Madness
Biografie
(The) Madness gaben sich im Gruppennamen, in Outfits und Make-up wie eine New Wave-Band und inszenierten ihre Songs mit Sponti-Attitüde. Dabei reicherten sie ihre Sound-Mixturen aus Ska, instinktsicher nachgeahmtem altertümlichem Pop, Rhythm & Blues und forschen Sozialsatiren ohne politischen Tiefgang mit Klamauk aus der reichen britischen Music Hall-Tradition an. Dieser "nutty sound" stellte "die Exzentrizität, den Pomp und die Schattenseiten der englischen Mentalität" ("New Musical Express") bloß, schlug aber stets versöhnliche Töne an: "Sie betrachteten die Absurditäten des Lebens mit einem Lächeln in den Mundwinkeln und nicht mit einem rasiermesserscharfen Sezierblick" ("Melody Maker"). Oder, mit den Worten von Arne Willander im deutschen "Rolling Stone": "Madness sangen von Beutelhosen und Unfug auf dem Schulklo, von Mädchen und Sportkameradschaft, vom Saufen und Auf-die-Glocke-Hauen. Insofern waren sie universal."
Chris Foreman (g), geboren am 8. August 1958, Mike Barson (kb), geb. am 21. Mai 1958, und Lee Thompson (sax), geb. am 5. Oktober 1957, alle in London, spielten seit 1976 in der Band Morris & The Minors, taten sich 1978 mit Graham "Suggs" McPherson (voc), geb. am 13. Januar 1961 in Hastings, Sussex, Mark Bedford (bg), geb. am 24. August 1961 in London, Dan Woodgate (dr), geb. am 19. Oktober 1960 in London, zu The Invaders zusammen und tauften sich 1979 schließlich um in Madness, nach einem Song des Ska-Stars Prince Buster, dem sie ihre erste Single auf dem 2-Tone-Label der Specials widmeten.
Mit Chas Smash (voc), bürgerlich: Cathal, später Carl Smyth, geb. am 14. Januar 1959 in London, der sich bei einem Konzert als flotter Sprücheklopfer einfach zu ihnen gesellt hatte, brachten sie bis 1986 bei Stiff Records 21 Top Twenty-Hits, darunter My Girl, Baggy Trousers, Grey Day, It Must Be Love, House Of Fun, Our House, heraus, die "dazu beitrugen, Pop als Kunstform wiederzubeleben, und sie auf ihrem Sektor als Giganten etablierten" ("NME"). Madness-Musik war eine "elektrisierende Verbindung von Sinn und Unsinn, Nichtsnutzigkeit und Nachdenklichkeit, Puls und Impuls. Musik für Hirn, Hände und Füße. Und fürs Herz" ("Melody Maker").
Die "Rock & Roll-Commedia dell' arte" ("Rolling Stone") verlor jedoch zunehmend ihren pubertären Übermut. Seit dem Album 7 (1981) beklagten sie mit eher melancholischem Humor "den gesunkenen Geist der Britannica" ("The Face"), wandten sich in Stücken wie Blue Skinned Beast gegen den Hurrapatriotismus nach dem Falklandkrieg und stimmten auf Alben wie The Rise And Fall einen "Trauergesang" an "auf das England, das Thatchers Tories ausnutzen und ausbeuten" ("NME"). Songs wie Grey Day und Our House zeichneten aber auch ein Bild des britischen Kleinbürgerlebens, wie es seit den Kinks kaum eine Rockgruppe vermocht hatte.
Die einst als vermeintliche Lieblingstruppe rechtsradikaler Jugendlicher gescholtenen Cockney-Musiker wurden Ende 1983 hart getroffen, als Gründungsmitglied Barson genug von der Madness hatte und mit seiner holländischen Frau nach Amsterdam zog. Die Single Ghost Train markierte mit dem Fortgang Bedfords und Woodgates das vorläufige Aus für die in die Jahre gekommenen Spaßvögel. Mark Bedford und Daniel Woodgate wurden zunächst von Strawberry Switchblade eingefangen und schlüpften dann bei der Band Voice of the Beehive unter. 1988 versuchten McPherson, Smyth, Foreman, Thompson als Quartett The Madness einen neuen Anfang und boten ein Album, das schwermütig von zerbrochenen Beziehungen, Trennungsschmerz, privater Frustration und vergeudetem Leben handelte. "City Limits" hielt den Comeback-Versuch für pure Madness: "Indem sie ihren alten Namen wieder aufleben ließen, haben sie sich an eine Geschichte gekettet, die eigentlich ein abgeschlossenes Kapitel hätte bleiben müssen. Ghost Train wäre das ideale letzte Wort gewesen, ein Nachruf auf die Kunst, Singles zu machen, und auf den Vaudeville-Pop."
Die für Madness-Verhältnisse ungewohnte Erfolglosigkeit der Platte führte zum baldigen Bruch der reformierten Band. Die Musiker blieben der Popwelt erhalten: Suggs im Umkreis von The Farm und Morrissey; Woodgate arbeitete weiter mit der Mädchengruppe Voice of the Beehive zusammen, Thompson und Foreman gründeten The Nutty Boys. 1992 kamen Madness für zwei Open Air-Konzerte wieder zusammen. Der Mitschnitt dieser Auftritte, Madstock, animierte die Band aufgrund des unerwarteten Erfolges in den folgenden Jahren zu weiteren Konzerten im Londoner Finsbury Park. Der Film "Madstock: The Movie" wurde am 1. Januar 1993 im englischen TV-Kanal C4 uraufgeführt.
Suggs, der 1995 einen Vertrag als Solokünstler mit Best West abschloss, kam mit den Singles I'm Only Sleeping, Camden Town und Cecilia (von Paul Simon) aus seinem Album The Lone Ranger (1995) unter die britischen Top 20. Zwei weitere Singles, No More Alcohol und der Fußball-Song Blue Day, stoppten 1996 auf den UK-Positionen 24 und 22. 1998 war aus dem nun bereits traditionellen Madness-Konzert im Finsbury Park ein kleines Madstock-Festival geworden, das mit sechs anderen Bands zum vierten Mal stattfand. Diesmal beschloss das in Originalbesetzung wiedervereinigte Madness-Sextett nicht nur einen weiteren Oldies-Sampler, The Heavy Heavy Hits (1998), sondern auch eine neuerliche USA-Tournee mit CD-Mitschnitt in Kalifornien: Universal Madness: Live In Los Angeles (1998).
Des großen Erfolgs wegen wurde beides, US-Tournee und CD-Produktion, 1999 wiederholt. Nach der Madness-Party im New Yorker Irving Plaza im Mai titelte Jon Pareles in der "New York Times": "The Songs Are Sad but the Beat Is Glad". Es war die alte 2-Tone-Mischung aus Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung, die dann auch in den neuen Liedern des vom eingeführten Produzententeam Clive Langer/Alan Winstanley betreuten Albums Wonderful (1999) überzeugte: "Bei Madness passiert immer alles auf einmal - Streicher, Klavier, Bläser und tausend kleine Sound-Effekte, die vor dem geistigen Auge einen Zirkus auffahren. Glamouröses Kopfkino voller Stars und Attraktionen, immer an der Grenze zum Kitsch und zur Selbstparodie, das vor keiner Groteske zurückschreckt, weder Bombast noch Hörspieleinlagen scheut und ganz einfach riesigen Spaß macht" (Marcel Anders im "Musikexpress").
Ihre alten Songs waren inzwischen zu Klassikern geworden: 1993 hatte in London das von Alan Gilbey verfasste Musical "One Step Beyond" Premiere - um 15 Madness-Melodien herumgebaut. Das ähnlich geartete Musical Our House, 2002 am West End uraufgeführt, erhielt 2003 als beste Musikkomödie der Saison einen Olivier Award. Arne Willander 2003: "Madness sind nach dem Tod von Ian Dury die letzte Music Hall des Landes." Anfang 2005 verließ Chris Foreman das Etablissement "wegen der kleinen, zeitraubenden Querelen, die in der Band vor sich gehen".
Diese war bereits 2004 gelegentlich - mit und ohne Foreman - unter dem Pseudonym The Dangermen aufgetreten und brachte nun The Dangermen Sessions, Volume 1 auf den Markt. "Und so sehen wir mit Schauder, aber auch peinlicher Rührung, wie sich die fabulösen Sieben zu Clowns machen", so Arne Willander 2005, "bald fünfzigjährige Männer, die zu ihren ohnehin albernen Spitznamen nun Pseudonyme wie "Robert Chaos", "Jimmy Dooh", "The Professor" oder "Daniel Descartes" erfinden, als wäre das Leben ein Klassentreffen und unsere Freunde ewige Lausbuben. Seit The Rise And Fall war Spätwerk in der Welt von Madness. The Madness, Madstock, sogar ihre letzte Platte waren nur Wurmfortsätze ihrer früheren Glorie. Wenig haben wir so geliebt, wie wir Madness geliebt haben."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
One Step Beyond (1979)
Absolutely (1980)
7 (1981)
(Madness Present)
The Rise And Fall (1982)
Keep Moving (1984)
Mad Not Mad (1985)
The Peel Sessions (1986)
The Madness (1988)
Madstock (1992)
Universal Madness:
Live In Los Angeles (1998)
Wonderful (1999)
The Dangermen Sessions, Volume One (2005)
The Liberty Of Norton Folgate (2009)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Complete Madness (1982)
Utter Madness (1986)
It's
Madness (1990)
Divine Madness (1992)
The Business - The Definitive Singles Collection (1993)
The Heavy Heavy Hits (1998)

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