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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

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Die musicline.de-Künstler Biografien: Rund 1200 Musiker-Biografien des neuen Rock- und Pop-Lexikons von Rowohlt.

Sound of Cologne
Etwas weniger bitte, DJ

 

Der Sound Of Cologne mag es reduziert

Funktionalistische Strenge plus unterhaltsamen Kick. Das ist die Kunst des Technoproduzierens, wie sie in den Neunzigern von weithin bekannten Kölnern wie Jörg Burger und Mike Ink in die Welt getragen wird. Heute hat sich der Sound in vielfältige Stile verzweigt. Doch es gab sie ja auch früher schon, die Auskenner im freien Fach: Mouse On Mars haben es komplex durcharrangiert flirren, fiepen und blubbern lassen, und auch Air Liquide ließen die Bassdrum nie gerade sein.

Köln blickt auf eine Tradition im produzieren elektronischer Musik zurück. Der Westdeutsche Rundfunk gründet hier 1951 das erste Studio für Elektronische Musik. Mit Karlheinz Stockhausen leitet ein wegweisender Komponist der Nachkriegszeit dieses Studio in den Sechziger Jahren. Gegen Ende des Jahrzehnts nutzen auch Can, die sich zum Teil aus Stockhausen-Eleven rekrutieren, dieses Studio. Sie bringen Soundexperimente, maschinelle Grooves von Schlagzeuger Jaki Liebezeit und Popsong-Strukturen in ihren Krautrock ein. An diese Tradition knüpfen Mouse On Mars an, als sie Mitte der Neunziger Jahre mit ihren nervösen Electro-Spielereien auf sich aufmerksam machen. Flugs finden sie mit Too Pure ein angesagtes englisches Label, das ihre wegweisenden Alben wie Vulvaland veröffentlicht.

Auch Ingmar Koch, bekannt als Dr. Walker, produziert zu dieser Zeit gemeinsam mit Jammin' Unit Tracks voller eruptiver Grooves, Sex und Soul. Als Air Liquide repräsentiert auch dieses Duo weltweit die elektronischen Machenschaften der Domstadt. Als Dr. Walker 1994 nach New York auswandert, hat er bereits die Grundlagen für das gelegt, was dann später als "Sound Of Cologne" bezeichnet wird. Denn schon seit 1991 hat er auf eigenen Labels wie Structure und Blue Acid House in diversen Spielarten veröffentlicht. Mit ihm gemeinsam arbeiten auch die Brüder Voigt an der frühen House-Front der Stadt.

Wolfgang Voigt ist in den frühen Neunzigern der wohl bekannteste House-Name Deutschlands und feiert als Mike Ink einen minimalen Stil über schnurgerader Bassdrum. Diesen Stil variiert er mit seinen ungezählten Pseudonymen. Als Love Inc. sampelt er Hits von Roxy Music in seine minimalen Tracks, näher am Rauschen ist er als Gas. Zudem lanciert er mit Studio 1 und Profan zwei House-Labels mit Spaß am Spiel. Über Profan etwa redet er gerne als Zuhause des "Dadafunk". Reinhard Voigt steht seinem Bruder in punkto Pseudonym-Abfeierei kaum nach.

Als Sweet Reinhard und Wassermann veröffentlicht er Vertracktes für die Clubs, als Sturm dunkle Ambient-Wirbel.

Perfekt wird der Kölner Gründerzeit-Mythos mit Rob Acid und Jörg Burger. Rob ist schon ganz früh mit von der Partie und bringt 1992 seinen Acid-Track "Happy Answer" in die englischen Charts. Jörg Burger ist als Burger Industries bereits 1989 auf "Teutonic Beats" zu hören, einer Compilation, die vom früheren Palais Schaumburg-Trompeter Thomas Fehlmann zusammen gestellt wurde. Seit diesem Zeitpunkt arbeitet er daran, kühlen Techno mit Popsounds zu verschmelzen, was ihm später vor allem als The Modernist in unerhörter Weise gelingt.

Gemeinsam mit den Voigt-Brüdern und Jürgen Paape eröffnet Burger 1993 den Plattenladen Kompakt, eine Filiale des Frankfurter Delirium-Ladens. Dieser DJ- und Produzenten-Treffpunkt trägt zur Verbreitung des reduzierten Techno bei, wie ihn die Betreiber selbst produzieren. Die Musikindustrie wird aufmerksam: EMI reaktiviert das Harvest-Label, auf dem Rock-Größen der Siebziger Jahre wie Pink Floyd und Neil Young veröffentlicht haben. Für eine Weile erscheinen so Alben von Burger als Bionaut oder Reinhard Voigt als Kron auf diesem Label. Auch außerhalb der Clubs wird der Kölner Techno-Sound so prominent, als das Label 1996 ein Festival für elektronische Musik unter dem Namen Battery Park organisiert.

Als gegen Ende des Jahrzehnts das Interesse der EMI wegen zu niedriger Verkaufszahlen wieder nachlässt, hat sich der Kölner Kern mitsamt nachwachsender Produzenten auch schon wieder neu organisiert. Denn Paape und die Voigts veröffentlichen nun auf dem Kompakt-Label, das 1997 aus dem Plattenladen hervorgegangen ist. Neue Namen wie das Whirlpool Productions-Mitglied Justus Köhncke bringen hier ihren Schlagertechno heraus, Dettinger oder Markus Güntner produzieren Ambientöses mit und ohne Housebeat. Im Zuge der generellen Diversifizierung elektronisch hergestellter Popmusik haben sich in Köln auch längst neue Labels mit neuen Ministars etabliert. So kommt Decomposed Subsonic auf dem Ware-Label dem Poptechno-Ideal eines Jörg Burger verdammt nahe. Und 2002 erscheint auf Karaoke Kalk die Wechsel Garland-LP Liberation Von History, eine Blaue Mauritius unter den Alben elektronischen Hörens. Da geht also noch was, und es geht weiter im Sound von Köln. (cb)

Weitere Meister dieser Strömung sind

Forever Sweet, Christian Morgenstern, Closer Music, Donna Regina, Hausmeister, Thomas Brinkmann, Michael Mayer, Trinkwasser, Autobianchi

Diese Alben besitzen Schlüsselqualitäten

Mouse On Mars: Vulvaland [1994]
Mike Ink: R.E.S.P.E.C.T. [1994]
Whirlpool Productions: Dense Music [1996]
The Modernist: Opportunity Knox [1997]
Gas: Zauberberg [1998]
Decomposed Subsonic: Blaue Löwen [2001]
Air Liquide: Best Of Air Liquide 1991 - 2001 [2002]
Wechsel Garland: Liberation Von History [2002]
Justus Köhncke: Was Ist Musik [2002]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Zentrum der Welt im Summer Of Love (Acid), Innenarchitektur aus Klang (Ambient) oder Can You Feel It? (House).