MADONNA
Biografie
Madonna (voc, g, kb, dr), bürgerlich: Madonna Louise Veronica Ciccone, als drittes von sechs Kindern eines Automechanikers am 16. August 1958 in Bay City, Michigan, geboren, galt der deutschen Presse in der Mitte des ersten Jahrzehnts, 2005/2006, als Pop-Ikone ohnegleichen. Das Magazin "Focus" erhob sie zur "Galionsfigur der Postmoderne, die sich mit ihren fliegenden Rollenwechseln über jeden gradlinigen Lebenslauf mokiert". Das "Gespür der professionellsten Frau im Showgeschäft für den Zeitgeist", urteilte "Der Spiegel", sei "untrüglich". - "Prinz": "Madonna ist nicht am Puls der Zeit, sie bestimmt ihn." - "Die Zeit": "Madonna verstehen ist ein Intellektuellensport, Madonna sehen ein Volksvergnügen." Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zoomte noch näher heran: "Manchmal wankt sie, manchmal zittert sie. Aber das Hochseil ist eine schwingende Saite. Madonna kommt zurecht damit. Sie wohnt da oben."
An der Rochester Adams High School im Oakland County nahe Detroit, wo sie Klavier- und Tanzunterricht nahm und sich an Theateraufführungen beteiligte, gehörte sie bei einem Intelligenztest mit einem IQ von 141 zu den oberen zwei Prozent. Ihr Ballettlehrer Christopher Flynn unterstützte sie in dem Wunsch, Tänzerin zu werden. Ein einschlägiges Studium an der University of Michigan brach sie jedoch ab, zog im New Yorker Stadtteil Queens in eine Wohngemeinschaft in einer umgebauten Synagoge und lernte von ihrem zeitweiligen Liebhaber Dan Gilroy Schlagzeug und Gitarre.
Ihre Mutter, die wie sie auf den Vornamen Madonna hörte, war am 1. Dezember 1963 mit dreißig Jahren an Brustkrebs gestorben, als die Tochter fünf war. Nach ihrem Wunsch sollte diese als Novizin in einen Orden eintreten. Stattdessen brachte die "blasierte Frühreife" (Madonna über Madonna) die Begleitrituale ihrer streng katholischen Erziehung auf die Showbühne und stilisierte sich 1983 zur Promotion ihrer ersten LP mit Dutzenden von Kruzifixen, Rosenkränzen, fluoreszierenden Gummiarmbändern, schwarzen Strümpfen und Strapsen über Männer-Boxershorts zur Klosterfrau Lolita. Das Tragen der Glaubenssymbole bereitete der singenden Nymphe sinnliches Vergnügen: "Ich mag Kruzifixe, weil sie sexy sind; schließlich ist ja ein nackter Mann drauf."
In ihren mit dünner Stimme vorgetragenen Hit-Songs begab sich Madonna kokett in die Rolle des Sexobjektes, spielte die "Klischeesituation einer willigen Frau zum Aufreißen" ("Tip") voll aus - und behielt am Ende doch alle Fäden in der Hand. Eine "prinzipielle Dusseligkeit" registrierte Mick Jagger in den zumeist selbst verfassten, oberflächlichen Konsumsongs der "Minnie Mouse auf Helium", die nach den Disco-Bedürfnissen der vorwiegend minderjährigen Fans arrangiert waren. Als "Mischung aus Heidi auf der Alm, Margaret Thatcher und Mae West" ("Time") verstellte sie sich "wie eine Jungfrau" (LP-Titel) und tat den Verlust ihrer Unschuld kess als "Karriereschritt" ab. Der Karriere zuliebe ging sie als Fotomodell und Background-Sängerin in New York und Paris ständig Zweckfreundschaften mit Tänzern, Musikern, Discjockeys und Designern ein, die aber selbst ihre rüde abgelegten Liebhaber nicht als "Ausbeutung von Vertrauen" tadeln mochten: "Madonna schreitet voran, und die anderen bleiben stehen. Da kennt sie keine falsche Höflichkeit." - "Ich bin ein materialistisches Girl und lebe in der materialistischen Welt", sang die Aufstiegsbesessene 1985 nicht ohne Selbstironie und posierte im dazugehörigen Video als Monroe-Typ à la "Blondinen bevorzugt".
Anders als Marilyn, aber ähnlich wie Barbra Streisand schien Madonna entschlossen, ihre hemmungslose Selbstvermarktung und die ständigen Image-Variationen voll unter Kontrolle zu halten. Ihre unterhaltsamen Platten und brillant choreographierten Live-Auftritte waren perfekte Inszenierungen eines Massenidols. Änderungen in Kleidung und Haartracht nahmen geschickt den Wechsel des Zeitgeschmacks vorweg. So konnte die Illusion von Persönlichkeit hinter der Videoclip-Fassade entstehen.
Die Kinokameras jedoch entlarvten das begrenzte Talent der Poseurin. Während sie in der Verwechslungskomödie "Susan - verzweifelt gesucht" (1985) noch als glückliche Zufallsbesetzung amüsieren konnte, ließ Madonna in den kalkulierten Star-Vehikeln "Shanghai Surprise" (1986, mit Kurzzeit-Ehemann Sean Penn) und "Who's That Girl" (1987) allen Charme und jegliche Leinwand-ausstrahlung vermissen. Ihr Terrain, erkannte die "Village Voice", sei eben doch eher die Hitparade: "Sie verkörpert die Popmusik mit all ihren Widersprüchen, Beschränkungen und Beglückungen. Madonna hat die wissende Unschuld und den simplen Frohsinn des Pop voll drauf. Sie begreift den Reiz der schillernden Oberflächlichkeit im Pop, hat aber auch das Lebensgefühl, die Energie und Emotion dahinter kapiert."
Dabei gelangen ihr längst nicht alle Projekte, die sie in Angriff nahm: Der mit Warren Beatty zu Songs des Broadway-Intellektuellen Stephen Sondheim gedrehte Film "Dick Tracy", in dem sie Breathless Mahoney spielte, war ebenso ein höchst mäßiger Erfolg wie die dazugehörige LP I'm Breathless (1990). Die Big Band-Standards passten nicht zu ihren begrenzten vokalen Möglichkeiten und stießen trotz eines Oscars für den Soundtrack-Song Sooner Or Later (I Always Get My Man) bei ihrem angestammten Publikum auf Unverständnis. Der Flop ließ die Sängerin in Hektik verfallen: Da sie sich selbst als Kunstfigur erschaffen hatte, konnte nur ständige Medienpräsenz sie am Leben erhalten. Die ehrgeizigen Pläne, über eine Popkarriere zu einer Filmkarriere im Stil Marilyn Monroes zu kommen, hatten sich als illusorisch erwiesen.
Ihre "Blonde Ambition"-Tour durch die USA und Europa geriet zum zwiespältigen Ereignis: In den USA waren viele der in riesigen Arenen veranstalteten Shows ausverkauft. In Europa dagegen schäumte der katholische Klerus und versuchte in Italien Auftritte der Symbolverletzerin zu verhindern. Im Vertrauen auf die immerwährende Wirkung sexueller Provokationen hatte sie bereits in dem Video zu Like A Prayer Katholizismus mit Erotik vermengt.
1991 veröffentlichte Madonna, "die wahre Feministin" (Camille Paglia), den Videofilm "Truth or Dare: On the Band Behind the Scenes, and in Bed with Madonna", an dem vor allem der Titel provokativ war. Grobkörnige Schwarzweißaufnahmen aus dem Tourneealltag wurden mit inszenierten Dokumentarszenen und farbigen Ausschnitten aus der Bühnenshow unterschnitten, sodass der Eindruck entstand, "als würden die Dramen aus Sex, Macht und Geld, die die Show des Superstars bestimmen, hinter der Bühne, im Bus und im Hotelzimmer weitergespielt" ("Der Spiegel"). "Madonna reagiert", kommentierte das Nachrichtenmagazin, "sobald die Kamera läuft. Erst das scheint ihrem Verhalten Gültigkeit zu geben. Dabei verkommt gelegentlich die Skandal- zur Betriebsnudel, und manchmal schrumpft sie zu der banalen Karikatur ihrer selbst: ein dummes Mädchen, das gern Sigmund Freud, Caligula und Marlene Dietrich in einer Person wäre."
Hinter all dem Rummel um ihre Person, um eine Flut von Auszeichnungen, die sich stets um die Pole "beste ..." oder "schlechteste ..." bewegten, um mehr oder weniger pornographische Fotos und Filme, um unberechenbare Talkshow-Auftritte, um kühle, klug von ihr dominierte Interviews, verbarg sich jedoch eine fast in neurotischer Weise sich selbst disziplinierende Frau, die ihre Karriere fest in der Hand hatte. Madonnas Produktionsgesellschaft Maverick, über das Label Sire mit Warner fest liiert, war die Pfeife, nach der die Sängerin den mächtigen Medienkonzern tanzen lassen konnte.
Was immer Maverick produzierte - Warner hatte es zu vermarkten. Der daraus resultierende Erfolgsdruck zwang sie aber auch immer wieder ins Studio. Erotica (1992), ihr "unbestritten bestes Album" ("Spin"), schloss sich bruchlos an Like A Virgin und Like A Prayer an, laut "New York Times" auf eine noch explizitere Art: "Erotica zoomt in eine bestimmte kulturelle Stimmung und unterwirft diese - in einem erstaunlichen Willensakt - gänzlich ihren politischen Absichten. In ihren provokativsten Songs bietet sie ein kleinformatiges TV-Bild von Sex und Startum durch ihre persönliche Feminismusdefinition: Liebt euren Körper." Madonna im "Stern": "Ich glaube, jeder Mensch ist ein Masochist und ein Sadist. Menschen missbrauchen sich gegenseitig und lassen sich missbrauchen. Arm derjenige, der sich sein Vergnügen von anderen erlauben lassen muss." Songtext: "Ich glaube nicht, dass du weißt, was Schmerz ist. Ich schenke dir so viel Lust. Ich weiß, du willst mich."
Diese eher triviale Botschaft und ihre erotischen Träume ließ sie (auch) zur Promotion der Erotica-LP vom Fotografen Steven Meisel für den 50 Dollar teuren Fotoband "Sex" inszenieren, der nach Verlagsangaben in der ersten Woche eine halbe Million Mal verkauft wurde: Madonna beim Liebesspiel mit Frauen, als Sklavin eines Mannes und nackt über einem Hund kniend. "Szenen vom Raffinement ei-ner Reeperbahninszenierung", spottete "Der Spiegel". "Die schönste Sauerei des Jahres", s(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Madonna (1983)
Like A Virgin (1985)
True Blue (1986)
Who's That Girl (1987 Soundtrack)
You Can Dance (1987)
Like A Prayer (1989)
I'm Breathless (1990)
Erotica (1992)
Bedtime Stories (1994)
Evita (1995 Soundtrack)
Erotica Remixes (1997)
Ray Of Light (1998)
Music (2000)
American Life (2003)
Remixed & Revisited (2003)
Confessions On A Dance Floor (2005)
I'm Going To Tell You A Secret (2006)
The Confessions Tour (2007)
Hard Candy (2008)


JPC.de
ALPHAMUSIC.de
ABELLA.de
AMAZON.de
BUECHER.de
BRAVADO.de























