NANNINI,GIANNA
Biografie
Gianna Nannini (voc, p), am 14. Juni 1956 als Tochter eines renommierten Konditors mit mehreren Geschäften in Siena, Italien, geboren, entkam dem Bermudadreieck Mamma, Madonna, Marchetta, in dem der italienische Machismo traditionsgemäß jeden fraulichen Selbstbehauptungswillen verschwinden ließ, vollzog mit eindeutigen Rockstücken "den Schritt vom Erleiden zum Erobern" ("Emma") und bekannte: "Ich habe mich entschlossen, sehr total und sehr konsequent zu leben." Mit der "Reibeisenstimme einer Janis Joplin und der Rastlosigkeit eines Mick Jagger" ("Kölner Stadtanzeiger") rockte die bisexuelle Karatekämpferin "wie ein Kerl" ("Bravo"), forderte selbstbewusst: "Komm her, Typ", veralberte den Latin Lover (Albumtitel) und gab sich in America (1979) den Freuden der Masturbation hin: "Musikmachen erregt mich, und wenn ich stundenlang gespielt hatte, war ich einfach geil. Wenn Männer vom Onanieren erzählen, finden's alle toll; wenn eine Frau das macht, ist es ein Skandal."
Gianna Nannini ging 1975 zum Musik- und Philosophiestudium nach Mai-land, schloss sich dort alternativen Musikzirkeln an und brachte 1976 ihr erstes Album mit engagierten Liedermachertexten zur Pianobegleitung heraus. Während der Ferienarbeit in einer Konditorei verlor sie bei einem Maschinenunfall drei Fingerkuppen und musste das Pianostudium aufgeben. Ein Amerikaaufenthalt brachte 1979 die Umorientierung zur Rockmusik, deren Resultat das Album California mit dem "Skandaltitel" America war. Im Auftrag von Bernardo Bertolucci komponierte sie den Soundtrack zum Film "Sconcerto Rock" (1981) und engagierte im gleichen Jahr mit Peter Zumsteg einen deutschen Manager. Von Latin Lover (1982) bis zum Album Maschi e altri (1987) wurden ihre Platten von Konrad "Conny" Plank (geb. am 3. Mai 1940 in Hütschenhausen, Rheinland-Pfalz, gest. am 18. Dezember 1987) in Köln produziert.
Die "explosive Rock-Madonna" ("The Times") ent-wickelte sich zu einem paneuropäischen Star mit Hiterfolgen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Beneluxländern. Ihre Single Fotoromanza, zu der Michelangelo Antonioni einen Videoclip drehte, hielt sich drei Monate auf dem Spitzenplatz der italienischen Charts; für die dazugehörige LP Puzzle (1984) erhielt Gianna Nannini als erste Frau in Italien eine Goldauszeichnung. "Ihre Stimme gleicht einem Erdbeben", lobte die "New York Times" die verschwitzten Auftritte der Elton John- und Puccini-Liebhaberin, die ihre Rhythm & Rock-Melange mit sinnlichen, melodiösen italienischen Klängen anreicherte und dabei "jeden Übergang vom bluesig Angerauten in die emporjubelnde Kantabilität kennt" ("Süddeutsche Zeitung"). "Ich liebe Musik, die sich in einer Evolution befindet", erklärte die engagierte Feministin, die zwar auf zahlreichen Frauenfestivals spielte, sich aber dennoch ihre Unabhängigkeit von der Emanzipationsbewegung bewahren wollte. "Es interessiert mich nicht, die amerikanische Musik zu kopieren. Ich will musikalische Ideen entwickeln, die von meiner eigenen Kultur ausgehen."
1987 vertrat sie Italien beim Song Festival in Tokio mit dem von dem Deutschen Armand Volker produzierten Lied I Maschi und platzierte sich damit in zahlreichen Ländern. 1990 wurde die gemeinsam mit Edoardo Bennato gesungene Fußballhymne Un estate italiana ihr bis dahin größter Hit. Ihre Alben Scandalo (1990), X forza e X amore (1993) und Dispetto (1995) boten musikalisch nichts Neues. Die "letzte Feministin des Rock 'n' Roll" (Nannini über Nannini) war anderweitig stark in Anspruch genommen: 1994 promovierte sie an der Universität von Siena. Thema der Dissertation: "Der Körper in der Stimme. Die Beziehung Körper-Stimme aus der Sicht der Anthropologie der Musik." "Ich bin nicht stolz darauf, intellektuell zu sein", wiegelte sie ab, "aber es ist die Alternative, als Musiker Akademiker zu sein. Mit Sex and Drugs and Rock 'n' Roll kommt man heute nicht mehr sehr weit."
Entsprechend rückte sie mit späteren Alben zum Verdruss vieler Fans ein gutes Stück von der Rockmusik ab. 2000 trug sie die Musik zur Verfilmung des Kinderbuchs "Momo" von Michael Ende bei und sang den Titelsong im Duett mit Xavier Naidoo auch auf Deutsch. Für das Album Aria (2002) ließ sich "eine der erfolgreichsten und authentischsten Stimmen der internationalen Rockszene" (Barbara Jänichen in der "Berliner Morgenpost") von Christian Lohr einen quasi-symphonischen Soundtrack mit reichlich Studioelektronik entwerfen. Ein Kritiker im Internet: "Den Akzent auf die Instrumentierung zu setzen ist bei Liedern, die stark von der Stimme abhängen, die falsche Strategie." In Perle (2004) wurde sie von zwei Pianos und dem Solis String Quartet aus Neapel begleitet. Nannini: "Rockmusik wird langweilig, wenn sie nicht jemand ganz neu erfindet. Ich will weg vom Klischee-Rock mit Gitarre und mehr klassische Elemente berücksichtigen, die auch Stille, auch Leerstellen aushalten können. Von E-Gitarren habe ich genug."
Grazie (2006) war ebenfalls eher Pop als Rock. Zwar schwang sich die Diva mit Villa und Tonstudio in Milano immer noch gern in Leder auf ihre schwarze Honda 500 aus dem Jahr 1981, aber die wilden Jahre als Interpretin lagen wohl hinter ihr. Nicht zu ihrem Schaden: Grazie hielt sich in Italien sieben Wochen an der Spitze der Hitparade; die Single Sei nell' anima war sechs Wochen lang die Nummer eins. Noch vor der CD erschien in Deutschland im List-Verlag ihre Autobiographie, selbstbewusst betitelt: "Ich". Auch das Coverfoto, das nur die rechte Hälfte ihres Kopfes zeigte, stammte von ihr selbst: "Ich habe nach einem Konzert vor zwei Jahren meine kleine Digitalkamera vors Gesicht gehalten und einfach draufgedrückt."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Gianna Nannini (1976)
Una radura (1977)
California (1979)
G. N. (1981)
Latin Lover (1982)
Sogno di una notte d'estate (1983 Soundtrack)
Puzzle (1984)
Sconcerto Rock (1984)
Tutto Live (1985)
Pro fumo (1986)
Maschi e altri (1987)
Malafemmina (1988)
Scandalo (1990)
Giannissima (1991)
X forza e X amore (1993)
Dispetto (1995)
Cuore (1998)
Momo Alla Conquista Del Tempo (2002 Soundtrack)
Aria (2002)
Perle (2004)
Grazie (2006)
Pia Come La Canto Io (2007)
Gianna Dream - Solo I Sogni Veri (2009)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Bombolini - The Greatest Hits Collection (1996)
Giannabest (2007)

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