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Naidoo,Xavier

Naidoo,Xavier

Biografie

Xavier Naidoo Kurt (voc), am 2. Oktober 1971 in Mannheim geboren, entwickelte sich mit seinen unterschiedlichen und widersprüchlichen Eigenschaften als "Weltverbesserer, Überzeugungstäter, Wanderprediger, Mittelständler, Lokalpatriot, Patriot und Nervensäge" ("Berliner Zeitung") am Anfang des neuen Jahrtausends zur einflussreichsten kreativen Kraft in der deutschen Popmusik. Mit der Kombination "aus bierernstem, pseudochristlichem Textwerk und hochgradig schwermütigem R & B", so Kritiker Harald Peters, habe er so gut wie im Alleingang die Kategorie des deutschsprachigen Soulpop aus dem Boden gestampft. Für seine makellosen Tonbögen, Oktavensprünge, Gospelrufe, Rockschreie sowie die Mühelosigkeit seines Gesanges verglich ihn Dieter Bartetzko in der "FAZ" mit Al Jarreau in dessen bester Zeit: "Was Jarreau die Charts versperrte, die rasante Mischung unendlich vieler Musikstile nämlich, der fortwährende Wechsel der Stimme zwischen allen, ist für Naidoo zum Hit-Joker geworden. Soul und Funk geistern in seinen Liedern, Rock, Latinpop und Country, zusammengehalten von einem predigenden Sang, der die Wortkaskaden des Rap zurückverwandelt in strömende Musik."

Der Mann polarisierte. Andere Kritiker – wie Jan Wigger im deutschen "Rolling Stone" – warfen ihm "pastorales Betroffenheitsgeschwätz, moralinsaures Maßregeln, nutzlosen Bombast und unerträgliche Manierismen" vor. Als Herr über Studios, Labels und Verlage, einen Autoverleih, eine Rennbahn und Anteile an der Mannheimer Pop-Akademie gebot Xavier Naidoo 2007 in Rheinland-Pfalz auch über eine gehörige Wirtschaftskraft. Selbstironisch nannte er sich zu Beginn seiner Karriere einen "Neger aus Kurpfalz". Seine Mutter Eugene, irischer Abkunft und in Südafrika geboren, hatte in London einst für die Beatles Bühnenkostüme geschneidert. Sein Vater Rausammy, genannt Thommy, ebenfalls aus Südafrika, hatte tamilisch-indische und deutsche Vorfahren und ließ sich nach beruflichen Anfängen als Industrieschweißer in England schließlich als Schichtarbeiter in Mannheim nieder.

Seit Naidoo am einsamen Silvesterabend 1992 zufällig die Bibel aus Vaters Bücherregal zog und durch den Petrusbrief erleuchtet wurde, lobte er als "Jesus der Hit-paraden" ("Der Spiegel") den Herrn, und durch seine Konzerte zog immer – so die "Tageszeitung" – "ein Hauch von Kirchentag". Nach den Regeln des Popgeschäfts mache er eigentlich alles falsch, postulierte die "Berliner Zeitung". Er covere sein Vorbild Herbert Grönemeyer (mit dem Song Flugzeuge im Bauch), singe deutschsprachigen Soul über Gott und Gospels über Mannheim, und alles, was er tue, sei "haarsträubend peinlich: Xavier Naidoo überrumpelt souverän sämtliche Vorurteile, und genau das macht ihn so unwiderstehlich".

Nachdem sich der ehemalige Messdiener, dessen Vorname wie Saviour (Retter) ausgesprochen wird, in seiner badischen Heimatstadt als Kochlehrling, Boutiquenverkäufer, Badehosenmodell, Türsteher einer Diskothek, Jingle-Sänger und regionaler Musical-Interpret (im Stück "Human Pacific") versucht und 1992 sogar schon einmal an einem verunglückten Plattenalbum für die USA mitgewirkt hatte, heuerte er als Background-Stimme bei den Pelham Power Productions (3 p) des cleveren schwarzen Glatzkopfs Moses P. in Frankfurt-Rödelheim an. Seine auch solistische Mitwirkung an Sabrina Setlurs Rap Frei sein (samt Video) ließ Kritiker bereits von "technisch unumstrittenen Sangesqualitäten" ("Tip") schwärmen. Angesichts des offiziellen CD-Erstlings Nicht von dieser Welt (1998), dieser laut Claudia Wiegand im Berliner Stadtmagazin "Tip" "perfekten, nicht nuschelnden Kopie seines Vorbilds Grönemeyer", bejubelten deutsche Gazetten "eine Stimme, die in kleinsten Abstufungen und Nuancen Gefühle transportiert und sich in jeder Silbe des Schutzes der himmlischen Heerscharen bewusst ist, auf deren Back-up-Gesang man beinahe wartet" ("Frankfurter Rundschau").

Das Album wurde mehr als eine Million Mal verkauft und befand sich im April 1999, ein Jahr nach Veröffentlichung, durch den Erfolg der Single Sie sieht mich nicht abermals auf Platz eins der deutschsprachigen Album-Charts. Im März 2000 wählten die Juroren des deutschen Echo-Schallplattenpreises Naidoo – neben der Labelkollegin Sabrina Setlur (siehe Bio) – zum "Künstler des Jahres – national". Bis dahin hatte Naidoo mit "genau jener Mischung aus Coolness und Spannung, die Soul oder Rhythm & Blues brauchen" ("Berliner Morgenpost"), mehr als 70 Konzerte vor über 300000 Fans aller Altersklassen absolviert. Aus den Auftritten in Rastatt, Mannheim und Travemünde wurde, nur geringfügig nachbearbeitet, das Tourneealbum Live angefertigt, das "Rolling Stone" als "charismatisches Hochamt" anpries – "mit einer Stimme, die der vergleichsweise behäbigen deutschen Sprache das Tanzen beibringt". Kritiker Jörg-Peter Klotz: Die Studioversionen der Erweckungslieder auf der CD Nicht von dieser Welt könne man "nach den fast 80 Live-Minuten getrost dem nächstbesten Bibelkreis in den Klingelbeutel werfen".

Im Sommer 2000 veröffentlichte Naidoo den von ihm komponierten Titelsong zum Film "Dolphins" ( Kein Weg daran vorbei) mit der Sängerin Yvonne Betz auf dem kurz zuvor gegründeten eigenen Label Söhne Mannheims und überwarf sich mit seinem Entdecker Pelham. Auf dessen einstweilige Verfügung hin wurden 50000 CDs eingestampft, 140 Filmkopien umgeschnitten und Co-Star Naidoo im Video zum Song mit gepixelten Flammen unkenntlich gemacht. Pelham berief sich dabei auf seinen Künstlerkontrakt, den Naidoos Anwälte als "Knebelvertrag" interpretierten: "Der Plattenvertrag wurde über fünf Alben bei einer Mindestlaufzeit von fünf Jahren abgeschlossen. Mit jeder Single, die ausgekoppelt wird, verlängert sich die Kündigungsfrist um ein halbes Jahr. Vom Handelsabgabepreis jedes Albums erhält Naidoo nur fünf Prozent – normal sind Beteiligungen zwischen sieben und zehn Prozent", so Ann Thorer in der "Bunten". Da von Naidoos erstem Album Nicht von dieser Welt mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden, schätzte die Illustriertenredakteurin, "dass Pelham ca. 25 Millionen Mark an seinem Star verdient hat, der Sänger dagegen nicht einmal zwei Millionen".

Dieser aber schien am Geldverdienen gar nicht so besonders interessiert zu sein. Im ersten Halbjahr 2001 lieh er seine Stimme so vielen Kollegen und Kolleginnen zu hitträchtigen Duetten, dass der deutsche "Rolling Stone" bereits mutmaßte, "jeden Plattenfirmen-Manager würde diese wild wuchernde Medienpräsenz dem Kardiologen näherbringen": Edo Zanki ( Gib mir Musik), Reamonn (im Cover des Falco-Titels Jeanny), Ben Becker ( Du, nur du nach einem Gedicht von Rainer Maria Rilke), Sékon ( Silver & Gold), Erkan Aki (in einer Tenor-Version des Karat-Stückes Über sieben Brücken), auf einer CD des Kabarettisten Michael Mittermeier sowie im Chor Brother’s Keepers neben Torch, Afrob, D-Flame, Sékon, Samy Deluxe etc. (im Protestsong Adriano für den von Nazi-Skins ermordeten Mosambikaner Alberto Adriano).

Gegen all diese Singles (außer Adriano) kam Moses Pelham bei Gerichten in Frankfurt/M., Hamburg, Köln, München, Karlsruhe und Mannheim – vergeblich – um einstweilige Verfügungen ein. Der 3p-Boss konnte mit juristischen Mitteln auch nicht verhindern, dass Ende 2000 das Album Zion von Naidoos 17-köpfigem Big Band-Projekt Söhne Mannheims im Eigenvertrieb in den Handel kam. Die CD, laut Naidoo "aus dem Wissen entstanden, dass wir uns auf Zion, dem Heiligen Berg (Heidelberg, Königsstuhl) befinden", wurde von einem Teil der Kritik als "lauwarme Scheiblette eines versierten Haufens mundartlicher Mietmucker" ("Tip"), als "schwammig wie die Heils- und Glaubensbekenntnisse Naidoos" ("Die Woche") abgetan. Sie fand aber auch Befürworter wie den deutschen "Rolling Stone": " Zion besticht vor allem durch perfekte, variable Gesangsarrangements, die trotz eines Überangebots an guten Sängern nie den Fehler machen, die grandiose Stimme Naidoos aus dem Zentrum der Songs zu nehmen. Auch wenn dem Prediger die Mütze brennt" (Jörg-Peter Klotz). Das im Studio des deutsch-jugoslawischen Schlager- und Soul-Veteranen Edo Zanki in Karlsdorf produzierte Album wurde bereits vor seiner Auslieferung mit Goldstatus gehandelt.

Aber auch außerhalb von Studios und Gerichtssälen machte der selbsternannte Saviour mit naiven Gesetzesübertretungen und gelebten Sozialutopien immer wieder Schlagzeilen. Nachdem er sich in einem Interview ("Ich rauche eigentlich ziemlich viel Marihuana") als Kiffer geoutet hatte, beschlagnahmte die Polizei in seiner Wohnung 50 Gramm Gras. Wiederholt wurde er beim Fahren ohne Führerschein ertappt. Das Amtsgericht Mannheim verurteilte ihn einmal zu fünf Monaten auf Bewährung, das zweite Mal zu 20 Monaten Haft auf Bewährung und 100000 Mark Geldbuße. Er beteiligte sich an Udo Lindenbergs Benefizkonzerten "Rock gegen rechte Gewalt" zugunsten von Naziopfern im neuen Gesamtdeutschland und kaufte rund 70 alte Autos zusammen, hauptsächlich Mercedes-Limousinen aus(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Seeing Is Believing (1993)
Kobra (1994)
Nicht von dieser Welt (1998)
Live (1999)
Zwischenspiel/Alles für den Herrn (2002)
Alles Gute von uns (2003)
Telegramm für X (2005)
Alles Kann Besser Werden (2009)
LPs Söhne Mannheims:
Zion (2000)
Noiz (2004)
Power Of The Sound (2005)
Söhne, Mond und Sterne (2007)
Iz On (2008)
Wettsingen In Schwetzingen (2008)
Iz On (2009)

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