Primal Scream
Biografie
Primal Scream , schrieb die "Frankfurter Rundschau", seien "ein Urschrei, den man nur schwer überhören kann". Die 1982 im schottischen Glasgow gegründete Band habe den "Geist der sechziger Jahre mit der Dancefloor-Musik der neunziger" geschickt kombiniert, kombinierte der "Stern". Der "New Musical Express" lieferte das Etikett: "Space Rock ’n’Roll". Tatsächlich bot das fiebrige Stilgemisch des mit jedem Album in anderen Tonfarben schillernden Chamäleons Primal Scream über die Jahre sämtlichen abgetragenen Rockmoden Raum.
Das Debütalbum Sonic Flower Groove (1987) entstand mittels Resteverwertung aus Anklängen an MC 5, Byrds, Velvet Underground, Uriah Heep, Rolling Stones. Die LP Primal Scream (1989) versuchte den Spagat zwischen Beach Boys-Harmonien und Punk. Für das als "eine Reise in die Vergangenheit des Rock – und in seine Zukunft" ("Süddeutsche Zeitung") gepriesene Album Screamadelica (1991), für den deutschen "Rolling Stone" die "wichtigste britische Platte jenes Jahres", wurden die Stones-Reminiszenzen mit Dance-Beats, Club-Sounds und Samples, aber auch mit Sitarzirpen und Gospelakkorden aufgepeppt. Das von Tom Dowd (Allman Brothers, Lynyrd Skynyrd), George Drakoulias (Iron Maiden), Brendan Lynch (Lynchmob) sowie George Clinton in Memphis und L.A. produzierte Album Give Out, But Don’t Give Up (1994) fiel wie erwartet in blues-funkigen Südstaaten-Rock ’n’ Roll und psychedelisch flackernden Westküsten-Rock mit stereotypen Hooklines zurück: "Get yer rocks off, get yer rocks off, honey." – "Funky, funky, get a little funky." "Cry, cry, cry, cry, cry, cry, cry, I’m gonna cry myself blind".
Primal Scream hätten, konstatierte Thomas Groß anlässlich solchen "Lebensstilstoffs" in der "taz", "einmal den Planeten Pop umkreist, Wimp-, Plinker-, Schlonk- und Plönk-Rock hinter sich gelassen, Prä-, Hoch- und Spät-Rave überrundet, Tupfenhelme gegen Paisleywesten gegen Ledermonturen getauscht" – so nach einer Pressekonferenz 1994 mit dem "rappeligen Bobby Gillespie". Groß: "Jetzt hat seine kleine Band die Rockin’ Pneumonia, die Boogie Woogie Flu, und ganz nebenbei kriegen alle noch ihre Ya-Yas raus." Robert "Bobby" Gillespie (voc, g, dr), am 22. Juni 1962 in Glasgow geboren, hatte als Fan von Sly Stone, Stooges, Love und Rolling Stones zunächst der Gruppe Wake angehört und ein Jahr für The Jesus and Mary Chain getrommelt. Als er unter dem Namen Primal Scream im Mai 1985 auf dem Independent-Label Creation die Single All Fall Down herausbrachte, waren Jim Beattie (g), Robert Young (bg), Tom McGurk (dr), Martin St. John (dr, perc) mit von der Partie. Nach mehreren Personalwechseln konsolidierte sich die Truppe Ende 1986 mit Gillespie, Beattie, Young, Andrew Innes (g), Dave Morgan (dr).
Kaum war ihre Debüt-LP Sonic Flower Groove 1987 auf dem Warner-Sublabel Elevation auf Platz 62 der UK-Charts gestiegen, holte Creation-Boss Alan McGee die Band, die er auch als Manager unter Vertrag genommen hatte, zu seinem Label zurück. Drogen erschütterten das Gruppengefüge. Skinner und Beattie sprangen Anfang 1988 ab und wurden für das kommerziell erfolglose, lediglich auf den britischen Indie-Charts notierte Album Primal Scream durch Jim Navajo (g), Henry Olsen (bg), Philip "Toby" Tomanov (dr) ersetzt. Als im April 1990 die sieben Minuten lange, nur von Gillespie, Young und Innes eingespielte Single Loaded auf Platz 16 der britischen Charts stieg und in der Club-Szene zum Kultlied der Pillenschlucker mutierte, ließ Manager McGee das Stück vom angesagten DJ Andrew Weatherall aus Manchester mit Samples aus "Easy Rider", Bläsern und einer zusätzlichen Pianospur zu einem aufregend müden Dance-Dub remixen.
Der Hit, Platz 16 in England, öffnete den Weg für die vom Stones-Producer Jimmy Miller ( Sticky Fingers) hergestellte LP Screamadelica, die einschließlich der Drogen-Hymne Higher Than The Sun von der Kritik als Meisterwerk rezipiert wurde, die bandtypische Rolling Stones-Kopie mit Songs wie Movin’ On Up, Damaged aber auch auf die Spitze trieb. Fortan setzte sich der schwer rauschmittelabhängige Urheber des Urschreis ("Behind every great song there’s a great pill") fortwährend gefragt oder ungefragt gegen den Plagiatsvorwurf zur Wehr. Gillespie 1991: "Es regt mich auf, wenn gesagt wird, wir klingen wie die Stones oder irgendwelche Rave-Bands. Unsere Musik ist schlicht dem Leben abgeschaut." Gillespie 1994: "Popmusik hat gar nichts mit Originalität zu tun. Spiel mir ein Lied vor, und ich sage dir, welches die Lieblingsplatten der Musiker sind."
Vor dem in der Besetzung Gillespie, Young, Innes, Martin Duffy (kb), Gary "Mani" Mounfield (bg), Paul Mulreany (dr) aufgenommenen Album Vanishing Point (1997) hatte der für seine Gefolgschaft charismatische Sänger "mit dem erotischen Flair einer Wolke Fußspray" ("Junge Welt"), der "aussieht, als trüge er regelmäßig jeden Morgen (oder Mittag) nach dem Aufstehen sein Kämpfchen mit dem Sensenmann aus" ("Frankfurter Rundschau"), nach eigenem Bekunden Free Jazz von Sun Ra und den ehemaligen Doors-Keyboarder Ray Manzarek gehört. Das Resultat beschrieb Kritiker Stefan Nink in der "Frankfurter Rundschau": "Keyboard-Töne fiepsen wie einst bei Can, werden rädchendrehend rauf- und runtermoduliert, verhallen irgendwann, tauchen wieder auf oder nicht. Songstrukturen sind nur noch hin und wieder zu erkennen, und selbst wenn Gillespie mal zum Mikro greift, kommt da nur manchmal etwas heraus, was an Gesang erinnert."
Ein Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" konterte: "Die Band ist maßlos in der Wahl ihrer Mittel und doch diszipliniert in ihrem Einsatz." Wer Primal Scream bei ihrer Europatournee Ende 1991, in den USA im Sommer 1994 oder in Australien 1995 auf der Bühne erlebt hatte, mochte das bezweifeln: Chaos und Konfusion auch als Bühnenstil. Gleichwohl empfand Gillespie seine Musik zum Schluss als "nur noch langweilig – wir müssen wieder zum Punk zurück". Und zur politischen Provokation: "Wir kommen aus einer Generation, für die Rock ’n’ Roll noch etwas bedeutete. Selbst in unserer üblen Heroinphase vor acht Jahren haben wir Benefizkonzerte für entlassene Minenarbeiter gegeben. Bevor die Kids endgültig abstumpfen, müssen wir sie aufklären. Das ist unsere verdammte Pflicht."
Also legte er sich auf dem Album XTRMNTR (Exterminator, 2000) erneut atemlos mit dem Buckingham Palace ( Insect Royalty), den Liberalen ( Kill All Hippies) und – Blood Money – überhaupt mit dem Klassenfeind an: "Was derzeit in der Welt abläuft, ist für mich schleichender Faschismus. Multinationale Konzerne haben alles im Griff."
Der Vertriebsfirma Sony in Deutschland ging der Vergleich Konzerne = Nazis zu weit. Sie änderte den Songtitel Swastika Eyes (Hakenkreuzaugen) in ihrer CD-Ausgabe in War Pigs (Kriegsschweine) um. Der Sound allein, eine mit Hilfe von Chemical Brothers, Dan the Automator, Jagz Kooner (Sabres of Paradise), David Holmes, Kevin Shields (My Bloody Valentine), Adrian Sherwood (On-U) hergestellte Free Jazz-Techno-HipHop-Dub-Punk-Noise-Kakophonie, war ihnen wohl rebellisch genug. Zu sagen, man möge dieses Album, urteilte Barbara Ellen in der Londoner "Times", sei dasselbe, wie zu erklären, man habe es gern, wenn ein Helikopter in seinem Wohnzimmer explodiere: "Dieses intensive, verstörte, schizoide Album anzuhören ist ein bisschen, als ginge man in der Sicherheit und Wärme der eigenen Wohnung zu Bett und erwache auf dem Set zu "Einer flog über das Kuckucksnest" mit nichts als der Plattensammlung zu seinem Schutz." Oder auch so: "Die Musik kracht wunderbar, reißt Mauern ein, kriecht hypnotisch in den Körper und lässt jede Love Parade abgestanden erscheinen" (Ulf Lippitz im Berliner Stadtmagazin "Zitty"). Oder so: " XTRMNTR ist leider vrdmmt vrzchtbr" (Frank Lähnemann im deutschen "Rolling Stone"). Oder war damit vielleicht schon Gillespies nächster Geniestreich Evil Heat (2002) gemeint – diesmal angeblich "beschaulich" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), angeblich "entspannter" ("Musikexpress"), doch wieder voll von "überlauten, höllisch verzerrten Krach-Interludien, die einen Anschlag auf jede Art von Wohlklang darstellen" ("Tip")?
Egal. Was in Evil Heat vorkommt, beschrieb Joachim Hentschel im deutschen "Rolling Stone" so: "Kate Moss und Jim Reid von The Jesus and Mary Jane singen, Robert Plant spielt Mundharmonika, Acid-King Andrew Weatherall und Kevin Shields (My Bloody Valentine) mischen mit, eine große Geburtstagsparty mit vielen Drogen, viel Gelaber und einer Tortenschlacht." Entbehrlich? Sagten wir doch! Bobby Gillespie ahnte es wohl selbst, als er nach dem ganzen elektronischen Pop-Firlefanz, diesem Stil-Patchwork aus der halben Rockgeschichte, im Studio die Parole Rock ’n’ Retro ausgab.
Für Riot City Blues (2006) wurde geklaut wie immer, diesmal mit "trockenen E-Gitarrenriffs, unterlegt mit Akustikgeschrammel und versetzt mit einem guten Schuss Blues- und Country-Einflüssen" (Hagen Liebing in "Tip"), nur eben von den Rock ’n’ Rollern und den Rolling Stones. "Was ist(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Sonic Flower Groove (1987)
Primal Scream (1989)
Screamadelica (1991)
Give Out, But Don’t Give Up (1994)
Vanishing Point (1997)
XTRMNTR (2000)
Evil Heat (2002)
Live In Japan (2004)
Riot City Blues (2006)
Beautiful Future (2008)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Echo Dek (1997)
Dirty Hits (2003)
Shoot Speed – More Dirty Hits (2004)
LPs Andrew Innes mit Revolving Paint Dream:
Off To Heaven (1987)
Mother Watch Me Run (1989)
Green Sea Blue (1989)
LP Jim Beattie mit Spirea X:
Fireblade Shies (1994)

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