Nelson,Willie
Biografie
Willie Nelson (voc, g), am 30. April 1933 in Abbott, Texas, geboren, war ein Sänger und Songschreiber von beachtlicher Eigenständigkeit und stilistischer Unabhängigkeit, der sich stets vom kommerziellen Mainstream gängiger Nashville-Trends fernhielt und dennoch zu den erfolgreichsten Stars seines Metiers zählte. Er verband bei seinem Vortrag von Eigenkompositionen und Pop-Standards asketische Distanziertheit und warmherzige Anteilnahme mit einem sachten Pathos, gab abgespielten Evergreens oftmals eine zuvor nie gehörte vokale Brillanz, ließ die Schlagermusiken von der Tin Pan Alley beinahe wie Balladen von der Pioniergrenze der Western-Abenteurer klingen und wertete die kommerziellen Lieblingssongs der Mittelklasse zu Hymnen auf. "Sein Wertekatalog ist anders", definierte "Spex" den Unterschied zu seinen Nashville-Kollegen, "weil er nicht sein Verlieren, seine Schwäche, seine Schlechtigkeit verkauft, sondern einen anderen, gänzlich unmodischen Wert: Demut." Sein Talent, "mit Klasse einlullen zu können", rückte ihn nach Meinung der "SoHo News" von dem "flegelhaften Rebellentum Sinatras" weg und brachte ihn eher in die Nähe "passiver und wohlmeinender" Schönsinger wie Bing Crosby, Pat Boone, James Taylor: "Was sie alle verkörpern, ist im Grunde reaktionär" – Besänftigungsmusik für die vom Rock ’n’ Roll verstörte schweigende Masse.
Nelson hatte nach dem Air Force-Dienst als Gelegenheitsjobber in Bars gespielt, Lexika von Tür zu Tür verkauft, Discjockey-Dienste versehen und Bibelunterricht in der Sonntagsschule gegeben. Später zog er als Wandersänger durchs Land, erteilte Gitarrenlektionen und schrieb Songs. Seine ersten in Nashville verlegten Stücke waren Night Life, ein Hit für Rusty Draper, und Family Bible. Funny (How Time Slips Away), Crazy (für Patsy Cline), Hello Walls (Faron Youngs Hit), Pretty Paper (Roy Orbison) machten ihn als Songlieferanten bekannt. Seine Eigenproduktionen, die er mit nasalem Bariton zu minimalistischer Combobegleitung vortrug, galten lange Zeit als unkommerziell. "Der Spiegel": "Ende der sechziger Jahre verdiente Willie Nelson mehr als 100000 Dollar im Jahr, aber als Komponist war er ein Niemand, und das meiste Geld verlor er, weil er das nicht einsehen wollte und mit seiner Band auf Tourneen ging, die in halbleeren Gemeindesälen stattfanden."
1970 zog er nach Austin, Texas, und definierte dort bei Bar-Auftritten und in Barbecue-Jamsessions sein Konzept von Countrymusik als Mischung aus Honky Tonk, Western Swing und anderen Frühformen mit einer zeitgemäßen, coolen Spielweise. Sein erster kommerzieller Erfolg war die Country-Oper Red Headed Stranger (1975), eine mystische Story von Liebe und Tod, Rache und Vergeltung, die neben Nelson-Eigenkompositionen auch ein Remake des Standards Blue Eyes Crying In The Rain enthielt. Ein Jahr später beteiligte er sich an dem Outlaws-Projekt seines Freundes Waylon Jennings und galt fortan als Repräsentant einer musikalischen Allianz zwischen puristischen Rednecks und Hippie-Spielern, die gleichermaßen der cremigen Nashville-Countrymusik ablehnend gegenüberstanden. Mit seinem langen, gelegentlich zum Zopf geflochtenen Haar, einem wild wachsenden Bart, Stirnband, Jeans, T-Shirt und Turnschuhen entsprach Nelson ohnehin nicht dem Konfektionsimage eines modischen Country-Entertainers. Seine unnachahmliche Art, nonchalant Gospelhymnen, traditionelle Pophits, Broadwaystücke, Weihnachtslieder und Countryballaden vorzutragen, brachte ihn "so nah an Ray Charles heran, wie das ein Weißer nur schaffen kann" ("Rolling Stone"). Als Duettpartner von George Jones, Merle Haggard, Leon Russell und anderen genrenahen Sangeskollegen sowie in der Formation The Highwaymen (mit Jennings, Johnny Cash und Kris Kristofferson) zeigte er seine Virtuosität jenseits aller Stilgrenzen, machte aber auch deutlich, "dass selbst ein Außenseiterverhalten schnell zur Formel erstarren kann" ("Rolling Stone"). Ohnehin: "In knapper Dosierung ist Nelson ein Sänger mit viel Charme und Ernsthaftigkeit; exzessiv dargeboten jedoch hinterlässt er ei-nen saccharinsüßen Geschmack" ("Stereo Review").
Seine LPs Stardust (1978) mit Evergreens und Always On My Mind (1982) mit Rock-Oldies wie Let It Be Me, A Whiter Shade Of Pale wurden über drei Millionen Mal verkauft. Seine Konzerte brachten allein 1985 14,5 Millionen Dollar ein. Die Zeitschrift "Vanity Fair" reihte ihn unter "die großen klassischen amerikanischen Songwriter dieses Jahrhunderts" ein, "Life" nannte ihn ein "nationales Monument". Doch dann schlug das Finanzamt zu. Mit Luftaufnahmen wiesen Steuerfahnder dem Sänger 70000 Besucher in Open Air-Arenen nach, für die nur 20000 Tickets abgerechnet worden waren. 1990 präsentierte ihm die Finanzbehörde IRS (Internal Revenue Service) einen Steuerbescheid über 32 Millionen Dollar. Ein New Yorker Finanzberater konnte die Forderung in einjährigen zähen Verhandlungen auf 16,7 Millionen herunterdrücken, doch auch damit war der spendable Entertainer, dessen frisch angetraute Frau Annie D’Angelo im eigenen Lear Jet umherdüste, bankrott. Seine gesamte Habe, Landbesitz in drei US-Bundesstaaten mitsamt Golfplatz, Konzertflügel und Goldenen Schallplatten, wurde versteigert – für magere zwei Millionen Dollar. Das Finanzamt akzeptierte darüber hinaus Ratenzahlung und installierte ein eigenes Inkasso: Unter einer kostenfreien Telefonnummer konnten US-Kunden eine CD mit Nelsons 25 größten Hits direkt beim staatlichen Gläubiger bestellen.
In den nächsten Jahren ging der alte Wildwest-Hippie jeweils für vier Monate wieder tingeln – durch Kneipen, Saloons und Honky Tonks. Alle Rundfunktantiemen aus seinen rund 1000 Songs wurden zur Schuldentilgung verwendet. Er komponierte neue Stücke und nahm Platten auf: 1993 unter der Regie von Don Was Across The Borderline mit Hits von Bob Dylan, Paul Simon, Bonnie Raitt, 1994 Healing Hands Of Time, 1995 Augusta (zusammen mit Don Cherry) und 1996 Just One Love (mit Kimmie Rhodes). Nach fünf Jahren war er wieder schuldenfrei: "Ich spiele wieder Golf, und zwar auf meinem eigenen Platz. Ich habe ihn zurückgekauft." Für Healing Hands Of Time gönnte er sich Frank Sinatras Producer Jimmy Bowen und ein riesiges Orchester zur "späten Genugtuung" (Thomas Hüetlin im "Spiegel"): "Es beweist, dass nicht einmal ein Haufen Geiger einen Willie Nelson-Song kaputtkriegt."
1995 bot Nelson Chris Blackwells Label Island ein Reggae-Album an. Blackwell nahm Nelson als ersten Country-Musiker unter Vertrag und verlangte gleich drei Alben. Spirit, das erste in dieser Folge, erschien 1996, das von Don Was produzierte Reggae-Album sollte zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Spirit, so Nelson, sei sein "wichtigstes Album seit 15 Jahren". Es enthalte "eine Art spirituelle Botschaft: Die Wolken verziehen sich, und es ist, als ob man aus einem bösen Traum erwacht." Aus welchen spirituellen oder kommerziellen Gründen auch immer veröffentlichte Island zwei Jahre später mit Teatro (1998) das dritte Album des Deals vor dem zweiten: Nelsons Reggae blieb unter Verschluss. Für Teatro, in einem abgewrackten Filmtheater in Oxnard, Kalifornien, aufgenommen, griff Produzent Daniel Lanois auf düstere Songs wie I’ve Just Destroyed The World oder I Never Cared For You aus Nelsons Jugend-jahren zurück – Songzeile: "The sun is filled with ice and has no warmth at all." Für den Soundtrack verschmolz Lanois raue Gitarrenakkorde mit flirrenden Vibraphontönen, unreal wirkende Synthesizer-Klangflächen mit übereinandergelegten Rumba-Rhythmusfiguren und baute lähmende Vorhalte in die Abläufe ein, sodass beispielsweise das umwölkte Pick Up The Pieces wie eine TripHop-Hymne klang. Einen Charakter wie Willie Nelson in diese Klangwelt zu verpflanzen hieße, Ikea-Möbel in ein Designer-Apartment zu stellen, schrieb Ben Ratliff sinngemäß in der "New York Times".
Inzwischen hatte der Künstler zusammen mit Ringo Starr im kanadischen Peterborough, Ontario, zugunsten der Schizophrenieforschung und neben Neil Young in Columbia, South Carolina, zur Unterstützung der Farmer gesungen (1996), war mit Johnny Cash in der TV-Serie "Storytellers" von VH-1 aufgetreten, hatte auf einer kurzen Tournee Deutschland und Großbritannien bereist (1997) sowie mit seiner Schwester Bobbie auf der Marke Fine Arts nebenbei die CD Hill Country Christmas herausgebracht. Und da – aus welchen vertraglichen Gründen auch immer – neues Material ausblieb, begannen die Firmen Buddah, RCA, Sony 1998 Re-issues zu veröffentlichen – z. B. Stardust, die Alben Red Headed Stranger und To Lefty From Willie als Doppel-CD, Country Willie – His Own Songs, Night Life etc. Unter dem Titel Night And Day kam im Frühsommer 1999 bei Padernales Records eine Instrumental-CD heraus, auf der er im Swingstil der Jazzer Charlie Christian und Django Reinhardt improvisierte – auch über Nuages, die berühmteste Komposition des französischen Zigeunergitarristen. Ein Jahr später veröffentlichte Mercury das reine Bluesalbum Milk Cow Blues mit den prominenten Gastmusikern(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs und
Zusammenstellungen (Auswahl):
And Then I Wrote (1962)
Here’s Willie Nelson (1963)
Country Willie (1965)
Country Favourites (1966)
Hello Walls (1966)
Country Music Concert (1966)
Make Way For (1967)
The Party’s Over (1967)
Texas In My Soul (1968)
Good Times (1968)
My Own Peculiar Way (1969)
Both Sides Now (1970)
Laying My Burdens Down (1970)
Columbus Stockade (1970)
Willie Nelson And Family (1971)
Yesterday’s Wine (1971)
The Words Don’t Fit (1972)
The Willie Way (1972)
Country Winners (1973)
Shotgun Willie (1973)
Phases And Shapes (1974)
Spotlight On (1974)
What Can You Do To Me (1975)
Wild & Willie Willie Or Won’t He Red Headed Stranger (1975)
Sound In Your Mind (1976)
Troublemaker (1976)
Wanted:
The Outlaws (1976)
Willie Nelson Live (1976)
Willie Nelson And Friends (1976)
Texas Country (1976)
Before His Time (1977)
To Lefty From Willie (1977)
Willie Nelson 1961 (1977)
Waylon & Willie (1978 mit Waylon Jennings)
There’ll Be No Tears (1978)
Face Of A Fighter (1978)
Sweet Memories (1978)
Stardust (1978)
Willie And Family Live (1978)
Classic Willie Nelson (1979)
Pretty Paper (1979)
One For The Road (1979 mit Leon Russell)
Electric Horseman (1979)
Sings Kris Kristofferson (1979 mit Kris Kristofferson)
Minstrel Man (1980)
Family Bible (1980)
San Antonio Rose (1980 mit Ray Price)
Honeysuckle Rose (1980 Soundtrack)
Somewhere Over The Rainbow (1981)
Blue Skies (1981)
Always On My Mind (1982)
The Winning Hand (1982)
A Song For You (1983)
Pancho & Lefty (1983)
Tougher Than Leather (1983)
Take It To The Limit (1983)
Without A Song (1983)
My Own Way (1983)
Help Me Make It Through The Night (1984)
City Of New Orleans (1984)
Angel Eyes (1984 mit Jackie King)
Portrait In Music (1984)
Music From Songwriter (1984 mit Kris Kristofferson)
Half Nelson (1985 Duette mit Merle Haggard, Lacy J. Dalton, Neil Young, Hank Williams, Leon Russell, Ray Charles, Julio Iglesias, Carlos Santana, George Jones)
Me And Paul (1985 mit Paul English)
Partners (1986)
Good Hearted Woman (1986)
Promiseland (1986)
Island In The Sea (1987)
Seashores Of Old Mexico (1987 mit Merle Haggard)
Collection (1988)
What A Wonderful World (1988)
A Horse Called Music (1989)
Born For Trouble (1990)
Who Will Buy My Memories? (1991)
Across The Borderline (1993)
Moonlight Becomes You (1994)
Healing Hands Of Time (1994)
Pancho, Lefty And Rudolph (1994)
Six Hours Of Pedernales (1995)
Augusta (1995)
Just One Love (1996)
Spirit (1996)
How Great Thou Art (1996)
Christmas With Willie Nelson (1997)
All Of Me (1997)
Hill Country Christmas (1997)
Teatro (1998)
Life’s Railway To Heaven (1998)
Back To Back:
Willie Nelson And Patsy Cline (1998)
Willie Nelson Live (1998)
VH-1 Storytellers (1998 mit Johnny Cash)
Night And Day (1999)
Clean Shirt (2000)
Memories Of Hank Williams, Sr. (2000)
Me And The Drummer (2000)
Good Ol’ Country Singin’ (2000)
Milk Cow Blues (2000)
Rainbow Connection (2001)
Tales of Luck (2001)
The Great Divide (2002)
Home Is Where You’re Happy (2002)
All Of Me Live … In Concert (2002)
Stars & Guitars (2002)
Is There Something On Your Mind (2002)
Honky Tonk Heroes (2003)
Reunion – Can’t Get The Hell Out Of Texas (2003)
Willie Nelson And Friends:
Live And Kickin’ (2003)
Keepsakes (2003)
Standard Time (2002)
Run That By Me One More Time (2003)
I Just Don’t Understand (2003)
Smokin’ At The Paradiso (2004)
Music Legends:
The Best Of Willie Live (2004)
Live At Billy Bob’s Texas (2004)
Outlaws And Angels (2004)
It Always Will Be (2004)
Songs For Tsunami Relief:
Austin To South Asia (2005)
Countryman (2005)
You Don’t Know Me:
The Songs Of Cindy Walker (2006)
Live From Austin, Texas (2006)
All American Country (2006)
Just A Couple Of Outlaws (2006)
Songbird (2006)
The Complete Atlantic Sessions 1973–1974 (2006)
Last Of The Breed (2007)
Moment Of Forever (2008)
Two Men With The Blues (2008)
Willie & The Wheel (2009)
Country Music (2010)

JPC.de
ALPHAMUSIC.de
ABELLA.de
AMAZON.de
BUECHER.de
BRAVADO.de



























