Start | SIMPLY RED | Rowohlt-Biografie

SIMPLY RED

Im Handel erhältliche Produkte

Simply Red

Biografie

Simply Red kamen 1984 in Manchester, England, auf Initiative des ehemaligen Kunststudenten und Discjockeys Mick Hucknall zusammen und versuchten, die stromlinienförmige Eleganz elektronischen Pops mit dem emotionalen Feuer des traditionellen Rhythm & Blues zu verbinden.

Hucknall, am 8. Juni 1960 in Manchester geboren, hatte zunächst bei der New Wave-Funkband The Frantic Elevators gesungen, die einige Singles für Independent Music-Freaks veröffentlichte. 1981 blieb der Elevator stecken, und Hucknall suchte jahrelang neue Spielkameraden. Simply Red, benannt in Anspielung auf Hucknalls feuerrotes Kraushaar, konsolidierten sich in der Besetzung Fritz McIntyre (kb), Sylvan Richardson (g), Tony Bowers (bg), Tim Kellett (tr), Chris Joyce (dr), "Red" Hucknall (voc).

Ihre erste Single, ein Remake des sozialkritischen Disco-Hits Money’s Too Tight (To Mention) der Valentine Brothers aus dem Jahre 1982 sowie die darauffolgende LP Picture Book mit der melancholischen Hitballade Holding Back The Years irritierten viele Kritiker wegen Hucknalls verblüffend selbstsicherem Umgang mit schwarzen Vokaltechniken. "Die Einsamkeit eines Jungen aus Manchester kann einfach nicht im traditionellen Blues ausgedrückt werden", befand "City Limits" kategorisch. "Spex" zeigte sich befremdet von dem übertriebenen Eklektizismus der Musiker, die vor allem Aretha Franklin, Sly & The Family Stone, Al Green, James Brown, Ray Charles zu ihren Vorbildern zählten: "Die Zitate fordern mehr Aufmerksamkeit als die Songs, die gut sind, die Stimme, die schön ist und sehr weiblich klingt, und die Produktion, die altmodisch und modern zugleich ist."

Dennoch, erkannte "Stereo Review", reihte sich Hucknall mit der Platte "auf Anhieb in die Riege der großen Soulsänger in den achtziger Jahren" ein. Sein publikumswirksames, kapriziöses Gebaren, das zwischen Zärtlichkeit, Aufsässigkeit, Verletzlichkeit und Selbstgefälligkeit pendelte, machte ihn mit seinen Musikern zu einer Live-Attraktion. "Wenn sie so bleiben", orakelte "Billboard" nach den ersten Konzerten, "dann haben Simply Red ganz simpel eine große Zukunft vor sich." Und "Rolling Stone" vermutete: "(Hucknall) könnte der erste weiße Soulsänger aus England sein, der über die talentierte Mimikry hinaus seine eigene bequeme Nische findet, in der er weder sein Talent überstrapaziert wie Paul Young oder verplempert wie Boy George."

Das "Boy George-Syndrom" ereilte Simply Red beim dritten Album A New Flame (1989): "Sie waren vielversprechend, ihnen glückte ein eigener Stil, und dann versanken sie, so schnell wie sie aufgestiegen waren, in Manieriertheit und Mittelmaß" ("Q"). Hucknall heuerte und feuerte seine Musiker al gusto und ließ keinen Zweifel, wer der Boss war: "Simply Red waren nie eine Band, sondern immer ein Soloprojekt. Ich betrachte mich eher als einen Nachfolger Duke Ellingtons."

Huldvoll nahm er für die Single If You Don’t Know Me By Now 1990 einen Grammy ("Best Rhythm & Blues Song") entgegen. Obgleich er gern mit seinem Designer-Dress renommierte ("Früher war es Moschino, nun ist es Krizia, der meine Bühnenklamotten schneidert"), wählte ihn das englische Zeitgeist-Magazin "Arena" unter den am schlechtesten angezogenen Männern Großbritanniens 1991 auf Platz drei. Nach dem Tantiemensegen aus seinem Album Stars (1991), bis zum Nachfolgealbum Life (1995) weltweit neun Millionen Mal verkauft, zog er sich aus Steuergründen monatelang nach Mailand zurück, hörte alten Jazz, kochte und genoss die italienische Pasta-Kultur. Spitzname in Italien: Testa di Spaghetti (Spaghettikopf).

Obgleich sich die Kritiker ziemlich einig waren, dem "Marvin Gaye von Liverpool" ("Q"), der "derart viel Soul-Vergangenheit aufgreift, dass man schon nicht mehr zu fragen wagt, wer da alles Pate gestanden haben könnte" ("Szene"), fehle es "einfach an Wärme und Glamour, um mehr zu sein als eben ein Sänger, der ganz gut singen kann" ("Der Spiegel"), brachte es der Rotkopf immer wieder fertig, dass sich die Medien gebetsmühlenhaft mit ihm beschäftigten. "Der Spiegel" 1992: "Mick Hucknall ist ein begabter Langweiler, zu dessen Musik eine Menge Menschen gern tanzen, Auto fahren oder abwaschen – gehobenes Bacardi-Feeling für Kreditkartenbesitzer." "Der Spiegel" 1995: "Hucknall produziert das angenehme und konstante Hintergrunddudeln in einer Popwelt, in der die meisten nur Sternchen für eine Single sind: Gebrauchsmusik für die zehn Minuten Gefühl, die sich schnelle, moderne Menschen zwischen Fitness-Studio und Sushi-Bar leisten."

Die Quintessenz aus so viel Einsicht machte beim mit Coverversionen wie The Air That I Breathe (Hollies) oder Mellow My Mind (Neil Young) angereicherten Album Blue (1998) eine weitere Simply Red-Story des Nachrichtenmagazins überflüssig: "Hucknall verkörpert den Star-Typus der neunziger Jahre" – selbstgefällig, oberflächlich, imitativ. Bei einer Pressekonferenz in Berlin im Mai 1999 auf das "halbgebackene Album" ("The Times"), den "Schmuse-Flop Blue" ("Zitty"), angesprochen, antwortete Hucknall: "Es war doch nur als Spaß gedacht. Die Leute haben es viel zu ernst genommen." Aber nicht doch: Blue erwirtschaftete Platin und belegte in der ersten Verkaufswoche in England Platz eins, in den USA allerdings nur 145.

Das machte die Nähe zum richtigen Rhythm & Blues. Mit einer "verzwickten Kreuzung aus schwitzigem Stax-Soul und süßer Phillysound-Kuvertüre", die Matthias Inhoffen der Single Ain’t That A Lot Of Love aus dem darauffolgenden Album Love And The Russian Winter (1999) in "Stereoplay" bescheinigte, durfte man den Amis nicht kommen. In Europa aber war, wie der "Musikmarkt" zum Start des "Russischen Winters" zufrieden mitteilte, Hucknalls Pop-Wohlklang "auch 1999 so beliebt wie Freibier, Ferien und Benzinpreissenkungen".

Da war, logisch, auch wieder mal eine Greatest Hits-Sammlung fällig, die letzte lag bereits fünf Jahre zurück. EastWest legte sie dem Multimillionär mit dem Edelstein im Eckzahn und seinen vielen Fans unter dem Titel It’s Only Love zu Weihnachten 2000 auf den Gabentisch. Und weil sie so gut ankam (UK 13, Deutschland 35), bitte gleich noch einmal: The Very Best (2003). Noch einmal? Bei Simplified (2005) wurde die Wiederverwertung der alten Copyrights wenigstens schamhaft durch überwiegend akustische Neueinspielungen kaschiert und mit einem einzigen neuen Song ( Perfect Love) verbrämt – wiederum erfolgreich: UK 3, Deutschland 4.

Wirklich Neues gab es im Album Home (2003) mit einem breiten Songspektrum aus Covers und Originals zwischen dem fetzigen Fake, dem schmachtenden It’s You und dem schwelgerischen Titelstück. Jörn Schlüter ("Rolling Stone") qualifizierte diesen "perfekt inszenierten und mit großer Souveränität vorgetragenen White Soul" als das Werk eines Menschen, "der im eigenen Hier und Jetzt ankommt und das Suchen nach Novellen und Revolutionen anderen überlässt".

Wo hatte der geschätzte Kollege auf den bis dahin 45 Millionen verkauften Tonträgern von Simply Red bloß Anklänge an Revolutionen gehört? Die Coda der Platte, in der Mick Hucknall allein am Piano noch einmal den Bogen zum Titeltrack am Anfang schlug, kam überzeugend: "Fake cool image should be over, ’cause I long for a feeling of home / Real life, depicted in song / A loving memory / After long, home is a place where I yearn to belong." Hopefully.

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Picture Book (1985)
Men And Women (1987)
A New Flame (1989)
Stars (1991)
Life (1995)
Blue (1998)
Love And The Russian Winter (1999)
Home (2003)
Simplified (2005)
Stay (2007)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Greatest Hits (1996)
It’s Only Love (2000)
The Very Best (2003)

Ähnliche Künstler