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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

New Orleans Jazz
"Jass" sagte man erst

 

Improvisieren in der Hafenstadt: New Orleans Jazz

Mit dem Ragtime, den Marching Bands und verschiedenen europäischen Tänzen verfügt New Orleans bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts über die Grundlagen dessen, was später einmal "Jazz" genannt werden soll. In der Hafenstadt am Mississsippi-Delta beginnen Buddy Bolden, der junge Kornettist Louis Armstrong in Kid Ory's Ragtime Orchestra oder King Oliver's Creole Jazz Band mit dem "Jass": Sie improvisieren im Ensemble.

Ausgerechnet New Orleans. Die geografische Lage inmitten einer spezifischen sozialgeschichtlichen Situation erwählt die Hafenstadt am Mississippi-Delta zur Hauptrolle in den frühen Jahren des Jazz. "Jass" hieß das am Anfang, in den Zehner Jahren des 20. Jahrhundert meist - doch waren die Schreibweisen kaum standardisiert, und auch die Schreibweise mit den beiden "Z" am Ende fand sich bereits in der Übergangszeit vom Ragtime zum Jazz. In Chicago, jener Industriestadt des Nordens, mit der New Orleans so eng verbunden werden sollte, setzte sich die heutige Schreibweise endgültig durch.

Am Ende des 19. Jahrhunderts verfügt New Orleans über eine Drei-Klassengesellschaft: ganz oben sitzen die Weißen, die sich in der Hafenstadt am Golf von Mexiko mit den aus Europa mitgebrachten Tänzen wie Walzer und Quadrille vergnügen. Kreolen, Nachfahren von meist afroamerikanischen Müttern und weißen Vätern, bilden eine Mittelschicht mit einer eigenen Musik, die auch die Traditionen des nahen Südamerika mithören lässt. Die untere Schicht bilden die ehemaligen Sklaven, Nachfahren der aus Afrika und den Karibischen Inseln Verschleppten. All diese Schichten haben ihre eigenen Vergnügungslokale, doch beim Mardi Gras, dem Karneval der katholischen Großstadt, gehen alle auf die Straße.

Von tragender Bedeutung für den Karneval sind die Marching Bands: Zu Beerdigungen und Festen gleichermaßen spielende Gruppen, die durch die Straßen ziehen. Hier wie in den Vergnügungsvierteln, besonders im "Storyville" genannten Stadtteil, finden auch schwarze Musiker ihre Jobs. Jazz kann keineswegs mit dem Spiel einer Person festgemacht werden. Dennoch sind sich alle darin einig, dass Buddy Bolden zu den ersten gehörte, deren Spielweise bereits in den frühen Jahren des Jahrhunderts mit "Jazz" bezeichnet werden konnte: Mühelos erfand er Figuren; spielte Blue Notes; improvisierte im Zustand der Trance. Und er spielte "onbeat": in einer Zählzeit, in der prinzipiell jeder Schlag gleichberechtigt war. Das führte die afro-amerikanische Musik zur Emanzipation von Betonungen, wie sie in den europäischen Tänzen üblich waren.

Satchmos Weg

Ein paar Jahre blieb "Jass" die verpönte Musik der unterprivilegierten afroamerikanischen Bevölkerung. Dort jedoch verbreitete sie sich rasant; Marching Bands wie King Oliver's Creole Jazz Band waren Stars der Straße. Und ein junger Louis Armstrong ging ins Vergnügungslokal "Funky Butt", um sich die unerhörten Soli des Frauenhelden Buddy Bolden anzuhören. Noch in seiner Geburtsstadt New Orleans sollte der Kornettist zum professionellen Musiker werden, als er 1918 Joe "King" Oliver in der Kid Ory Creole Jazz Band ersetzte.

Doch auch Louis Armstrong, dessen Talent sich schnell herumsprach, folgte bald schon seinem Mentor King Oliver: Nach der Schließung von Storyville gab es in New Orleans auf einen Schlag kaum noch Möglichkeiten, in Lokalen zu spielen. Im Norden dagegen, in der Industriestadt Chicago, zog gut bezahlte Arbeit die Schwarzen aus dem Süden an. Hunderttausende machten sich auf den Weg, und sie wollten unterhalten werden. In Chicago schließlich begann die Karriere Armstrongs so richtig, und auch erst dort wurde nachträglich der Begriff des "New Orleans Jazz" geprägt: Bis Ende der Zwanziger Jahre wurde die entscheidende Musik von Gruppen gespielt, die urprünglich aus New Orleans kamen.

Louis Armstrong gründete die Hot Five und später die Hot Seven und bereicherte den Jazz um das Soloinstrument Trompete; der Pianist Jelly Roll Morton gründete seine Red Hot Peppers, und der Klarinettist Johnny Dodds seine New Orleans Wanderers. Erst mit dem Aufkommen des Swing rückten Chicago und New York als die neuen Hauptstädte des Jazz in den Mittelpunkt.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Bunk Johnson, Olympia Orchestra, Original Dixieland Jazz Band, Eagle Band, Excelsior Brass Band, Tony Jackson, Oscar Celestin, George Lewis

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Sidney Bechet: Jazz At Storyville [2001/ Original: 1953]
Kid Ory Creole Jazz Band: This Kid S The Greatest [1993]
Jimmie Noone: The Apex Of New Orleans Jazz [1997]
Louis Armstrong: Satchmo - A Musical Biography [2001]
King Oliver's Creole Jazz Band: The Complete Set 23-24 [2002]
Johnny Dodds: New Orleans Stomp/ Blue Clarinet [2004]
Jelly Roll Morton: "Jelly Roll" Morton [2004]