Massive Attack
Biografie
Massive Attack , 1983 als The Wild Bunch in Bristol gegründet, erhoben ihr Motto "Wenn etwas überhaupt wert ist, gemacht zu werden, dann sollte man es langsam machen" zum Gesetz und begründeten mit dieser lethargischen Betrachtung der Welt Anfang der neunziger Jahre ein neues Genre in der seinerzeit hektisch überdrehten Dancefloor Music. Der "Bristol Sound" – Soul-Gesang und sanfter Rap, durchsetzt mit elektronischen Einsprengseln und Samples, gelegentlichen Dub-Elementen und Reggae-Basslinien über einem durchgehenden Rhythmus – wurde von Tricky (siehe Bio) fortgeführt, von Portishead (siehe Bio) zum TripHop verformt und war damit neben Techno die wichtigste Tanzmusik in den neunziger Jahren. Von Anfang an sprengte die Musik von Massive Attack die Grenzen gängigen Disco-Getöses und konnte auch im Konzertsaal bestehen.
3D, bürgerlich: Robert Del Naja (voc, prod), geb. 1966, Mushroom, bürgerlich: Andrew Vowles (kb, arr, prod), geb. 1968, und Daddy G, bürgerlich: Grant Marshal (kb, arr, prod), geb. 1959, hatten seit 1987 in loser Zusammenarbeit mit Nellee Hooper (Björk, Madonna), Milo Johnson und Tricky Kid, bürgerlich: Adrian Thaws, mit Portastudios und Synthesizern herumgespielt, ein wenig gerappt und waren auch schon mal im örtlichen Dug Out Club aufgetreten. Nach dem Sam Peckinpah-Western "The Wild Bunch" benannt, vermischten die Musiker Punk, Reggae und HipHop und veröffentlichten auf dem eigenen Wild Bunch-Label zwei Singles. "Punk, Reggae und HipHop haben musikalisch nicht viel gemeinsam", sagte Daddy G, "aber die drei Musikformen teilen dieselbe Haltung. In ihnen drückt sich das Gefühl der Rebellion aus."
1986 war die Sängerin Shara Nelson zu der Musikergruppe gestoßen, auch der Reggaesänger Horace Andy hielt Verbindung zu der kreativen Formation. Im Jahr darauf verließ Hooper den wilden Haufen, war aber noch an der ersten Single von Massive Attack, wie sich die Gruppe nun nannte, beteiligt. Any Love erregte die Aufmerksamkeit von Neneh Cherrys Ehemann, dem Produzenten Cameron McVey. Der drängte die immer noch eher in den Tag hineinlebenden Amateurmusiker sanft ins Studio und brachte 3D dazu, einen Text für einen Song seiner Frau zu schreiben: Manchild wurde 1989 zum Hit. Außerdem sorgte er dafür, dass das Wild Bunch-Label vom Virgin-Unterlabel Circa übernommen wurde. Die Single Unfinished Sympathy erschien 1991 unter dem wegen des Golfkriegs auf Massive gekürzten Bandnamen. Nur unter Vermeidung jeglichen kriegerischen Beigeschmacks hatte die Single eine Chance, von den britischen Rundfunksendern ausgestrahlt zu werden.
Das Debütalbum Blue Lines (1991) wurde bereits wieder unter dem alten Namen veröffentlicht und von der Musikpresse zunächst verschlafen; lediglich "The Face" erkor die Platte zum "Album of the Year". Zwar wurde Blue Lines auch für die Brit Awards nominiert, und die von Shara Nelson, Tochter des Jazzmusikers und Arrangeurs Oliver Nelson (sax, fl, p), gesungene Single Safe From Harm stieg auf Platz 25 der britischen Charts, doch 3 D blieb skeptisch: "Ich glaube, wir werden überschätzt. Wir sind immer noch keine Künstler. Wir können nicht auf die Bühne gehen wie etwa Sinéad O’Connor."
Andere Künstler sahen das Potenzial der Gruppe in freundlicherem Licht, U 2 baten um einen Remix ihres Songs Mysterious Way. Nachdem Shara Nelson die Band verlassen hatte, engagierten 3 D, Mushroom und Daddy G ihren alten Freund Hooper als Produzenten und fanden in Tracey Thorn von Everything But the Girl und der nigerianischen Sängerin Nicolette neue Stimmen. Protection erschien 1994 und unterschied sich in der Machart nur unwesentlich von Blue Lines. Wieder hatten Massive Attack Rhythmusspuren eingespielt, zu denen weiblicher Gesang und männlicher Rap traten. Samples aus Filmmusik erzeugten unterschiedliche Stimmungen: Soundtracks für Filme, die es nicht gab. Massive Attack gingen mit diesem Material erstmals auf Tour.
1995 wünschte Madonna die Zusammenarbeit mit dem Trio aus Bristol, das mit ihr eine Version des Marvin Gaye-Songs I Want You für ihr Album Something To Remember produzierte. Während Massive Attack ein Remix-Album ihrer LP Protection unter dem Titel No Protection (Massive Attack Vs. Mad Professor) (1995) veröffentlichten, zogen Portishead die Aufmerksamkeit auf sich: Geoff Barrow, Kopf des Duos aus Bristol, hatte Massive Attack bei den Aufnahmen zu Blue Lines Tee gekocht und im Studio Tricks für TripHop gelernt, die er bei Portishead verwenden konnte. Mezzanine (1998) von Massive Attack wirkte prompt wie eine Antwort auf Portishead (1997): Mit Liz Fraser (Cocteau Twins) hatten sie eine Sängerin gewonnen, die den Vergleich mit Portisheads Beth Gibbons nicht zu scheuen brauchte und doch von ganz anderer Art war, denn gelegentlich ließ sie vokal die Volksmusik der britischen Inseln durchscheinen. Auch Sara Jay (voc), die im Stück Dissolved Girl sang, stand Liz Fraser nicht nach. 3 D, Mushroom und Daddy G hatten ihre Klangwelt um die omnipräsente E-Gitarre erweitert und den meisten Songs mit Samples und Synthesizerklängen eine unheimliche, bedrohlich wirkende Atmosphäre gegeben.
Das Abgezirkelte, Wohlausgewogene, Berechnete von Massive Attack konnte nicht jeden überzeugen. "Designer-Musik für Designer-Leute", murrte der Kritiker David Sheppard, "ganz nett so weit." 3 D konterte: "Die Musik ist jedenfalls nicht geeignet für Leute, die von neun bis fünf arbeiten und sich danach entspannen wollen." – "Kater nach einem Besuch in der Hölle", urteilte der "New Musical Express" über Mezzanine und wählte die Gruppe zu der "wohl besten englischen Band der letzten zehn Jahre". Das Blatt verlieh ihnen den "Godlike Genius Award for Unique Services to Music". Die Zeitschrift "Q" prämierte Mezzanine als bestes Album von 1998, MTV das Stück Teardrop daraus bei den Europe Music Awards in Mailand, Italien, als bes-tes Video.
Im November 1998 erklärten die TripHopper in einem BBC-Interview beiläufig, sie wollten sich auflösen, weil sie sich nach dem ganzen Preistheater mit all der Feierei gegenseitig nicht mehr riechen könnten. Tags darauf machte die Boulevardzeitung "The Sun" eine Schlagzeile daraus, der ein eiliges Dementi der Plattenfirma folgte: Die Band habe dem müden Interview lediglich etwas Pep verleihen wollen. Nach einer mehrmonatigen Sendepause gab 3 D alias Robert Del Naja im Londoner Radio One kleinlaut zu, Mushroom alias Andrew Vowles habe das Trio tatsächlich verlassen: "Es war wirklich das Beste, und wir bleiben hoffentlich Freunde und können irgendwann wieder zusammenarbeiten." Mangels neuen Produktes veröffentlichte Virgin 1999 die elf Singles 90/98 (Titel) der "überragenden Soundtüftler" ("Musikexpress") auf einer CD.
Nachdem auch Daddy G, der Vater geworden war, um eine Auszeit gebeten hatte, versuchte Del Naja zunächst, mit der Band Lupine Howl (zwei Dritteln der aufgelösten Spiritualized) ein Album zustande zu bringen. Anderthalb Jahre Jammen in Studios auf Barbados und im englischen Surrey brachten um die achtzig Musikstücke hervor. Nichts davon war verwendbar. Das Label Melankolic, mit dem Massive Attack Nachwuchskünstler fördern wollte, fand ein lautloses Ende. Aus purem Überdruss eröffnete Del Naja, Sohn eines Pub-Betreibers, in Bristol für eingetragene Mitglieder die bandeigene Bar Nocturne, ehe er allein mit der Arbeit an 100th Window (2003) begann. Mit neun gedehnten Tracks in einer Gesamtlänge von 74 Minuten sei, so Oliver Jungen in der "FAZ", "ein Maximum an Länge wie an Langsamkeit erreicht". In drei Tracks war die Gaststimme von Sinéad O’Connor zu hören, aber kaum zu erkennen. Weitere Vocals kamen von 3 D und von dem jamaikanischen Veteran Horace Andy, aber sie fügten sich nicht zu Songs. "Das ist düster und öde wie ein avantgardistisches Hörspiel frei nach Edgar Allan Poe", urteilte Christian Kortmann in der "Zeit", "bei dem leider die Sprechrollen vergessen wurden. Denn der Gesang ist ein einziges unverständliches Raunen, Nuscheln und altersschwaches Ächzen."
Auch 3 D musste die Abwesenheit von Inhalt wohl als einen Mangel empfunden haben, worauf er bei Live-Auftritten die Leinwand mit Computeranimationen in Blutrot, Hellblau oder Giftgrün überfrachtete, deren aktuelle Programmierung täglich bis zu acht Stunden erforderte. "Einwohnerzahl, Längen- und Breitengrad des gegenwärtigen Standorts, Wetterbericht für die kommenden Tage: alles vorrätig. Entfernung zum letzten Auftrittsort Mailand: 834 Kilometer. Börsenkurse, Bevölkerungsentwicklung just in diesem Moment, Erdölverbrauch in den USA, Ausgaben für Stacheldraht ebendort – ein Informationswust, ein wahnsinniger" (Martin Weber im "Musikexpress").
Als Komponist von Instrumentals hatte Robert Del Naja bereits 1999 mit Filmmusik begonnen. Zusam-men mit Liam Howlett von Prodigy trug er das Stück In-Flight Data zum Hardcore-Pornofilm "The Uranus Experiment" bei. Ihre Mitarbeit am Lichtspiel "The Beach" mit Leonardo DiCaprio kam nicht zustande,(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Blue Lines (1991)
Protection (1994)
No Protection (Massive Attack Vs. Mad Professor)
(1995)
Mezzanine (1998)
100th Window (2003)
Danny The Dog (2004 Soundtrack)
Bullet Boy (2005 Soundtrack)
Zusammenstellungen:
Singles 90/98 (1999)
Collected (2006)
Heligoland (2010)

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