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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Delta Blues
Robert Johnsons Pakt mit dem Teufel

 

Erzählt aber auch weltliche Geschichten: Der Delta Blues

Anfang des 20. Jahrhunderts wird für die schwarzen Wandermusiker im Mississippi-Delta der Griff zur Gitarre mehr und mehr zum Standard. Zu diesem Instrument singen sie ihre Lieder über den Arbeitsalltag auf den Plantagen, über Gott und seinen dunklen Kontrahenten und natürlich über die Liebe. In den frühen 20er Jahren nehmen Sänger wie Charlie Patton ihre Delta Blues-Songs erstmals auf Schallplatte auf. Die mythenumrankte Figur dieser Musik, Robert Johnson, lässt sich erst 1936 auf Studioaufnahmen ein.

Mit dem Ende des Sezessionkrieges wird 1865 die Sklaverei in den USA offiziell abgeschafft. Das ändert wenig an den Verhältnissen, in denen Afroamerikaner besonders im Süden der USA bis weit ins 20. Jahrhundert leben. In der Region des Mississippi Delta zum Beispiel leben fast alle Schwarzen noch lange Zeit unter dürftigen Bedingungen auf den Plantagen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich aus den Arbeitsliedern, die während der Rackerei auf den Baumwollfeldern gesungen werden, allmählich eine neue Musik. Wandermusiker ziehen als Solo-Künstler von Plantage zu Plantage. Ihre Lieder singen sie zur Gitarre, die nach und nach das Banjo als meistgeliebtes Saiteninstrument ersetzt.

Die Tradition des "Field Hollers", eine dem Jodeln ähnliche Technik, mittels der die Baumwollpflücker und Pflückerinnen über die weiten Felder kommunizieren, ist in den Songs der nun "Blues" genannten Musik deutlich zu hören. Die Stimmen erschüttern Mark und Bein, wenn sie vom harten Alltag in den Plantagen, aber auch von Festen und der Liebe singen. Dabei begleiten sich die Sänger mit melodisch einfachen, aber rhythmisch teilweise hochkomplexen Figuren auf der Gitarre. In den frühen 20er Jahren nehmen Blueser wie etwa Charlie Patton erste Songs auf Schallplatte auf. Im Laufe des Jahrzehnts folgen dann Tommy Johnson und Howlin' Wolf, die dank der Schallplatten zu frühen Blues-Stars avancieren. Viele der begabtesten Wandermusiker gehen allerdings nicht einmal ins Studio. Der Prominenteste unter ihnen ist Ike Zinneman. Nicht nur kolpotiert man gerne die Geschichte, wonach Zinneman regelmäßig auf irgendeinem Friedhof des Deltas seine Songs übte, und zwar auf einem Grabstein sitzend. Zinneman spielt auch eine Rolle im Leben jener Person, die als Summe ihrer Mythen als Hauptfigur des Delta Blues gilt.

Robert Johnson wird am 8. Mai 1911 in Hazelhurst, Mississippi geboren. Schon als kleiner Junge nervt er die Blues-Sänger in seiner Gegend, denn in deren Pausen spielt er mehr schlecht als recht Mundharmonika. Seine Freunde lachen bloß über ihn, wenn er als Jugendlicher davon erzählt, irgendwann als professioneller Bluesmusiker leben zu wollen. Zu dürftig klingt sein Gitarrenspiel, auch seinen Songs fehlt das Besondere. Irgendwann in den 20er Jahren verschwindet er für ein Jahr von Zuhause. Selbst dem bekannten Blues-Sänger Son House bleibt der Mund offen stehen, als er Johnson nach der Heimkehr wieder spielen hört. Einen solchen Überschuss an Leidenschaft, Schnelligkeit an der Gitarre und verdammt mitreißender Komposition hat man bis dahin nicht gehört.

Was in der Zwischenzeit passiert sein muss, das besingt Johnson in einem Song namens Crossroads. In Robert Johnsons Zeit nimmt man die Geschichte des Songs für bare Münze, entspricht sie doch einem weit verbreiteten Motiv afroamerikanischen Volksglaubens: Irgendwann erhält der Sänger die Aufforderung, sich mit seiner Gitarre um Mitternacht an einer bestimmten Kreuzung ein zu finden. Dort erwartet ihn eine große dunkle Gestalt, der Teufel. Sie nimmt Johnsons Gitarre, stimmt die Saiten, händigt das Instrument zurück. Für die übermenschlichen musikalischen Fähigkeiten verlangt die Gestalt nicht mehr und nicht weniger als die Seele des jungen Mannes.

Da Johnsons Songs vor Höllenhunden und Dämonen nur so qualmen, ist davon auszugehen, dass der Sänger diese Geschichte selbst geglaubt hat. Weltlicher aber klingt die Erklärung, wonach Johnson ein Jahr lang bei Ike Zinneman in die Lehre gegangen ist. Doch auch Zinneman ist schlau genug, den Mythos um seinen Schützling nicht durch Banalitäten zu zerstören. Die Todesursache des King Of The Delta Blues Singers macht die Legende komplett. Er stirbt im August 1938 an den Folgen eines Giftes, das ihm ein eifersüchtiger Ehemann in den Whiskey geträufelt hat.

Weitere große Namen des Delta Blues wie Muddy Waters, John Lee Hooker und Howlin' Wolf verlassen in den 40er Jahren den Süden und gehen nach Chicago, wo die akustische Gitarre bald schon von der Elektrischen ersetzt wird. Doch das ist eine eigene Geschichte. Bis in die Gegenwart wird im Süden der USA nämlich immer noch dieser einfache, erschütternde Akustik-Blues gesungen. Selbst vom Rock'n'Roll wird er nicht einfach abgelöst. Vielmehr berufen sich z. B. Canned Heat und die Rolling Stones immer wieder ganz offensiv auf den Delta Blues als wichtigsten musikalischen Einfluss.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Honeyboy Edwards, Ishman Bracey, Sonny Boy Williamson , Mississippi Fred McDowell, Big Joe Williams, Willie Brown

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Bukka White: Legacy Of Blues [1969]
Howlin' Wolf: The Genuine Article [1997]
Skip James: Devil Got My Woman [1997]
Honeyboy Edwards: Delta Bluesman [2000]
John Lee Hooker: The Complete 1964 Recordings [2001]
Muddy Waters: The Real Folk Blues/ More Real Folk Blues [2002]
Robert Johnson: Devil On My Train/ The Complete Songbook [2002]
Verschiedene: Rough Guide To Delta Blues [2002]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen Wir brauchen Verstärkung (Chicago Blues), Die Entdeckung des Teenagers (Rock'n'Roll) oder Lernen von den Alten (Blues Rock).