Springsteen,Bruce
Biografie
Bruce Springsteen (voc, harm, g, p, mandolin, dr), mit den weiteren Vornamen Frederick Joseph am 23. September 1949 in Long Branch, New Jersey, geboren, war "für seine ergebenen Fans die Verkörperung der romantischen Mythen, über die er schreibt: ein Jedermann aus der Arbeiterklasse, der aussichtslose Liebhaber aus der Großstadt, der Geist des Rock ’n’Roll" ("Rolling Stone"). Er war "ein Live-Performer der ersten Kategorie, ein hochtalentierter Songschreiber und die charismatischste Persönlichkeit, die seit den frühen Siebzigern aus dem amerikanischen Rock hervorgegangen ist" (Phil Hardy und Dave Laing).
Seine Vier- bis Fünf-Stunden-Konzerte in Amerikas größten Arenen grenzten an religiöse Rituale. Er konnte sich von einer meterhohen Bühne ins Publikum fallen lassen und sicher sein, dass er aufgefangen und unversehrt zurückgebracht wurde. Beim Präsidentschaftswahlkampf 1984 reklamierten sowohl Präsident Reagan als auch dessen Opponent Walter Mondale Springsteens Vision eines Amerika voll Hoffnung und Zuversicht für sich, bis sich der Künstler von jederart "blindem Vertrauen" distanzierte. "Man kann mich nicht unter Druck setzen", hatte er schon 1975 gesagt. "Ich weiß sehr wohl, wer ich bin und woher ich komme. Unter Druck kennt man sich selber nicht mehr. Man wird ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Ich will versuchen, meine eigene Perspektive zu behalten. Das kann der Plattenfirma nur nützen, denn ich gebe mein Bestes, und es wird sich erweisen, dass es nur auf diese Weise geht."
Sein Vater jobbte in schlechtbezahlten Berufen – als Fabrikarbeiter, Gefängniswärter, hauptsächlich Lastwagen- und Busfahrer. Er war fasziniert von "Cars, Highways, Driving". "Hier liegt eine Erklärung für die Besessenheit, mit der Springsteen in sehr vielen seiner Songs immer wieder Straßen, Autos und das Fahren an sich zu Metaphern jugendlicher Existenz und Flucht gemacht hat" (Biograph Teja Schwaner).
Nach vergeblichen Versuchen am Schlagzeug besorgte er sich 1963 für 18 Dollar aus dem Leihhaus eine Gitarre. Im Anschluss an eine Schülerband, The Castiles, gründete er mit Vini "Mad Dog" Lopez (dr, voc), "Southside Johnny" Lyon (voc, harm; siehe Bio), "Miami" Steve Van Zandt (g, bg) die Gruppen Steel Mill (ursprünglich Child), Dr. Zoom & The Sonic Boom, schließlich die E Street Band. Als deren Kern firmierten jahrelang Clarence Clemons (sax), David Sancious (bis 1974, kb), Steve Van Zandt (bis 1983, g), Danny Federici (org), Roy Bittan (p), Gary Tallent (bg), Max Weinberg (dr). Van Zandt wurde 1984 durch Nils Lofgren ersetzt, 1988 kam Patti Scialfa (g, voc) hinzu.
"Bruce", erklärte der Kritiker und spätere Springsteen-Produzent Jon Landau, "hat zwölf Jahre damit verbracht, jede erdenkliche Art von Rock ’n’ Roll zu erlernen. Daher kann er aus einem viel größeren Reservoir schöpfen als die meisten anderen Musiker. Er hat seine Wurzeln an der Jersey-Küste, und dorthin haben sich die Talentsucher der Plattenfirmen nie verirrt."
1972 unterschrieb Springsteen den Jung-Produzenten Mike Appel und Jim Creteros auf einem unbeleuchteten Parkplatz für ihre Firma Laurel Canyon Productions einen langfristigen Management- und Verlagsvertrag, der ihm später massive rechtliche Probleme bringen sollte. Appel garantierte dem Künstler drei Prozent Tantiemen auf fünf LPs und kassierte von Columbia/CBS – bei einem Vertrag über zehn LPs – neun Prozent. Ihr Gesprächspartner bei CBS war der legendäre Talent-Scout John Hammond (siehe Bio).
Springsteens erste LP Greetings from Asbury Park, N.J. (1973), entgegen seinem Willen in den CBS-Katalogen in der Singer/Songwriter- statt in der Rock-Kategorie, erzielte bei gemischten Kritiken nur eine Auflage von 25 000 Exemplaren. Manche der mit Binnenreimen angereicherten Textzeilen wurden durch eine Überfülle von Bildern erstickt und ergaben keinen Sinn; etwa: "Madman drummers bummers and Indians in the summers with a teenage diplomat …", oder: "Hey bus driver keep the change, bless the children, give them names, don’t trust men who walk with canes …". Dennoch war Asbury Park gewiss mehr als "eine monumentale Zeitvergeudung" ("New Musical Express").
Mit dem Folgealbum The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle wurde Springsteen seinem wachsenden Ruf als Songautor besser gerecht: knapper im Ausdruck, präzis in den Beobachtungen. Als Poet New Yorker City-Abgründe und der Waterfront-Slums von New Jersey entwarf er in Stücken wie Incident On 57th Street, New York City Serenade, Asbury Park Fourth Of July (Sandy) das Szenarium für eine aktualisierte "West Side Story" voller Neon-Albträume, Abfallromantik und Gewalt. Die Situationen und Charaktere seiner Songs, behauptete Springsteen, seien "authentisch und real", bis hin zu den verwendeten Namen. Das erschien glaubhaft, und die Live-Darbietungen wurden immer kompakter. Im Zwiegespräch mit den Saxophonfiguren des schwarzen Hünen Clarence Clemons, geboren am 11. Januar 1942 in Norfolk, Virginia, formte der Sänger schreiend und flüsternd, gestikulierend und tanzend aus dem Rhythm & Blues des Ensembles und seinen Freak-Versen auf der Bühne einen packenden Akt.
Im Mai 1974 spielte die E Street Band (so genannt nach der Straße in Belmar, N. J., in der die Mutter des Pianisten Sancious wohnte) drei Nächte im Charley’s Club in Cambridge, Massachusetts. Anschließend veröffentlichte der einflussreiche Kritiker Jon Landau, damals 26, Plattenrezensent für "Rolling Stone", im Bostoner "Real Paper" den ebenso verführerischen wie fatalen Satz: "Ich habe die Zukunft des Rock ’n’ Roll gesehen, ihr Name ist Bruce Springsteen."
Die CBS-Promotion stürzte sich darauf, publizierte ihn in ganzseitigen Anzeigen und drängte andere Journalisten, in ähnlichem Sinne zu schreiben. Das Album Born To Run, am 25. August 1975 ausgeliefert und keineswegs sonderlich originell, wurde von der Presse vom Start weg als Rock-Klassiker gefeiert. Es handelte sich, jubelte Dave Marsh, der später zwei Bücher über Springsteen auf den Markt brachte, um "eine Platte, welche die Musik den Händen der Handwerker und Profitgeier entrissen hat, um sie den Leuten wiederzugeben, die sie lieben, weil sie sie leben".
Am 27. Oktober 1976 erschienen die beiden US-Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek" mit Springsteen-Titelgeschichten. Zu zwei Konzerten im Hammersmith Odeon im November wurden Flugzeugladungen europäischer Journalisten von CBS nach London transportiert. Viele von ihnen schrieben in ihren Blättern, die Hype-Maschine der Musikindustrie habe sich hier selbständig gemacht. Gewiss trug diese jedem Fan einsichtige, überbordende Promotion dazu bei, Springsteens Ankunft als Plattenverkäufer zu verzögern. Born To Run hielt sich auf Platz drei nur kurz in den Charts.
1976 brach die ausbeuterische Vertragslage in einem Gerichtsverfahren auf. Appel kassierte mittlerweile 14 Prozent Tantiemen vom Großhandelspreis von CBS und gab nur 3,5 Prozent an Springsteen weiter. Überdies verbot er dem Künstler, sich von Jon Landau produzieren zu lassen, was Springsteen nach positiven Studioerfahrungen für Born To Run wünschte.
Der Konflikt blockierte die Arbeit. Erst 1978, nach drei Jahren, kam das Anschlussalbum Darkness On The Edge Of Town heraus. In seiner weitverbreiteten Zeitungskolumne "Pop, Rock & Soul" urteilte Irwin Stambler, es unterscheide sich deutlich von den vorausgegangenen LPs: "Im überwiegenden Teil erzählen die Songs von den Problemen der realen, wiedererkennbaren Welt und weniger von Springsteens persönlichen Jugendeindrücken in New Jersey."
Mit The River (1980) brachte Springsteen seine von Medien- und Showbusiness-Turbulenzen geschüttelte Aufbruchphase zum Abschluss. Das Doppelalbum erreichte in den USA Platz eins, in Großbritannien Platz zwei und hielt sich länger als ein Jahr in beiden Charts. Die "The River"-Tournee startete am 3. November 1980 in Ann Arbor, Michigan, und endete am 11. Mai 1981 nach 32 Konzerten in Europa in Paris. "All die Dinge, die so wichtig erschienen", sang Springsteen im Song The River, "haben sich jetzt in Luft aufgelöst, und ich verhalte mich, als könnte ich mich nicht erinnern."
Nach weiteren zwei Jahren, im September 1982, veröffentlichte er das auf einem Vierspurkassettenrecorder in seiner Wohnung aufgenommene Album Nebraska. Es erinnerte in seiner rohen Tonqualität, der primitiven Gitarre- und Mundharmonika-Begleitung sowie den archetypischen Sujets an die Folk-Balladen Woody Guthries und des frühen Bob Dylan.
Das Titelstück war der innere Monolog des Massenmörders Charlie Starkweather, der – historisch verbürgt – zehn Menschen umbrachte und 1958 hingerichtet wurde. Teja Schwaner: "Die scheinbar emotionslose Kaltblütigkeit, mit der der Mörder davon spricht, dass er und seine Freundin ihren Spaß an den Taten hatten, macht ebenso erschauern wie die Töne der Mundharmonika. Ein Stück amerikanischer Realität ist zu Musik geronnen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt."
In Songs(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Greetings From Asbury Park, N.J. (1973)
The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle (1973)
Born To Run (1975)
Darkness On The Edge Of Town (1978)
The River (1980)
Nebraska (1982)
Born In The U.S.A. (1984)
Live 1975–85 (1986 5 LPs)
Tunnel Of Love (1987)
Human Touch (1992)
Lucky Town (1992)
In Concert – MTV (Un)
plugged (1993)
The Ghost Of Tom Joad (1995)
Live In New York City (2001)
The Rising (2002)
Devils And Dust (2005)
Hammersmith Odeon London ’75 (2006)
We Shall Overcome:
The Seeger Sessions (2006)
Live in Dublin (2007)
Magic (2007)
Working On A Dream (2009)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Greatest Hits (1995)
Tracks (1998)
18 Tracks (1999)
The Essential (2003)
The Collection (2005)
LPs Patti Scialfa:
Rumble Doll (1993)
23rd Street Lullaby (2004)
Play It As It Lays (2007)


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