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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Künstler Biografien

Die musicline.de-Künstler Biografien: Rund 1200 Musiker-Biografien des neuen Rock- und Pop-Lexikons von Rowohlt.

Smooth Jazz
Jazz am Kamin

 

Die Erfolgsstory des Smooth Jazz

Smoothe Songs gibt es im Jazz schon immer, schließlich ist die ganze Musik nicht denkbar ohne Gospel, ohne Blues. Doch seit Chet Baker, dem Trompeten-Spiel von Miles Davis und dem Soul Jazz wird das Bedürfnis nach einer kuschelweichen Spielart zunehmend bedient. In der Gegenwart beherrschen Til Brönner, Norah Jones oder Silje Nergaard die spezialisierten Radio-Stationen. Mit Pop-Songs, die nur entfernt an Jazz erinnern.

Schon in den frühen Formen des Jazz, schon in Ragtime, Stride und Dixieland gibt es wilde Hüpf-Stücke und shuffelnde Midtempi. Und es gibt: den Smoothen Jazz. Etwas salopp könnte man sagen, dass sich Smooth gegenüber dem Jazz so verhält wie die Ballade zum Pop. "Mild" bedeutet schließlich das inzwischen auch im Deutschen gebrauchte "smooth", wobei die damit verbundenen Assoziationen im Wortfeld von "lieblich" bis "reibungslos" reichen.

Da das Wort im US-amerikanischen Englisch durch das gesamte 20. Jahrhundert frei flottiert, wird es auch auf Stücke des Ragtime, des Stride und des Swing angewandt, also frühen Spielarten des Jazz. Nach den ersten Jahrzehnten Jazz-Geschichte ist es mit Chet Baker ein 1929 in Yale, Oklahoma geborener Sänger und Trompeter, der zum wohl ersten Synonym für Smoothness wird. Obwohl Baker wegen seiner jahrzehntelangen Heroinabhängigkeit immer wieder zu Gefängnisstrafen verurteilt wird, gelingt es seinen wechselnden Plattenfirmen, ihn als Marke zu etablieren. Die Art und Weise, wie diese Star-Inszenierung vonstatten geht, ist exemplarisch für viele nachfolgende Größen des Smooth Jazz.

Unstrittig ist: Baker besitzt eine außergewöhnliche Begabung nicht nur auf seinen Instrumenten, zu denen neben Gesang und Trompete auch das Flügelhorn gehört. Er spielt in ausgezeichneten Bebop- und Hardbop-Formationen. Dennoch: Sein schönes Gesicht, kombiniert mit seiner Fähigkeit, die eigenen Stimmbänder oder die Trompete nur durch einen Hauch Luft zum Vibrieren zu bringen, machen ihn zu einem Star weit über die Grenzen des Jazz hinaus.

Die Smoothness wird smoother und smoother

In den 1960er Jahren wird er weltweit zu einem Phänomen. Ebenso kommen weitere Spielarten des Jazz auf. Soul Jazz mit seinen beseelten Schwingungen und etwas später die Fusion aus Jazz und Rock hinterlassen beide einen bleibenden Eindruck auf die smoothe Seite. Bevor George Benson etwa, geboren 1943 in Pittsburgh, Pennsylvania im Jahr 1976 auf dem Album Breezin' seine Stimme erhebt, ist er bereits als einer der besten Gitarristen des Jazz bekannt. Vor allem mit seinem ungeheuren Swing hebt er sich so aus den Soul Jazz-Formationen hervor, in denen er seit dem Alter von 18 Jahren spielt.

Erst später entdeckt die Firma Warner Bros. sein Talent als Sänger wieder, dass er bereits vor diesen Jahren in einer Rock-Formation bewiesen hat. Mit Breezin' schließlich durchmischt Benson den Jazz mit R'n'B, was ihm sogar einen Top Ten-Hit in den US-amerikanischen Pop-Charts einbringt.

Über die Jahre entwickelt sich aus all diesen Vorgeschichten schließlich jener "Smooth Jazz" von heute, dessen Adjektiv tatsächlich mit großem Buchstaben geschrieben werden darf. Seit Swing, so schätzen die Experten, hat keine Ausgestaltung des Jazz mehr einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht. Wobei die es gerade die Überschreitung der Grenze hin zum Pop-Song ist, die Jazz-Aficionados die Augenbrauen zucken lassen. Diese Capuucino-Songs einer Norah Jones, die sollen "Jazz" sein? Die Trompeten-Variationen von Pop-Songs eines Til Brönner etwa auch?

Selbstverständlich klingen die Aufnahmen glattpoliert, und auch eine Sängerin wie Silje Nergaard klingt auf ihrem Album A Thousand True Stories im Jahr 2009 mehr nach den Carpenters als nach einem Ornette Coleman. Doch werden von vielen dieser Namen die Songstrukturen gerade in Live-Konzerten zu gunsten von Soli und Jam Sessions aufgebrochen. Es ist eben ein Genre an der Grenze.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Diana Krall, Ben Sidran, David Sanborn, Najee, Kenny G, Jamie Cullum, Fredrika Stahl, Melody Gardot

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Chet Baker sings: It Could Happen To You [1956]
George Benson: Breezin' [1976]
Candy Dulfer: Saxuality [1990]
Dianne Reeves: I Remember [1991]
Cassandra Wilson: Blue Light 'Til Dawn[1993]
Norah Jones: Come Away With Me [2003]
Til Brönner: That Summer [2004]
Silje Nergaard: A Thousand True Stories [2009]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Tanzen beim Gottesdienst (Soul Jazz), Steck' den Funk wieder rein (Acid Jazz) oder Über den Folk hinaus (Singer/ Songwriter).