Harris, Emmylou (voc, g), am 2. April 1947 in Birmingham, Alabama, geboren, bemühte sich, Countrymusik einem countryfernen Publikum nahezubringen, wobei sie in der eklektizistischen Auswahl und exquisiten Aufbereitung ihres Materials der großstädtischen Sophistication Rechnung trug, ohne die Bodenständigkeit und Authentizität der Musik zu kompromittieren. Mit einer ätherischen, fragilen Sopranstimme, als sei sie den Tränen nahe, trug der "Engel der Countrymusik" ("Time") Country-Klassiker und zeitgenössische Rock-Poesie vor - "dramatisch, doch ohne Drama" ("New York Times"), aber stets "verflixt geschmackvoll" ("New Musical Express"). Die technische Perfektion ihrer Stimme glitt bisweilen ins Mechanische ab; gelegentlich geriet ihre zarte Stimme zur Karikatur einer Country-Sängerin. Doch "mit der möglichen Ausnahme von Dolly Parton kann keine andere Frauenstimme in der Countrymusik so an die privaten Geheimnisse der Zuhörer rühren wie die von Emmylou Harris" ("Esquire").
Sie wuchs, untypisch für das Milieu der Countrysänger, in einer Offiziersfamilie in Virginia auf, studierte Drama an der Universität von North Carolina, vagabundierte nach einer unglücklichen Ehe eine Zeitlang durch die Folkzirkel von Greenwich Village und lernte 1971 den Country-versessenen, am 5. November 1946 unter dem Namen Ingram Cecil Conner in Winter Haven, Florida, geborenen Rock-Rebellen Gram Parsons kennen, der zuvor bei den Byrds, Flying Burrito Brothers gespielt hatte. Bis zu seinem überraschenden Drogentod am 19. September 1973 war sie ein Mitglied seiner Tourneeband und widmete ihm später, als sie sein musikalisches Vermächtnis zu verwirklichen suchte, ihre Eigenkomposition Boulder To Birmingham. Inspiriert vom Country Blues des Robert Johnson und den politischen Liedern Woody Guthries, Pete Seegers, in Verehrung für George Jones, Hank Williams baute sie ein Platten-Repertoire auf, das ihre künstlerische Intelligenz, emotionale Reife und beeindruckende vokale Virtuosität hören ließ. Nach dem Highlight des Bluegrass-Albums Roses In The Snow (1980) überraschte sie 1985 mit The Ballad Of Sally Rose, einer Country-Oper in 13 Songs, die autobiographische Anklänge bot und 1986 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Die gleiche Ehre widerfuhr dem Trio (LP-Titel) Emmylou Harris, Dolly Parton, Linda Ronstadt bei ihrem 1987 veröffentlichten Gemeinschaftsalbum. Die drei Freundinnen hatten bereits 1978 gemeinsam Plattenaufnahmen gemacht; doch nur die Titel How High The Moon, Mister Sandman fanden sich drei Jahre danach auf dem Album Evangeline. "Erst habe ich Countrymusik nur wegen des Feelings gesungen", erklärte Emmylou Harris, "dann erkannte ich, wieviel doch auch die Texte beeinhalten. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Gefühlsduselei und Banalität auf der einen und Aufrichtigkeit und Realitätstreue auf der anderen Seite. Außerdem liebe ich in der Countrymusik die Harmonien und Phrasierungen. Das hat schon eine gewisse Erhabenheit und Anmut."
Da sie selbst kaum Songs schrieb, verlegte sie sich um 1990 darauf, Country-Hits in einer bodenständigen Form neu zu interpretieren. 1992 trat sie mit einer aus hervorragenden Country- und Bluegrass-Musikern wie Sam Bush (Ex-New Grass) und Al Perkins (Ex-Manassas und Flying Burrito Brothers) bestehenden, ausschließlich auf akustischen Instrumenten spielenden Hot Band im Ryman Theatre in Nashville auf, bis 1974 Heimat der Grand Ole Opry. Der im selben Jahr veröffentlichte Konzertmitschnitt - ihr erstes Live-Album seit zehn Jahren - zeigte die ganze Bandbreite der Sängerin. "Zu vorsichtig, zu blank geputzt, zu kunstfertig", beckmesserte "Q". Die Platte brachte ihr wiederum einen Grammy ein. Ihr von der Kritik hochgelobtes Album Wrecking Ball (1995) wurde ebenfalls in Nashville und in New Orleans produziert. Produzent Daniel Lanois (g, bg, mandolin, voc) brachte seine Rhythmiker Darryl Johnson (bg), Brian "Brady" Blade (dr) ein, versicherte sich aber zusätzlicher Hilfe von Larry Mullen Jr. (U 2) sowie Neil Young, der auch den Titelsong beisteuerte. Neben zwei selten gecoverten Standards von Bob Dylan (Every Grain of Sand) und Jimi Hendrix (May This Be Love) enthielt die LP neue Lieder, überwiegend von Lanois. Emmylou Harris sang sie "eindrucksvoll an der Schmerzgrenze und manchmal kurz vor dem Umkippen, wie es nur ganz großen Stimmen eigen ist" (Ann Scanlon in der Londoner "Times").
1996 erhielt sie für das "Best Contemporary Folk Album" wieder einen Grammy, ihren siebten. Mitschnitte von der Tournee, auf der sie Wrecking Ball promotete, kamen - vom Gitarristen Buddy Miller koproduziert - 1998 unter dem Titel Spyboy auf den Markt; das war der Name ihrer Band. In Erinnerung an Gram Parsons ließ sie sich vom Almo-Sounds-Manager Paul Kremen überreden, ein Tributalbum mit Parsons-Kompositionen zu koproduzieren und übernahm dann freudig die Kontaktaufnahme mit Chrissie Hynde, Sheryl Crow, Gillian Welch, Lucinda Williams, Chris Hillman, David Crosby, Steve Earle, den Mavericks und anderen. Ihr Favorit auf der CD Return Of The Grievous Angel (1999): Ooh Las Vegas von den Cowboy Junkies. Ebenfalls 1999 erschien ihr Duett-Album mit Linda Ronstadt Western Wall: The Tucson Sessions. "Rolling Stone"-Kritiker Wolfgang Doebeling lobte das "wirklich schöne, fast ebenmäßige Rock-Album" als ein "Himmelsglück aus farbechten Gefühlen, luftigen Akkordfolgen und liebreizenden Harmonies", wandte aber ein: "Menschen mit chronischer Sacharin-Allergie sei vom Konsum ebenso abgeraten wie solchen, die sich vor Kitsch ekeln". Ähnlich wohlklingend geriet Emmylous zweites Zusammenwirken mit Linda Ronstadt und Dolly Parton im lang erwarteten Album Trio 2 (1999). "In ihren besten Momenten", schrieb Joyce Maynard in der "New York Times", "erschaffen sie mehr als nur eine Summe von drei großen Stimmen, nämlich eine ausgeprägte himmlische Einheit, den Klang perfekter Harmonie."
Zum ersten Mal seit The Ballad Of Sally Rose (1985) brachte die Sängerin, die sich in Benefiz-Konzerten und in Organisationen gegen den Einsatz und für das Verbot von Landminen engagierte, im Jahr 2000 wieder ein Album mit ausschließlich eigenen Kompositionen auf den Markt. Red Dirt Girl wurde wie zuvor Wrecking Ball im Wohnhaus des Assistenten von Daniel Lanois, Malcolm Burn, in New Orleans aufgenommen, auch stilistisch weit von Nashville entfernt. Es changiere, so die Kritikerin Christine Heise, "zwischen atmosphärischem Wall of Sound und der Konzentration auf die Gesangsstimme". Gleichwohl wirkten Studiogäste wie Dave Matthews, Patty Griffin, Julie Miller, Bruce Springsteen und seine Frau Patty Scialfa daran mit. Deren "waidwunde Harmonies" schimmerten schön dahin und rührten "elegisch ans Herz", befand Jörg Feyer respektlos im deutschen "Rolling Stone": "Doch insgesamt verstärken Ambiente und Ambitionen Harris' Hang zum Sakralen, der eigentlich geerdet gehört."
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