Tocotronic
Biografie
Tocotronic , 1993 in Hamburg gegründet, waren die intellektuelle Speerspitze der so genannten Hamburger Schule, der auch Bands wie Blumfeld und Die Sterne angehörten. Mit ihrem Song Ich bin neu in der Hamburger Schule trugen sie erheblich dazu bei, diesen Begriff bundesweit zu etablieren. Ihre Stimme wurde zur moralischen Instanz in der deutschen Popkultur. Tocotronic bezogen für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich offen Stellung, spiel-ten mit Paradoxen, litten aber aufgrund eines eklatanten Mangels an Humor stets unter einer überspannten, teilweise aufdringlich pennälerhaften Altklugheit.
Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow, geboren am 21. März 1971 in Offenburg, Bassist Jan Müller, geb. am 1. Juni 1971, und Schlagzeuger Arne Zank, geb. am 6. August 1970 in Hamburg, begannen zunächst als Punk-Trio. Müller und Zank kannten sich bereits aus der Combo Meine Eltern. Mit ihrem Bandnamen, einem frühen Verwandten des Gameboy, machten Tocotronic schon zu Beginn ihrer Karriere eine gewisse Verspieltheit deutlich. Ihre Frisuren und ihr legerer Kleidungsstil prägten das Outfit, das später für den anspruchsvolleren deutschen Szenepop typisch werden sollte.
Noch vor Veröffentlichung ihres ersten Albums wurde die Band bereits von ihrem Fanclub Megatronic unterstützt. Der Song Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein von ihrer in Eigenregie produzierten und veröffentlichten EP wurde zum oft repetierten Slogan einer Jugendkultur, die aus der Mitte heraus nach neuen Rändern suchte. 1995 erschien die Debüt-LP Digital ist besser, die Tocotronic aus dem Stand zu den führenden deutschen Indie-Bands aufschließen ließ. Verwirrung stiftete kurze Zeit später eine EP mit dem Track Michael Ende, du hast mein Leben zerstört, der nach einem Abdruck in der "taz" Band und Label Drohbriefe einbrachte.
Ihr drittes Album Wir kommen um uns zu beschweren (1996) brachte Tocotronic als erstem Act der Hamburger Schule eine Chartplatzierung ein. Zu einem weiteren Eklat kam es, als die Gruppe bei der Verleihung des Viva-Preises "Comet" in der Kategorie "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" höflich, aber bestimmt die begehrte Trophäe ablehnte. Ihre Begründung lautete: "Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein. Und auf dem Weg nach oben, na ja."
Für Es ist egal, aber (1997) entschloss sich das Trio zu ausgefeilteren Arrangements, für deren Umsetzung sogar Streicher engagiert wurden. Vor der Veröffentlichung von K.O.O.K. (1999) begab sich die Band auf ihre erste US-Tournee. Die fünfte CD klang überraschend verhalten, Texte und Songstrukturen wurden immer transzendenter. Nach einem Remix-Album, auf dem die Band zum Schrecken ihrer Fanscharen elektronische Versionen ihrer Songs offerierte, holten die Hamburger 2002 zu Tocotronic aus, das sie endgültig ins Fahrwasser des Mainstream trieb und den alten Fans entfremdete.
2003 wurde das Kleeblatt durch den amerikanischen Keyboarder und Gitarristen Rick McPhail zum Quartett aufgestockt. Pure Vernunft darf niemals siegen (2005) war ein weiterer Schritt in Richtung hochwertiger Konsens-Pop, der sogar von Ulrich Wickert in den "Tagesthemen" angepriesen wurde, darüber hinaus jedoch für viele Kontroversen sorgte. Politisch traten Tocotronic immer entschiedener gegen Tendenzen des Spaßpatriotismus in der deutschen Kulturlandschaft auf.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Digital ist besser (1995)
Nach der verlorenen Zeit (1995)
Wir kommen um uns zu beschweren (1996)
Es ist egal, aber (1997)
K.O.O.K. (1999)
Tocotronic (2002)
Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)
Kapitulation (2007)
Schall Und Wahn (2010)


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