SUPERTRAMP
Biografie
Supertramp entsprangen 1969 dem Rock-Traum des jungen holländischen Millionenerben Stanley August Miesegaes, der den Keyboardspieler Rick Davies, geb. am 22. Juli 1944 im englischen Swindon, Wiltshire, animierte, eine Rockband zu gründen. Davies fand in London per Zeitungsanzeige Roger Hodgson (voc, g, bg, kb), geb. am 21. März 1950 in Portsmouth, Hampshire, und andere Musiker, mit denen er sich zu Daddy, später Supertramp zusammentat, benannt nach W. H. Davies' "Autobiography of a Super-Tramp".
Die ersten beiden Alben und eine Skandinavien-Tournee der Newcomer waren dermaßen erfolglos, dass sich die Band entmutigt auflöste. Davies und Hodgson, die sich Songschreiben und Sologesang teilten, warben 1974 Bob Benberg (dr), als Robert Siebenberg geb. am 31. Oktober 1949 in Glendale, Kalifornien, Dougie Thomson (bg), geb. am 24. März 1951 im schottischen Glasgow, John Helliwell (reeds, kb, voc), geb. am 15. Februar 1945 im englischen Todmorden, Yorkshire, für eine neue Supertramp-Formation an, und hievten ihr Album Crime Of The Century mit gewaltiger Promotion-Unterstützung in die europäischen Hitparaden. In England platzierte sich die LP auf Position vier. Bloody Well Right, die B-Seite der englischen Top Ten Single Dreamer, kam ein Jahr später in den USA unter die Top 40.
Crisis? What Crisis? (1975; UK 20, USA 44) und Even In The Quietest Moments (1977; UK 12, USA 16) festigten die transatlantische Fanbasis des Ensembles, das 1976 seinen Wohn- und Firmensitz nach Los Angeles verlegt hatte. Breakfast In America mit den Hit-Appetithappen The Logical Song, Goodbye Stranger, Take The Long Way Home machten das Quintett endgültig zur Weltattraktion. Es setzte sich in den USA an die Spitze der Popcharts (UK 3) und wurde global mehr als 18 Millionen Mal abgesetzt.
"Ihre Musik wirkt wie eine Reizüberflutung", klagte "Sounds", "als ob jemand sämtliche guten Popplatten der 60er und 70er Jahre auf einmal aufgelegt hat." Tatsächlich erinnerte der ausgetüftelte Mainstream-Rock der Supertramp an den jazzgefärbten Pop von Traffic, an den mehrstimmigen Harmoniegesang der Beatles, an die schwelgerischen Höhenflüge von Yes. Davies schlug bedeutungsschwangere Pianoakkorde im Procol Harum-Stil an, während Hodgson Klanggespinste wie Genesis zusammenwob. Die Sänger klagten mit "prätentiöser Highschool-Poesie" ("Village Voice") über Einsamkeit und Frustration, Identitätsprobleme und verkorkste Schulerziehung, tote Kommunikation und hoffnungslose Zukunft und schwelgten dabei in "süßer Schwermut, verzuckerter Verzweiflung, blankpolierter Melancholie" ("Der Spiegel").
"Man möchte sie am liebsten mit den ersten Beatles-Alben in einem Zimmer einsperren, bis sie überzeugt sind, dass man auch in zweieinhalb Minuten so dynamisch und atmosphärisch sein kann wie in fünf", erregte sich "Rolling Stone" über die ellenlangen Supertramp-Spielereien, "denen einfach die Frische fehlt" ("New York Times"). Die Pariser "Le Monde" machte sich Sorgen um die Psyche der Band: "Sie verlieren ihre Seele, wenn sie Perfektion um jeden Preis suchen." 1983 ging das Ensemble mit Hodgson auf eine Farewell-Welttournee und verabschiedete ihn damit stilvoll in eine unsichere Solokarriere, die nicht mehr als drei Alben ergab. Das Rest-Quartett versuchte weiterhin, "süße, überladene, sentimentale" ("Melody Maker") Musik für ältere Rockkonsumenten zu machen. "Supertramp werden mit jedem weiteren Album peinlicher", mäkelte "Stereo Review" an neueren Platten herum, "über die Teenager einfach nur lachen können. Die fühlen sich damit in ihrer Meinung bestätigt, dass sie mehr von Rock 'n' Roll verstehen als die Erwachsenen."
Das erste Supertramp-Album nach Hodgsons Abgang, Brother Where You Bound (1985), mehr auf härteren R & B fixiert, konnte noch bis auf Position 21 der US-Popliste klettern, die dann folgenden dagegen wurden vom Publikum kaum mehr wahrgenommen. Hin und wieder veröffentlichte ältere Supertramp-Aufnahmen in neuen Zusammenstellungen dagegen fanden durchaus Käufer, sodass Hodgson und Davies wie schon einmal für kurze Zeit 1986 die Band 1994 für eine Tournee reaktivierten. 1996 hatten sie sich - ohne Hodgson - abermals vereint und nahmen die LP Some Things Never Change (1997) auf.
Mit dem Titel meinten Davies, Siebenberg, Helliwell und Mark Hart (voc, g, kb), die sich im Studio von weiteren Musikern helfen ließen, selbstverständlich ihre Musik. "Ich könnte nie Grunge, Rap oder Free Jazz spielen", erklärte Rick Davies: "Für mich ist das Krach mit überhaupt keinem Ausdruck darin." Der Keyboarder hatte nach Supertramps Umzug nach L. A. Mitte der Siebziger Susan, die A & R-Chefin ihrer Plattenfirma A & M, geheiratet, die sich mit dem Ehepaar Hodgson nicht vertrug. Sie verließ sehr bald die Firma und übernahm Supertramps Management. Als Rick Davies Hodgson Mitte der Neunziger ein letztes Mal anbot, mit vollem Einsatz zur reformierten Band zurückzukehren, verlangte dieser den Rücktritt der Managerin. Das machte den Bruch unwiderruflich.
Familie Davies ließ sich in East Hampton auf Long Island, N.Y., nieder, edierte einen Live-Mitschnitt aus Cleveland, Ohio, von 1976 auf der CD Is Everybody Listening? (2001) und brachte auf EMI ein neues Supertramp-Album Slow Motion (2002) mit ausschließlich Davies-Kompositionen heraus, das Uwe Schleifenbaum im "Musikexpress" ungnädig als "öden Comeback-Versuch" mit "Schlock-Pop" abqualifizierte: "Damit keine Missverständnisse auftauchen: Irgendwelchen Musikern, die ihr Verfallsdatum schon merklich überschritten haben, hinterherzutreten, ist billig. Und dass Supertramp schon seit Mitte der Achtziger ziemlich streng miefen, ist keine Neuigkeit. Und dennoch: Slow Motion ist unerträglich. Die Songs sind einfallslos und klischeehaft bis zur Selbstparodie."
Da hatte es Roger Hodgson besser getroffen. Er arbeitete weiter als Solist, beteiligte sich an Alan Simons französischen Erfolgsalben Excalibur: La Légende des Celtes (1998), Excalibur: Le Concert Mythique (2000), gastierte bei Ringo Starrs New All-Starr Band (2002), trat 2004 mit Orchester bei "Night at the Proms" auf, konzertierte im Sommer 2006 in den USA, Kanada und mehreren europäischen Ländern und blockierte mit seiner DVD Take The Long Way Home - Live In Montreal sieben Wochen lang die Spitzenposition der kanadischen Charts. Außerdem nahm er einen Preis der Urhebergesellschaft ASCAP entgegen. Sein Song Give A Little Bit, mit dem mehrere Hilfsorganisationen in US-Medien um Spenden werben, gehörte zu den 50 meistgespielten Songs des Jahres 2005.
"Als ich ging", erklärte Hodgson 2007 dem "Stern", "einigten mein Ex-Partner Rick Davies und ich uns: Er bekommt den Bandnamen und ich meine Lieder. Er hat die Übereinkunft gebrochen. Das war auch für Supertramp schlecht, sie klangen wie eine Retortenband. Supertramp ist quasi Rick Davies, der entscheidet, mit wem er auf Tour geht. Ich glaube aber, Rick und Supertramp sind nun im Ruhestand."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Supertramp (1970)
Indelibly Stamped (1971)
Crime Of The Century (1974)
Crisis? What Crisis? (1975)
Even In The Quietest Moments (1977)
Breakfast In America (1979)
Paris (1980)
Famous Last Words (1982)
Brother Where You Bound (1985)
Free As A Bird (1987)
Live 88 (1988)
Some Things Never Change (1997)
It Was The Best Of Times (1999)
Slow Motion (2002)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Classics Volume 9 (1987)
Retrospectable - The Anthology (2005)
LP Robert Siebenberg:
Giants In Your Own Room (1986)
LP Robert Siebenberg mit Heads Up:
The Long Shot (1989)
LPs Roger Hodgson:
In The Eye Of The Storm (1984)
Hai Hai (1987)
Rites Of Passage (1997)
Open The Door (2000)

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