Musikalität, Emotionalität und Originalität seit den Konzerten von Janis Joplin kaum mehr erlebt" ("FAZ").

Joan Armatrading schöpfte, nach eigenem Bekunden, ihre Pop-Poesie nicht aus dem privaten Erleben, sondern aus Alltagsbeobachtungen, in die sie sich dann lyrisch hineinversetzte. Dabei überraschte sie immer wieder durch die Präzision, mit der sie Situationen und Stimmungen auf den Punkt brachte, wie in ihrer klassischen Ballade Love And Affection (1979): "Like a crying child, I need comfort now/Don’t pick me up when the tears are dry on my face/Need someone to help me/But not you, you’re not ready/Seems you have trouble helping yourself." Betreut von renommierten Rock-Producern ersang sich Joan seit 1974 ein stilistisch zeitgemäßes Repertoire, das vor allem in Europa auf großes Interesse stieß. Spätere Produktionen weckten jedoch Argwohn an der künstlerischen Wirksamkeit und Beständigkeit der talentierten Außenseiterin. "Wie ein singender Kunstkalender" kam sie einer Kritikerin des "New Musical Express" 1986 vor, "ein entzückender Gebrauchsartikel zur Zerstreuung, der Leid und Armut pittoresk erscheinen lässt." Eine andere Autorin notierte im gleichen Blatt enttäuscht: "Sie hat sich in eine Sackgasse formelhafter Popmusik verrannt, nach dem wiederholten Schema: Ich liebe dich/aber ich bin stark/also zisch ab."

Mit ihrer tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Stachligkeit stand die Sängerin sich selbst im Wege, wenn auch das Bild der Kühle, das sie umgab, nicht von ihr selbst, sondern von der Presse herrühren mochte. Unter Kollegen war sie hoch angesehen: Schon früher hatten Musiker wie der Bassist Pino Palladino (Paul Young), Joe Jackson, Andy Summers (Police), Sly & Robbie, Andy Partridge (XTC), Thomas Dolby an ihren Platten mitgewirkt, die von Studiogrößen wie Glyn Johns, Richard Gottehrer, Steve Lillywhite produziert worden waren. Für die Cover ihrer LPs achtete sie auf jedes Detail und ließ sich von Robert Mapplethorpe oder Lord Snowdon ablichten. Für das 1988 erschienene Album The Shouting Stage gewann sie Mark Knopfler (Dire Straits) und den Schlagzeuger Mark Brzezicki (Big Country) – ohne kommerziellen Erfolg. Dafür erwuchs ihr Konkurrenz: Tracy Chapman debütierte neben ihr anlässlich eines Konzertes im Wembley-Stadion zu Nelson Mandelas siebzigstem Geburtstag. Die Ähnlichkeit des Chapman-Stimmklangs zu dem von Armatrading war offensichtlich, die Frische ihres Vortrags und das Engagement ihrer Songs aber einem größeren Publikum zugänglicher als Armatradings wohlüberlegte Kompositionen. Armatrading ließ sich nicht in eine Idealkonkurrenz zu Chapman zwingen. Hearts And Flowers (1990), von ihr selbst produziert, liebäugelte nicht mit dem Folk Chapmans, sondern war eine genuine Armatrading-LP. Mit Mick Karn hatte sie wiederum (nach Pino Palladino) einen Fretless-Bassisten hinzugezogen.

Nach zwanzigjähriger Zusammenarbeit mit A & M nahm sie 1995 mit What’s Inside? erstmals ein Album für RCA auf. Antwort auf die Titelfrage: namhafte Studiomusiker aus dem Umfeld der Rolling Stones und von Tom Pettys Heartbreakers sowie das Kronos Quartet. "Sie baut ihre Glaubwürdigkeit auf handwerkliches Können und die Fähigkeit, Gefühle in Musik zu fassen", bescheinigte der "Record Collector" "einer der beständigsten Singer/Songwriterinnen Großbritanniens der letzten zwanzig Jahre". An den 39 Songs ihrer A & M-Retrospektive Love And Affection (1997) war das leicht zu überprüfen.

Nach einer Studiopause von mehr als sieben Jahren krönte sie ihr Lebenswerk bis dato mit dem Album Lovers Speak (2003), selbst produziert und "überreich im Ausprobieren, Auskosten, Ausleben aller Dimensionen, Konsequenzen und Möglichkeiten der Liebe zwischen emotionaler Examination und Exorzismus" (Martin C. Strong). Neben dem Bilder- und Assoziationsreichtum der Songtexte applaudierte die seriöse Kritik vieler Länder vor allem auch der Vielfältigkeit der Klänge und Anklänge weit über das Folk-Idiom hinaus bis in Grenzbereiche von Pop, Country und Jazz. Zweimal wurde Joan Armatrading als Best Female Vocalist für den Brit Award, ebenfalls zweimal für den Grammy nominiert. 1996 erhielt sie für "Outstanding Contemporary Song Collection" den renommierten Ivor Novello Award, und als der britische TV-Sender VH 1 in einer Umfrage die 100 einflussreichsten Frauen der Rockmusik ermittelte, war Joan Armatrading dabei.

Wichtiger als solche Auszeichnungen oder auch die Ehrung als Honorary Fellow der John Moore University of Liverpool war ihr die Teilnahme so vieler berühmter Kollegen, als sie 1998 die Benefizplatte Lullabies With A Difference für Kinder in Not zusammenstellte. Die Schlaflieder wurden u. a. von Tina Turner, Melissa Etheridge, Mark Knopfler, Midge Ure und natürlich ihr selber interpretiert. Und ihr schönstes Erlebnis: Als sie ihr Lied für den Friedenskämpfer und ehemaligen Präsidenten Südafrikas, The Messenger, diesem bei einem privaten London-Besuch am 6. April 2000 zusammen mit dem Kingdom Choir zu Gehör brachte, tanzte Nelson Mandela begeistert während des ganzen Songs.

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Whatever’s For Us (1972)
Back To The Night (1975)
Joan Armatrading (1976)
Show Some Emotion (1977)
To The Limit (1978)
The Wild Geese (1978 Soundtrack)
Stepping Out (1979)
Me Myself I (1980)
Walk Under Ladders (1981)
The Key (1983)
Secret Secrets (1984)
Sleight Of Hand (1986)
The Shouting Stage (1988)
Hearts And Flowers (1990)
Square The Circle (1992)
What’s Inside? (1995)
Lovers Speak (2003)
All The Way From America (2004)
Into The Blues (2007)
This Charming Life (2010)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Track Record (1983)
Love And Affection (1997)
Love And Affection – Classics 1975–1983 (2003)

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