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NICO

Nico

Biografie

Nico , bürgerlich: Christa Päffgen (voc, harmonium), am 16. Oktober 1938 in Köln geboren, stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusentalent zum Mysterium. Mit einer dunklen Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung. Typisch für sie seien, so Franz Schöler, "die leicht apokalyptische Aura und die düstere Gotik ihres Vortrags". In ihrem Song Femme Fatale (1966) hieß es: "She builds you up just to put you down." Schöler: "Wenn das - manche ihrer Bemerkungen bei den Konzerten auch - gelegentlich fast peinlich direkt berührt, wie sie sich abseits jeglicher Show-Konventionen als seriöse Künstlerin präsentierte, dann war das zumindest restlos konsequent."

Die spröde Schöne, "halb Göttin, halb Eiszapfen" (Richard Goldstein), war schon 1959 in Fellinis Filmklassiker "La Dolce Vita" aufgetaucht, bevor sie sich 1966/67 in New York dem Andy Warhol-Clan für die Filme "The Velvet Underground", "Nico (A Symphony in Sound)", "Chelsea Girls" und "****" ergab. Warhol vermittelte sie 1966 an die von ihm geförderte Band Velvet Underground (siehe Bio), die sie widerwillig als Leadsängerin für Songs wie All Tomorrow's Parties, I'll Be Your Mirror und Femme Fatale akzeptierte: "Here she comes, you better watch your step / She's going to break your heart in two, it's true / ... / See the way she walks / Hear the way she talks / The things she does to please / She's just a little tease / ... / 'Cause everybody knows (She's a femme fatale)". Als Nico mehr Anteil am Mikrophon forderte und Selbstkomponiertes vorschlug, wurde sie gefeuert - keineswegs überraschend, denn "diese Musiker mögen überhaupt keine Frauen" (Nico). Ihre eigene Rolle sah sie so: "Ich brauchte im Grunde keine Gruppe / Ich brauchte kein Gitarrengeschrubbe / Ich brauchte nur ich zu sein / und aller Augen ruhten auf mir."

In John Cale, dem Violaspieler der Gruppe, fand sie allerdings einen verständnisvollen Freund, der für ihre traumatischen Soloeskapaden adäquate Klangfarben mischte. Sie schreckte dabei vor keinerlei zweifelhaften Extravaganzen in der Repertoireauswahl zurück - ob sie nun Das Lied der Deutschen wie ein Lullaby der Eva Braun kurz vor dem Selbstmord mit ihrem geliebten Führer vortrug oder den Standard My Funny Valentine mit trauriger Erhabenheit zelebrierte. "Jenseits der Klischees und Avantgardemanierismen hat sie etwas, das einen nicht loslässt", spürte "Stereo Review", "und das ist ja wohl immerhin mehr, als man über eine neue Olivia Newton-John-Platte sagen kann." Auf The Marble Index (1969) hörte Konrad Heidkamp "Lieder über den Rückzug aus der Liebe, über die Leere der Wüste, die Erstarrung, Minnelieder über den Verzicht" (so im Buch "Sophisticated Ladies", Reinbek 2003). Sie schreibe ihre vom überdehnten Zeitgefühl der Heroinsüchtigen bestimmten Songs à la No One Is There, Evening Of Light, Frozen Warnings "in einem Niemandsland, dessen Grenzen sie nur noch selten für längere Zeit überschreiten wird: Frozen warnings close to mine / Close to the frozen borderline."

"Dein Schatten hat Angst vor dir. Ein Versuch, vor Nico keinen Horror zu kriegen" überschrieb der amerikanische Rock-Intellektuelle Lester Bangs Ende der Siebziger einen Essay: "Sie versucht den letzten Atemzug zu erreichen, damit sie das Atmen, Lieben, einfach alles endlich hinter sich lassen kann. Ein sanfter Blick würde sie killen." Nico war die Geliebte von Bob Dylan, der ihr den Song I'll Keep It With Mine (1965) schenkte, von Jackson Browne, der zu ihrem Album Chelsea Girl (1968) u. a. das Lied These Days beitrug, und von Brian Jones von den Rolling Stones, der in seinem Swimmingpool ertrank. Von Alain Delon einen Sohn und als "bleiche böse Lilith" ("FAZ") eine zerstörerische Affäre mit Jim Morrison.

Nach ihrem wieder von John Cale produzierten Album Desertshore (1970) übersiedelte sie aus den USA nach London. Gelegentlich gab sie denkwürdige Konzerte, so im Juni 1974 mit John Cale, Kevin Ayers, Brian Eno im Londoner Rainbow Theatre und im Dezember 1974 mit Tangerine Dream in der Kathedrale von Reims. In dieser Zeit lebte sie mit dem Regisseur Philippe Garrel, der sechs Filme mit ihr drehte, in Paris und nahm sich zwischen 1974 und 1979 mit Garrels widerwilliger Billigung ihren jungen, durch ihr Zutun ebenfalls heroinabhängigen Gitarristen Lutz Ulbrich als zusätzlichen Liebhaber. Auch ihr Sohn Ari, den sie Mitte der Sechziger bei Alain Delons Mutter abgegeben hatte, kam durch sie an die Nadel. Konrad Heidkamp: "Nico ist ein Junkie, die meisten mögen sie, nehmen sie auf, und nach einiger Zeit versuchen sie, vor ihr zu flüchten oder sie loszuwerden. Eine bedenkenlose Schnorrerin, verantwortungslos, ein bisschen kriminell, die Luft für die Ikone des Warhol'schen Spätexistenzialismus wird in den achtziger Jahren immer dünner."

Auf ihrer LP Drama Of Exile (1981) sang sie David Bowies Heroes und den Song, der ihr bei Velvet Underground verwehrt war: I'm Waiting For The Man. Über ihre Vergangenheit sinnierte sie in charakteristischer Düsterkeit: "Ich glaube nicht, dass ich noch böse Erfahrungen machen kann. Ich habe sie alle hinter mir. Mir ist klar, dass man nicht stirbt und dann tot ist. Es geht weiter, nur in einer anderen Form. Es gibt kein Entweichen." Nico erlangte um 1980, als Punk die saturierte Rockmusik der siebziger Jahre überrollt hatte, geradezu mythische Anerkennung und wurde zur Vorläuferin von Sängerinnen wie Siouxsie Sioux (Siouxsie & The Banshees). Ihre seltenen Auftritte passten kaum in den Rock-Kontext - sie deklamierte zu Harmoniumbegleitung mehr, als dass sie sang -, fanden aber fast immer die Aufmerksamkeit eines Kultpublikums - oder auch nicht. Als sie in der FU Berlin die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmte, in England alle drei Verse für "all the terrorists" sang, "who are my friends", und einen Song The Sphinx Andreas Baader widmete, "because he had the hypnotic look", regte sich durchaus auch lautstarker Protest.

Nachdem sie jahrelang zwischen Los Angeles, Berlin und Spanien hin und her gependelt war, lebte sie mit ihrem englischen Lebensgefährten, dem Dichter John Cooper Clarke, Mitte der Achtziger überwiegend in Preswich bei Manchester neben einer bekannten Irrenanstalt, unterzog sich einer Methadon-Therapie, ernährte sich makrobiotisch, fuhr Rad und versuchte mit dem Album Camera Obscura (1985) auf der Marke Beggars Banquet erfolglos ein Schallplatten-Comeback.

Nico starb am 18. Juli 1988 auf Ibiza an einer Gehirnblutung, nachdem sie in größter Hitze auf dem Fahrrad aus einer Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Ari geflohen war. Aufgrund von Einstichen in der Armbeuge glaubte der Arzt vor Ort, es mit einer Drogensüchtigen zu tun zu haben (was sie ja tatsächlich war), und erkannte das Krankheitsbild zu spät. Ein Gutteil ihres verfügbaren oder vergriffenen Schallplattenwerks kam ohne ihr Zutun zustande und wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht. "Im Grunde liebte sie nichts mehr, als in ihrem Zimmer zu liegen, zu rauchen und in ihrem winzigen Radio Gustav Mahler zu hören, die Nadel in sicherer Reichweite ihres Arms", berichtete der Pianist James Young, der sie die letzten sechs Jahre begleitet hatte. Er nannte sein deprimierendes Erinnerungsbuch "Songs They Never Play on the Radio".

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Chelsea Girl (1967)
The Marble Index (1969)
Desertshore (1970)
The End (1973)
June 1, 1974 (1974 mit John Cale, Kevin Ayers, Brian Eno)
Drama Of Exile (1981)
Do Or Die:
Nico In Europe (1982)
Camera Obscura (1985)
Live Heroes (1986 Aufnahmen von 1982/85)
Behind The Iron Curtain (1986 Live-Aufnahmen von 1985)
Nico In Tokyo (1986)
Fata Morgana:
Nico's Last Concert (1988)
Hanging Gardens (1990 Aufnahmen von 1982/88)

Zusammenstellungen (Auswahl):
The Classic Years (1998)
Innocent & Vain (2002)
The Frozen Borderline (2007 Reissue von The Marble Index und Desertshore mit 17 unveröffentlichten Tracks)
Weitere LPs The Velvet Underground

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