HAGEN, NINA
Biografie
Nina Hagen (voc), am 11. März 1955 in Berlin geboren, machte mit ihrer Stimme, "was Stockhausen in seinem Studio mit Sound macht" ("Paris Passion"): Sie lieferte einen "Reflex auf den laufenden Wahnsinn des Weltgeschehens" ("FAZ"). In "magischer Verbindung von Kindlichkeit, Wahnsinn und Verweigerung" (Autorin Cornelia Frey im "Spiegel") brach sie mit sämtlichen Konventionen des zuhörerfreundlichen Rock-Vortrags, vermischte anarchistisches Gebaren auf der Bühne, im Studio, bei der Karriereplanung mit ihrem als Happening inszenierten Privatleben zu einem existenzialistischen Gesamtkunstwerk, das Fans wie Kritiker abwechselnd in Rage und Ekstase versetzte.
Die Tochter der Schauspielerin Eva Maria Hagen war mit 17 bereits ein staatlich geprüftes DDR-Schlagersternchen ( Du hast den Farbfilm vergessen) und mit 19 als Mitglied der Rockband Automobil auf dem Weg zum Anti-Star. Eine öffentliche Solidaritätsbekundung für den verfemten Autor und Musiker Wolf Biermann, mit dem ihre Mutter zeitweilig zusammengelebt hatte, brachte Nina ins sozialistische Abseits, sodass sie 1976 die Chance nutzte, in den Westen zu emigrieren. Im Herbst 1977 gründete sie mit den Kreuzberger Musikern Bernhard Potschka (g), Herwig Mitteregger (dr), Manfred "Manne" Praeker (bg), alle früher bei Lokomotive Kreuzberg, und Reinhold Heil (kb), vorher bei Bakmak, die Nina Hagen Band.
Ihr erstes Album besang mit Berliner Deftigkeit und punkiger Unverblümtheit radikalen Feminismus ( Unbeschreiblich weiblich), Fetischismus und Bisexualität ( Bahnhof Zoo), Weltangst- und Weltflucht-Romantik ( Naturträne), träge Aussteigererotik ( Heiß). Die Resonanz war zu Recht überwältigend: "Nina ist schon jetzt Stars wie Patti Smith oder Liza Minnelli ebenbürtig", jubelte die Feministin Alice Schwarzer. "Wo andere Mühe hätten, die sperrige deutsche Sprache überhaupt in den Rhythmus des angelsächsischen Rock ’n’ Roll einzupassen, bleibt ihr noch die Kehle für Koloratureinlagen in Alt, melodische Kiekser und parodierende Kellerfahrten", staunte der "Stern". Und der britische "Melody Maker" spekulierte: "Kann Nina Hagen Deutschlands bedeutendster Beitrag zur Popkultur seit Brecht werden?"
Nach zwei Alben trennte sich Nina von ihren angeblich "provinziellen" Musikern, die später als Popband Spliff (siehe Bio) vorübergehende Hitpara-denerfolge mit Deutsch-Rock erzielten. Nina durchlebte unter heftiger Anteilnahme der Klatschpresse Affären mit diversen drogenabhängigen Rockmusikern, legte in der Wiener TV-Talkshow "Club 2" zum kleinbürgerlichen Schock-Amüsement der Fernsehnation Hand an sich, verband sich eine Zeitlang mit dem Management von Frank Zappa in der Absicht, Weltkarriere zu machen, und gebar 1981 Tochter Cosma Shiva.
Berauscht von Kind und Kosmos, verlor sich Nina Hagen zunehmend in Ufo-Phantasien, Rastafarier-Krampf, JesusFlips und behauptete, Gott habe das LSD erfunden, David Bowie sei ihr in einem früheren Leben sehr nahe gewesen, mit der Schauspielerin Shirley MacLaine habe sie einst in Peru beim Bau der Pyramiden geholfen. Diese Behauptungen schienen eher spiritistischen Modetrends, Zufallslektüren und Tageslaunen zu entspringen. In ihrer Musik hörten selbst experimentierfreudige Rock-Freaks viel zu oft bloß "Platituden", die "meistens schnell, wirr und schlecht" schrillten, wobei die einstmals virtuose Stimme "nur noch unangenehm hysterisch-theatralisch" ("Sounds") Erwartungsklischees vom Hagen-Sound befriedigte. Im Ausland jedoch hatte Ninas Erscheinen beim Publikum noch einen Schauwert.
"Allzu früh und fern der Heimat zur komischen Alten gereift" ("Der Spiegel"), heiratete sie 1987 auf Ibiza publicityträchtig einen achtzehnjährigen Punkmusiker aus der Londoner Hausbesetzerszene – just for show. Den Priester bei der Zeremonie auf dem alten Zweimastsegler El mistico veloz spielte der Gitarrist Bill Liesegang. Nina Hagen: "Ich glaube, man kann keinen tiefen Sinn in mir finden, denn ich bin der tiefe Sinn selbst." 1989 hatte sie, nach erneutem Sinneswandel, einen französischen Freund und stilisierte sich, beraten vom Mode-Designer Jean-Paul Gaultier, als Funk Rock-Diva. Auf Platten, die sie von Zeit zu Zeit ihrer Gemeinde vorlegte, gab sie sich kosmopolitisch, sang mal deutsch, mal englisch, schlug sich zur Präsidentin vor ( Street, 1991), fand aber nicht die Musik, die ihr entsprach.
1993 unternahm sie mit Revolution Ballroom und dem Produzenten Phil Manzanera (Roxy Music) einen neuen Anlauf und schockierte "Mojo" unerwartet durch Gefälligkeit: "All ihre früheren Inkarnationen – die Königin des Tanzes, die Reggae-Rockerin, die Punk-Frau, die Lärm-Terroristin – sind auch hier versammelt. Aber sie hat etwas wirklich Schauriges hinzugefügt: Dieses Album ist angenehm zu hören."
Zum 100. Geburtstag des Dramatikers Bertolt Brecht zog es sie Anfang 1998 zurück in ih-re Geburtsstadt Berlin, "wo die Äktschn is" (Hagen). Zusammen mit der Schauspielerin und Chansonsängerin Meret Becker gab sie im Berliner Ensemble "verrucht und schrill, zart und brutal, witzig und ernst" ("BZ") den Punk-Brecht-Abend "Wir hießen beide Anna" und dialogisierte mit dem Dichter. "Mensch, Brecht", unterbrach sie einen Song, "was soll denn das jetzt? Meint der jetzt die Pariser Commune oder Kreuzberg?"
1999 sang sie für ein CD-Doppelalbum der kompletten Dreigroschenoper mit Max Raabe als Mackie Messer und dem Ensemble Modern unter HK Gruber (RCA Red Seal) die Sopranpartie der Celia Peachum – getreu der Originalpartitur von Kurt Weill, aber für sie eine Oktave zu hoch. Für die Live-Aufführung im Berliner Konzerthaus sagte sie ab: "Soll ich mir etwa den Kopf absingen? Ich mache mir doch nicht die Stimme kaputt." Stattdessen präsentierte sie im März 2000, barfuß im seidenen Sari, auf der Bühne des von Räucherstäbchen eingenebelten Berliner Ensembles (BE) vor einem Altar mit Opfergaben eine "Indische Nacht". Ansprache Hagen: "Ich bin noch aufgetankt voll guter Energien aus meiner zweiten Heimat. Ich war sechs Wochen oben im Himalaya und habe beim Navarati im Haidhakan Vishwa Mahadam zu Babaiji groß mystische Sachen gemacht und Kräfte entfesselt, die bei meinem indischen Abend im BE vor einem Jahr noch nicht da waren." Ein Teil der dort vorgestellten Gesänge erschien auf Nina Hagens ausschließlich übers Internet (www.ninahagen.com) vertriebenen Chill-Out-CD Om Namah Shivay!, deren Erlös zur Hälfte dem Babaiji-Ashram, einem deutschen Sterbehospiz, brasilianischen Straßenkindern, Kinderkrankenhäusern in Indien und Tschernobyl und so fort zugute kommen sollte. "Tip"-Autor Hagen Liebing: "Sie ist ein guter Mensch!"
Das kommerzielle Produkt 2000 von Nina Katharina alias (indisch) Haidakhani Shivani hatte sie in dreijähriger Mühsal in Kalifornien und Berlin mit Joshua Lopez (g), Brad van Loenen (bg), Jeff Mince (dr), Paul Roessler und Eric Moon (kb) unter Mitwirkung von Keith Forsey u. a. selbst und mit Ingo Krauss koproduziert. Return Of The Mother erschien auf dem eigenen Label Orbit bei Virgin und schloss mit Der Wind hat mir ein Lied erzählt und Yes Sir an ihr Zarah Leander-Cover Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen von 1983 an. Hagen Liebing: "Das hat was!" Harald Kepler im "Musikexpress" dagegen goss alle Niedertracht, die ihm einfiel, über die Platte aus: "Schnee von vorgestern … ein müdes Gähnen … schnarchlangweilig … gewohnt theatralisch … chaotisches Durcheinander … x-tes Aufwärmen … zum wiederholten Male … Punk-Jule … spinnert … Rock-Schreihals … geifernde Hexe … ein alter Hut." Das hatte auch was.
Wo immer Nina Hagen im Jahr 2000 – vorsätzlich oder unfreiwillig – in deutsche Schlagzeilen geriet, wurde sie niedergemacht: Alles nur Show! Lässt sie den Vertrieb der Autobiographie ihrer Mutter, "Evas schöne neue Welt", aus Verärgerung über pikante Details per einstweilige Verfügung stoppen, "munkelt die Fachwelt: Bloß eine PR-Aktion" ("Der Tagesspiegel"). Versucht sie, ihren zehnjährigen Sohn Otis vor dem Familiengericht in Los Angeles nach einem versuchten Kidnapping durch ihren ehemaligen Lebensgefährten Franck Chevalier zurückzubekommen, titelt die "Bunte": "Was treiben sie für ein Spiel? Wie viel ist daran Show?" Für einen Werbespot zur Expo 2000 in Hannover sang Nina Hagen (von Franz Lehár): Schön ist die Welt. Ihr Album Return Of The Mother kam neben der Bundesrepublik Deutschland in 15 weiteren Ländern, darunter Japan, Portugal und Russland, in die Charts. Dann hielt sie es mit Robbie Williams ( Swing When You’re Winning) und nahm ein Standards-Album mit der Leipzig Big Band auf, "so wie man sich den ollen Swing mit Schalk im Nacken serviert halt vorstellt" (Hagen Liebing). Klartext: Sie meuchelte zwölf Evergreens wie All Or Nothing At All, I Want To Be Happy und Let Me Entertain You mit ihrem "Metzgersopran" (Man-fred Prescher) und erstickte jeden Anflug von Leichtigkeit unter der Last ihres gerollten R.
Weil es aber so schön war, "zu standardisiert gespielten Klängen" in Big Band Explosion (2003) "auf das(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Nina Hagen Band (1978)
Unbehagen (1979)
Nunsexmonkrock (1982)
Angstlos (1983)
Fearless (1984 englische Version)
In Ekstase (1985)
In Ekstasy (1985 englische Version)
Love (1987)
Nina Hagen (1989)
Street (1991)
Ninamania (1991)
Revolution Ballroom (1993)
Freud euch (1995)
Bee Happy (1996)
Om Namah Shivay! (1999)
Return Of The Mother (2000)
Big Band Explosion (2003)
Irgendwo auf der Welt (2006)
Personal Jesus (2010)
Volksbeat (2011)
Zusammenstellungen (Auswahl):
The Very Best Of Nina Hagen (1990)
My Way From 78–94 (1994)
Amiga-Aufnahmen:
Rock aus Deutschland Ost – Du hast den Farbfilm vergessen (1992)

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