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Nirvana

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Nirvana

Biografie

Nirvana , 1988 in Aberdeen, Washington, gegründet, sprachen dem angeblichen Vorhandensein einer hedonistischen MTV-Jugend der neunziger Jahre hohn und popularisierten stattdessen das Bild einer eher realistischen, häufig pessimistischen und nach privaten Auswegen suchenden Adoleszenz. Der kometenhafte Aufstieg der "größten Band der neunziger Jahre" ("The Observer") fand seinen jähen Abbruch mit dem Tod ihres geistigen und musikalischen Kopfes Kurt Donald Cobain (siehe Bio).

Cobain (voc, g, dr), geboren am 20. Februar 1967 in Hoquiam bei Aberdeen, hatte mit Krist "Chris" Novoselic (bg, g), geb. am 16. Mai 1965 in Kroatien, zunächst unter dem Namen Skid Row eine Band zu gründen versucht. Als es ihnen gelang, den Drummer Dale Crover für sich zu interessieren, wechselte Cobain zur Gitarre und Novoselic zum Bass; das Trio nannte sich nach einigen Umbenennungen schließlich Nirvana. Crover produzierte von einigen Cobain-Songs Demos und konnte das Independent-Label Sub Pop in Seattle zu einem Plattenvertrag überreden. Das erste Ergebnis war allerdings kein Cobain-Song, sondern eine Coverversion des Shocking Blue-Songs Love Buzz. Verstärkt um den Gitarristen Jason Everman, nahm die Gruppe 1989 ihre erste LP Bleach auf. Mit harten Metal-Riffs und unerwarteten melodischen Einfällen Cobains setzte die Band sich an die Spitze der Grunge-Bewegung. Everman verließ im Jahr darauf die Band; Crover wurde durch Chad Channing (dr), geb. am 31. Januar 1967 in Santa Rosa, Kalifornien, ersetzt, der ebenfalls bald wieder ging. 1990 stieß Dave Grohl (dr), geb. am 14. Januar 1969 in Warren, Ohio, zu Nirvana.

Die stabilisierte Band wechselte zum Major-Label Geffen und machte sich mit Producer Butch Vig (Garbage) an die Aufnahmen zu Nevermind (1991). Die kompromisslose, an den britischen Punk der siebziger Jahre erinnernde Gitarrenmusik, die Intensität Cobains und das illusionslose Image der Band trafen den Nerv der Zeit: Die ausgekoppelte Single Smells Like Teen Spirit schien das Lebensgefühl einer ganzen Generation zu beschreiben. Nirvana sprenge "das Schubkastensystem, das in den achtziger Jahren zu immer mehr Spezialisierungen und Verästelungen im musikalischen Underground führte", analysierte Anfang 1992 "Der Spiegel". "Sie lassen die Energie auf die Härte von Heavy Metal prallen und verbinden beides mit Popmelodien. Aus dieser Mischung erfinden sie eine Art neue Rockmusik, die in sich geschlossen wirkt – laut und unschuldig, resigniert und wütend, verletzlich und eigenständig." Cobains Stimme, schrieb "Q", klinge nach "all dem Schmerz, den Verletzungen und dem Elend des ewigen Verlierers".

Das Album verdrängte beinahe mühelos Michael Jacksons Dangerous von der Top-Position der US-Charts. Mit einer Auflage von nur 40000 Exemplaren gestartet, wurde das Album knapp zehn Millionen Mal verkauft. Mit den Folgen des plötzlichen Ruhms und den Umarmungsversuchen der Unterhaltungsindustrie kam der sensible Cobain nicht zurecht. Von angeschlagener Gesundheit, zeitweise heroinabhängig, sprach er immer wieder von Selbstmord. Nachdem er die erste Krise halbwegs überwunden hatte, verordnete er sich und der Band Abstand vom Rockrummel und ließ für eine Tour durch die USA nur kleine Hallen buchen. Folgerichtig setzte das Trio mit In Utero (1993) den Erfolg von Nevermind nicht einfach fort, sondern kehrte zu den ursprünglichen Rockmustern zurück; ursprünglich geplanter LP-Titel: I Hate Myself And I Want To Die.

Streitereien mit der Plattenfirma waren unausweich-lich, zumal Geffen den Produzenten Steve Albini abgelehnt hatte. Doch das Album platzierte sich unmittelbar nach Erscheinen im September 1993 an der Spitze der Charts. Die Kritik war beeindruckt, sogar die ehrwürdige "Times": "Gleichzeitig brutal und intelligent, dürfte Nirvana die bestimmende Rockband der neunziger Jahre sein." Ein Nirvana-Konzert im New Yorker Coliseum mit 7000 Plätzen war binnen weniger Stunden ausverkauft. Cobains psychische und gesundheitliche Probleme verstärkten sich ungeachtet der Anerkennung seiner Musik. Trotz der Erfüllung seines Lebenswunsches, eine Familie zu gründen – er hatte 1992 Courtney Love, Sängerin von Hole (siehe Bios), geheiratet –, trotz Hilfeangeboten von Freunden wie Michael Stipe von R.E.M. und Neil Young erschoss er sich am 5. April 1994 mit einer Schrotflinte.

Unmittelbar nach seinem Tod begann die Mythenbildung, die Cobain in eine Reihe mit Brian Jones, Janis Joplin und Jimi Hendrix zu stellen versuchte. Hatte die Sensationspresse den Fall bald beiseitegelegt, so versuchten die Musikblätter, sich gegenseitig mit gefühligen, mitunter verlogenen selbstkritischen Hintergrundberichten zu überbieten, und bezichtigten einander, den Fall nur ausschlachten zu wollen. Cobains Tod hatte andererseits ungeahnte Wirkung auf die Rockmusiker. Neil Young wollte seinen Song My My, Hey Hey (Out Of The Blue), dessen Zeile "It’s better to burn out than to fade away" Cobain in einem Abschiedsbrief zitiert hatte, nicht mehr spielen, Paul Hester von Crowded House verließ mit Hinweis auf Cobains Schicksal seine Band, Lenny Kravitz schrieb den Song Don’t Go And Put A Bullet In Your Head. Die Plattenfirma Nirvanas reagierte gewohnt geschäftstüchtig und veröffentlichte Ende 1994 den Mitschnitt des "MTV Unplugged"-Konzerts der Band. Tonmitschnitte aus dem Fernsehen, illegal veröffentlicht, überschwemmten zu dieser Zeit bereits den Bootleg-Markt. "Keine Band der Neunziger bringt es auf mehr Raubpressungen", konstatierte der "Musikexpress", "darunter unzählige Live-Mitschnitte, deren Soundqualität häufig eine reine Katastrophe ist."

Das offizielle Album MTV Unplugged In New York dämmte diesen Schwarzmarkt ein, enttäuschte Nirvana-Fans aber durch Abgleiten in den Mainstream. Dem "Musikexpress" kam der "erschreckende Gedanke": "Kurt Cobains wütendes Anschreien gegen die kühle Erwachsenenwelt letztlich nur mehr ein musikalisches Sedativum zum entspannten Mitpfeifen"? Die Nirvana-Überlebenden, die sich nach Cobains Tod emotional außerstande erklärten, den Nachlass der Band aufzuarbeiten, edierten nun 16 Konzertaufnahmen von 1989 bis 1994 aus dem Paradiso in Amsterdam, dem Paramount Theater in Seattle, dem Astoria in London etc. im Album From The Muddy Banks Of The Wishkah (1996) – betitelt nach dem Flüsschen, an dem Seattle liegt. Im Gegensatz zu "Unplugged lite" kündigten sie den Muddy Banks-Sampler im Begleittext zutreffend als "Nirvana raw" an. "Rolling Stone": "Hier wird krakeelt, geknüppelt, gerockt. Keine Überraschung, nirgends. Drei Musiker, Gitarre, Bass, Schlagzeug."

Das dürfte Nirvana, aller Zeitgeistmythen entkleidet, dann wohl gewesen sein. Drummer Dave Grohl hatte 1994 mit Pat Smear (g), Nate Mendel (bg), William Goldsmith (dr) die Band Foo Fighters (siehe Bio) gegründet, in der er selbst Gitarre spielte und die Lead Vocals übernahm. Nirvana-Bassist Krist Novoselic tat sich 1995 mit der aus Venezuela stammenden Straßensängerin Yva Las Vegas zum Duo Sweet 75 zusammen, dessen Debütalbum mit einer Mischung aus Hard Rock und Latin-Rhythmen nach dreijähriger Studioarbeit erst 1997 auf den Markt kam. 2001 etablierte er mit Curt Kirkwood und Bud Gaugh das kurzlebige Trio Eyes Adrift. Daneben formierte der linke Aktivist ein Joint Artists and Music Promotions Political Action Committee (JAMPAC) und erklärte 2003 seinen Abschied vom Musikgeschäft zugunsten der Lokalpolitik. An Kurt Cobains Charisma und die einstigen Nirvana-Umsätze reichten die Aktivitäten seiner einstigen Sidemen jedoch nicht heran. Auch das postume Album From The Muddy Banks Of The Wishkah belegte in den US-Charts im Oktober 1995 wieder Platz eins. Im selben Monat erreichte Nevermind die Auflagenhöhe von neun Millionen, für In Utero wurden fünf Millionen verkaufte Exemplare gezählt.

In der beim Alternativ-Filmfestival Slamdunk in Park City, Utah, im Januar 1998 uraufgeführten Dokumentation "Kurt and Courtney" von Nick Broomfield wurde der Selbstmord des Grunge-Stars in Frage gestellt. Courtney Loves mit ihr entzweiter Vater Hank Harrison erklärte: "Ich glaube, er wurde ermordet. Ich sage nicht, Courtney tat es. Ich weiß es nicht, aber die Indizien sind erdrückend." Ein ehemals für Frau Love tätiger Privatdetektiv namens Tom Grant vermutete, Courtney habe Kurt "von Anfang an benutzt und ihn lediglich geheiratet, um zu Reichtum und Starruhm zu kommen". Drei Monate später legten die renommierten kanadischen Journalisten Ian Halperin und Max Wallace im Verlag Birch Lane Press ein 214-Seiten-Buch zu der Mordthese vor: "Who Killed Kurt Cobain?" Courtney Love habe aus Geldgier gehandelt, beantworteten sie ihre Titelfrage, da der auf 30 Millionen Dollar Vermögen geschätzte Musiker sich von ihr scheiden lassen und sie aus dem Testament streichen wollte. Die Beweise: Auf der Schrotflinte war kein erkennbarer Fingerabdruck von Cobain gefunden worden. Seine Abschiedszeilen, so Schriftexperten, seien gefälscht. Und das(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LP:
Bleach (1989)
Nevermind (1991)
Incesticide (1992 unveröffentlichte Songs, Alternativversionen und Outtakes)
In Utero (1993)
MTV Unplugged In New York (1994)
From The Muddy Banks Of The Wishkah (1996 Live-Aufnahmen 1989–94)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Singles (1995)
Nirvana (2002)
With The Lights Out (2004 Box-Set mit 3 CDs + DVD)
Sliver:
The Best Of The Box (2005)
LP Krist Novoselic mit Yva Las Vegas als Sweet 75:
Sweet 75 (1995)
LP Krist Novoselic mit Eyes Adrift:
Eyes Adrift (2002)
Weitere LPs Foo Fighters

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