ROLLING STONES, THE
Biografie
The Rolling Stones waren die "bad boys" der Rockmusik und zugleich deren Inkarnation: schlicht die perfekteste Rockband der Welt. Trotz der Multi-Millionen-Umsätze ihrer Platten, trotz ihrer Luxusvillen, Schlösser, Landhäuser und Wagenparks haben sich Mick Jagger (voc), Keith Richards (g), Brian Jones (siehe Bios), später der am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City, Hertfordshire, geborene Mick Taylor (g) und von 1975 an der am 1. Juni 1947 in London geborene Ron Wood (g, voc), Bill Wyman (bg; siehe Bio) aus Penge, geb. am 24. Oktober 1936 als William George Perks, sowie der am 2. Juni 1941 in Islington geborene Charlie Watts (dr) das Rebellen-Image bewahren können.
Sie hatten sich mit ihren Sex- und Drogenausschweifungen konsequent über bürgerliche Moralvorstellungen hinweggesetzt und galten daher als schmutzige, böse, aggressive Exponenten einer neuen proletarischen Musik. Wo sie in den Jahren 1964 bis 1967 auftraten, stets in Riesenarenen, ging nicht selten das Mobiliar zu Bruch. Was dort erklang, erkannte der Regisseur Jean-Luc Godard, der sie in seinem Film "One plus One" porträtierte, "könnte der Beginn einer Revolution sein". In ihrem größten Hit (I Can’t Get No) Satisfaction entdeckten die Fans "die Aufforderung an jeden Einzelnen, sich nicht länger einzuordnen, unterzuordnen, sich nicht länger die Befriedigung zu versagen, deren Erfüllung doch längst schon möglich ist" ("Die Zeit").
Die meisten jedoch hatten überhört, dass der Rolling Stones-Song Street Fighting Man ("Die Zeit ist reif, in den Straßen zu kämpfen") mit der Zeile endete: "Aber was kann ein armer Junge anderes tun, als in einer Rock ’n’ Roll-Band zu singen?" Für das Selbstverständnis der Rolling Stones war "revolutionärer Heroismus stets lediglich eine Pose" und "der Rock ’n’ Roll nur ein wenig Paprika auf dem atomaren Fern-seh-Abendbrot" (so der US-Kritiker Stanley Booth).
Zugegebenermaßen ging es ihnen immer nur um die Freiheit, ihre Musik und Geld zu machen. Beides konnten sie optimal verwirklichen. Gleichsam nebenbei widerlegten sie in ihrer langen Karriere "die dumpf und ständig wiederholte Losung vom Rock ’n’ Roll, der ewig jung bleibe, während die Musiker alt würden", so Konrad Heidkamp 2005 in der "Zeit": "Sie bleiben ewig jung, der Rock ’n’ Roll ist alt. Keine Frage, frisch geschlüpfte Bands wie Hives, Libertines oder Kaiser Chiefs sind klingender Klon, beliebig abzuleiten aus der Erbsubstanz. Die Rolling Stones erweisen sich als die DNA des Rock ’n’ Roll."
In der ersten Phase hatte die Band, die sich 1962 im Londoner Marquee Club von Alexis Korners Blues Incorporated abspaltete, ausschließlich amerikanisches Bluesmaterial nachgespielt. Im April 1963 entdeckte sie der PR-Agent Andrew Loog Oldham im Londoner Vorort Richmond als Hauskapelle des von Giorgio Gomelsky geleiteten "Crawdaddy"-Clubs. Oldham: "Der hämmernde Beat war purer Sex, und mein Herz tat einen gewaltigen Sprung." Spontan nahm er sie unter Vertrag und vermittelte ihnen einen Decca-Kontrakt. Mit den Jagger/Richards-Kompositionen The Last Time, Satisfaction, Get Off Of My Cloud, 19th Nervous Breakdown sowie den Alben Between The Buttons und Aftermath, in denen sie "den Rhythm & Blues neurotisierten" (so der deutsche Stones-Experte Franz Schöler), fanden sie nach 1965 ihren eigenen, ungeheuer ökonomischen Stil: Zu einfachen, durch Gitarrenornamente ausgezierten Riff-Figuren steigerte sich Mick Jaggers Gesang auf einen explosiven Spannungshöhepunkt. "Die Beatles wollen euch an den Händen halten", erkannte der Schriftsteller Tom Wolfe, "die Stones hingegen wollen eure Stadt niederbrennen."
Mit einem plastischen Flimmerbild der fünf Musiker im Märchengewand als Cover wurde die Gruppe 1967 psychedelisch: Ihr Album Their Satanic Majesties Request offenbarte ein phantastisches Pop-Universum zwischen Ganges und Galaxis, durch das Strawinsky, Bach und Stockhausen geisterten, in dem es elektronisch zwitscherte, blubberte und schwirrte, in dem Lachen und Schnarchen widerhallte und die satanischen Majestäten den LSD-frommen Choral anstimmten: "Warum singen wir nicht alle zusammen und warten, bis die Bilder kommen?" – Ein Song trug den Titel "2000 Lichtjahre von zu Hause", ein anderer verkündete: "Mein Name ist nur eine Nummer, ein Stückchen auf einem Plastikstreifen."
Diese Pop Art, neben dem Sgt. Pepper-Album der Beatles immerhin die phantasiereichste, die es in der Rockmusik gab, wurde von vielen Kritikern (Schöler: "Völlig unglaubwürdig") nicht goutiert. Deshalb erinnerten sich die Rolling Stones wieder ihrer alten Underground- und Kloaken-Perspektive. Für die Platte Beggars Banquet, auf der Jagger die Liebeskünste eines 15-jährigen Mädchens pries, um "Verständnis für den Teufel" warb und "jeden Polizisten einen Verbrecher" nannte, reichte die Gruppe der Plattenfirma Decca ein Coverbild ein, das eine verschmutzte Toilette mit ordinären Slang-Graffiti zeigte. Als die Firma den Entwurf ablehnte, gingen die Stones vor Gericht und trennten sich schließlich wegen dieser und anderer Schwierigkeiten von Decca, um ihr eigenes Plattenlabel zu gründen. Jagger: "Wenn wir ihnen heute erlauben, über die Verpackung zu bestimmen, werden sie uns morgen vorschreiben, was wir singen dürfen."
Mit fast jeder ihrer LPs hatten die Musiker das Blues- und Rockschema ihrer Musik in der Folge weiter differenziert. Sie ließen Hillbilly-Fideln, Harlem-Saxophone und Mundharmonikas erklingen, gospelten wie in der Kirche und intonierten Folksongs im Stil von Bob Dylan. Auf Let It Bleed ließen sie den Londoner Bach-Chor jubilieren; auf Sticky Fingers (mit einem Hüllenentwurf von Andy Warhol) beschrieb Jagger die letzten Minuten eines sterbenden Fixers, der nur noch von fern die Sirene des Ambulanzwagens hört, den Doktor nicht mehr erkennen kann und um eine letzte Morphiumspritze bettelt. Auf Exile On Main Street stimmten sie mit zahlreichen prominenten Gastmusikern (etwa Billy Preston, Nicky Hopkins, Bobby Keyes) erneut den Outcast-Blues der Spieler, Komödianten und Trunkenbolde an, ein Lied der Penner, Prostituierten und Pimps voller Aggression, Obszönität und Poesie.
Von Jahr zu Jahr hatten die Stones auch ihre Live-Auftritte und Tourneen, die zunehmend im Stil eines Industrieunternehmens geplant wurden, zu gewinnträchtigen Ritualen perfektioniert. Bei ihrer USA-Tournee 1969, die ihnen bei 7,23 Millionen Mark Einnahmen eine Gage von 4,1 Millionen einbrachte, im Film "Gimme Shelter" dokumentiert wurde und mit dem Mord-Desaster von Altamont endete, spielten die "Teufelsschüler", diese "elektrisch verstärkte Straßengang" ("Saturday Review"), besser und energetischer als je zuvor. Zum Vergleich: Bei ihrer zweiten Deutschlandtournee 1967 lagen die Eintrittspreise zwischen acht und 18,50 Mark, bei der elften ("A Bigger Bang" 2006) zwischen 75 und 225 Euro, also umgerechnet 150 bis 450 Mark. Bei ihrer US-Konzertreise 1972 hatten sich 560000 New Yorker Rockfans schriftlich um die 20000 Eintrittskarten zum Stones-Konzert im Madison Square Garden beworben; die Karten zu sechs Dollar mussten ausgelost werden.
Das "organisierte Chaos" dieser Tournee, ein "Triumphzug von Macht, Kraft, Perversion, Liebe, Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll" (Journalist Edi Schwager), wurde von Robert Greenfield im Buch "STP – A Journey Through America with the Rolling Stones" beschrieben und im Auftrag der Stones von Robert Frank im Film "Cocksucker Blues" ausführlich dokumentiert. Aufgrund intimer Innenansichten – Keith Richards lässt sich bei einer Gruppensex-Party im Tourneejet einen Heroinschuss setzen – blieb der Film unter Verschluss. (Erst 1984 wurden einige Sequenzen daraus in das 60-Minuten-Video "Rewind" eingebaut.) Ein offizieller, harmloser Konzertfilm, im Juni 1972 in Texas aufgezeichnet, fiel beim Publikum durch.
Umstritten waren die Rolling Stones, die sich aus Steuergründen in Südfrankreich angesiedelt und sich künstlerisch auf eine reine Entertainment-Position zurückgezogen hatten ( It’s Only Rock ’n’ Roll, But I Like It), in den siebziger Jahren wie eh und je. Während ein Teil der Kritiker in ihren Konzerten nur mehr eine trotzige Kraftanstrengung, ein letztes Aufbäumen vor dem Ende sah, diagnostizierte ein anderer Teil einen fortschreitenden musikalischen Reifungsprozess. "Hatte der Rock am Anfang Musik in eine Zeitstimmung überführt, so überführen die Stones eine Zeitstimmung in Musik. Sie heizen keine Emotionen an, sie drücken sie aus" ("Die Zeit").
Von 1972 an gingen die Stones nur noch etwa alle drei Jahre auf Tournee. Vor der Konzertreise 1975 erklärte Gitarrist Mick Taylor seinen Abschied und wurde durch Ron Wood von den Faces ersetzt. Die Musiker sonnten sich nach ihren Konzerten auf Partys im Glanz von Schickeriagrößen wie Andy Warhol, Truman Capote, Tennessee Williams oder Prinzessin Radziwill und schienen in den "Jahren des bequemen Mittelmaßes" (Jagger-Biograph Peter Urban) 1973 bis 1976 mit LPs wie Goat’s Head Soup, It’s(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
The Rolling Stones (1964)
The Rolling Stones No. 2 (1964)
Out Of Our Heads (1965)
Aftermath (1966)
Between The Buttons (1967)
Their Satanic Majesties Request (1967)
Beggars Banquet (1968)
Let It Bleed (1969)
Get Yer Ya-Ya’s Out (1970)
Sticky Fingers (1971)
Gimme Shelter (1971)
Exile On Main Street (1972)
Goat’s Head Soup (1973)
It’s Only Rock ’n’ Roll (1974)
Metamorphosis (1975)
Black And Blue (1976)
Love You Live (1977)
Some Girls (1978)
Emotional Rescue (1980)
Sucking In The Seventies (1981)
Tattoo You (1981)
Still Life (American Concert 1981)
(1982)
In Concert (1982)
Undercover (1983)
Dirty Work (1986)
Steel Wheels (1989)
Flashpoint (1991)
Voodoo Lounge (1994)
Stripped (1995)
Bridges To Babylon (1997)
No Security (1998)
Live Licks (2004)
A Bigger Bang (2005)
Shine A Light (2008)
LPs (USA-Ausgaben zum Teil gegenüber den britischen Ausgaben mit leicht abweichendem Repertoire):
The Rolling Stones:
England’s Newest Hit Makers (1964)
12 X 5 (1964)
Now (1965)
Out Of Our Heads (1965)
December’s Children (1965)
Aftermath (1966)
Got Life If You Want It (1966)
Between The Buttons (1967)
Flowers (1967)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Bravo! The Rolling Stones (1965)
Big Hits (High Tide And Green Grass)
(1966)
Through The Past, Darkly (1969)
Around And Around (1970)
Stone Age (1971)
Milestones (1971)
Hot Rocks 1964–71 (1972)
Rock ’n’ Rolling Stones (1972)
More Hot Rocks (1973)
Rolled Gold (1975)
Made In The Shade (1975)
Rolled Gold Vol. 2 (1975)
Get Stoned (1977)
Heartbreakers (1981)
Stones Story (1981)
Great Hits (1976)
The Rolling Stones Story (1980, 12-LP-Box)
Collector’s Only (1980)
Story Of The Stones (1982)
Rewind (1984)
Singles Collection:
The London Years (1989)
Jump Back:
The Best Of (1993)
Forty Licks (2002)
Rarities 1971–2003 (2005)
Rolled Gold:
The Very Best Of (2007)
DVD-Boxen (Auswahl):
Four Flicks (2003 vier DVDs)
The Biggest Bang (2007 vier DVDs)
LP Ry Cooder, Nicky Hopkins, Jagger, Watts, Wyman:
Jamming With Edward (1972)
LPs Ron Wood:
I’ve Got My Own Album To Do (1974)
Now Look (1975)
Mahoney’s Last Stand (1976 mit Ronnie Lane)
Gimme Some Neck (1979)
1234 (1981)
Live At The Ritz (1988)
Slide On This (1992)
Slide On Live:
Plugged In And Standing (1993)
Live And Eclectic (2000)
Not For Beginners (2002)
Zusammenstellung:
Ronnie Wood Anthology:
The Essential Crossexion (2006)
LPs Charlie Watts:
Live At Fulham Town Hall (1987)
From One Charlie (1991)
Tribute To Charlie Parker With Strings (1992)
Warm & Tender (1993)
Long Ago And Far Away (1996)
Charlie Watts/Jim Keltner Project (2000)
Watts At Scott’s (2004)
LPs Mick Taylor:
Mick Taylor (1979)
Stranger In This Town (1990)
Arthur’s Club – Geneve 1995 (1995 mit Snowy White)
Coastin’ Home (1995)
Shadow Man (1996)
Mick Taylor All Star Blues Band (1996)
A Stone’s Throw (1998)
Weitere Solo-LPs Mick Jagger, Brian Jones, Keith Richards, Bill Wyman

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