Pink Floyd
Biografie
Pink Floyd , das 1965 von vier Schulfreunden in Cambridge, England, gegründete Schrittmacherquartett des elektronischen Rock, benannte sich nach den Vornamen zweier wenig bekannter Bluessänger aus den USA: Pink Anderson (geb. am 12. Februar 1900 in Laurens, South Carolina; gest. am 12. Oktober 1974 in Spartanburg, South Carolina) und Floyd Council (geb. am 2. September 1911 in Chapel Hill, North Carolina; gest. am 9. Mai 1976 in Sanford, North Carolina).
Die Band bestand zunächst aus dem Sänger und Leadgitarristen Syd Barrett (geb. am 6. Januar 1946 in Cambridge), der den Namen erfand, dem Bassgitarristen und Sänger Roger Waters (geb. am 6. September 1943 in Great Bookham), dem Pianisten und Organisten Rick Wright (geb. am 28. Juli 1943 in London) und dem Schlagzeuger Nick Mason (geb. am 27. Januar 1944 in Birmingham). 1968 wurde Barretts Part von David Gilmour (geb. am 6. März 1946 in Cambridge) übernommen. Barrett galt dem "Spiegel" nach seinem Tod am 7. Juli 2006 in Cambridge als "der verlorene Held der britischen Popmusik, ein geisterhafter Mythos der sechziger Jahre, der bis heute nachgewachsene Generationen fasziniert". Der Sohn eines berühmten Pathologen, der bis zu seinem 15. Lebensjahr auf den Vornamen Roger hörte, hatte mit den von ihm komponierten ersten Singles und der ersten LP den Stil des Ensembles definiert.
Die Debütsingle Arnold Layne handelte von einem verklemmten Jungen, der Frauenunterwäsche von der Leine klaut, und wurde als erstes Musikstück in der Geschichte des Senders von der BBC indiziert. Im Song Lucifer Sam über eine Siamkatze hieß es: "That cat's something I can't explain." Barrett lebte in einer eigenen Comic- und Fabelwelt mit einer eigenen Sprache: "Blinding signs flap / Flicker, flicker, flicker blam / Pow, pow" (so in Astronomy Domine). Der Legende nach schluckte er täglich LSD und war oft so weit von der Realität entfernt, dass er bei Konzerten teilnahmslos auf der Bühne stand und einmal während einer ganzen Show immer wieder nur einen einzigen Gitarrenakkord anschlug. In der Silvesternacht 1967/68, die er mit einem Übersetzer alchemistischer Schriften und Sohn des Malers Balthus sowie zwei jungen Frauen in den walisischen Black Mountains verbrachte, kam er von einem Trip nicht zurück. Er verfiel in Apathie und verkroch sich für Jahrzehnte ins Gartenhaus seiner Mutter in Cambridge, das er zunächst wie somnambul nur noch zur Produktion der Solo-LPs The Madcap Laughs und Barrett (beide 1970) verließ. Sie ließen vermuten, spekulierte Jacek Slaski in "Tip", "wie sich Pink Floyd wohl entwickelt hätte, wenn ihr Bandleader nicht verrückt geworden wäre. Danach ist Barrett endgültig verschwunden. Er wurde fett und schnitt sich die Haare ab."
Anders als die meisten Rockbands, die ihren Gitarrenverstärkern in der Regel nur simples Rückkopplungsgeheul entlockten, erschlossen Pink Floyd - drei von ihnen hatten am Londoner Polytechnikum studiert - das ganze Arsenal elektronischer Sinustöne und Sägezahnklänge für die Popmusik. Mit den Science-Fiction-Hörbildern ihrer Stücke A Saucerful Of Secrets, Set The Controls For The Heart Of The Sun, Astronomy Domine und Interstellar Overdrive, zu denen sie im Londoner UFO-Club phantastische Lichtshows zelebrierten, "rockten und rollten" sie 1967/68 "in eine neue Musizier-Epoche" ("The Observer"). Wo sie ihren sogenannten Azimuth-Koordinator aufstellten, schrien Möwen, plätscherte Wasser, ratterten Maschinengewehre, dröhnten Düsenflugzeuge, explodierten Bomben: Mit dem komplizierten, siebenkanaligen 360-Grad-Misch- und Steuersystem ließen sich all diese Geräusche von Tonbändern einspielen oder instrumental imitieren. Durch Lautsprecher, die an allen vier Seiten der Konzertsäle angebracht waren, ermöglichte der Koordinator raffinierte Echowirkungen und einen vollendeten Quadro-Raumeindruck.
Die Musik, empfand der Kritiker Tony Palmer, "scheint von deinem Nebenmann, von der Decke, von unter dem Sitz zu kommen, manchmal sogar aus deinem eigenen Gehirn". Das Jazzmagazin "Down Beat" in den USA bewunderte die "superbe Kontrolle der Strukturen und Effekte"; die "New York Times" lobte "eine Lebendigkeit, der klassische Elektronikwerke oft ermangeln". Die Anerkennung aus dem E-Musik-Lager und aus den internationalen Feuilletons verführte die Gruppe jedoch bald zu eklektizistischen Imitationen seriöser Konzertmusik und zur Gigantomanie. Die Dominantseptakkordreihen aus Bachs g-Moll-Präludium, mit mulmigem Schwellorgelklang intoniert, kehrten in ihren Stücken fortan häufig wieder. Mit dem aufwendigen Chor- und Orchesterwerk Atom Heart Mother gelang ihnen nur mehr "eine substanzlose Melange" aus Aaas und Ooos, aus Yeah und Sasasasa - "im Ganzen schmalzig und ein wenig schal" ("Rolling Stone"). Spielfilme wie Michelangelo Antonionis "Zabriskie Point" und eine amerikanische Cartoon-Fernsehreihe waren mit dem Sphärengetön vortrefflich zu untermalen.
Ihren größten Kommerzerfolg lancierten Pink Floyd 1973 mit dem "Rock-Meisterwerk" (Irwin Stambler) The Dark Side Of The Moon, einem düsteren Tongemälde über die Pressionen des Alltagslebens und die Reaktionen darauf: Entfremdung, Verdrängung, Schizophrenie. Alle Texte stammten von Waters. Für die instrumentalen Überleitungen zwischen den Songs kamen alle Sound-Experimente aus den vorausgegangenen LPs Meddle (1971), Obscured By Clouds (1972) konzentriert zur Anwendung. 1980 brach die LP den vorherigen Rekord von Carole Kings Tapestry als Longseller (302 Wochen) in den "Billboard"-Charts. Nach 15 Jahren wurde die LP unter den Top 100 immer noch geführt - 1988 in der 700. Woche. Bis 1994 war sie 13 Millionen Mal verkauft worden. Die Gigantomanie auf den Bühnen der Dark Side sowie die auf den folgenden LPs Wish You Were Here (1975) und Animals (1977) begleitenden Tourneen wurde eher noch größer. Riesige Puppenmonstren überragten die Bühnen von Open Air-Stadien mit Kapazitäten von 40000 bis 50000 Besuchern. Filmprojektionen umrahmten die Bühnenaktion in geschlossenen Hallen.
Mit Wish You Were Here hatten sich Pink Floyd vorgenommen, ihrem unsichtbar gewordenen Gründervater Syd Barrett mit der neunteiligen Suite Shine On You Crazy Diamond ein Denkmal zu setzen: "Remember when you were young / You shone like the sun / Shine on you crazy diamond / Now there's a look in your eyes / Like black holes in the sky / Shine on you crazy diamond." Da ereignete sich im Studio ein Zwischenfall, von dem Drummer Nick Mason später berichtete: "Ein großer, fetter Bursche mit rasiertem Kopf" und ohne Augenbrauen habe plötzlich im Studio gestanden: "Er trug einen altersschwachen Mantel, hielt eine Einkaufstüte in der Hand, und auf seinem Gesicht lag ein gütiger, aber leerer Ausdruck." Es war Barrett, aber Mason erkannte ihn nicht. Wie Kai Müller im "Tagesspiegel" mitteilte, sei dies das letzte Mal gewesen, dass er gesehen wurde.
1979 gelang den Musikern - Gilmour und Wright hatten inzwischen ihre ersten Solo-LPs veröffentlicht - mit The Wall ein weiterer großer Wurf. Thema blieb die Isoliertheit und Bedeutungslosigkeit des (jungen) Menschen in der Massengesellschaft: "Nur ein weiterer Stein in der Mauer." Obgleich die Single Another Brick In The Wall von Rundfunksendern wie der BBC boykottiert wurde, etablierte sie sich als erste 7-Zoll-Platte der Gruppe beiderseits des Atlantiks auf Platz eins. Die LP belegte 15 Wochen lang die erste Chartposition und wurde in dieser Zeit mehr als acht Millionen Mal verkauft. Auflage 1995: zehn Millionen. Für Konzerte mit The Wall schwoll der Bühnenaufwand nach den Wünschen der Musiker derart an, dass die volle Show nur in London, New York, Los Angeles und Dortmund gezeigt werden konnte. Über die ganze Bühnenbreite wurde eine Mauer errichtet, die auf dem Höhepunkt des Geschehens in sich zusammenfiel. Das Spektakel hatte 1982 Alan Parker verfilmt. Inzwischen waren zwischen den Musikern Spannungen gewachsen. Nach der Veröffentlichung von A Collection Of Great Dance Songs (1981) verließ Rick Wright die Band. Roger Waters nahm mit den beiden anderen Ensemblemitgliedern noch The Final Cut (1983) auf und ging dann ebenfalls auf Solokarriere.
Doch der "letzte Schnitt" war noch keineswegs gemacht. Gilmour und Mason beschlossen, Pink Floyd wiederzubeleben, und noch während des Produktionsprozesses für A Momentary Lapse Of Reason (1987) schloss sich ihnen Wright wieder an. Vergeblich versuchte der im Konzertsaal nur mäßig erfolgreiche Waters, dem Trio die Verwendung des Namens Pink Floyd verbieten zu lassen. Gilmour hatte sich längst zum Chef aufgeschwungen und sprach von Waters gegenüber der Presse nur als von "dieser Person". Die Konzerte der Gruppe zwischen 1987 und 1989 erzielten neue Besucherrekorde in noch mehr Ländern. In der Moskauer Olympiahalle hörten im Juni 1989 30000 Sowjetbürger Pink Floyd. Nach Venedig pilgerten wenige Tage danach 200000.
Doch so bereitwillig sich die Fans in die lustvolle Elektronikemigration säuseln und donnern ließen, so wenig Gefallen fanden die meisten(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
The Piper At The Gates Of Dawn (1967)
A Saucerful Of Secrets (1968)
More (1969 Soundtrack)
Ummagumma (1969)
Atom Heart Mother (1970)
Meddle (1971)
Obscured By Clouds (1972 Soundtrack)
The Dark Side Of The Moon (1973)
Wish You Were Here (1975)
Animals (1977)
The Wall (1979)
The Final Cut (1983)
A Momentary Lapse Of Reason (1987)
Delicate Sound Of Thunder (1988)
The Division Bell (1994)
Pulse (1995 live)
In London:
1966-67 (1995 nur im UK)
Is There Anybody Out There? - The Wall Live 1980-81 (2000)
Wish You Were Here - 25th Anniversary Edition (2000)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Relics (1971)
First Eleven (1980 Box mit den ersten elf LPs)
A Collection Of Great Dance Songs (1981)
Works (1983)
Shine On (1992 9-CD-Box)
Echoes:
The Best Of Pink Floyd (2001)
Oh, By The Way - The Mini Vinyl Box Set (2007)
LPs Roger Waters:
The Body (1970 mit Ron Geesin)
The Pros And Cons Of Hitch Hiking (1984)
When The Wind Blows (1986 Soundtrack, mit anderen)
Radio K.A.O.S. (1987)
The Wall - Berlin 1990 (1990)
Amused To Death (1992)
In The Flesh (2000)
a Ira (2005)
Zusammenstellung:
Flickering Flame - The Solo Years Volume I (2003)
LPs Rick Wright:
Wet Dream (1978)
Identity (1984)
Broken China (1996)
LPs Nick Mason:
Fictitious Sports (1981)
Profiles (1985 mit Rick Fenn)
White Of The Eye (1987 mit Rick Fenn)
Tank Mailing (1988 mit Rick Fenn)
LPs David Gilmour:
David Gilmour (1978)
About Face (1984)
On An Island (2006)
LPs Syd Barrett:
The Madcap Laughs (1970)
Barrett (1970)
Zusammenstellungen Syd Barrett:
Opel (1989 enthält Aufnahmen von 1968-1970)
Octopus:
The Best Of Syd Barrett (1992)
Crazy Diamond (1993 enthält The Madcap Laughs, Barrett und Opel)
The Best Of Syd Barrett:
Wouldn't You Miss Me? (2001)

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