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Tori Amos

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Amos, Tori

Biografie

Tori Amos (voc, p, harpsichord), am 22. August 1963 als Myra Ellen Amos in Newton, North Carolina, geboren. Die Tochter eines Methodistenpredigers und einer Cherokee-Indianerin wurde nach ihrem Debüt im Club Bottom Line im April 1992 von der "New York Times" in höchster Bewunderung "eine hysterische Sängerin" genannt. Dabei komme es darauf an, erklärte die Kritikerin Karen Schoemer, "jede Unze innerer Energie, die geronnenen Gefühle, das schmerzhafte Pochen des Herzens und das Rauschen des Blutes nach außen zu kehren und in zerklüftete Melodien, ungezähmte Stimmausbrüche sowie eine ungezügelte Körpersprache umzusetzen". Dies sei von hohem voyeuristischem Reiz: "Der Zuhörer wird Zeuge des verwirrenden Spektakels im Innenleben der Künstlerin." Und da war ziemlich was los. Wenn die rothaarige Elfe Arpeggios und Cluster im Stile von Keith Jarrett aus den Tasten drosch, wenn sie ihre Stimme wie Laura Nyro oder Kate Bush vom Croonen und Grummeln bis in klirrende Koloraturhöhen trieb, fühlten sich Kritiker an einen Exorzismus ("Daily News") oder an eine Psychoanalyse erinnert ("New York Post"), "und es sind ganz schmutzige Ecken und ganz dunkle Winkel, in die Tori Amos mit dem Licht ihrer therapeutisch-verzweifelten Ehrlichkeit hineinleuchtet" ("Stereoplay").

In ihren Songtexten, die sich eher wie Prosa denn wie Lyrik lasen, aber durch die melodische Qualität der Interpretation zur Poesie strukturiert wurden, schilderte sie inbrünstig ein Fegefeuer voller mythischer Gestalten, Isis und Osiris, Jesus und Magdalena, Vater Luzifer und die geköpfte englische Königin Anne Boleyn, dazu christliche Häresien, Zitate aus der Popkultur, Mord und Totschlag und immer wieder Sex. Ihr frühes Meisterwerk Me And A Gun, zumeist a cappella dargeboten, schilderte autobiographisch, wie sie auf der Heimfahrt nach einem Gig in L.A. mit einer Pistole bedroht und vergewaltigt worden war: "I sang Holy Holy, as he buttoned down his pants." Am Ende des Liedes war der Sexgangster tot. Den Song Boys For Pele, dem Vulkangott des Berges Mouna Kea auf Hawaii gewidmet, kommentierte sie: "Es geht um das Stehlen von Feuer. Du weißt, was Männer brauchen, du kannst es riechen, wenn du in den Raum kommst. Und, o ja, die wissen auch, was ich brauche. Ich habe mich mit ein paar von ihnen eingelassen, und heute weiß ich bei den meisten nicht einmal mehr, warum."

Da Tori Amos schon mit zweieinhalb auf dem Klavierstuhl, den man mit Telefonbüchern erhöhen musste, Anzeichen einer musikalischen Hochbegabung zeigte, wurde das dritte Kind von den ehrgeizigen und streng religiösen Eltern ins Internat des renommierten Peabody-Konservatoriums an der Johns Hopkins University in Baltimore geschickt. Sie sollte und wollte Konzertpianistin werden, absorbierte aber auch jede Art Popmusik von Fats Waller und Gershwin bis zu Jimi Hendrix und den Doors. Beim sturen Üben fragte sie sich zunehmend "Wo bleibt die Seele der Musik?" und begann zu improvisieren. Mit elf flog sie aus dem Internat: "Es war ein Trauma, aber meine Kindheit bestand ohnehin nur aus Tabus." Ihr Vater, der Pfarrer, vermittelte sie mit 13 immerhin als Pianistin in eine Schwulenbar in Washington, D.C.: "Ich rang verzweifelt um Anerkennung, entdeckte in mir aber auch die sehr lustgeprägte Madame und litt unter Schuldkomplexen."

Der Song Baltimore, den sie 1980 zusammen mit ihrem Bruder Michael komponierte und unter dem Label MEA auf eine Single pressen ließ, blieb unbeachtet. Demobänder, die sie während eines Engagements im Hilton-Hotel in Myrtle Beach, South Carolina, bespielte und an Producer verschickte, trugen ihr 1983 immerhin eine Einladung von Narada Michael Walden zu einer folgenlosen Studiosession nach San Francisco ein. Sie blieb in Kalifornien, ließ sich in Los Angeles nieder und nannte sich 1985 Tori. Die Band, mit der sie 1987 für Atlantic mit Steve Farris (g), Matt Sorum (dr, später Guns N’ Roses) das gleichnamige Album aufnahm, hieß Y Kant Tori Read und blieb unbeachtet. Sie arbeitete als Background-Sängerin für Al Stewart, Sandra Bernhard, die Gruppe Mosquitos und andere und steuerte ohne Credits den Song Distant Storm zum Film "China O’Brien" bei. 1991 schob Atlantic (WEA) in L.A. die Vertragskünstlerin Amos an die Partnerfirma EastWest (WEA) nach London ab – in der berechtigten Hoffnung, eine derart exzentrische Singer/Songwriterin werde sich auf einem kleineren und für Avantgardeklänge aufgeschlosseneren Markt wie England leichter durchsetzen lassen.

Das Kalkül ging auf. Nach der von der Kritik enthusiastisch aufgenommenen Start-EP, unter den vier Titeln der Hit Me And A Gun, klickte die von ihrem Freund Eric Rosse und zwei Partnern produzierte LP Little Earthquakes auf Platz 14 in den britischen Charts. Im Jahr 1992 wurden die Songs der internationalen Musikindustrie beim MIDEM-Musikmarkt in der Bar des Hotels Martinez in Cannes von der Künstlerin am Flügel präsentiert. Konzerte in Europa und Amerika sowie der erste von mehreren Gastauftritten in David Lettermans New Yorker TV-"Late Show" hoben sie 1992 über den Status eines Kultstars hinaus. Ende des Jahres wurde sie im Leserpoll der Zeitschrift "Rolling Stone" zum "Best New Female Artist" gekürt und entwickelte Allüren.

Für das Album Under The Pink (1994, UK 1, USA 12) ließ sie sich ein ganzes Jahr Zeit – überwiegend in der Wüste von Taos, New Mexico. Aber den Song Past The Mission produzierte sie in dem Haus in Kalifornien, in dem 1969 die Schauspielerin Sharon Tate von der Bande des Satanisten Charles Manson ermordet worden war. Boys For Pele (1996, UK und USA 2) nahm sie nach ihrer Trennung vom langjährigen Partner Rosse, "um von der eigenen Lasterhaftigkeit in Bezug auf Männer loszukommen", monatelang in einer kleinen Kirche in Dougany an der südirischen Küste auf: "Hier in Irland musst du nur zwei Meter tief graben und stößt auf keltische Mythen, auf Gegenstände, die aus mehr als 2000 Jahren erzählen – von alten Ritualen, vom Verständnis der Erde gegenüber, von der kollektiven Erinnerung der Menschen und ihrer Art der Kommunikation. Ich wollte die Fähigkeit entwickeln, dies alles zu fühlen."

Am 23. Januar 1997 gab die Professional Widow (so ihr zu dieser Zeit aktueller Nr.-1-Hit in England) im New Yorker Madison Square Garden ein Benefizkonzert für die Organisation RAINN zugunsten der Opfer von Vergewaltigungen, sexuellem Missbrauch und anderen Sexualverbrechen. "Ich glaube, die schmerzhafteste Folge von Missbrauch ist der anschließende Selbsthass", erklärte die Künstlerin. "Wir übernehmen den Hass des Täters und richten ihn gegen uns selbst. Wir sind dieser Qual ausgesetzt, aber wir können uns davon befreien, wenn wir nur intensiv genug daran arbeiten." Im Song Juárez vom Album To Venus And Back (1999) berichtete sie wie eine Reporterin von 300 vor noch nicht allzu lan-ger Zeit in der gleichnamigen mexikanischen Grenzstadt vergewaltigten, ermordeten und in der Wüste verscharrten Frauen: "Als wir nach einem Konzert in Texas ganz nahe an der Grenze entlangfuhren, hörte ich die Stimmen der getöteten Frauen in meinem Kopf. Ich konnte sogar die Musik wahrnehmen, die sie hörten, bevor man ihnen die Kehlen durchschnitt."

Mehr noch als auf ihrer CD From The Choirgirl Hotel (1998), mit der sie sich von einer Fehlgeburt erholte und während der Produktion ihren Toningenieur Mark Hawley heiratete, hatte sich die Psychopoetin mit den elf neuen Songs des Doppelalbums To Venus And Back der Außenwelt zugewandt: "Es ist, als wenn die Venus eine Kamera in ihrem Kopf hätte." Zwar gab es da immer noch ein paar böse Träume, aber die frische Luft um das 300 Jahre alte Bauernhaus in Hawleys Heimat Cornwall im Westen der britischen Insel, wo das Album entstand, weckte in Amos Sinn für die Sinnlichkeit der Natur – etwa in der Ballade 1000 Oceans über ein Meer aus Tränen ("if that’s what it takes to sail you home"). Im beinahe vegetativ versunkenen Poem Datura rezitierte sie groovy die lateinischen Namen der Pflanzen, die in ihrem Garten in der Karibik wuchsen.

Dass dazu nun ebenfalls ganz diesseitig Loops, Computer-Sounds ( Andy Gray) und die Bühnenmusiker von ihrer 98er "Plugged"-Welttournee zu hören waren (Steve Caton, g; John Evans, bg; Matt Chamberlain, dr), die auch die zweite CD des Doppelalbums mit Live-Mitschnitten bestritten, fand nicht überall Zustimmung. Birgit Fuß im deutschen "Rolling Stone": "Wenn alles still sein sollte, scheppert ein Schlagzeug; die zartesten Momente werden von Gitarre und Bass zugedröhnt." Dagegen pries Patrick Großmann in "Tip" "gerade in den Loop-orientierten Songs einen deutlich subtilen Weg der Verknüpfung von Elektronik und Natursounds, von Samples, Keyboards und ihrem geliebten Bösendorfer-Flügel". – "Über die Jahre", resümierte die "FAZ", "ist ihre Musik kantiger, härter, mitunter auch erdenschwerer geworden, was sie indes in den besten Momenten sogar noch höher federn lässt."

Mit dem Album Strange Little Girls (2001) hatte Tori Amos, 38 Jahre alt, verheiratet und seit kurzem Mutter, einen künst(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Y Kant Tori Read (1987)
Me And A Gun (1991 4-Track-EP)
Little Earthquakes (1992)
Under The Pink (1994)
Boys For Pele (1996)
From The Choirgirl Hotel (1998)
To Venus and Back (1999)
Strange Little Girls (2001)
Scarlet’s Walk (2002)
The Beekeeper (2005)
A Piano – The Collection (2006, vordem unveröffentlichte Tracks)
American Doll Posse (2007)
Abnormally Attracted To Sin (2009)
Night Of Hunters (2011)

Zusammenstellung:
Tales Of A Librarian (2003)

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