Williams,Robbie
Biografie
Robbie Williams (voc, g), auf die Vornamen Robert Peter Maximilian getauft, war der "bad boy bei Take That: Er vögelte, er soff, er warf Pillen, er kokste, und er fraß" - und das so intensiv, dass der Pop-Journalist Ulrich Hoffmann diesen Satz in einer exzellenten Reportage für den "Musikexpress" unwesentlich variiert viermal wiederholte. Doch als der "Teen-Rabauke, traurige Tanzbär und schließlich einer der heißesten Entertainer der Welt" seine Sturm-und-Drang-Jahre hinter sich hat-te, klopfte er (so derselbe Autor im "WOM Journal") "vehement an die Pforte des Pop-Olymps". Wie Frank Sinatra aus der Boy Group The Hoboken Four hervorging, konstatierte im März 2001 Adam Olschewski in der "Frankfurter Rundschau", so trainierte Williams seine Entertainer-Qualitäten bei Take That (siehe Bio). Weitere Parallelen: "Beide stammen aus unwirtlichen Städten nahe am Wasser, hier: Hoboken, New Jersey, dort: Stoke-on-Trent; beide stammen von gutbürgerlichen Familien gläubiger Katholiken ab; beide hatten Probleme mit Alkohol; beide pickten sich bei der Wahl ihrer Lieder Bekanntes heraus und eigneten es sich schamlos an. Sinatra sang die Klassiker des Broadway nach, Williams sampelt die Beatles, Bond-Melodien, Gloria Gaynor, John Coltrane."
Fast anderthalb Jahrzehnte wurde der "lustigste Egomane des Popgeschäfts" (Kritiker Christoph Dallach) auf allen Etagen des Journalismus überwiegend verrissen. Erst um 2005 ergab sich bei der Presse unterschiedlicher Couleur in der Beurteilung dieses "Typs für höhere Herzfrequenzen" (Julitta Ammerschläger) eine Art Konsens: "Robbie Williams ist ein anständiger Sänger und hat viel Gespür für Melodien, vor allem aber ist er ein überragender Entertainer. Er besitzt Witz, Wahnsinn und Charme. Er ist eher Dean Martin als Bono, mehr Elvis als Paul McCartney - und schafft es, die Zuhörer wirklich zu überzeugen" ("Der Spiegel"). - "So einer ist selten im Showbusiness. Der perfekte Aufreißer im Scheinwerferlicht, fordernd, mit blitzenden, listigen Augen, die sich selbst nicht so ernst nehmen. Dann spielerisch mit einer Stimme, die selbst simple Akkorde erotisch klingen lässt. Robbie Williams - eine kuriose Mischung aus Klassenclown und Weltstar, ein Phänomen" ("Bunte"). - "Er ist kein metrosexuelles Weichei, sondern der Durchschnitts-Prolet aus einer dysfunktionalen englischen Familie, der auf Fußball, Blondinen, Tattoos und Bier steht und davon träumt, sich bald in Ruhe einen Bauch wachsen lassen zu dürfen" ("Berliner Morgenpost"). - "Robbie Williams ist kein domestizierter Prinz. Er ist undurchsichtig, fordert ständig Aufmerksamkeit, lässt sich nicht greifen und ist gerade dadurch so gefährlich wie ein in einem zwielichtigen Club ungesehen gemixter Cocktail, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob nicht jemand bewusstseinsverändernde Tabletten hineingebröselt hat" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").
In der englischen Provinzstadt Stoke-on-Trent, Staffordshire, nahe Manchester, wo Robbie Williams am 13. Februar 1974 geboren worden war, betrieben seine Eltern Theresa und Peter Conway am Rande eines Fußballstadions den Red Lion Pub. Als sie sich trennten, war Robbie drei Jahre alt. Er wuchs mit seiner Schwester Sally bei der Mutter im Pub auf. Der Vater verdiente auch Geld als Komiker und gewann 1974 den "New Faces"-Talentwettbewerb. Von Kind an war Robbies Berufswunsch Schauspieler. Bereits als Schuljunge spielte er Kinderrollen in Musicals wie "Oliver", "Tschitti Tschitti Bäng Bäng", "Fiddler on the Roof" sowie in der TV-Soap "Brookside". Als er sich 1991 mit 16 auf eine Zeitungsanzeige hin als fünftes Mitglied der Boy Group Take That bewarb und genommen wurde, soll er zum Fenster hinausgeschrien haben: "Jetzt werde ich ein Star!"
Aber obgleich der notorische Klassenclown der Group mit seinen Eskapaden die Würze gab, ließ ihn Songschreiber, Pianist und Leadsänger Gary Barlow aus seinem Schatten nicht heraus. Nur in zwei Songs, Everything Changes und Could It Be Magic, durfte er die Leadstimme übernehmen, und nur für einen, Nobody Else, wurde er neben den Kollegen Barlow und Mark Owen wenigstens als Co-Autor zugelassen. Doch Williams, so erinnerte sich die ehemalige Background-Sängerin Alice Stewart-Sanford, "sang und bewegte sich schon damals meilenweit besser als die Aushängeschilder Barlow und Owen, die Pin-ups der Retortenkreation Take That. Ein Eigentor des Managements war Robbies Sternstunde als Solosänger und Tänzer im Barry Manilow-Cover Could It Be Magic. Dazu live in concert das Beatles-Medley. Jeder wusste nach der Video-Veröffentlichung: Robbie ist der bessere Frontmann."
Sein Ausweg aus dem Dauerfrust: Alkohol, Sex, Drogen. Beim Glastonbury Festival im Juni 1995 stieg er total betrunken auf die Oasis-Bühne, torkelte zwischen den Musikern herum, bot Journalisten lallend Interviews an und grinste in jede Kamera. Einen Monat später, im Alter von 21, war sein Gastspiel bei Take That nach vier Jahren beendet, ein halbes Jahr danach brach die Band auseinander. Die Auflösung seines Vertrags mit der Plattenfirma kostete ihn dem Vernehmen nach rund eine Viertelmillion Euro, ein Mehrfaches davon drei Manager, die er kurz hintereinander anheuerte und wieder verstieß.
Seine Besäufnisse, Drogenexzesse, Ausfälle dauerten an. Um seinen Erzfeind Gary Barlow, einen erklärten George Michael-Fan, zu ärgern, coverte er den Michael-Hit Freedom und nannte Barlow einen "hirnlosen Wichser". Dieser revanchierte sich später, indem er die Williams-Single Strong mit dem Titel Stronger quittier-te. Die kleine Platte Freedom '96 wurde nur 270000-mal verkauft. Von Williams' CD-Solodebüt Life Thru A Lens (1997) waren zwei Monate nach Veröffentlichung gerade einmal 33 000 Einheiten abgesetzt. Er hatte das Album im Vollrausch eingespielt: "Ich sang den ersten Vers, nahm einen Schluck Wein, zweiter Vers, langer Zug an der Zigarette, Refrain, mehr Wein, letzter Vers, Zusammenbruch im Studio."
Einziger Ausweg: eine Entziehungskur. Während sich Williams in der "Clouds House"-Suchtklinik der Drogentherapie unterzog und anschließend, da suizidgefährdet, über den Winter 1997/98 in psychiatrischer Betreuung blieb, gaben die Rundfunksender der britischen Insel der aus Life Thru A Lens ausgekoppelten Single Angel Powerplay. 1,2 Millionen Exemplare wurden verkauft. Damit zogen auch die LP-Verkäufe an - von 33 000 auf 300000 innerhalb eines Monats, auf weltweit 1,8 Millionen innerhalb des nächsten Jahres. 28 Wochen nach Veröffentlichung erreichte Life Thru A Lens die Spitze der englischen Charts. Die zweite Single daraus sprang sofort auf Platz drei und lieferte dem Sänger sein musikalisches Leitmotiv: Let Me Entertain You. "Ich liebe Sinatra, Sammy Davis Jr., Nat "King" Cole", renommierte er: "Ich kann nichts anderes als entertainen, also will ich in meinem Fach der Beste sein."
Und wie er zuvor, wiederum mit Sinatras Karriere vergleichbar, ein Idol kreischender Teenager gewesen war, so avancierte er nun zum Liebling der Pop-Kritik. Gesangstechnisch sei Williams nicht gerade erschütternd, so näherte sich David Sinclair im Mai 1998 in der Londoner "Times" dem aufstrebenden Superstar an, sein spröder Ton mit den auf nordenglische Art verwischten Vokalen füge sich "irgendwo zwischen Lennon und Liam" (Gallagher) ein: "Aber als Persönlichkeit ist er etwas ganz Besonderes, ein Interpret autobiographischer Songs wie Teenage Millionaire oder Old Before I Die, arglos aufrichtig und mit unforciertem Schwung."
In der "New York Times" stellte ihn kurze Zeit später Jon Pareles als "letzte Hoffnung des Britpop" und als großen Enzyklopädisten der englischen Rockmusik zwischen 1960 und Ende der Achtziger vor: "Seine Songs sind stolze Echos auf David Bowie, die Stones und besonders die Beatles, deren Lazy Days im Marschrhythmus er in den Singalong-Chorus von Hey Jude einmünden lässt. Er verwendet Material von The Clash und Blur und erweist mit seiner Single Millennium einer anderen britischen Ikone seine Reverenz - James Bond mit dem Soundtrack-Thema You Only Live Twice." Ganz ohne Oasis-, Pulp- oder Divine Comedy-Versatzstücke habe Williams zu einer eigenen Sprache gefunden, rühmte Thomas Weiland das zweite Soloalbum I've Been Expecting You (1998) im Berliner "Tip" und verbeugte sich in tiefer Bewunderung: "Sein Mumm, seine Bestimmtheit beeindrucken. In Britannien jedenfalls laufen sie scharenweise zu diesem Kerl über, und mir fällt jetzt auch nicht mehr viel ein, wie man da noch gegenhalten kann."
Innerhalb der nächsten drei Jahre, bis zum Frühjahr 2001, erzielte Williams in England zwölf Top Ten-Hits, statistisch fast jedes Quartal einen. Im Januar 1999 empfing er den Premier Award als bester Solosänger vom "New Musical Express". Einen Monat später wurde er in derselben Eigenschaft sowie für die beste englische Single (Millennium) und das beste Video (Let Me Entertain You) mit drei Brit Awards dekoriert. Ende des Jahres wurden Williams und sein Komponist und Produzent Guy Chambers als(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Life Thru A Lens (1997)
I've Been Expecting You (1998)
Sing When You're Winning (2000)
Swing When You're Winning (2001)
Escapology (2002)
Live At Knebworth (2003)
Intensive Care (2005)
Rudebox (2006)
Reality Killed The Video Star (2009)
Zusammenstellungen (Auswahl):
The Ego Has Landed (1999 16 Tracks aus den ersten beiden englischen LPs)
Greatest Hits (2004)
Weitere LPs Take That

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