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SIMONE, NINA

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Simone,Nina

Biografie

Nina Simone (voc, p), bürgerlich: Eunice Kathleen Waymon, als sechstes von acht Kindern eines schwarzen Handwerkers und einer Methodistenpredigerin am 21. Februar 1933 in Tryon, North Carolina, geboren, hatte ihren Weg zwischen Jazz und bluesgefärbter Popmusik gesucht – mit dem Ergebnis, dass sie in beiden Bereichen anerkannt, aber kein großer Star wurde. Dabei sang sie traditionelle Blues ( Trouble In Mind), schwarze Jazzstücke ( Work Song) und weiße Show-Melodien ( Pirate Jenny) stets mit mehr Soulfeeling als fast jede andere Interpretin. Erst als sie sich Mitte der sechziger Jahre mit Afrofrisur und einem exzellent zusammengestellten sozialkritisch-politischen Repertoire zur musikalischen Bür-gerrechtskämpferin wandelte und auch selbstgeschriebene oder von ihr vertonte Protestsongs ( Mississippi Goddam, Old Jim Crow, Backlash Blues, Revolution) sowie Dylan-Songs tremolierte, wurde sie vom Rockvolk als "Hohepriesterin der Soulmusik" (LP-Titel) akzeptiert.

Die Urszene, die ihr Leben bestimmen sollte, beschrieb Konrad Heidkamp im Buch "It’s All Over Now": "Als die elfjährige, musikalisch hochbegabte und fleißige Eunice Waymon ihr erstes Konzert mit klassischer Musik gibt, muss sie zusehen, wie man ihre Eltern aus der ersten Reihe nach hinten komplimentiert. Sie steht auf und erklärt, sie werde so lange nicht anfangen, bis ihre Eltern nach vorne zurückkehren. So geschah es. Sie spielte, die Weißen liebten den rührenden Starrsinn der kleinen Eunice, zu deren Klavierausbildung sie einen Fonds ins Leben gerufen hatten. Sie lachten."

Ihre unverwechselbare Modulation hatte Nina Simone in der heimischen Gospelkirche gelernt, ihr hohes musiktheoretisches Wissen ging auf Studienjahre am New Yorker Juilliard-Konservatorium und am Curtis Institute of Music in Philadelphia zurück. Den Wunsch, Konzertpianistin zu werden, gab sie 1954 auf, nachdem sie in einem Philadelphia-Nightclub mit dem Gershwin-Song I Loves You, Porgy die emotionale Wirkung ihrer Altstimme erprobt hatte. "Mein ganzes Leben lang", bekannte sie später, "habe ich herausschreien wollen, was es heißt, eingekerkert zu sein. Denn ich kenne die tödliche Stille des gesellschaftlichen Gefängnisses, in dem man als Farbiger lebt."

1974 verabschiedete sie sich zum ersten Mal vom Showbusiness, hielt es aber nur vier Jahre als neurotische Hausfrau aus. Im Januar 1978 wurde in Brüssel von Creed Taylor ein höchst persönliches Song-Bouquet für CTI-Records mit ihr aufgenommen. Neben Liedern wie The Family und My Father enthielt es vor allem den von Randy Newman komponierten Titelsong, mit dem sie abermals ihr sozialpolitisches Engagement klarmachte und der ihr zum Hit geriet: Baltimore.

Darauf folgten noch viele Abschiede und viele Comebacks, Ausdruck ihrer "Verwirrung zwischen Überlebenswillen und Selbstzerstörung, Neurose und Krankheit" – so Don Shewey 1983 in der "Village Voice", und: "Sie ist keine Popsängerin, sondern eine Diva, eine hoffnungslose Exzentrikerin." – "Nimm ein schmerzvoll erworbenes Wissen von Grausamkeit, von Unrecht und Frustration, gepaart mit sensibler Wachheit für diese Dinge", versuchte der Kritiker Nat Shapiro zu erklären: "Dazu etwas Humor, bitteren mitunter, Intelligenz, Talent und die unbedingte Notwendigkeit, Liebe zu erfahren und zu geben. Dann hast du Nina Simone."

Niemals war vor ihren Auftritten klar, ob sie überhaupt singen würde, ob sie Nervenzusammenbrüche hatte oder vorschützte, ob sie in langen Tiraden ihre Angst ausschüttete, keine Gage zu bekommen, oder ob die Steuerbehörde die Gage tatsächlich wieder einmal pfändete. Nicht einmal, ob sie ihren immer wieder gewünschten Hit Porgy vortragen würde, war sicher. Oft schockierte sie ihre Fans: "Porgy ist ein Krüppel, und ich mag keine Krüppel." In ihrem Album Nina’s Back (1985) war der Song wieder enthalten – umfunktioniert zu einer Erinnerung an den Anfang ihrer Karriere.

Ausgelöst wurde das Comeback von 1987 durch eine Wiederveröffentlichung ihres Standards My Baby Just Cares For Me als Soundtrack einer Parfüm-Reklame für Chanel No. 5, der dann seinen Weg in die Hitparaden fand. 1989 beteiligte sie sich an Pete Townshends Album Iron Man. 1991 veröffentlichte sie ihre mit Stephen Cleary verfasste Autobiographie "I Put a Spell on You" (deutsch: "Meine schwarze Seele") und löste damit ein weiteres Comeback aus: John Badham verwendete fünf Simone-Songs für seinen Film "Point of No Return", Elektra investierte ein stattliches Produktionsbudget in die Neuerscheinung A Single Woman (1993) mit opulenten, düster lastenden Streicherarrangements von Standards wie If Ever I Should Lose You, The Folks Who Live On The Hill. Die bewegendste Interpretation gelang ihr – ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters – mit dem Song Papa Can You Hear Me aus Barbra Streisands Film "Yentl".

Nach jahrelangen Aufenthalten in der Schweiz, Liberia, Barbados und Großbritannien nun in Südfrankreich ansässig, gab sie im August 1993 im Bacon Theatre an New Yorks Upper West Side ein Konzert, das zum "überhitzten Melodram" ("New York Times") missriet. "Ich komme nicht oft nach Amerika", rief sie ins Publikum: "Man könnte mich töten." Und beim Abgang: "Kauft meine Platte, kauft mein Buch!" Das Selbstporträt der selbsternannten "Reinkarnation einer ägyptischen Königin" war, so "Der Spiegel", "eine Sammlung von bitterbösen Attacken gegen das Showbusiness, eine wütende Abrechnung mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, eine weinerliche Anklage gegen zwei nichtsnutzige Ehemänner und unzählige Bills, Jims, Als und Dons: allesamt Nieten, die der großherzigen Nina nur Unglück brachten".

Die Strategie, die sie für ihre Konzertreisen gleich einem Einsatz in Feindesland enthüllte, ließ auf Paranoia schließen: "Man plant seine Kampagnen, rekrutiert seine Truppen, rüstet sie ordentlich aus, und dann kämpft man, bis die gewünschten Städte erobert sind. Dann gräbt man sich ein und verteidigt seine Stellung." Im Sommer 1995 wurde Nina Simone in ihrem Wohnort Aix-en-Provence in Südfrankreich zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung und zu einer Psychotherapie verurteilt, weil sie auf zwei 15-jährige Jungen, die neben ihrer Villa spielten, geschossen und einen von ihnen mit 15 Schrotkugeln schwer verletzt hatte: "Sie waren so laut." Ein Gerichtsgutachter: "Frau Simone fühlte sich von den Nachbarn nicht gebührend beachtet."

1997 veröffentlichte RCA 16 zum Teil vordem unveröffentlichte Aufnahmen aus ihrer Glanzzeit in den Sixties: Saga Of The Good Life And Hard Times. "Sie hat ihr Gewehr im Kopf", resümierte Konrad Heidkamp, "ihre unzerstörbare Sehnsucht nach Liebe, ihren peinlichen Traum von Gerechtigkeit, ihre gebrochene Stimme. Die große Revolutionsoper, die sie versöhnen würde, ist nicht in Sicht." Sie war Ehrendoktorin der University of Massachusetts sowie des amerikanischen Malcolm X College und legte am Ende ihres Lebens Wert darauf, mit "Frau Doktor" angesprochen zu werden. Zwei Tage vor ihrem Tod verlieh ihr das Curtis Institute ein Ehrendiplom, dieselbe Ausbildungsstätte, von der sie vor ihrer Karriere einmal abgelehnt worden war.

Nina Simone starb am 21. April 2003 in Carry-le-Rouet, Südfrankreich, an Krebs. Drei Jahre später machten sich die DJs Tony Humphreys, François K und andere Remixer für das Album Remixed & Reimagined (2006) über ihre Hits her und modelten sie durch Stückeln und Addieren von Beats und Sounds zu Dancefloor-Stücken um.

"Simone selbst war ebenfalls in erster Linie eine Neu- und Uminterpretin", versuchte Frank Schuster in "Good Times" den Anschlag zu rechtfertigen, "drückte nicht nur Jazznummern, sondern auch Popsongs wie Here Comes The Sun oder To Love Somebody ihren ganz eigenen Stempel auf. Auch diese Stücke durchleben hier Metamorphose drei: von Pop zu Jazz zu Dancefloor. Nicht nur re-animiert, re-imaginiert." Dass das in ihrem Sinne war, darf heftig bezweifelt werden.

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

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