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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Psychedelic Rock
Drogen kriechen in die Instrumente

 

Klang der neuen Weltwahrnehmung: Psychedelic Rock

Die Maxime eines neuen Lebensentwurfs der 1960er Jahre lautet: Erweitere dein Bewusstsein! Bevor Bands wie die Yardbirds, die Beatles oder Byrds dies tun, müssen sie allerdings ihr Bewusstsein erforschen. -Um es zu erkennen. Dieser Prozess wird vom einflussreichen Psychiater Humphrey Osmond "psychedelisch" genannt. Jefferson Airplane, The Doors, Soft Machine oder Can erkennen: Musik kann das Bewusstsein erweitern. Und: Auch das Bewusstsein von Musik kann erweitert werden.

Die Sechziger Jahre gelten generell als Jahrzehnt der Aufbrüche. In den USA etabliert sich eine Bürgerrechtsbewegung, die für die Rechte der Schwarzen kämpft. Die erste Mondlandung gelingt. Und überhaupt kämpft in der westlichen Welt ein Großteil der Jugend um mehr Rechte für die Einzelnen, auch um mehr Demokratie. Die Aufbrüche der Einzelnen gehen dabei gleichzeitig auch ins Innere: das Unbewusste wird verstärkt thematisiert, der Begriff des "Sich-Auslebens" etabliert sich vor allem unter Studierenden.

Nicht ohne Grund nennt Jimi Hendrix seine Band The Jimi Hendrix Experience: Man macht Experimente, um sich selbst zu erfahren. Denn davon kann ja auch wiederum die Gesellschaft profitieren. Zwei wichtige Bestandteile dieses neuen Lebensentwurfes sind Musik und Drogen. Sie nehmen gegenseitig Einfluss aufeinander. Ganz offensichtlich tun sie dies im Psychedelic Rock.

Das Wort "psychedelisch" ist eine Erfindung dieser Jahre. Humphrey Osmond benutzt den Begriff in einer Abhandlung aus dem Jahr 1966. Gut zwanzig Jahre nach der Entdeckung von LSD benutzt der britische Psychiater den Begriff für die Wirkung dieser Droge: Er geht in seinem Text davon aus, dass LSD das Bewusstsein (griechisch „Psyche") offenkundig sichtbar (griechisch „delos") macht. Der Text erscheint in einem Sammelband mit dem Namen "LSD - Die bewusstseinserweiternde Droge". In diesen Jahren gehen im gesamten englischsprachigen Raum, leicht zeitversetzt dann auch in Mitteleuropa, auch eine ganze Menge Musiker zu diesem Prinzip über: Mit Drogen und Musik das Bewusstsein erweitern.

Mit ihnen Beatles und die Rolling Stones: Sie sind bereits Weltstars, lassen sich aber von psychedelischen Alben wie Roger The Engineer der Londoner Yardbirds oder Surrealistic Pillow von Jefferson Airplane aus San Francisco begeistern. Yardbirds fügen ihrem Blues-Rock'n'Roll seit dem Zugang von Gitarrist Jeff Beck Passagen sanften Dröhnens hinzu, die sie von der indischen Sitar-Musik gelernt haben. Das Instrument, das gemeinsam mit der Tabla sofort mit Indien assoziiert wird, fügen die Rolling Stones auch dezent in ihren 1966er Hit Paint It Black ein.

Das Motiv eines der bekanntesten psychedelischen Single-Hits nehmen die Fab Four mit Hingabe auf: das der Verwandlung, des Hineinversetzens in andere Existenzformen. White Rabbit heißt der Hit von Jefferson Airplane aus dem Jahr 1967. Und wie singen die Beatles auf Magical Mystery Tour noch im gleichen Jahr? I Am The Walrus.

Doch psychedelische Musik hat viele Gestalten - es geht ja gerade um das Vermeiden von festen Formen und Konventionen. Soft Machine aus dem englischen Canterbury improvisieren, spielen Jazz und Rock, und alles gern auf einmal. Schließlich sind es ja auch Jazzer in den USA, die als Freunde des Schriftstellers und LSD-Propagierers Allen Ginsberg schon früh mit der Droge in Berührung kommen: John Coltrane und Thelonius Monk etwa.

Das Innere Selbst

Doch geht Ginsbergs Einfluss eben noch viel weiter. An der US-Westküste entsteht das Zentrum eines idealistischen Lebensentwurfes, dessen Protagonisten "Hippies" getauft werden. Zu deren Vordenkern gehören Timothy Leary, Aldous Huxley und Ginsberg. Und auch von einem "Westcoast Sound" wird etwa ab Mitte der Sechziger Jahre gesprochen. The Grateful Dead mit ihren nie enden wollenden Sessions gehören dazu, The Byrds mit ihrem introspektiven Songwriting-auf-Gras und natürlich The Doors mit Jim "Brech durch zur anderen Seite" Morrison am Mikro. Auch Morrisons Beschäftigung mit dem Schamanismus ist als Versuch jener Zeit zu verstehen, das innere Selbst kennen zu lernen. Heute hat sich dieser Versuch in abgemilderter Form gesellschaftlich etabliert und wird im Boom fernöstlicher Heilslehren sichtbar.

Die erste Popmusik der Bundesrepublik, die internationale Beachtung findet, bricht wenige Jahre später ebenso mithilfe von Drogen und erweitertem Bewusstsein ein paar Rock-Konventionen auf. Im Ausland wird sie bedacht mit Krautrock: Can, Neu! und Faust „befreien", wie es unser Autor des Krautrock-Artikels formuliert, „die Rockmusik von ihrem hüftbetonten Klischee". Auch das ein Schlüsselwort der psychedelischen Musik-Befreiung.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Beau Brummels, Kaleidoscope, Love, Chocolate Watchband, Traffic, Donovan, Cluster, Amon Düül II

Schlüsselalben dieses Genres sind:

The 13th Floor Elevators: The Psychedelic Sound Of? [1966]
The Yardbirds: Roger The Engineer [1966]
Jefferson Airplane: Surrealistic Pillow [1967]
The Velvet Underground: White Light, White Heat [1967]
The Jimi Hendrix Experience: Are You Experienced? [1967]
The Beatles: Magical Mystery Tour [1967]
Pink Floyd: Piper At The Gates Of Dawn [1967]
The Soft Machine: Vol. 1 [1968]
Can: Tago Mago [1971]

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