Pur
Biografie
Pur , 1985 im schwäbischen Bietigheim-Bissingen nahe Stuttgart aus einer Schüler- und Studentenband hervorgegangen, die unter den Namen Crusade und Opus musizierte, war als erfolgreichstes deutsches Popensemble der neunziger Jahre "die Band für den Normalo von nebenan, der nie etwas anderes tut, als von ihm erwartet wird, der in seinem kleinen Unglück auch mal Trost von Mensch zu Mensch verlangt, der sich verstanden fühlen will von jemandem, der so ist wie er selbst" ("Der Spiegel").
Mit ihrem Leadsänger und Texter Hartmut Engler an der Spitze wischten "die fünf Rock-Ritter der guten Gesinnung alle Berührungsängste mit dem deutschen Schlager professionell weg", konstatierte Peter Kemper in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Ihr Fleiß und vor allem ihre kumpelhafte Freundlichkeit machen sie zu schmuseweichen Sympathieträgern." Die größten anzunehmenden Konflikte - zerbrochene Beziehungen, Rechtsradikalismus, Religion, die Einsamkeit der Hausfrau und der Krebstod einer Freundin - würden in ihrer simpelsten Form abgehandelt, analysierte die "Spiegel"-Kolumnistin Marianne Wellershoff: "Die Musik von Pur, das ist die Seifenoper zum Mitsingen, die neue Volksmusik für die Trash-Gesellschaft - unkompliziert, leicht verdaulich, Limonade für Ohr und Seele." Anne Zielke brachte es in der "Süddeutschen Zeitung" auf den Nenner: "Pur haben das Dichten und Denken auf ein kompaktes Minimum reduziert."
Den Supererfolg der Schwaben ausschließlich im Land der Dichter und Denker konnten die bösen Kritiker nicht verhindern. "Ob Arbeitssiedlung im Ruhrpott, Fischernest an der Nordsee oder Plattenbau in Marzahn - Bietigheim ist überall, und Engler ist "mittendrin". Die einen finden sich in seinen Worten wieder, fühlen sich verstanden, andere mögen Pur wegen der eingängigen Melodien, an die man sich nicht gewöhnen muss. Wenn bei Konzerten die Halle mitsingt, fühlen die Fans die Verbundenheit und Gemeinschaft, wie es sie in den neunziger Jahren nur selten gab" ("Focus").
Ingo Reidl (kb), am 10. Juni 1961, und Roland Bless (dr, voc, g), am 8. März 1961, beide in Bietigheim, geboren, brauchten 15 Jahre, um diese Erfolgsebene zu erklimmen. 1975 gründeten sie als Schüler mit anderen Pennälern im Keller einer Kirchengemeinde ihrer Heimatstadt die Band Crusade. Hartmut Engler (voc), am 24. November 1961 im Nachbardorf Ingersheim geboren, nahm bei Reidl Klavierunterricht und schloss sich 1976 der Amateurkapelle an. 1979 kam Jörg Weber (bg, g, voc, fl), geboren am 28. März 1963 in Bietigheim, hinzu, der bei Eheschließung den Nachnamen seiner Frau annahm und fortan Joe Crawford hieß. 1980 machte der am 3. Juni 1955 im jugoslawischen Beceg geborene Rudi Buttas (g) die bis 2006 unveränderte Besetzung komplett.
Die Band tingelte als Moonstone in US-Clubs für die GIs, gab sich für Tanzabende und Mini-Konzerte in deutschen Jugendzentren nun aber den Namen Opus. Dass die Musiker daneben zielstrebig studierten, hielten ihnen Kritiker später als Professionalität zugute. Engler war Germanist mit dem Berufsziel Oberstufenlehrer, Bless hatte Elektrotechnik belegt, Reidl/Buttas/Weber absolvierten ein ordentliches Musikstudium. "Wir wollten unantastbar, einzigartig und definitiv eine deutsche Kunstrockband werden", erinnerte sich Engler später. Da sich für seine "verschraubte Steppenwolf-Poesie" ("Junge Welt") jedoch keine Plattenfirma fand, brachte die Band ihre LPs Opus 1 (1983) und Vorsicht zerbrechlich (1985) im Selbstverlag heraus. Das Debüt-Opus wurde nach den ersten großen Erfolgen 1990 von Intercord wiederveröffentlicht.
Die Entdeckung, dass eine Band namens Opus aus der österreichischen Steiermark mit einem Song namens Life Is Live einen Hit hatte, veranlasste die cleveren Schwaben zunächst, sich vorsätzlich irrtümlich als Opus buchen zu lassen - nicht ohne Witz: Sie interpretierten den Hit mit der Refrainzeile "Scheiß bleibt Scheiß". Dann nannten sie sich schleunigst um - in Pur, denn das (so die "Süddeutsche Zeitung") "klingt nach reinem Sprachgebrauch, sauberer Gesinnung und irgendwie auch nach ultimativem Waschmittel, blassen Hintern und letztendlich Eindeutigkeit". Darauf kam es dem Pur-Autorenduo Engler (Texte)/Reidl (Musik) - Kunstrock ade! - jetzt an: "Schließlich kriegten wir mit, einfach erzählte, gefühlvolle Songs hatten im Konzert die weitaus besseren Chancen" (Engler). "Auch an den allerschönsten Körpern nagt / der Weisheitszahn der Zeit / fürwahr - die Jugend ist vergänglich, das Alter wächst / und das zu feiern ist der schönste Zeitvertreib".
Es waren Verse wie dieser zu "mittelhartem Rock, halbschnulzigen Balladen und gefälligen, Optimismus ausstrahlenden Melodien" ("Süddeutsche Zeitung"), die auch Künstler wie Peter Maffay und Reinhard Mey zu Kunden der Songautoren Engler/Reidl und ihre Band Pur zur "mit Abstand erfolgreichsten deutschsprachigen Musikgruppe der neunzi-ger Jahre" ("Berliner Morgenpost") machten. Denn nach dem Sieg beim Bundeswettbewerb des Deutschen Rockmusikerverbandes 1986 als Vertreter Baden-Württembergs und dem Schlager Hab mich wieder mal an dir betrunken fand sich in der Stuttgarter Intercord schnell ein einheimisches Label, mit dem Pur Umsatzgipfel erklomm und dem sie auch treu blieben, als die Firma an EMI in Köln verkauft wurde.
In konzertierter Aktion setzten Intercord und Pur, nun gern in Zirkusuniformen, ein unfehlbares Hitkarussell in Gang: etwa im Jahresabstand LP - Hit-Auskoppelung - Tournee. Nach dem zögerlichen Start mit dem Debütalbum Pur (1987) und der Single Hab mich wieder mal an dir betrunken 1988 die LP Wie im Film mit dem Hit Kowalski (die Kunstfigur eines typischen Deutschen, die Engler/Reidl auf späteren LPs wiederaufleben ließen), 1989 die LP Unendlich mehr (Single Freunde); 1990 Nichts ohne Grund (Single Lena) und so fort. Das Album Pur Live (1992), Protokoll einer Mammuttournee mit weit über hundert Konzerten, wurde mehr als eine Million Mal verkauft. Seiltänzertraum (1993) hielt sich über zwei Jahre in den deutschen LP-Charts und fand 1,5 Millionen Käufer, Abenteuerland (1995) 2,3 Millionen.
Die deutschen Popkritiker mochten Pur immer noch nicht, aber zu ihren Verrissen in den Feuilletons gesellten sich immer häufiger Meldungen über Preise und Auszeichnungen auf den Nachrichtenseiten: Goldene Europa des Saarländischen Rundfunks 1988, Preis der Deutschen Schallplattenkritik 1989, Fred Jay-Textpreis der Gema 1990, Goldene Stimmgabel erstmals 1993 und dann mehrmals, Goldener Löwe von Radio Luxemburg 1994, Echo 1995/1996, 2001/2004, Goldene Stimmgabel in Platin, Goldene Kamera und Bambi 1997 und so fort. Auf Tournee füllten Pur mittlerweile die Dortmunder Westfalenhalle oder die Münchner Olympiahalle jeweils zwei Abende hintereinander. Zu zwei Auftritten im Düsseldorfer Rheinstadion kamen 1996 mehr als 120000 Fans, und alle sangen und klatschten die Lieder mit. Auf zwei Live-LPs (1992 und 1996) war es zu hören.
Das Album Mächtig viel Theater (1998) sprang in der Woche nach Erscheinen in den deutschen Charts sofort auf Platz eins. "Ich glaube, dass wir Identifikationsfiguren für ganz, ganz viele Menschen sind, die sonst keine Identifikationsfiguren haben", gab Hartmut Engler 1998 der "Berliner Morgenpost" zu Protokoll: "Wir sprechen Menschen an, die sich nicht wiederfinden in diesem Hip-, Trendy- und Cool-Getue, die dann irgendwie nach Inhalten suchen. Die sagen, "die Kirche hat mir nichts mehr zu erzählen", und in ein Wertevakuum fallen. Und vielleicht ist dann da eine Band, die einen mit dem einen oder anderen Stück ein wenig rausreißt. Ich denke doch, dass man mit Liedern noch ein kleines bisserl mehr machen kann, als bloß in die Charts zu gehen und Geld zu verdienen." Peter Kemper hielt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" dagegen: "Ein Popsong braucht wahrlich keine analytische Genauigkeit zu besitzen, doch ein wenig verstörend, spielerisch spöttisch, vielleicht sogar durch das erzählende Spiel mit Extremen geschärft könnte er schon sein."
Seit langem nahmen Pur ihre CDs mit erfahrenen Studiomusikern in den hochprofessionellen Studios von Nashville auf; das Album Mittendrin (2000) kam im belgischen Galaxy Studio zustande. Das 20-jährige Bandjubiläum wurde 2001 mit einer Open Air-Sommertournee gefeiert, die bis zum TV-Abschlusskonzert in der kurz zuvor fertiggestellten Gelsenkirchener Fußballarena "Auf Schalke" am 25. August mit preisreduzierten Tickets für Kinder bis zwölf sowie einem Freigetränk für jeden Besucher einem Triumphzug gleichkam. Das unmittelbar nach der Tour ausgelieferte Album Hits PUR - 20 Jahre eine Band (2001) führte fünf Wochen die deutsche Hitparade an. Nach der CD Was ist passiert? (2003) im Sommer 2004 ein weiterer Superlativ: Pur spielten ihre für ein großes Unterhaltungsorchester arrangierten Klassiker mit dem 41-köpfigen German Pops Orchestra an drei Abenden in der Arena "Auf Schalke" vor 180000 Menschen, selbstverständlich auf CD für die Anwesenden sowie ihre Kinder und Kindeskinder konserviert. Als Pur klassisch(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs als Opus:
Opus 1 (1983)
Vorsicht zerbrechlich (1985)
LPs als Pur:
Pur (1987)
Wie im Film (1988)
Unendlich mehr (1989)
Nichts ohne Grund (1990)
Pur Live (1992)
Seiltänzertraum (1993)
Abenteuerland (1995)
Live - Die Zweite (1996)
Mächtig viel Theater (1998)
Mittendrin (2000)
Was ist passiert? (2003)
Pur klassisch (2004)
Es ist, wie es ist (2006)
Live auf Schalke 2007 (2007)
Zusammenstellung:
Hits PUR - 20 Jahre eine Band (2001)
LP Hartmut Engler:
Just A Singer (2006)


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