SETLUR,SABRINA
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Biografie
Sabrina Setlur (voc), als Tochter indischer, über die USA nach Deutschland immigrierter Eltern am 10. Januar 1974 in Frankfurt/M. geboren, stieg 1997 mit ihrem 300000-mal verkauften Rap-Debüt Die neue S-Klasse in der "Echo"-Wertung der Deutschen Phono-Akademie zur "Besten nationalen Künstlerin" auf, indem sie den bisherigen bundesdeutschen HipHop konterkarierte: "Niemand hat geredet, wie viele Rapper gerappt haben" ("Süddeutsche Zeitung"). Das Beste an Sabrinas Sprache sei, so der SZ-Feuilletonist Christoph Amend, "dass man sie gar nicht richtig versteht. Weil bei ihr, wie das eben vorkommt in Hessen, die Konsonanten grundsätzlich weich geredet werden, aus dem Buchstaben T ein D wird oder aus einem CH ein SCH. Dieses Weichreden macht erst möglich, was man im HipHop den flow nennt: Die Reime fließen, und es ist gar nicht immer wichtig, was da gesagt wird. Es muss sich nur gut anhören."
Der Fama zufolge war diese Qualität ihrem Schulfreund Thomas Hofmann kurz nach ihrem Abitur im Frühling 1994 bei einer gemeinsamen Autofahrt im Taunus erstmals aufgefallen: Sabrina rappte zum Autoradio-Song Nothing But A 'G'Thang von Dr. Dre. Hofmann, Partner des Produzenten Moses Pelham im soeben gegründeten Rödelheim Hartreim Projekt, rekrutierte die Studien-Anwärterin (Betriebswirtschaftslehre) für eine Rap-Strophe auf dem Album Direkt aus Rödelheim ("Rolling Stone": "Ein stilisierter Frankfurter Ghetto-Slang, in dem es vor Tschabos und Fotzenleckern nur so wimmelt").
Studium ade! Schwester S., so ihr Profi-Logo, stieg beim Rödelheimer Produktionsteam 3p als Kaffeeköchin, Telefonistin, Assistentin von Moses Pelham ein und ließ sich auf ihrer ersten eigenen CD S. ist soweit im Hit Ja klar von ihren Kollegen anrappen: "Schwester, Schwester, für mich bist du wie Sahnetorte, ich möchte dich mal probieren." TV-Viva zeichnete die spröde Schöne, die auf dem Cover mit Bomberjacke, Katzenpulli und Springerstiefeln posierte, als "besten HipHop Act 1995" mit einem "Kometen" aus.
Das nächste Album Die neue S-Klas-se wurde 1997 unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht, mit einer Goldenen Schallplatte prämiert und enthielt die Nummer-eins-Single Du liebst mich nicht. Rüde raunzte sie über ihr Konkurrenz-Duo aus Dortmund: "Wie auf'm Klo is' die Scheiße von Toe, Tic und Tac / ungefähr zwei Kalorien ohne Erfrischung und Geschmack / Ich pack euch in 'nen Sack und schmeiß den ganzen Sack ins Wasser / Die Dicke quillt dann weiter auf und die bunten Zwei werden blasser."
Setlur 1997: "Ich bin nun eine eigenständige Künstlerin und nicht mehr nur das Badewasser-Babe meiner beiden Hasis." Bei der Veröffentlichung ihres dritten Albums Aus der Sicht und mit den Worten von ... (1999) schränkte sie das wieder ein: "Moses gibt mir ein paar Tapes mit Beats, aus denen ich mir dann die Sachen aussuche, mit denen ich was anfangen kann. Ich kick dann meine Texte, und die weitere Produktion machen Moses und Martin Haas. Ich hab zwar schon mal versucht, ein paar Ideen beizusteuern, aber ich muss sagen, als Künstler ist man manchmal etwas übermotiviert und hat Ideen, die oft gar nicht passen."
Gleichwohl erreichte sie damit, Chartposition drei in Deutschland, ihren bis 2006 höchsten Verkaufswert in den deutschsprachigen Ländern. Die Grundstimmung ihres dritten Albums, so versuchte der "Musikexpress" den Erfolg von Sabrina Setlur bei den Spät-Teens der Jahrhundertwende zu erklären, wechsele ständig "zwischen nachdenklicher, manchmal gar zärtlich-gehauchter Lebensbilanz und böse-aggressivem Um-sich-Schlagen gegen alles und jeden, was der Entfaltung des wilden Lebensgestaltungswillens entgegenstehen könnte". Eine noch bessere Erklärung war aber wohl ihre Aufrichtigkeit.
Sabrina Setlur war Identifikationsfigur gerade in ihren Handikaps. "Als ich vor zwei Jahren hier war, habe ich gesagt, dass ich nicht tanzen kann", so der "eiskalte Engel des deutschen Rap" ("Rolling Stone") 1997 im Berliner Tempodrom: "Jetzt muss ich leider zugeben, dass ich nicht mal singen kann." "Frankfurter Rundschau": "Und so kommt unterm Strich dabei nur ein ziemlich reduzierter Rotzlöffel-Gehalt zustande - ähnlich dem der Halbwüchsigen-Gang, die bei Rot grölend und aufreizend langsam über den Zebrastreifen schlendert und auf der anderen Seite triumphiert, wenn zwei Autos abbremsen mussten: Wow, denen haben wir's aber gezeigt."
Nicht durch äußere Umstände, ganz und gar selbst verschuldet kam Sabrina Setlurs Karriere im Jahr 2000 ins Trudeln. Als "kühle Sprechgesangsqueen in Designerklamotten" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") ließ sie sich den Kulturpreis der SPD überreichen, nahm an einer Kindermodenschau in Offenbach teil und machte als buntes Huhn im erotischen Gehege der deutschen Sportskanone Boris Becker Schlagzeilen, aber keine gute Figur. "Unsere Beziehung ist eine junge Pflanze, die gegossen werden muss", war das Romantischste, was der omnipotente Tennis- und Werbe-Star ("Bin ich schon drin?") zwischen Scheidungskrieg in Florida (Babs) und One-Night-Stand in London (Angela Ermakowa) zum Thema Sabrina von sich gab. Seine süffisante Antwort auf die Reporterfrage, was ihn an ihr so fasziniere, konnte zu ihrer street credibility jedenfalls kaum beitragen: "Das ist nun wirklich nicht jugendfrei." Das Ende der Affäre brachte das Society-Blatt "Gala" auf die Schlagzeile: "Das war wohl nichts."
Das Ende 2003 mit dem Album Sabs, Chartposition elf, angestrebte Comeback misslang. Von den vier ausgekoppelten Singles erreichte keine die Top Twenty, zwei davon landeten weit abgeschlagen auf den Plätzen 52 (Liebe) und 65 (Mein Herz). Im "Musikexpress" beklagte Marcel Anders, dass "die Pelham'schen Beats zu sinfonischem Pathos immer noch dieselben sind wie Mitte der Neunziger und Sabrina immer noch den nervigen Hessenslang draufhat". Ihr "wütender Scheiß von der Alten, die so drall ist wie ihr Arsch", sei "antiquiert", wütendes Dissen "genauso out wie das selbstherrliche Betonen, die Beste und Stärkste zu sein".
Mit ihrer Teilnahme an der uncoolen deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest 2004 sowie an der Jury der TV-Casting Show "Popstars" ließ die Rapperin abermals kaum ein Fettnäpfchen aus. Ihr Album 10 Jahre (Best Of 1995 To 2004) kletterte nur noch mühsam bis zur 61. Stufe die deutsche LP-Hitleiter empor.
Für Rot setzte ihr Produktionsteam voll auf den Soundtrack, griff sich den Ohrwurm I Think I Like It von den Eurythmics als Basis von Sweet Dreams und bereitete der Rapperin ein opulentes Ambiente aus energetischen Tanzbeats, Piano-Romantik und Streicher-Schaum.
Die Kritik honorierte den Einsatz und zuckte beim Star wieder bedauernd mit den Schultern: "Klar gilt Setlur als wichtigtuerische Krawallmandel, baut sie vor allem auf adaptierte Eighties-Hits, sind ihre im Kinderreimstil gereimten Texte meist Kitsch oder platt. Trotzdem hat die Platte eine explosive Energie, wie man sie selbst auf Dance- und HipHop-Platten selten findet" (Joachim Hentschel, "Rolling Stone"). - "So abwechslungsreich die Instrumentalisierung und so gut die Mischung aus Samples und eingespielten Stücken auch ist: Viel zu selten gelingt es Setlur, die Monotonie ihres Flows zu überwinden" (Torsten Landsberg, "Tip").
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
S. ist soweit (1995)
Die neue S-Klasse (1997)
Aus der Sicht und mit den Worten von
(1999)
Sabs (2003)
Rot (2007)
Zusammenstellung:
10 Jahre (2005)

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