Spliff
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Biografie
Spliff , mit einem Konzert im Berliner Kant Kino am 2. Mai 1980 ins Leben getreten, verströmten "staubigen Charme: eine Atmosphäre zwischen Morbidität und Vitalität, zwischen Melancholie und Aggression, die ihre Wurzeln in ungemütlichen Moabiter Hinterhöfen" hatte ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").
Die "wohl traditionsreichste Berliner Rockband" ("Der Tagesspiegel") beerbte zwei ebenso namhafte Gruppen. 1972 hatten sich der am 29. September 1951 geborene Manfred "Manne" Praeker (voc, bg) und der am 1. März 1952 geborene Bernhard "Potsch" Potschka (voc, g) zur Polit-Rockband Lokomotive Kreuzberg zusammengetan. 1976 gesellte sich Herwig Mitteregger (dr, g, voc; siehe Bio) für das Album Mountain Town (mit den Jazz-Gästen Wolfgang Dauner, p, und Ack van Rooyen, tp) zu der theatralisch auftretenden Band, die schon damals linke Lyrik in deutscher Sprache sang. Nach dem letzten Konzert von Lok Kreuzberg am 2. Dezember 1977 im Hamburger Audimax erlebte das durch Reinhold Heil, geb. am 18. Mai 1954 (kb, voc; Ex-Bakmak), erweiterte Quartett seine Metamorphose zur Nina Hagen Band. Die aus der DDR emigrierte Sängerin, mit grotesken Show-Allüren nach eigener Einschätzung auf dem Weg zum Superstar, gab ihren Musikern nach zwei LPs buchstäblich den Laufpass. Als die Band für die Reise zu einem Geschäftsgespräch mit der Plattenfirma CBS in Frankfurt/M. am Berliner Bahnhof Zoo bereits den D-Zug bestiegen hatte, verpisste sich Nina Hagen (siehe Bio) auf die Bahnhofstoilette: Lass fahren dahin!
Aus Frankfurt zurück, landeten die Musiker wieder in der "Fabrik Rakete" in Kreuzberg. Dort betrieb Jim Rakete, durch seine kontrastreichen, ebenso künstlerisch treffsicheren wie werbewirksamen Schwarzweiß-Coverfotos bereits eine große Nummer in der Musikindustrie, eine kreative Produktions- und Promotion-Zelle für aufstrebende Rock-künstler. Zu seinen Klienten gehörten neben Nina Hagen, Nena, dem Songpoeten Manfred Maurenbrecher u. a. auch die Ex-Nina Hagen Band alias Spliff.
Deren erste Produktion, die am 2. Mai 1980 im Kant Kino live uraufgeführte Spliff Radio Show, eine bittere Satire auf das Musikgeschäft um den fiktiven Rockstar Rocko J. Fonzo, ließ Rakete für die Medien in Holzkisten vernageln und bescherte dem Produkt damit hohen Aufmerksamkeitswert. Die zweite Spliff-LP, der die Bestellnummer 85555 (1982) als Titel diente, gelangte "glänzend und gelackt, wie eine Tafel Schokolade verpackt" ("Musikexpress"), das dritte Album, die International Version (1982) von 85555, in blechernen Filmbüchsen auf die Redaktionstische.
Diese wie auch die folgenden LPs enthielten witzige Texte ("Der rote Hugo hängt tot im Seil, die Leiche stinkt nach Shit", so im Song Déjà Vu, 1982) mit griffigen Formulierungen, die schnell ins Alltagsdeutsch eingingen ("Da fliegt dir doch das Blech weg", aus Carbonara, 1983). "Zukunfts- und Beziehungsängste werden in eigenwilligen Metaphern verschlüsselt", analysierte M. O. C. Döpfner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "bissige Milieustudien sind in halbironischer Szenesprache verpackt, und kontrastreich prallen die unterschiedlichen Temperamente der vier textenden Musiker aufeinander."
Mit der Spliff Radio Show, an der auch die holländische Sängerin Lisa Biallek (Ex-Gruppo Sportivo), der australische Clown Alf Klimax und der AFN-Discjockey Rik Delisle ("Der alte Ami") mitwirkten, gastierte die Truppe u.a. in Paris, Zürich, Amsterdam, Stockholm und London. Die LP erreichte eine Auflage von gut 100000 Stück, die folgende 85555 nach einer weiteren Tournee bereits eine halbe Million.
Nach der Tour zum Album Herzlichen Glückwunsch (1983), der Musik für einen TV-"Tatort" und Auftritten bei Open Air-Festivals drifteten die vier Musiker auseinander, starteten Soloprojekte und arbeiteten als Producer für andere Künstler. Die Tournee zum Spliff-Album Schwarz auf Weiß (1984) war in dieser Formation ihre letzte. Manfred Praeker verlegte sich aufs Produzieren (Nena, Die Ärzte), Reinhold Heil auf das Komponieren von Filmmusik ("Lola rennt"). Heil, Praeker, Potschka betrieben gemeinsam die kurzlebige Gruppe Froon (1987-1989), Potschka mit anderen Musikern das Projekt Perxon (1992-1993). Zur Auswertung und Wiederbelebung des Spliff-Repertoires gründeten Praeker und Potschka 2004 das Ensemble Bockx auf Spliff.
Das Ende von Spliff 1985 brachte Herwig Mitteregger auf die Formel: "Zu viele Häuptlinge, zu wenige Indianer."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
The Spliff Radio Show (1980)
85555 (1982)
International Version (1982 englische Version von 85555)
Herzlichen Glückwunsch (1983)
Schwarz auf Weiß (1984)
Spliff (Remix)
(1990)
Zusammenstellung:
Alles Gute (1993)
LPs Lokomotive Kreuzberg:
Kollege Klatt (1972)
James Blond (1973)
Fette Jahre (1975)
Mountain Town (1977)
LP Heil, Potschka, Praeker mit Froon:
Froon (1988)
LP Potschka/Perxon:
Potschka/Perxon (1992)
LP Bockx auf Spliff:
Bockx auf Spliff (2006)
Weitere LPs Nina Hagen, Herwig Mitteregger


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