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Radiohead

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Biografie

Radiohead , 1991 in Oxford gegründet, konnten sich im Schatten des Hype um Suede, Oasis und Blur Mitte der neunziger Jahre ungestört ihrer Musik widmen und legten 1997 mit OK Computer eine CD vor, die die frappierende Entwicklung einer lärmenden Gitarrenband hin zu einem Kollektiv strikt gemeinsam agierender Individualisten dokumentierte. Auf der Platte fehlte mit Karma Police zwar nicht die für britische Bands der Neunziger unumgängliche Beatles-Reverenz, Thom E. Yorke, Kopf der Band, hatte es aber verstanden, die scheinbar unvereinbaren Interessen der Bandmitglieder unter einen Hut zu bringen, und sich selbst ein Forum für seine mitunter radikal selbstentblößenden Songs ( Creep auf My Iron Lung) geschaffen.

Yorke (voc, g), geboren am 7. Oktober 1968 in Wellingborough, Northamptonshire, hatte schon als Halbwüchsiger musikalische Experimente in einem Art Pop-Duo veranstaltet: Er spielte Gitarre, während ein Freund Fernsehapparate zertrümmerte. Mit 14 sang er in der Schüler-Punkband TNT, "weil kein anderer das machen wollte". Als TNT explodierte, schloss er sich mit seinen Schulkameraden Edward "Ed" John O’Brien (g), geb. am 15. April 1968, und Colin Greenwood (bg), geb. am 26. Juni 1969, beide in Oxford, in einer losen Formation zusammen, um eigene Songs zu spielen. Bald musizierten in der Schülerband auch Greenwoods Bruder Jonathan "Jonny" Greenwood (g), geb. am 5. November 1971, und Phil Selway (dr), geb. am 23. Mai 1964 in Hemingford Grey. Noch unter dem Namen On a Friday musizierte die Band in Oxford und fiel dem dortigen Korrespondenten des Musikblattes "Melody Maker" auf. John Harris bemerkte zwar "die nervöse Ruhe und wahnsinnige Verzweiflung" dieser "erstaunlich intensiven Band", stieß sich aber an dem Namen: "Schrecklich. Wie eine biertriefende Pub Rock-Band."

Yorke änderte den Namen in Radiohead – Radio Head war ein Song auf dem Talking Heads-Album True Stories (1986). Parlophone, das traditionsreiche Label der britischen EMI, hatte der Band im September 1991 einen Vertrag gegeben, The Drill EP erschien 1992. Die vier Songs zeigten eine stürmische, oft undisziplinierte Rockband mit einem auf eigenartige Weise in seinen Bann ziehenden Sänger, der manchmal wie Howard Devoto von Magazine klang. Der mitunter brüllende Sound von drei Gitarren, Bassgitarre und Drums war die ideale Grundierung für Yorkes langgezogene Melodiebögen; der raue Gitarrensound nahm seinem Schönklang die sentimentale Spitze. The Drill EP war aber die Platte einer unfertigen, noch unerfahrenen Band. Die amerikanischen Produzenten Paul Q. Kolderie und Sean Slade erklärten sich bereit, das erste Album zu produzieren. Pablo Honey (1993) war in kaum vier Wochen fertig aufgenommen, doch sah es Kolderie als einen Kampf: "Es war ihre erste LP, sie wollten die Beatles sein, und es durfte kein Hallgerät geben, alles Ideen, die man nach 20 Jahren Plattenhören so hat."

Pablo Honey, trotz der harten Hände von Kolderie, Slade und dem Co-Produzenten Chris Hufford alles andere als ausgeglichen klingend, enthielt neben den typischen Radiohead-Songs mit ruhigen Gesangslinien und dazwischenschreienden, querschießenden Gitarrenklängen den grandiosen Song Creep, eine wie mit unterdrückter Wut gesungene Ballade über ein unerreichbares Mädchen, die Beschreibung einer vermeintlichen Mesalliance. Creep zog nach anfänglichen Startschwierigkeiten in Großbritannien das Album mit sich, es erreichte in den USA Platz 32 der Charts, in der Heimat nach der Wiederveröffentlichung Platz sieben. Ende 1993 hielt Yorke die erste Platinplatte in den Händen. Die Musiker, alles andere als Rockstars, sahen sich dem Rockzirkus ausgesetzt: In den USA wurde Yorke beinahe selbst als "Creep" angesehen. Vulgärpsychologische Gründe ließen sich finden, denn Yorke, dessen linkes Auge aufgrund einer angeborenen Muskelschwäche des Lides meist fast geschlossen war, wurde deswegen in der Schule oft gehänselt; sein Haupthaar machte er zum Schauplatz ständiger Experimente. Allzu aufdringliche Taschen-Freudianer beschied er: "Meine Mutter sagt, dass ich ein ruhiges und fröhliches Kind war."

Die Zeit bis zum zweiten Album überbrückte die Band mit einer EP. My Iron Lung (1994) enthielt neben einigen nun schon durchaus disziplinierteren Songs auch eine akustische Fassung ihres Hits Creep. Doch stand die EP bald im Schatten der zweiten LP The Bends (1995) und des Gerüchts, die Band wolle sich trennen. Beides hing unmittelbar zusammen. "Wir wollten Songs schreiben und Musiker sein", klagte Multiinstrumentalist Jonny Greenwood, "und was waren wir ein Jahr lang? Spieldosen." So setzten sie sich selbst unter Druck, eine noch bessere, noch erfolgreichere LP aufzunehmen. The Bends schoss innerhalb einer Woche auf Platz sechs der britischen Hitparade, blieb in den USA trotz ausgedehnter US-Tourneen der Gruppe auf Platz 147 hängen und kam erst nach einigen Wochen auf Platz 88. Die Erfahrungen, die sie mit den Aufnahmen zu The Bends gemacht hatten, wollte Yorke nicht wiederholen. "Es ist sehr einsam", sagte er über das Songwriting während einer laufenden Tour, "aber auch wieder inspirierend. Ich glaube jedoch, dass wir am besten in einer gewissen Isolation arbeiten können."

Für OK Computer (1997) ließen die Musiker sich ein mobiles Studio bauen und nahmen die Songs schließlich im Landhaus der Schauspielerin Jane Seymour auf. Die LP enthielt mehrere potenzielle Hits: das wie ein verschollener Beatles-Song klingende Karma Police, das leuchtende Paranoid Android mit seinen nicht enden wollenden Melodiebögen und schroffen Gitarreneinwürfen, das träumerische Let Down und Exit Music (For A Film), das, wie für einen Soundtrack gemacht, tatsächlich als Ballade in "Romeo and Juliet" auftauchte. "Es gibt keinen besseren Sänger als Thom Yorke", glaubte Gary Gersh, Präsident von Capitol Records, "und keinen aufregenderen Gitarristen als Jonny Greenwood. Und wir geben nicht auf, bis sie die größte Band der Welt sind." Die anderthalbjährige Welttournee mit mehr als hundert Konzerten, auf die sie Capitol schickte, entwickelte sich zur Tortur und wurde im 95-Minuten-Film "Meeting People is Easy" von Grant Gee effektvoll dokumentiert. Bei einem Foto-Shooting in Japan beispielsweise verdichtete sich im Film das Klicken der Apparate peu à peu zu einem Geräuschkonglomerat, bis es schließlich klang "wie das Trommelfeuer von Maschinengewehren" ("Musikexpress").

Kaum ein Kritiker zweifelte am Ende der OK Computer-Tournee daran, dass dieses Album "ein schillerndes Meisterwerk der Rockmusik am Ende des Jahrhunderts", so der Londoner "Guardian", oder gar, wie "Q" wieder einmal übertrieb, "der beste Tonträger aller Zeiten" sei. Mit zwei Premier Awards des "New Musical Express" im Januar beginnend, holten sich Radiohead 1998 beinahe jeden Preis ab, den es für das beste Album einer Rockband irgendwo zu gewinnen gab: den dänischen Grammy in Kopenhagen, den US-Grammy ("Best Alternative Music Performance") in der New Yorker Radio City Music Hall bis hin zu zwei Ivor Novello Awards im Grosvenor House, London. Thom Yorke aber, von dem alle Welt nun ein zumindest adäquates Anschlussalbum erwartete, war am Rand des psychischen Ruins: "Ich hatte eine massive Schreibblockade. Es begann, dass ich alles, was irgendjemand sagte, wahnsinnig interessant fand und auf einem kleinen Zettel notierte. Plötzlich hatte ich Hunderte von solchen Zetteln, auf denen sinnloses Zeug stand. Auf ganz ähnliche Weise sammelte ich Hunderte von Soundschnipseln. Es war lächerlich, aber ich dachte wirklich, ich würde nie wieder einen Song schreiben können."

Fast kam es so weit. Der Titelsong des wiederum mit einem Grammy prämierten Albums Kid A (2000), das Wiegenlied für ein perfekt geklontes Kind namens A, begann mit einem unverständlichen Text. Im Song Everything Is In His Right Place greinte Yorke: "Gestern erwachte ich / lutschte eine Zitrone / zwei Farben in meinem Kopf / Was war es noch, das du mir sagen wolltest?" Yorke erklärte sein Unvermögen zum Vorsatz: "Ich hatte die Nase voll von Melodien, ich wollte nur Rhythmus. Melodien jeder Art fand ich nur noch peinlich." Da man aus dem multistilistischen Kid A-Patchwork mit seiner Fülle angefangener und nicht zu Ende gebrachter Soundschnipsel schwerlich Songs auskoppeln konnte, beschloss er: keine Singles, keine Videos, keine Songtexte im Booklet. Dennoch kannte der Presse-Hype um das "am heißesten erwartete Album des Jahres 2000" ("Musikexpress"), das in England und den USA sofort auf Platz eins schoss, kaum Grenzen.

Mit Ausnahme der Londoner "Times" ("Der Pomp auf Kid A erinnert einen an Brian Eno an einem seiner schlechten Tage oder Genesis an einem ihrer guten") klangen die Rezensionen weltweit überschwänglich und zugleich ratlos wie die von Andreas Obst in der "FAZ": "Man kann die Stücke in ihre Einzelteile und Samples zerlegen, kreischende Gitarrenläufe, schwerfälliges Bassstampfen, nervöse Schlagzeugrhythmen, zackige Blechbläserchöre und allerlei, was aus(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Pablo Honey (1993)
My Iron Lung (1994 EP mit acht Songs)
The Bends (1995)
OK Computer (1997)
Kid A (2000)
Amnesiac (2001)
I Might Be Wrong – Live Recordings (2001)
Hail To The Thief (2003)
In Rainbows (2007)
The King Of Limbs (2011)

Zusammenstellung:
Radiohead Box Set (2007, 7-CD-Box)
LP Thom Yorke:
The Eraser (2006)

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