Start | MORISSETTE,ALANIS | Rowohlt-Biografie

MORISSETTE,ALANIS

Morissette,Alanis

Biografie

Alanis Morissette Nadine (voc, g, harm), am 1. Juni 1974 in Ottawa, Kanada, geboren, schrieb ihren ersten Song im Alter von neun Jahren, mit 14 war sie ein TV-Star. In ihrer frühen Kindheit hatte die Tochter einer gebürtigen Ungarin und eines Frankokanadiers mit ihrem älteren Bruder Chad und ihrem Zwillingsbruder Wade drei Jahre in Deutschland verbracht. Die Eltern unterrichteten als Lehrer die Kinder kanadischer Besatzungssoldaten im Stützpunkt Lahr im Schwarzwald. Das Wunderkind verwendete das Honorar, das sie als Zehnjährige in der Nickelodeon-Show "You Can’t Do That on Television" verdient hatte, 1985 für die Produktion ihrer ersten Single, Fate Stay With Me. Ihre Eltern hatten dafür ein eigenes Label, Lamor Records, gegründet und 2000 Exemplare anpressen lassen. MCA Kanada gab ihr daraufhin zunächst einen Songautoren-, als sie 14 war, auch einen Interpretenvertrag.

Derartig unbeirrbare Geradlinigkeit konnte nur in einer Karriere enden. 1991 veröffentlichte sie ihr Debütalbum, eine Dance-Platte, von der über 100000 Exemplare verkauft wurden. Als "vielversprechende weibliche Künstlerin" erhielt sie daraufhin den kanadischen Plattenpreis Juno. Mit dem ein Jahr später folgenden Album Now Is The Time konnte Morissette diesen Erfolg nicht wiederholen. Sie ging nach Los Angeles und traf den renommierten Produzenten Glen Ballard (g, kb), der schon für Michael Jackson, Aretha Franklin und Barbra Streisand gearbeitet hatte. Ballard wurde zum starken Mann hinter Morissette, der sich in ihr Songwriting einmischte, bis sich sein Anteil an ihrer Musik nicht mehr genau ausmachen ließ. Für die Plattenaufnahmen engagierte er Musiker der ersten Garnitur – neben anderen Flea (bg) und David Navarro (g) von den Red Hot Chili Peppers sowie Benmont Tench (org) von Tom Pettys Heartbreakers –, griff selbst zur Gitarre und produzierte.

Nach einigen vergeblichen Versuchen bei den großen amerikanischen Plattenfirmen nahm Madonnas Label Maverick Morissette unter Vertrag. Die im April 1995 veröffentlichte LP Jagged Little Pill hatte mit den Dance-Jugendsünden der kanadischen Sängerin nichts mehr zu tun. In ausschließlich eigenen Texten verwischte sie die Grenzen zwischen Erlebtem, Erdachtem und Zusammenphantasiertem und reflektierte kühl, distanziert, als lägen ihre Themen auf dem Seziertisch der Pathologie. Dem Allzu-Kalkulierten wirkte sie mit manchmal brutaler Offenheit und einem emotionalen, um Klangschönheit unbekümmerten Gesangsstil entgegen, der an Tori Amos oder Lisa Dalbello erinnerte. Joni Mitchell nannte sie als ihr Vorbild.

In ihren Texten ließ Morissette die katholisch geprägte Kindheit und Jugend durchblicken – mal direkt wie in Forgiven, mal indirekt wie in You Oughta Know, in dem der Ex-Geliebte mit geradezu alttestamentarischer Gewalt verflucht wird: "Jedes Mal, wenn du ihren Namen sagst, / weiß sie, wie du meinen gesagt hast, wie du mich gehalten hast, / bis du stirbst, bis du stirbst, / aber noch lebst du." Allemal ging es um Schuld und Selbstbehauptung, um den Platz im Leben und in der Gesellschaft, um die gerechtfertigten oder ungerechtfertigten Ansprüche der anderen. "Morissette wurde zur Furie, die an den Festen der Männerwelt rüttelte", so Thomas Weiland in "Tip". Im Spielfilm "Dogma" (1999), an dem sie auch musikalisch mitarbeitete, spielte sie die Rolle von Gott. Ein Rundfunkmann in Chicago fühlte sich persönlich angegriffen und rief über die Antenne zur Aktion PUSMAC auf: "People United to Stop Morissette the Antichrist."

Den Versuch, sie als Rock-Vorzeigefeministin umzuwerten, wies Morissette zurück: "Einige Künstlerinnen kamen zu mir und sagten: Yeah, wir übernehmen nun die Sache. Da schüttelte ich nur meinen Kopf." Zu diesem Zeitpunkt hatte die Sängerin mehr als 14 Millionen Exemplare von Jagged Little Pill verkauft. In monatelangen Welttourneen hatte sie mit ihrer Band, zu der Nick Lashley (g), Jesse Tobias (g), Chris Chaney (bg) und Taylor Hawkins (dr) gehörten, ihre Songs vor Tausenden von Menschen gespielt und sich trotzdem "völlig allein" auf der Bühne gefühlt – für sie ein Anlass zu tiefgründelnden Psychogedanken: "Ich fühle die Energie der Menschen, ich weiß, dass sie da ist. Aber da ist diese Grenze. Ich bin nicht mit Körper und Seele für sie da."

Im Januar 1996 schloss sie ihre never ending tour mit einem wie stets ausverkauften Konzert in Mesa, Arizona, vorerst ab – aber nur, um für eine Kette von Preisverleihungen sogleich wieder auf die Bühne zu gehen: Brit Award als "Best International Newcomer" in London, vier Grammys für Jagged Little Pill in Los Angeles, zwei World Music Awards als bestverkaufte internationale Rocksängerin in Monte Carlo, drei Preise für das Video Ironic bei den MTV Music Video Awards in New Yorks Radio City Music Hall, noch ein MTV-Videopreis für Europa in London sowie ein Award als "Best New Act" vom britischen Magazin "Q".

Kurz nachdem Miss Morissette um den Jahreswechsel 1996/97 in Las Vegas Auszeichnungen als "Künstlerin des Jahres" und für das "Album des Jahres" sowie in L.A. zwei American Music Awards entgegengenommen hatte, passierte die US-Auflage von Jagged Little Pill die 15-Millionen-Marke. Ein Echo-Preis der Deutschen Phono Akademie folgte im März, drei Tage später drei Juno Awards daheim in Hamilton, Ontario. An Studioarbeit war während dieser hektischen Erfolgsmonate nicht zu denken. Ein Video Jagged Little Pill – Live heizte den Umsatz durch TV-Ausstrahlungen ein weiteres Mal an, machte selbst Millionenumsatz und fuhr im Februar 1998 einen weiteren Grammy ein. Pill-CD-Auflage in den USA im Juli: 16 Millionen.

Erst im Oktober, nachdem die Sängerin fast drei Jahre lang lediglich mit je einem neuen Song auf der CD Before These Crowded Streets der Dave Matthews Band ( Spoon, 1998) sowie auf der Soundtrack-CD City Of Angels (Uninvited, 1998) zu hören gewesen war, gab es unter dem CD-Titel Supposed Former Infatuation Junkie ein reguläres neues Produkt. Infatuation = Verblendung. Mit dem mit Nick Lashley (g), Joel Shirer (g), Chris Chaney (bg), Gary Novak (dr) im Aerowave Studio ihres Produzenten und Songpartners Ballard in Encino, Kalifornien, eingespielten Album zog Morissette nach der geschäftlichen nun die emotionale Bilanz. Insgesamt 28 Millionen Mal war Jagged Little Pill weltweit verkauft worden. 84 Wochen hielt es sich in den Charts.

Die Konflikte und Konfusionen der nun 24-Jährigen hatten sich dadurch eher noch verstärkt: "Es gab eine Dissonanz in dem ganzen äußerlichen Erfolg. Einerseits wurde von mir überschwängliche Freude darüber erwartet, andererseits beängstigte er mich." Auf Reisen nach Indien und Kuba, bei verloren geglaubten Freunden, in ihrer Familie und in neuen Liebschaften hatte sie Entlastung gesucht. Sie hatte gemalt, kochen gelernt, war gelaufen, geschwommen, Fahrrad gefahren und hatte dreimal inkognito am Triathlon in Los Angeles teilgenommen. Am Ende erwies sich das Songschreiben als die beste Therapie: "Je verwirrter und verletzender ein Text ist, desto erlöster fühle ich mich, wenn ich ihn geschrieben hatte." Im Song The Couch versuchte sie ihren Vater zur Psychoanalyse zu schicken, in mehreren Songs rechnete sie – nach zuvor eingeholter Erlaubnis und unter geänderten Namen – mit ehemaligen Liebhabern ab: "I was hoping we could heal each other." In 13 der 17 Songs, vielfach ungereimte Rezitative, schrieb Glen Ballard zu ihren Tagebuchnotizen die Melodien.

"Nach der effektgetriebenen Anschuldigungsprosa des Debüts nun retrospektive Aufräumungsarbeit" (so Patrick Großmann in "Tip") – mit vorhersagbarem Anschlusserfolg: Zwei Monate nach Veröffentlichung waren in den USA drei Millionen Exemplare verkauft. Dazu half auch das Video Thank You, in dem die Sängerin nackt in einer U-Bahn posierte. Für die Single Uninvited nahm sie 1999 zwei weitere Grammys entgegen: "Best Rock Song" und "Best Female Rock Performance". Und wie schon bei Pill vermarktete die Plattenfirma Maverick auch das Songmaterial von Junkie noch einmal als Live-Video, diesmal auch als Live-CD. Der Mitschnitt eines Konzerts in der Brooklyn Academy of Music wurde im November 1999 in der TV-Reihe "MTV Unplugged" ausgestrahlt und erschien unter diesem Titel auch auf dem Plattenmarkt.

Das roch nach Überexposition, und die Rockpresse, zumal in Deutschland, nahm dies übel. In "Stereoplay" mokierte sich Jürgen Elsässer über "trotz gitarrenlastigem Sound reichlich weichgespülte Arrangements" und fragte sich artig: "Ob’s an den Texten liegt, in denen Alanis ihr Seelenleben, flüchtiges Glück und bittere Enttäuschungen reflektiert?" Im "Musikexpress" roch Lukas Grasberger beim Anhören der CD ein "Kunstfurnierholz-Mädchenzimmer" und kam zu dem Schluss: "Alanis Morissette, die Identifikationsfigur mit dem angeklebten Haupthaar, wird sich ihre ehrliche Haut ein weiteres Mal vergolden lassen." Das war voreilig. Ihr nächstes Album Under Rug Swept (2002) stürzte an der Ladenkasse ab, ihre keineswegs angeklebte Mähne kürzte sie(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Ähnliche Künstler