WYATT, ROBERT
Biografie
Robert Wyatt (voc, kb, perc), bürgerlich: Robert Wyatt-Ellidge, als Sohn eines Psychologen und einer Radiojournalistin am 28. Januar 1945 in Bristol, England, geboren, sang "revolutionäre Lullabies" ("Village Voice") gegen amerikanischen Imperialismus, Klassenunrecht, die Thatcher-Regierung, neokolonialistische Subversion und Medien-Terror mit einer unverwechselbar anrührenden Stimme, die "fragil, ironisch und sehr nach Süd-London klang" ("Rolling Stone"), sich dabei aber niemals übernahm, sondern "zu Tönen von ekstatischer Reinheit und Falsetts von ungezwungener Klarheit und Leichtigkeit aufschwang" ("Village Voice"). Im "Musikexpress" charakterisierte ihn Peter Felkel 2003: "Ein radikaler Abenteurer, der sich nicht schert um Charts und Verkaufszahlen. Music for the masses? No way! Songs, die versponnen sind, skurril, die Hörgewohnheiten unterlaufen; Alben, an denen man sich abarbeiten muss, um sie zu begreifen – und um überreich belohnt zu werden, wenn man erst ihre außergewöhnliche Schönheit entdeckt hat."
Wyatt hatte von 1964 bis 1966 der experimentellen Rockgruppe Wild Flowers angehört, von 1966 bis 1971 im Quartett Soft Machine (siehe Bio) getrommelt und danach mit seiner Nachfolgeformation Matching Mole zwei Alben eingespielt. Obgleich er von seiner Familie viel Zuwendung erfuhr, ihn sein Vater schon früh an Klavier, Violine und Trompete unterwies und er auf eigenen Wunsch vom 16. Lebensjahr an Schlagzeugunterricht erhielt, wurde Wyatt von starken Verlustängsten geplagt: "Als Kind träumte ich immer wieder, dass ich im Bus mit meiner Mutter unterwegs bin, sie mich anschaut und nicht mehr erkennt."
Am 1. Juni 1973 sprang oder stürzte er sturzbetrunken bei einer Party der Sängerin Gilli Smyth aus einem Fenster im dritten Stock, brach sich das Rückgrat und blieb fortan querschnittsgelähmt. Während seiner Rekonvaleszenz nahm er das Solo-Debüt Rock Bottom auf, dem 1975 Ruth Is Stranger Than Richard folgte – "ein Album, das jede konventionelle Annäherung an Musik sabotiert" und "eine Realität erkundet, die unerträglich qualvoll in ihrer Reflexion der Hilflosigkeit und doch voll galligen Humors ist" ("Melody Maker"), "eine reiche, großartige Musik, farbig, selbstbewusst, professionell" (Kritiker Karl Lippegaus).
Der sich von Mose Allison wie Ray Charles beeinflusst fühlende Musiker artikulierte sich danach sporadisch auf Singles (später zum Sammelalbum Nothing Can Stop Us zusammengefasst), nachdem ihm 1974 eine Coverversion des Monkees-Klassikers I’m A Believer britischen Hitruhm eingebracht hatte. Der alte Politsong Stalin Wasn’t Stalling, Billie Holidays Lamento Strange Fruit, die Chic-Ballade At Last I’m Free blühten in seiner eigenwilligen Interpretation zu definitiven Pop-Statements auf.
Die eklektizistische Songauswahl erklärte Wyatt mit der Suche nach Stücken, "die von der politischen Rechten nicht missbraucht werden können". Er trat mit seiner Frau Alfreda "Alfie" Benge der britischen Kommunistischen Partei bei und ließ in seinen Liedern zunehmend einen schwärmerisch agitatorischen Weltverbesserungston anklingen. Shipbuilding, 1983 für ihn von Elvis Costello geschrieben, war eine brillante Tirade gegen die Rüstungsbesessenheit während des Falklandkrieges.
Inspiriert von dem marxistischen Autor Noam Chomsky, brachte Wyatt, der seine Musik als "englischen Blues" definierte, 1985 das Album Old Rottenhat heraus, das "in seiner meisterlichen Verwendung von unterkühlter Melodik, Harmonie und Rhythmus einfach frappierend" ("Time Out") war. Wyatts schwankende Gesundheit machte es ihm seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre schwer möglich, Platten aufzunehmen, ganz abgesehen davon, dass seine Musik ohnehin nur einen kleinen Kreis von Zuhörern fand. "Technisch betrachtet", erklärte er, "habe ich von nichts eine Ahnung. Ich bin kein Musiker, eher ein Gelegenheitsarbeiter, der Platten macht."
Kategorien wie Rock und Jazz waren angesichts seiner filigranen, spröden Kompositionen, oft nur mit Klavier und sparsamer Percussion instrumentiert, und seiner vokalem Wohllaut nicht entsprechenden Stimme zu eng. Eher schon stand Wyatt in der Tradition des englischen Songs, wenn auch in einer eigentümlichen Auffassung. Dondestan (1991), "ein faszinierend ökonomisches Gewebe" ("Stereo"), gab einen Eindruck davon. "Kurz, süß und verdreht", nannte "Q" A Short Break (1996), aufgenommen mit einem Vierspur-Kassettengerät. "Es ist", erkannte "Stereo Review", "als höre man einem alten nervenden Exzentriker zu, der aber einen besseren Durchblick als unsereiner hat." Wyatt: "Wenn ich mir die Dinge anschaue, die mir das meiste Vergnügen und die größte Inspiration vermitteln, dann sind es immer die Dinge, die höchst verletzlich erscheinen, die jedermann zu hassen scheint oder um die sich niemand kümmert. Was mich kaum berührt und mich sogar ängstigt, ist alles, was selbstverständlich und selbstgefällig erscheint."
Wyatt, "eine der überragenden Figuren in den Annalen des britischen Pop" ("Q"), holte sich für Shleep (1997) Paul Weller, Phil Manzanera und Brian Eno ins Studio. Für ihn selbst überraschend, inspirierte ihn der "Lärm der Verstärker". Rock-Magazine ("Rolling Stone") wie Intelligenzblätter ("Die Zeit") applaudierten. "Tip" nannte das Album "das paradoxe Manifest eines zeitgemäßen Anachronismus, dem ebenso offenen wie versonnenen Bekenntnis zu einer schier untilgbaren Sehnsucht nach Schlaf. Sollte in der Musik eine Entsprechung zur naiven Malerei möglich sein, so ist Robert Wyatts Album sicher das einzigartige Zeugnis einer solchen Ästhetik."
Sechs Jahre später ließ Wyatt auf dem von Phil Manzanera produzierten Album Cuckooland (2003) "zwischen artifiziellen Keyboard-Sounds, Weltmusikschnipseln und Jazz (im Stück Old Europe) die Pariser Jazzszene Ende der vierziger Jahre wieder aufleben – inklusive Miles Davis und Juliette Greco", so Maik Brüggemeyer im "Musikexpress": "Ganz fabelhaft sind auch die lockere Improvisation Trickle Down, in der sich Teile von Old Europe wiederfinden, und Wyatts rührende Version von Antonio Carlos Jobims Insensatez."
Die meisten der 16 Stücke stammten von Wyatt und seiner Frau Alfreda Benge, aber auch die Jazzkomponistin Karen Mantler, Tochter der Free Jazz-Ikonen Carla Bley (p) und Mike Mantler (tp), trug drei eindringliche Songs bei. Brüggemeyer: "Beklemmende Soundszenarien einer beschädigten Welt". Das war ganz nach der Mütze der isländischen Avantgarde-Fee Björk (siehe Bio), die ihn sogleich um einen Song ( Submarine) für ihr Album Medúlla (2004) bat. Am 25. August 2004 notierte sie in ihr Tagebuch: "Er lebt in Louth, Lincolnshire, und hat sein Equipment im Schlafzimmer, mit dem er sich aufnimmt und seine Platten produziert. Wir brachten einen Macintosh-Computer und Pro Tools-Recording-Software mit und schafften es an einem Nachmittag. Er ist ein ganz außerordentlicher Sänger. Bevor wir wieder aufbrachen, bestand er darauf, uns etwas mitzugeben, das er das Wyattron nannte – eine Skala seiner Stimme, auf der er jeden Ton einzeln ansingt. Ein erstaunliches Spektrum, fünf oder sechs Oktaven, und jede Oktave hat überraschenderweise einen völlig anderen Charakter. Wir haben das später für unser Stück Oceania verwendet."
2006 beteiligte sich Robert Wyatt als Vokalist und mit einem Kornettsolo an David Gilmours CD On An Island sowie neben u. a. Elvis Costello, Sting, Ned Rothenberg, Marc Ribot an der Opernaufnahme Welcome To The Voice, die bei der Deutschen Grammophon herauskam. 2004 erschien eine Zusammenstellung jener Stücke, die er für His Greatest Misses (Titel) hielt, 2005 der vordem unveröffentlichte Konzertmitschnitt aus dem Theatre Royal Drury Lane 8th September 1974 (Titel).
Das im Herbst 2007 edierte Album Comicopera (Wyatt: "Vielleicht habe ich den Titel bloß gewählt, um die Hörer ein wenig zu verunsichern") nannte Michael Pilz in der "Welt" ein "feierliches Werk der Wut. Ein dreigeteiltes Opus, das zunächst, in Lost In Noise, die schiere Schönheit pflegt. Im zweiten Akt, The Here And The Now, stellt Wyatt klar, dass ihn die Gegenwart von Krieg und Propaganda alles andere als glücklich macht. Zuletzt versagt ihm gar die Muttersprache. A Way With The Fairies: Wyatt entsorgt moderne Märchen mit der Poesie García Lorcas und der Che Guevara-Hymne Hasta Siempre, Comandante." Robert Wyatt singe, als säße er bereits auf seiner Wolke, auch die ihn umschwebende Musik mute sphärisch an. Schließlich ging sein Name, wie der britische "Guardian" unter der Überschrift "When Jukeboxes Go Mad" berichtete, als "Wyatting" in die Londoner Szenesprache ein. Es bezeichnet die Technik, im Musikautomaten eines Pubs nur die grässlichsten Stücke zu drücken, wenn man andere Gäste vertreiben oder ärgern will. Der Gebrauch werde, so die Zeitung, einem Londoner Englischlehrer namens Carl Neville, 36, zugeschrieben, der sich dazu bevorzugt Wyatts Dondestan bediente.
Wyatt reagierte: "Finde ich echt komisch und durch die Idee, zu einem Verb zu werden, sehr geehrt." Ob er denn diese(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
The End Of An Ear (1971)
Rock Bottom (1974)
Las Vegas Fandango (1974)
Ruth Is Stranger Than Richard (1975)
The Animals Film (1983 Soundtrack)
Work In Progress (1984)
Old Rottenhat (1985)
Dondestan (1991)
Flotsam Jetsam (1994)
A Short Break (1996)
Shleep (1997)
Solar Flares Burn For You (2003)
Cuckooland (2003)
Theatre Royal Drury Lane 8th September 1974 (2005)
Comicopera (2007)
For The Ghosts Within (2010)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Nothing Can Stop Us (1982)
Compilation (1990)
A Little History Of Robert Wyatt (1995)
His Greatest Misses (2004)
LPs Robert Wyatt mit Matching Mole:
Matching Mole (1972)
Little Red Record (1972)
Weitere LPs The Soft Machine

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