Tony Joe White
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Biografie
Tony Joe White (voc, g, harm), am 23. Juli 1943 in Oak Grove, Louisiana, geboren, lieferte in seinen Folksongs atmosphärisch dichte Genrebilder aus dem amerikanischen Süden. Seine undramatischen Geschichten von den schwarzen Nachbarn Willie And Laura Mae Jones, der Polk Salad Annie aus sozial labilem Elternhaus, dem Tramp-Duo Roosevelt And Ira Lee, von heimlichen Liebesnächten am Fluss ( Save Your Sugar For Me) und autobiographischen Samstagnacht-Abenteuern in der Kleinstadt ( Saturday Nite, Oak Grove, Louisiana) trug er mit Sentimentalität und Satire im Plauderton eines Anekdotenerzählers oder Klatschkolumnisten vor und erhöhte damit das Flair des Authentischen: A Night In The Life Of A Swamp Fox. Mit sinnlicher, raufaseriger Stimme besang er die Melancholie einer "Regennacht in Georgia" (Songtitel), skizzierte das spirituelle Erbe und die soziale Gegenwart des alten Südens in den Porträts vom "Gospelsänger", "Stadtstreicher", "Wanderarbeiter". Gefühlvoll träumte er von "Aspen, Colorado", "Soul Francisco" und schwärmte von "Eiscreme nach Hausmacherart" (Albumtitel). Den schwerfälligen, fettigen Sound seiner Begleitcombo charakterisierte er als "swamp music" (Sumpfmusik) – eine Mischung aus Rhythm & Blues, Country-Klängen, kreolischem Jazz und bodenständigen Song-Slogans: They Caught The Devil And Put Him In Jail In Eudora, Arkansas.
Mit diesen erdigen Provinztönen erregte White 1969 weltweites Aufsehen. Obendrein übernahmen Soul- und Rock-Interpreten wie Brook Benton, Elvis Presley, Tom Jones, Ray Charles, Roy Orbison, Kris Kristofferson, Joe Cocker und viele andere seine Songs mit beträchtlichem Erfolg in ihr Repertoire. Elvis machte Polk Salad Annie zum Hit, das Stück Rainy Night In Georgia wurde mehr als hundertmal gecovert. Die Plattenfirma Monument ließ White als Schlagersänger vom Lande produzieren und verordnete ihm nichtssagende Arrangements, die die kommerzielle Attraktivität seiner Lieder erhöhen sollten, in Wahrheit jedoch die Ausprägung eines individuellen Stils erschwerten.
Nach seinem Wechsel zu Warner Bros. und anderen Plattenlabels konnte sich der Südstaatler zu Soul-Begleitung als moderner Folksänger profilieren. Sein gefällig produzierter Country-Pop erreichte aber bis auf Mamas Don’t Let Your Cowboys Grow Up To Be Babies (1979) nicht mehr das Format und die Umsätze der frühen Hits. White: "Meine Plattenfirma versuchte mich auf Radiotauglichkeit zu trimmen. Dagegen habe ich mich gewehrt."
Sieben Jahre verweigerte er sich den Studios, sang in Bars und Clubs der Südstaaten und zog sich immer wieder auf sein Anwesen in Tennessee zurück, um – teils zusammen mit seiner Frau Leanne White – für andere Künstler zu schreiben und Demos aufzunehmen. 1990 gründete er das Label Swamp Records, um eigene Aufnahmen per Mailorder an den Fan zu bringen. Das Album Closer To The Truth (1991), laut "Musikexpress" "ein Standardwerk des lässig dahinrollenden Soulbluesrock", wurde in Europa auf Remark Records veröffentlicht, in Frankreich mehr als 100000-mal verkauft und trug dem "Swamp Fox" die Einladung zu Tourneen mit Joe Cocker, Eric Clapton und anderen ein.
Eindrücke von diesen Konzertreisen 1991/92 als Supporting Act verarbeitete er neben Tagebuchnotizen von der Closer To The Truth-Produktion ( On The Return To Muscle Shoals) für das Album The Path Of A Decent Groove (1993) – etwa im Song Cataway Alley In Nice, in dem er Tina Turner als "the Princess in her Bel Air suite" beschrieb. Zudem bedankte er sich mit dem Song bei Tina dafür, dass der Star aus Nutbush seinen Swamp Rock-Kreationen Undercover Agent For The Blues, Steamy Windows, Foreign Affair auf ihrer LP Foreign Affair ein Millionenpublikum erschlossen hatte. Und weil er nach einem schweren Gehörsturz 1993 in Amsterdam wohl dachte, nach all den Jahren mal an sich und die Familie denken zu müssen, reservierte er sich autobiographisch das Titelstück: "This one is about myself, my two sons, my wife, and my daughter."
Kurz nachdem ihn die Franzosen einer eigenen TV-Dokumentation ("The Man from Down South", 1998) für wert befunden hatten, nahm er daheim in den Sümpfen Louisianas das Album One Hot July auf. White hatte sich mit der Familie seit langem in Franklin, Tennessee, niedergelassen, einem Flecken etwa 70 Kilometer außerhalb Nashvilles, wo auch Michael McDonald, Steve Winwood, John Kay und andere Rockmusiker wohnten: "Es ist eine Kleinstadt mit vielen alten Häusern, zum Teil noch aus der Bürgerkriegszeit. Mein Haus ist auch so alt. Ich habe mir darin neben einem Büro auch ein Studio eingerichtet. Es gibt einen Supermarkt und ein paar Antiquitätenläden. Ab und zu machen wir ein großes Lagerfeuer und bringen unsere Instrumente mit. Michael spielt sein altes Piano, und wir jammen. Stevie Winwood ist manchmal dabei, die Judds, Billy Ray Cyrus …"
Das mit einer solchen Aura in Franklin aufgenommene akustische Album The Beginning (2001) wurde von der Firma Audium & Koch Entertainment international vermarktet und brachte ihm allenthalben enthusiastische Rezensionen ein. White: "So habe ich einst in Louisiana und Texas in den Clubs gespielt. Ich hatte meine Gitarre, die Mundharmonika und meinen Fuß, um den Rhythmus zu stampfen." Auf Tourneen ließ er sich jetzt nur noch von einem Drummer begleiten.
Um fortan von großen Firmen unabhängig zu sein, machte der Swamp Fox mit seinem Sohn Jodi White das Label Swamp Records zum Eigenvertrieb über Internet (www.tonyjoewhite.net) wieder flott und bot als erstes Album eine Hommage für The Heroines (Titel, 2004) an: seine Frau Leanne, Coautorin von drei Songs, Tochter Michelle, Duettpartnerin in Carmen Nights, sowie Jessi Colter, Ehefrau von Waylon Jennings (siehe Bio), Shelby Lynne und Emmylou Harris. Tina Turner war leider gerade verhindert.
Dennoch geriet The Heroines derart "lasziv, lakonisch, cool, calm, collected" (Peter Felkel, "Musikexpress"), dass White sogleich ein Anschlussalbum mit dem Arbeitstitel "The Heroes" zu konzipieren begann. Als das Werk mit J. J. Cale, Eric Clapton, Waylon Jennings, Michael McDonald, Mark Knopfler 2006 unter dem Titel Uncovered zu hören war, ließ Jörg Feyer im deutschen "Rolling Stone" kein gutes Haar an der Platte, musste aber einräumen, Tony Joe White inszeniere sich "mit verzerrt jaulender Gitarre als aufrechter Gralshüter der guten alten Schule". Was will man mehr?
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs und
Zusammenstellungen (Auswahl):
Roosevelt And Ira Lee (1968)
Polk Salad Annie (1968)
Black And White (1969)
Continued (1969)
Tony Joe (1970)
Tony Joe White (1971)
The Best Of Tony Joe White (1972)
The Train I’m On (1972)
Homemade Ice Cream (1973)
Eyes (1976)
Real Thing (1980)
Dangerous (1983)
Closer To The Truth (1991)
The Path Of A Decent Groove (1993)
Lake Placid Blues (1995)
One Hot July (1998)
The Beginning (2001)
Snakey (2002)
The Heroines (2004)
Night Of The Mocassin (2004)
Hard To Handle (2005)
Live From Austin, Texas (2006)
Uncovered (2006)
Swamp Music:
The Complete Monument Recordings (2006)
Deep Cuts (2008)
The Shine (2010)

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