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R.E.M.

Biografie

R.E.M. (benannt nach dem Medizinerkürzel für "Rapid Eye Movement", der schnellen Augenbewegung von Träumenden) besangen mit "düsterer südstaatlicher Folk-Kunstfertigkeit" ("Rolling Stone") ein mythologisches Amerika, "das eigentlich nur in der Phantasie der Leute existiert hat" (Sänger Michael Stipe), und lieferten "das akustische Äquivalent zu den Filmen von Nicolas Roeg: fragmentarisch, beinahe wirr, aber immer noch akzeptabel für die breite Masse, der zuliebe sie sich an gewisse Regeln halten müssen, wenngleich ihnen zugestanden wird, sich über die Grenzen der Konvention hinwegzusetzen" ("New Musical Express").

Michael Edward "Mike" Mills (bg), geboren am 17. Dezember 1956 in Orange, Kalifornien, William Thomas "Bill" Berry (dr), geb. am 31. Juli 1958 in Hibbing, Minnesota, hatten zusammen in der Studentenband Corncob Webs gespielt, bevor sie 1981 in Athens, Georgia, mit ihren Kommilitonen Peter Lawrence Buck (g), geb. am 6. Dezember 1956 in Berkeley, Kalifornien, John Michael Stipe (voc), geb. am 4. Januar 1960 in Decatur, Georgia, als R.E.M. ihre erste Single Radio Free Europe herausbrachten. Das Kunststudentenimage habe die Band stets gepflegt, resümierte Sascha Lehnartz 2004 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Stipes kryptische Liedtexte machten R.E.M. in den späten Achtzigern zur Lieblingsband von politisch und emotional orientierungslosen Geisteswissenschaftlern vor der Zwischenprüfung. Komischerweise setzte trotzdem der Massenerfolg ein."

Bucks unermüdlich erfindungsreiches, Folk-energetisches Gitarrenspiel, Mills' virtuose, nuancierte Basseinsätze, Stipes düsteres Baritongemurmel schwerverständlicher Bücherwurmlyrik zu Berrys etwas schlaffem Drum Sound erinnerten an Westküsten- und Garagenrockbands der sechziger Jahre, als ob "der 12-Saiten-Sound der Byrds durch eine Post-Post-Hippie-Sensibilität gefiltert und mit einem Hauch altmodischen angelsächsischen Folkgefühls koloriert worden sei" ("Stereo Review"). Die Wortfetzen, die der introvertierte Stipe gelegentlich aus dem Musikmix auftauchen ließ, deuteten Fatalismus, soziale Desorientiertheit, Klage über Bindungsarmut an. "Die Liebe zur Natur und der Schmerz darüber, wie die Leute mit den ihnen anvertrauten Werten umspringen, bringen R.E.M. in Einklang mit der südstaatlichen Tradition, sich nach außen hin frei in einem weiten Land zu fühlen und nach innen an der Paranoia sozialer Konventionen beinahe zu ersticken" ("City Limits").

Seit ihrem als "beste LP des Jahres" ("Rolling Stone") gelobten Debütalbum Murmur (1983) hatten die "nervösen Jungs, die statt in einer Garage in einer alten Kirche übten, auf Ärger aus waren und trotzdem ABBA ganz gut leiden konnten" ("Der Spiegel"), bei nur geringen Formtiefs stetig durch "unverwechselbare Hymnen musikalischer Unabhängigkeit" ("Time") überzeugt. Die "inoffiziellen Anführer einer Rockrebellion von der Basis her" waren ein Beispiel dafür, "dass Rock nicht prinzipienarm und bedeutungslos sein muss, um Erfolg zu haben", und gaben damit "einen beeindruckenden Standard an Integrität" vor, wie "Rolling Stone" bewundernd registrierte. Obwohl das Quartett zunächst nicht den verdienten Aufstieg in die Liga der Superstar-Acts zu schaffen schien, waren R.E.M. dennoch "wegen ihres beispielhaften künstlerischen Engagements und ihres Talents ein unverzichtbarer Teil des amerikanischen Kulturlebens". Die Band arbeitete sich mit kontinuierlich guten bis hervorragenden Schallplatten und Homogenität langsam, aber sicher zum Stadionfüller hoch.

Dabei waren ihre Singles aus erfolgreichen Alben wie Reckoning (1984), Fables Of The Reconstruction (1985), Lifes Rich Pageant (1986) kaum Träger der Massenbegeisterung: In den Charts platzierten sie sich unter ferner liefen, Radiostationen - sieht man von College-Stationen ab - ließen die Finger von der eigenwilligen, keineswegs freundlichen Musik. Extensives Touren 1984 und 1985 festigte die Reputation der Band, führte Anfang 1985 allerdings auch zu einem völligen Zusammenbruch Stipes.

Die sich mitunter unmissverständlich politisch äußernde Band brachte 1987 schließlich zwei Alben in die Plattenläden, Dead Letter Office mit Outtakes und Singles sowie Document, das den endgültigen Durchbruch markierte. Die Leser des britischen "New Musical Express" und des US-amerikanischen "Rolling Stone" bejubelten die Band in Polls und verhalfen R.E.M. zu einem neuen, millionenschweren Plattenvertrag bei Warner Bros. Green (1988), das erste Warner-Album, enthielt "sicherlich keinerlei Konzessionen an den Massengeschmack" ("Rolling Stone"), trotzdem favorisierten die Massen die Musik.

R.E.M. hatten seit ihrem Karrierestart im Süden der USA ihre Ideale nicht verraten, Starrummel schien den Musikern fremd, musikalische Gimmicks unangebracht. Ihre Songs waren "voller Schmerz und Zweifel und trotzdem voll von Beharren und Zauber, Musik von sicheren Verlierern, die dennoch zu Gewinnern wurden" ("Der Spiegel"). Für Kritik wie Publikum überraschend, wartete Out Of Time 1991 mit dem Klang von Mandolinen (Losing My Religion), Streichern und Bläsern (Endgame) sowie dem Gesang von Kate Pierson (B-52's) auf (Shiny Happy People, Me In Honey). "Rolling Stone": "Es scheint, als wären R.E.M. gerade erst in Schwung gekommen."

Die Band war mit Out Of Time zu einer Super Group geworden, ganz in der Nähe der Rolling Stones. Folgerichtig stieg die 1992 veröffentlichte LP Automatic For The People umgehend auf Platz zwei der US-Charts. Stipes Texte "funktionierten als Alltagsenzyklopädie der Popkultur", so "Der Spiegel": "Brettspiele, Sport, Tütensuppen, CNN." - "Düster, mysteriös oder einfach unbegreiflich - das sind Michael Stipes große Ideen", so andächtig. Trotz ihrer spöttischen Verweigerungshaltung wurde die Gruppe mit Anerkennungen überhäuft: kein Preis der Musikindustrie und der Musikpresse, den sie nicht erhielten. Der "fein abgestimmte, ziselierte und teleologisch entworfene Gitarrenlärm" ("Rolling Stone" über Monster, 1994) ging Millionen in die Ohren. Mit einem wuchtigen, wenn auch vertraut klingenden Gitarrenriff (What's The Frequency, Kenneth?) eröffnet, hatte das Album nichts mehr mit den Byrds-Reminiszenzen früherer Platten gemein. Stipe: "Dies ist unser Punkalbum."

Die "Monster"-Tournee wurde durch eine Krankheit Bill Berrys kurz nach Beginn für mehrere Monate unterbrochen. Berry hatte während eines Konzerts in Australien einen Schwächeanfall erlitten, dessen Ursache ein Blutgerinnsel im Gehirn war. Im November 1997 gab der Schlagzeuger bekannt, dass er die Band verlasse. Gitarrist Peter Buck: "Er lebt jetzt in Georgia auf seiner 100-Acres-Farm, sät Gras und schneidet es wieder ab. Alles, was er will, ist, zu Hause zu bleiben."

Als Superstars, die nach New Adventures In HiFi (1996) für weitere fünf Alben einen 80-Millionen-Dollar-Vertrag mit 24-prozentiger Gewinnbeteiligung von Warner erhielten, hatten die Musiker seit langem ein Doppelleben geführt. Ihre Zusammenarbeit mit Billy Bragg und Warren Zevon fiel ebenso in die Jahre um 1990 wie Auftritte unter Pseudonymen: Hindu Love Gods oder Bingo Hand Job. Sie nahmen an Tribute-Alben teil (Walt Disney-Filmmusik, Leonard Cohen) wie an zahllosen Benefizkonzerten zu den unterschiedlichsten Anlässen. Ihrer LP Out Of Time legten sie Karten bei, mit der die Käufer sich in die US-Wahlverzeichnisse eintragen lassen konnten, und unterstützten mit vorformulierten Briefen, die Automatic For The People beilagen, Proteste gegen die anhaltende Arrestierung der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Michael Stipe, "einer der charismatischsten Rockstars der neunziger Jahre", und seine Band R.E.M. galten, so Thomas Hüetlin im "Spiegel", "im Underground als Symbol dafür, dass man im Mainstream landen kann, ohne zum selbstgefälligen Geldtrottel oder zum selbstgefälligen Talkshow-Clown zu werden".

Als die Band, zum Trio geschrumpft, im Herbst 1998 zu Rundfunkkonzerten in Hamburg, Madrid, Stockholm, Wien sowie einem Open Air in Mailand aufbrach, hatte sie das mit Spannung erwartete Album Up im Gepäck. An die Stelle von Berrys Schlagzeug war ein exzessiverer Umgang mit Drum-Computern getreten. Stipe: "Du hörst jetzt, was sonst immer darunter lag. Der Sound hat sich von unten nach oben gedreht. Gitarren und reales Schlagzeug haben wir entweder ganz rausgekickt oder extrem zurückgenommen. Und so musste automatisch alles andere lauter werden." Dabei halfen, von Pat McCarthy produziert, die Gastmusiker Barrett Martin (Screaming Trees, Tuatara), Scott McCaughty (Young Fresh Fellows, The Minus 5), Joey Waronker (Beck), Bruce Kaphan (American Music Club), John Keane, von denen jeder diverse Instrumente und elektronische Klangquellen bediente. Christine Heise ("Tip") registrierte auf dem Album mit erstmals beigelegten Songtexten, das in England auf Platz zwei, in den USA auf Platz drei notierte, "lennonhafte Klarheit ohne Stipe-sche Verdrehungen, große Intensität", Konrad Heidkamp ("Die Zeit") Stipes(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Murmur (1983)
Reckoning (1984)
Fables Of The Reconstruction (1985)
Lifes Rich Pageant (1986)
Document (1987)
Green (1988)
Out Of Time (1991)
Automatic For The People (1992)
Monster (1994)
New Adventures In Hi-Fi (1996)
Up (1998)
Reveal (2001)
Around The Sun (2004)
Live (2007 2-CD + DVD)
Accelerate (2008)
R.E.M. Live At The Olympia (2009)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Dead Letter Office (1987)
Eponymous (1988)
The Best Of (1991)
Singles (1994)
The Automatic Box (1993)
In Time - The Best Of 1988-2003 (2003)
And I Feel Fine
The Best Of The I.R.S. Years 1982-1987 (2006)

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