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Meinecke,Ulla

Meinecke,Ulla

Biografie

Ulla Meinecke (voc, g), am 14. August 1953 in Usingen, Taunus, geboren, wurde 1978 auf Tournee mit Udo Lindenbergs Panik-Orchester vom "Stern" als "Rock-Lady" deklariert. Ein Vierteljahrhundert später modifizierte "Das Magazin": "Kein Rockstar, aber eine erhabene Ausnahmeerscheinung in der deutschen Popmusik."

Das anfangs fanatisch betriebene Gitarrespielen gab sie schon wieder auf, als sie zwischen 1966 und 1976 in Frankfurt am Main zur Schule ging und bald zur alternativen Hausbesetzerszene gehörte. Dennoch bekannte sie später: "Ich bin eine Rockmusikerin. Das hat nix zu tun mit martialischem Leder, das hat auch nix zu tun mit "die Gitarren hängen tief, morgen gibt es gutes Wetter". Das ist eine Lebenshaltung." Im Frühjahr 1967 schrieb sie zum Tod des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer für die Schülerzeitung des Frankfurter Ziehen-Gymnasiums ein Poem, das beim Lehrkörper Anstoß erregte, weil es mit den Zeilen endete: "Stundenlang dasselbe Gleiche, ein Hoch auf die geehrte Leiche."

Inspiriert von Kurt Tucholsky, Keith Richards und John Lee Hooker wurde Sprache ihr Medium. Sie sei eine Songschreiberin, die große Gefühle in poetische Texte bettet, die sich mit ihrer Musik trotzig und hoffnungsvoll der Unbill des Lebens entgegenstellt, konstatierte Peter E. Müller in der "Berliner Morgenpost": "Ulla Meinecke flaniert in ihrer Liedwelt zwischen Rock und Chanson, ist eine Perfektionistin, die, wenn es denn sein muss, wochenlang an einer Nuance feilen kann."


Mit drei Songs, darunter Für dich tu ich fast alles, die sie zur Gitarre auf eine Kassette sang, bewarb sie sich bei Udo Lindenberg, der in einem kurzlebigen Popblatt nach Stimmen für eine geplante Mädchenband inseriert hatte. Der kreative Deutschrocker ließ sie nach Hamburg kommen, stellte sie mit Lohnsteuerkarte als Sekretärin an, nahm sie mit auf Tournee und produzierte für RCA ihr Debütalbum Von toten Tigern und nassen Katzen (1977), ein Jahr und eine weitere Tournee später gefolgt von Meinecke Fuchs. Ulla: "Die Kritiken waren mäßig, man fand die Musik und die Arrangements zu lindenbergmäßig. Kunststück, es waren ja im Wesentlichen Udos Musik und auch seine Arrangements, gespielt von seinen Musikern. Im Prinzip waren die Journalisten eigentlich nur daran interessiert, zu erfahren, ob ich ein Verhältnis mit Udo hätte."

Im September 1979 trennte sie sich von ihrem Hambur-ger Mentor und zog nach Berlin. Drummer und Songkomponist Herwig Mitteregger (siehe Bio) wurde privat und beruflich ihre neue Bezugsperson. Er produzierte ihre LPs Überdosis Großstadt (1980), Nächtelang (1981), mit denen sie als Songpoetin wie als Sängerin eine eigene Diktion fand. Mit wenigen lakonischen Textzeilen umriss sie atmosphärisch dicht gleichermaßen individuelle und allgemeingültige Situationen ihrer Beobachtungs- und Erlebniswelt: "Charly, ich bin schwanger, ich wohn’ jetzt in der Innenstadt über ’ner Bücherei, Nähe Clayallee / Ich bin runter vom Dope, und ich trink’ nicht mal Whisky / Mein Typ spielt Saxophon und hat ’n Job bei der Bahn / Er sagt, er liebt mich, obwohl’s nicht mal sein Baby ist / Er sagt, er zieht es groß wie seinen eigenen Sohn / Ich hab ’n Ring von ihm, den hat er von seiner Mutter / Und er nimmt mich mit zum Tanzen, jede Samstagnacht …" ( Valentinstag). Alles gelogen: "Ach Scheiße, Charly, willst du wissen, was los ist? / Ich hab’ keinen Mann, und der spielt auch nicht Saxophon / Ich brauch’ so dringend Asche für den Anwalt – und der sagt: / Vielleicht lassen sie mich auf Bewährung raus / Am Valentinstag."

Sie war in den Berliner Musiker- und Szenekosmos um die Band Spliff (siehe Bio) eingetaucht, den sie 2005 für das Erinnerungsbuch "Im Augenblick" (Schwarzkopf & Schwarzkopf) mit viel Zeitkolorit in treffsicherer Prosa beschrieb: "Ich wollte über den Dingen stehen und steckte bis zum Hals mittendrin. Mir schwebte vor, etwas zu machen, was all die Themen berühren sollte, die in der Zeit lagen. Ich war drauf und dran, über die Dinge zu schreiben und nicht mehr von den Dingen. Ich sah die Bäume vor lauter Wald nicht mehr." Da bescherte ihr der jugoslawisch-deutsche Soulinterpret und Komponist Edo Zanki in Karlsdorf bei Karlsruhe zum Text Tänzerin mit Rhythmusmaschine und swingendem Keyboard eine zündende Melodie: "Du bist die Tänzerin im Sturm / Du bist ein Kind auf dünnem Eis / Du schmeißt mit Liebe nur so um dich / Und immer triffst du mich."

Das von Udo Arndt in Berlin produzierte dritte und letzte RCA-Album mit dem sperrigen Titel Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig (1983) wurde vor allem dank der Tänzerin für 250000 verkaufte Einheiten mit Gold, später für 500000 mit Platin prämiert. Weitere Auszeichnungen, beispielsweise die "Goldene Europa" des Saarländischen Rundfunks, schlossen sich an. Das von Herwig Mitteregger komponierte und mit den Streichern der Berliner Deutschen Oper aufgenommene Titelstück zur LP Der Stolz italienischer Frauen (1985), nun für die Firma Sony/CBS, war "ein richtiger Schmachtfetzen in Farbe auf Breitwand" (Meinecke), schloss aber textlich an die Gefährlichkeit der Tänzerin an: "Sie steht in Flammen und im Unterrock / Und ihr Blick trifft wie ein Beil / Tausend Jahre, bis das erste Glas flog / Und jetzt bleibt nichts mehr heil / Jetzt ist sie gefährlich, er hat sie nie so gesehn / Katze im Sprung, mit Funken im Fell / Sie hat ihn auf den Knien, und er findet sie so schön …"

Die nicht abreißende Konzertserie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität wurde mit dem Album Kurz vor 8 (1986) dokumentiert: "Ich war jetzt 35 und spürte, dass auch ich nicht mehr unter den Jugendschutz fiel." Für das ihrer Gemütslage entsprechend betitelte Album Erst mal gucken, dann mal sehn (1988) schrieb sie nach zweijähriger Pause kontemplative Texte wie Unten am Ufer, Das nackte Leben, Ein großes Herz, Lieb ich dich zu leise, Schlendern ist Luxus und übernahm vom Berliner Liedermacherkollegen Manfred Maurenbrecher das lyrische Hafencafé: "Und ich lehn an der Brüstung vom Balkon überm Hafencafé / Hör die ewige Brandung / Hab im Hals diesen Brand / Fühl mich wie ’n Emigrant / Und träume vom Schnee."

Umsatzträchtig war das nicht in einer Zeit, in der Techno die Clubszene beherrschte und in Berlin die Mauer fiel. Da war es wohl eine gute Idee, eine LP/CD mit neuen deutschen Texten auf amerikanische und englische Songs zu machen, welche die Plattenkäufer schon von ihren Urhebern her kannten, wie Ulla Meinecke es bereits mit Paul Simons 50 Ways To Leave Your Lover ( 50 Tips) auf der LP Wenn schon nicht für immer … getan hatte. Sie holte sich Rat bei Freunden aus den Medien und verbrachte mit dem Nach- und Neudichten "mindestens so viel Zeit wie für ein Album mit ganz neuen Songs". Dass Löwen (1991) an der Ladenkasse nicht funktionierte, lag vermutlich am Repertoire. Songs wie One Step Up And Two Steps Back ( Ein Schritt vor und zwei zurück) von Bruce Springsteen, Midnight Man ( Frau nach Mitternacht) von Harry Vanda und George Young, Vienna ( Da kommt ein Tag) von Billy Joel oder Time Waits For Nobody ( Die Zeit wartet auf niemand) von den Rolling Stones waren zwar mit erlesenem Geschmack ausgesucht, aber für substanziellen Umsatz nicht kommerziell genug.

Als die Songpoetin das von Uwe Hoffmann produzierte Folgealbum An! mit den Titeln Wir passen nicht zusammen, Sie nimmt’s wie ’ne Frau, Gut Nacht 1994 in einer Abhörsitzung bei Sony in Frankfurt vorstellte, begegnete sie nur noch Desinteresse: "Man wollte keine weitere Platte von mir, obwohl der Vertrag noch zwei umfasste. Ich könne natürlich schon eine Platte machen, die Prognose sei aber eben schlecht. Mit anderen Worten, ich könne gleich für die Mülltonne produzieren."

Sie kämpfte sieben Jahre bis 1991 um die Auflösung ihres Sony-Vertrages, der nach dem lieblos promoteten An! noch das schöne Live-Doppelalbum Kurz nach acht (1999) hervorbrachte. Es wurde in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig mit Reinmar Henschke (kb) und den Gästen Till Brönner (tp, flh), Dave King (bg), Nippy Noya (perc), Marian Gold (voc) von Ulla Meinecke selbst produziert: "Ende 1996 habe ich angefangen, mit Henschke, später auch mit Ingo York (bg, b) Hunderte von Konzerten zu spielen, für andere Leute getextet, sogar mit Heinz Kraehkamp und Michael Altmann ein bisschen Theater gespielt – immer mit dem Wissen, dass auch der längste Plattenvertrag mal ein Ende hat."

Ihre Songfolgen lockerte sie dabei zunehmend durch literarische "Bühnengeschichten" auf. Zusammen mit Ingo York, der über ein Jahrzehnt in San Francisco gelebt hatte und u. a. mit Liza Minnelli und Neil Diamond auf Tournee gewesen war, edierte sie 2002 in Zusammenarbeit mit einer Vertriebsfirma das erste Studioalbum seit acht Jahren: "Neue Techniken wie das Internet und Hightech-Heimstudios geben Leuten wie uns ja die Musik zurück." Das erste Lied, das sie für die CD Die Luft ist rein schrieb, hieß Wer will schon Becky Thatcher sein?: "Ich war die Frau, die vom Berg kommt / Das(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Von toten Tigern und nassen Katzen (1977)
Meinecke Fuchs (1978)
Überdosis Großstadt (1980)
Nächtelang (1981)
Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig (1983)
Der Stolz italienischer Frauen (1985)
Kurz vor acht (1986 live)
Erst mal gucken, dann mal sehn (1988)
Löwen (1991)
An! (1994)
Kurz nach acht (1999 live)
Die Luft ist rein (2002)
Im Augenblick (2004)

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