ZZ Top
Biografie
ZZ Top , 1970 in Houston, Texas, gegründet, veredelten ihren aufgekratzten Hühnerstall-Boogie zum Weltraum-Blues der achtziger Jahre, ohne die Besetzung zu ändern oder stilistisch extravagante Experimente zu riskieren. Mit einer hochtourigen Mischung aus traditionellem Delta Blues, Country-Musik und fetzigem Hard Rock brachen sie auf ausgedehnten Tourneereisen sämtliche Zuhörer- und Kassenrekorde und verkauften allein in den achtziger Jahren mehr als 25 Millionen Platten.
Billy Gibbons (g, voc), geboren am 16. Dezember 1949 in Houston, hatte zunächst in der Psychedelic Band The Moving Sidewalks gespielt, die 1967 mit 99th Floor einen regionalen Hit erzielte und im darauffolgenden Jahr Jimi Hendrix auf seiner US-Tournee begleiten durfte. Im Gegensatz zu dem Schöngeist Gibbons, der aus einer Familie klassischer Musiker stammte, waren Dusty Hill (bg, voc), geb. am 19. Mai 1949 in Dallas, Frank Beard (dr), geb. am 11. Juni 1949 in Frankston, Texas, bodenständige Rocker in der Band American Blues. Als der Garagengruppe Moving Sidewalks die Power ausging, brachte Gibbons’ Manager Bill Ham seinen Schützling mit Hill und Beard zusammen. Gibbons’ und Hills Sonnenbrillen, besungen im Lied Cheap Sunglasses (1979), und ihre bis unter die Brustwarzen wuchernden Vollbärte wurden zusammen mit Beards Schnurrbart über die Jahre zum Markenzeichen von ZZ Top. 1984 bot ihnen die Rasierklingenfirma Gillette eine Million Dollar, wenn sie die Bärte für ein TV-Jingle vor der Kamera abrasieren würden. Sie lehnten ab.
Das Trio orientierte sich auf seinen ersten Alben mehr am progressiven Rock und Power-Blues britischer Ensembles wie Free, Jethro Tull, Cream, Jimi Hendrix Experience. Allmählich jedoch spielten sich die einfühlsamen Virtuosen in das Country Blues-Territorium von Lightnin’ Hopkins, Robert Johnson, B.B. King vor (dessen Initialen sie angeblich zu ihrem Gruppenkürzel inspirierten). Für das Gitarrensolo im langsamen Blue Jean Blues auf ihrer vierten LP Fandango! (1975; USA 10), so behauptete Peter Felkel im "Musikexpress", "hätte Eric Clapton damals vermutlich seine Großmutter verkauft". Stücke wie Beer Drinkers And Hell Raisers, Nasty Dogs & Funky Kings oder Trash-Titel wie Arrested For Driving While Blind, Cheap Sunglasses, Groovy Little Hippy Pad hatten zwar starkes texanisches Lokalkolorit, "aber im Grund interessiert sich doch jeder für Nutten, Bier und schnelle Autos" (Hill).
Nicht zuletzt wegen der langen Bärte, der fellbespannten Gitarren und strassbesetzten Cowboy-Klamotten waren die Musiker lange Zeit bei Rock-Kritikern aus den großen Städten als ordinäre Provinzkapelle verschrien und galten als sexistisch, imitativ, grobschlächtig – Blues ohne Feeling, Regionalismus ohne "Roots", Charaktermasken ohne Identität, Schrägheit ohne Exzentrik, Witz ohne Humor. Im Überschwang mitreißender Konzerte und im Overdrive hochenergetischer Platten offenbarten sich ZZ Top den Skeptikern schließlich doch als "großartiger Anachronismus", als "Überraschung des Jahres" und "einzige Boogie-Band im Universum, die sich hip nennen darf" ("New Musical Express"). Die Gruppe führte als Markenzeichen in ihren amüsanten, verschlagenen, chauvinistischen Videos zu den Hits Gimme All Your Loving, Legs, Sleeping Bag ein Ford Coupé Eliminator, Baujahr 1933, ein, an dessen Zündschlüssel das charakteristische Doppel-"Z" der Band baumelte.
1985 gelang den Frohsinnsrockern sogar zum ersten Mal in ihrer phänomenalen Karriere mit Rough Boy eine sensible Ballade. ZZ Top waren die perfekten "Post Rock-Entertainer, die die Sprache des Rock ’n’ Roll nutzten, um damit das traditionelle Vokabular des Showbiz zeitgemäß aufzupolieren" ("Village Voice"). Folglich brauchte das Trio auch nichts an seinem Erfolgsrezept zu ändern: Afterburner (1985; USA 4, UK 2) war die listige Wiederholung von Eliminator (1983; USA 9, UK 3) unter anderem Titel und verschaffte der Gruppe für Jahre einen freien Rücken. Erst 1990 musste das ZZ Top-Gebräu mittels moderner Soundtechnik wieder einmal hochgekocht werden. Recycler enthielt wiederum tadellos gespielten Blues und Blues Rock, wenn auch die Synthesizer-Sounds, mit denen die Band kurzzeitig liebäugelte, bisweilen über Gebühr in den Vordergrund traten – aber überraschen konnten Gibbons und Hill nur noch mit ihren ständig wechselnden Gitarrenmodellen. Bei Antenna (1994; USA 14, UK 3) hatte das dann auch "Q" bemerkt: "Zu viele Songs klingen einfach wie zu viele frühere ZZ Top-Songs." Die Londoner "Times" disqualifizierte das Produkt als "ein derbes Album, das kein bisschen funkelt" und ZZ Top als "eine Band, die ihren goldenen Touch verloren hat".
Da musste sich dringend etwas ändern, und die von den Fans in den großen Stadien wie der Berliner Waldbühne oder dem Londoner Wembley-Stadion bei der Recycler-Tournee nicht angenommene Computer-Elektronik schied aus. "Wir sind drauf und dran, den Kneipen-Blues mit exotischen Elementen anzureichern", erklärte Billy Gibbons: "Percussion zum Beispiel spielt mittlerweile eine größere Rolle. In gewisser Weise sind wir einfach trashiger geworden." Doch als das Album Rhythmeen 1996 in die Läden kam, kam die neue Musik – etwas vitaler, frischer und spaßiger zwar – doch wieder auf die alte heraus.
Ins Album XXX (1999; USA 100) hatten sich einige Drum & Bass-, Noise- und sogar Rap-Arabesken verirrt, aber dann ließ Billy Gibbons im Stück 36– 22–36 wieder die Bluesharp aufheulen, und der Boogie ging wieder ab. "Für ein einziges der wuchtigen, peitschenartigen Riffs würden 99 Prozent derer, die sich heute Rocker nennen, Haus, Hof, Harley und Großmutter verkaufen", schwärmte Svevo Bandini im "WOM Journal": "Das knallt, dröhnt, röhrt, dampft, groovt und rollt, dass es eine wahre Freude ist." Zur Hälfte live, zur Hälfte im Studio produziert, bot XXX zwar möglicherweise "das Lauteste und Dreckigste, was ZZ Top je verbrochen haben" (Marcel Anders im "Musikexpress"), aber wiederum ohne Risiko. Gibbons hatte auch dazu wieder einen Spruch: "Ich habe die Kompositionsstrukturen in Hunderten von Rocksongs studiert, um etwas mehr Abwechslung in unsere Musik reinzubringen. Dazu meinte mein alter Freund und Produzent Bill Ham: "Glaubst du wirklich, dass du mit einer Komposition beeindrucken kannst, die anders ist als Vers, Vers, Vers, Gitarrensolo, Vers, Gitarrensolo, Ende?" Und er hat recht, genau das ist und bleibt die Magie unserer Musik." Auf den gelegentlichen Einsatz von Voicings, Samples sowie "sandsturmdichten Distortion Sounds" beim Album Mescalero (2003; USA 57) reagierte Frank Schäfer im "Musikexpress": "Das hat schon was, klingt richtig schön kaputt und brutal und auch nach heute, verleiht dieser reaktionären Southern-Blues-Alte-Leute-Musik also durchaus so etwas wie zeitgemäße Anmutung – als müsste man den Nu Metal-Hosenscheißern tatsächlich noch beweisen, wer den Härteren hat."
In eine Music Hall of Fame aufgenommen wurden die Blues-Spaßvögel mit ihren bewährten Bärten, Mützen und Sonnenbrillen auch – 1998 im Museum of the Gulf Coast im Civic Center von Port Arthur in Texas. Die richtige Rock and Roll Hall of Fame folgte 2004. Von ihrem Album Eliminator wurden zwischen 1983 und 1999 allein in den USA zehn Millionen Exemplare verkauft. Nach der 3-CD-Box The ZZ Top Six Pack (1987) mit den remasterten Inhalten ihrer ersten fünf LPs und der siebten brachten Warner Bros. 2003 das 4-CD-Set Chrome, Smoke & BBQ mit 80 Songs ihrer Labels London (bis 1977) und Warner Brothers (bis 1992) auf den Markt, von denen sich nur 36 mit Six Pack überschnitten. "Vorausgegangen war eine über zweijährige Recherche, die nicht nur sämtliche Original-Analog-Masterbänder zutage förderte, sondern auch manche längst verschollen geglaubte Rarität" (Mike Köhler, "Musikexpress").
Im September 2006 endete der 1993 abgeschlossene Plattenvertrag mit RCA. Zugleich trennte sich das Trio nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ohne Angabe von Gründen von seinem Manager Bill Ham. Eine Europatournee im Sommer 2007 wurde abgesagt. Offizielle Begründung: eine gutartige Geschwulst in Dusty Hills Innenohr, die auf seinen Gehörnerv drückte. Nach der Behandlung wurden die US-Auftritte fortgesetzt. Letzte Meldung: "A new album will be coming out as soon as our tours are done and when we get a record deal."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
First Album (1971)
Rio Grande Mud (1972)
Tres Hombres (1973)
Fandango! (1975)
Tejas (1977)
Degüello (1979)
El Loco (1981)
Eliminator (1983)
Afterburner (1985)
Recycler (1990)
Antenna (1994)
Rhythmeen (1996)
XXX (1999)
Mescalero (2003)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Best Of (1977)
Six Pack (1987 sechs frühe ZZ Top-LPs auf drei CDs)
Greatest Hits (1992)
One Foot In The Blues (1994)
Chrome, Smoke & BBQ (2003 4-CD-Set)
Rancho Texicano (2004)

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