IDEAL
Biografie
Ideal tauchten 1980 aus der musikalischen Subkultur der geteilten deutschen Hauptstadt auf und behaupteten: Wir steh’n auf Berlin. Fern vom "aufgesetzten Weltverbesserungs-Pathos" ("Tip") eines Udo Lindenberg, bar jeder lärmenden Fröhlichkeit pubertärer Bands der Neuen Deutschen Welle, wollte das Quartett "moderne Tanzmusik" machen und "sauber, direkt und ironisch Geschichten erzählen". Annette Humpe (voc, p, kb), am 28. Oktober 1950 in Hagen, Westfalen, geboren, hatte ihre Kindheit zusammen mit ihrer am 13. Januar 1956 geborenen Schwester Inga Humpe (voc, kb) in Herdecke verbracht, in Bad Pyrmont 1971 das Abitur gemacht und ein Klavier- und Komposition-Studium an der Kölner Musikhochschule nach sechs Semestern abgebrochen, um nach West-Berlin zu gehen. Dort gehörte sie zunächst den Bands Group Therapy und Pink Wave an und gründete im Herbst 1979 zusammen mit Schwester Inga unter den Pseudonymen Anita Spinetti und Inga DiLemma die Neonbabies, denen Inga – neben Reinhard Meermann (sax), Nikolaus Polak (g), Konrad von Hohmeyer (bg), Tony Nissl (dr) – bis 1983 als Leadsängerin erhalten blieb. Frank Jürgen "Eff Jott" Krüger (g, voc), geb. am 24. Dezember 1948, nach einem langen Krebsleiden am 26. April 2007 gestorben, kam als Senior der Band vom Release Music Orchestra. Ernst Ulrich Deuker (bg, voc), geb. am 13. Juli 1954, hatte zuvor bei Margo Jazz Rock gespielt. Hans Joachim Behrendt (dr, voc), geb. am 15. Februar 1955, war Mitglied des Mild Maniac Orchestra des Pop-Jazz-Gitarristen Volker Kriegel gewesen. Gemeinsam bildete die grummelnde, tieftönende Herrenriege einen witzigen Kontrapunkt zum "görenhaften Krächzen der Humpe" (Frank Sawatzki), die sich mit ihren lakonischen Lyrics Blaue Augen, Rote Liebe und Hundsgemein zunehmend als kreativer Mittelpunkt etablierte. "Voller Kühle und Fatalismus" ("Sounds") legten Ideal "den Knäuel von Ticks und Macken bloß, der sich hinter aufgesetzten Masken von Stil und Moden der neuen flotten Szenegeneration verbarg: Spannung, Frustration, Selbstmordgedanken und Untergangsgefühle" ("Der Spiegel"). "Deine blauen Augen machen mich so sentimental", raunte Annette, während "Eff Jott" den Chauvi raushängen ließ: "Es macht mir Spaß, ein Schwein zu sein." Nach der im Mai 1980 auf dem eigenen Label Eitel Imperial veröffentlichten und rasch vergriffenen Single Wir stehn auf Berlin wurde Ideal schnell zum Medienliebling. Ihr Auftritt im Vorprogramm von Barclay James Harvest vor 150000 Fans am Berliner Reichstag brachte sie sogar in die ZDF-Heute-Sendung und die ARD-Tagesschau. Über das vom Elektronik-Guru Klaus Schulze produzierte, im November 1980 auf dessen Label IC (Innovative Communication) veröffentlichte Debütalbum Ideal, Nummer drei in den deutschen LP-Charts, berichtete das TV-Kulturmagazin "Aspekte". Rund ein Jahr später waren von dem Album eine halbe Million Exemplare verkauft. Mit einigem Abstand zog die beim Weltkonzern WEA veröffentlichte zweite LP Der Ernst des Lebens, Nummer vier in Deutschland, nach. Die Gruppe klagte über "Monotonie in der Südsee", albträumte von "Sex in der Wüste" und phantasierte morbide: "Komm, lassen wir uns erschießen, Sonntag morgen fünf vor zehn." – "Sie tarnen nur Klischees, anstatt sie neu zu definieren", rügte der "New Musical Express" die Manier des Quartetts, Abgestumpftheit und Langeweile als ästhetisches Konzept auszugeben. "Die vielgeschmähte "Sprachlosigkeit" der revoltierenden Jugend hat sich auch in dieser Musik ihr eigenes Ausdrucksmittel geschaffen", argwöhnte die "FAZ", "Nonsens statt Konsens – kein Dialog mit Niemand. Unsinn wird zur letzten Nische des Widerstands." Ein solches Ensemble, folgerte das Blatt, hätte auch "als Tanzband beim Untergang der "Titanic" spielen können". Nach einigen Alben empfand Annette Humpe den Wunsch ihrer Kollegen nach mehr Mitsprache als nicht sehr ideal und schlug die Auflösung der Zweckgemeinschaft vor. 1983 schloss sie sich dem Saisonprojekt DÖF (Deutsch-Österreichisches Feingefühl) einen Sommerhit (Codo: "Ich düse, düse im Sauseschritt") lang an; ein Jahr später machte sie mit ihrer Schwester Inga Plattenaufnahmen für das Familienduo Humpe & Humpe. Ihre englisch vorgetragenen Stücke ("Es ist unmöglich, in Deutsch über Liebe zu singen") "trieben dahin in elektronisch erzeugter Melancholie" ("New Musical Express"), "swingten" gelegentlich "auf internationalem Niveau" ("Stern"), brachten aber keinen Durchbruch zur erhofften Weltkarriere. Inga fristete ihr Leben viele Jahre lang als Backgroundsängerin, unter anderem für Stephan Remmler (Keine Sterne in Athen) und Marc Almond (LP Tenement Symphony, 1991), bevor ihr und Partner Tommi Eckart mit dem Projekt 2raumwohnung ein eindrucksvolles Comeback gelang. 1987 schloss sich Annette, die ihren Vornamen inzwischen zu Anette, später Anete verschlankt hatte, kurzzeitig mit dem Fotografen Jim Rakete und dem Plattenmanager Siegfried E. Loch zu einem Producer-Team zusammen und machte sich anschließend als Produzentin selbständig. Sie produzierte Rio Reisers Soloalbum Rio I (1986), diente Udo Lindenberg u. a. mit dem Songtext Ein Herz kann man nicht reparieren (1991) und besorgte Lucilectric den Hit Mädchen (1993). Ihr erfolgreichstes Hit-Ensemble nach dem Ende der DDR: die Prinzen (siehe Bio) aus Leipzig (1991–1995). 1996 wurde sie mit dem deutschen Schallplattenpreis Echo als Produzentin/national dekoriert. Vom Erfolg der 2raumwohnung ihrer Schwester Inga angestachelt, trat sie mit Partner Adel Tawil 2004 auch selbst wieder ans Mikrophon. Noch ganz vom Hedonismus der Neuen Deutschen Welle beseelt, die Ideal seinerzeit deutlich überragte, nannte sie ihr Duoprojekt Ich & Ich. "Möglicherweise sehen Ideal in der Rückschau wie die Kapelle aus, für die Guido Westerwelle das Wörtchen Rock ’n’ Roll benutzen würde", befand Frank Sawatzki 2006 im deutschen "Rolling Stone". Frank Jürgen Krüger erlag am 26. April 2007 einem langjährigen Krebsleiden.
Ab 2002 ging Annette Humpe mit Adel Tawil in dem Duo Ich + Ich erneut auf Erfolgskurs. Mit ihren mondänem Schlager-Soul trafen sie exakt den Zeitgeist und stürmten mit allen drei Studioalben die deutschen Charts. Von der Aufmüpfigkeit von Ideal oder dem Witz von DÖF war bei Ich + Ich allerdings nichts zu spüren. 2010 zog sie sich vom aktiven Part des Projektes zurück, blieb Ich – Ich aber als Songlieferantin erhalten.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Ideal (1980)
Der Ernst des Lebens (1981)
Bi Nuu (1982)
Zugabe (Live)
(1983)
Zusammenstellungen:
Monotonie (1996)
Eiszeit (2000)
LPs Inga Humpe mit Neonbabies:
Neonbabies (1981)
Harmlos (1982)
1983 (1983)
LPs Inga Humpe mit 2raumwohnung:
Kommt zusammen (2001)
In wirklich (2002)
Kommt zusammen (Remix)
(2002)
Es wird Morgen (2004)
Melancholisch schön (2005)
36 Grad (2007)
LP Annette Humpe mit Ich + Ich:
Ich + Ich (2005)
Vom Selben Stern (2007)
Gute Reise (2009)
LP Annette und Inga Humpe mit DÖF:
DÖF (1983)
LPs Annette Humpe mit Ich + Ich:
Ich + Ich (2005)
Vom selben Stern (2007)
Gute Reise (2009)


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