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SLADE

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Slade

Biografie

Slade galten jahrzehntelang als optisch auffällige, aber mit ihren drei Akkorden ziemlich stumpfsinnige, musikalisch kaum erwähnenswerte, mit 17 Top-20-Hits zwischen 1971 und 1976 (davon sechs Nr. 1-, drei Nr. 2- und zwei Nr. 3-Platzierungen) im United Kingdom aber extrem erfolgreiche Glam Rock- und Hard Rock-Band, bis sie Oasis-Gitarrist Noel Gallagher mit dem Schlüsselsatz von dem Stigma erlöste, sie seien "fundamentally more important to the development of music than Radiohead".

Nach Vorgeschichten in den Bands The Vendors, N’Betweens formierten sich die Musiker 1966 in der düsteren mittelenglischen Industrieregion Wolverhampton, Stafford, zum Quartett und stiegen 1969 mit dem damals populären Skinhead-Look kurzrasierter Haare, Nagelschuhe und nietenbeschlagener Jeans unter dem Namen Ambrose Slade in die Musikszene an der Themse ein. Doch der aggressive Appeal verfehlte seine kommerzielle Wirkung bei der Arbeiterjugend des Londoner East End. Obendrein weigerten sich viele Clubbesitzer, die Band für Auftritte zu buchen, da sie bei Slade-Abenden ein Schlägerpublikum befürchteten.

Das Repertoire bestand, auf der Debüt-LP Beginnings (1969) dokumentiert, aus einem Cover-Sammelsurium von Bob Dylan, Frank Zappa, Marvin Gaye, Moody Blues, Steppenwolf und den Beatles. Vokalist Noddy Holder: "Wir hatten den Slade Sound einfach noch nicht gefunden."

Auf Anraten ihres Managers Chas Chandler (siehe Bio), der bei den Animals Bassgitarre gespielt und Jimi Hendrix betreut hatte, rüsteten Neville "Noddy" Holder (voc, g), geb. am 15. Juni 1946 in Walsall, Warkshire, Dave Hill (g), geb. am 4. April 1952 in Fleet Castle, Devon, Jim Lea (bg), geb. am 14. Juni 1952 in Wolverhampton, und Don Powell (dr), geb. am 10. September 1950 in Bilston, Warkshire, ihr militantes Image ab und legten farbenprächtige Phantasiekostüme an, deren sinistrer Prunk zahlreiche Beobachter an Charaktere aus Stanley Kubricks Horror-Movie "A Clockwork Orange" erinnerte. Neben und in Konkurrenz mit ihnen bauten sich David Bowie, Gary Glitter, T. Rex u.a. zur Glam Rock-Brigade auf. Mit Monturen aus der Charles Dickens-Ära, spiegelbeklebten Hüten, silberglänzendem Weltraum-Frack und gebauschtem Langhaar spielten sie nunmehr als Slade ihren simplen Anheizer-Rock am besten live, vor einem Publikum "so um die 16" (Holder), das sich, genau wie sie selber, im Wesentlichen nur für "Fußball, Puppen und Bier" ("Melody Maker") zu interessieren schien.

Mit dem wilden Little Richard-Stomper Get Down And Get With It, Platz 16 der UK-Charts, kam eine Hitserie in Gang, deren Anfang Phillip Roser in "Good Times" adäquat skizzierte: "Im Oktober 1971 schossen Slade mit Coz I Luv You erstmals auf Rang eins, und das gleich für vier Wochen. Das folgende Album Slade Alive! bollerte auf Platz zwei. 1972/73 ging es dann richtig rund: Take Me Bak ’Ome, Mama Weer All Crazee Now, Cum On Feel The Noize, Skweeze Me Pleeze Me – alles Einser! Gudbuy T’ Jane schaffte "nur" Rang zwei."

Ihre derben Amüsierriffs hatten die Musiker ohne technischen Aufwand effektvoll auf Platte gebracht. "Wir stürzten ins Studio", erinnerte sich Holder, "und spielten drauflos. So blieb unsere Live-Spontaneität erhalten. Wir drehten die Verstärker voll auf und bescherten den Toningenieuren einige Probleme – auch durch die Art, wie wir spielten: Jimmy am Bass und ich, wir arbeiteten fast wie Leadgitarristen. Das und die Power-Akkorde ergaben dann unseren einzigartigen Sound, weil sich alles überlappte und dennoch harmonisch vertrug." Die Produktionskosten für die ersten drei Alben und sechs Hit-Singles betrugen nicht mehr als umgerechnet 35 000 DM – so viel, wie Alice Cooper zu jener Zeit für eine Single-Aufnahme ausgab. Als gelegentlicher Drei-Minuten-Extrakt waren Songs wie Everyday, Merry Xmas Everybody, Bangin’ Man, When The Lights Are Out, Far, Far Away unterhaltsam, frisch und frech. Auf LPs jedoch "beginnt ihre Kreativität Löcher zu zeigen" ("Melody Maker").

Am 4. Juli 1973 erlitt Drummer Don Powell einen schweren Autounfall, bei dem seine Freundin Angela Morris ums Leben kam, und behielt nach sechswöchigem Krankenhausaufenthalt Gedächtnisstörungen zurück. Zwar erzielte die Band mit dem Album Sladest (1973) mit einer Viertelmillion bereits am ersten Tag verkauften LPs für fünf Wochen die Top-Position in den britischen Charts, konnte sich aber in den USA mit demselben Produkt nur auf Position 129 etablieren.

Die Slade-Show blieb vornehmlich eine europäische Attraktion, da sich der Hauptexportmarkt Amerika einem so prononciert britischen Goodtime-Rock nicht aufgeschlossen zeigte. "Das Problem ist", erkannte der "Melody Maker", "dass Slade eine Band für Singles bleibt." Die immerhin wurden von US-Kritikern gelobt: "Spektakulär guter Rock ’n’ Roll" ("Stereo Review"). Nach dem Filmporträt "Slade in Flame" (1974) mit den Schauspielern Tom Conti, Alan Lake, dessen Soundtrack sich in England auf sechs, in den USA wieder nur auf 93 platzierte, beschlossen die Musiker, es nun dort zu erzwingen. Holder: "Wir hatten in Europa alles erreicht, darum gingen wir nach Amerika. Es gab zwar keine berauschenden Verkaufszahlen, aber wieder ein Ziel. Uns war das Risiko bewusst, aber wir haben immer was riskiert."

Diesmal zu viel. Als die Band zurückkam, hörte alles New Wave und Punk. Erst als Anfang der achtziger Jahre die Dampfhammer-Musik eine Renaissance erlebte, kam auch das launige Kumpel-Quartett der Slade wieder in den Bier-Dunstkreis der Szene-Clubs. "Modern, muskulös und metallisch" ("Billboard") schepperte ihr von Deep Purple bis Van Halen abgekupfertes "Arbeitslosen-Klamaukgetöse" ("New Musical Express") einer neuen Verbrauchergeneration in den Ohren. 1981 brachten sie sich im Vorprogramm einer Whitesnake-Europatournee in Erinnerung, schlossen mit RCA einen neuen Plattenvertrag und erwarben sich mit sechs LPs zwischen Till Deaf Do Us Part (1981) und You Boyz Make Big Noize (1987), allesamt auf unteren Charträngen, immerhin einen stabilen Platz im Firmenkatalog.

Damit erwiesen sich die Radau-Rocker als "eine der ausdauerndsten und kompromisslosesten Bands – bis uns die Taubheit scheidet" ("Melody Maker"). Das fand Anfang der neunziger Jahre auch die Bekleidungsfirma C & A, nahm Far Far Away als Soundtrack für einen ihrer Werbespots und bescherte Slade neue Verkäufe. Dennoch stieg Noddy Holder 1991 aus: "Seitdem mache ich Radio- und Fernsehshows, habe in Filmen mitgespielt und meine Autobiographie geschrieben."

Jimmy Lea ging ebenfalls, studierte Psychotherapie, verdiente mit Grundstücksspekulationen und veröffentlichte Singles unter den Pseudonymen Greenfields of Tong, The Dummies, The Clout, Wild, Gang of Angels. Dave Hill (g, voc) und Don Powell (dr) führten die Band mit Steve Whally (voc, g), Craig Fenney (bg, später Trevor Holliday, Dave Glover) zunächst unter dem Namen Slade II weiter, durften aber mit Holders Zustimmung von 1997 an auf die Markierung II verzichten.

2006 bestanden Slade aus Hill, Powell, John Berry (bg, vi, voc), Mal McNulty (voc, g). Ebenfalls 2006 brachten Union Square Records eine so gut wie lückenlose Werkschau der Jahre 1969 bis 1991 in vier CDs mit 84 Tracks und einem 72-Seiten-Buch als The Slade Box heraus. Mike Köhler ("Musikexpress"): "Die für ihre schrägen Bühnen-Outfits berüchtigte Band zählte in dieser Ära zur ersten Rockgarde Europas."

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs als Ambrose Slade:
Beginnings (1969)
Ballzy (1969)
LPs und
Zusammenstellungen Slade:
Play It Loud (1970)
Slade Alive! (1972)
Slayed? (1972)
Sladest (1973)
Slade In Flames (1974)
Old New Borrowed And Blue (1974 US-Titel:
Stomp Your Hands, Clap Your Feet)
The Best Of (1975)
Nobody’s Fools (1976)
Whatever Happened To Slade? (1977)
Slade Alive Volume Two (1978)
Return To Base (1979)
Smashew (1980)
We’ll Bring The House Down (1981)
Till Deaf Do Us Part (1981)
’Coz I Luv You (1982)
On Stage (1982)
The Amazing Kamikaze Syndrome (1983)
Greatz (1984)
Keep Your Hands Off My Power Supply (1984)
Rogues Gallery (1985)
Crackers – The Party Album (1986)
You Boyz Make Big Noize (1987)
Feel The Noize (1997)
The Very Best (2005)
The Slade Box (2006 4-CD-Box)
LPs Slade II:
Emergency (1993)
Keep On Rockin’! (1994)
Wild Nites (1999)
Superyob (2000)
Cum On Let’s Party (2002)

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