Start | GAINSBOURG,SERGE | Rowohlt-Biografie

GAINSBOURG,SERGE

Im Handel erhältliche Produkte

Gainsbourg,Serge

Biografie

Serge Gainsbourg (voc, p), bürgerlich: Lucien Ginsburg, am 2. April 1928 in Paris geboren, gelang es, "erotisches Chanson und Elektro-Pop fast bis zum geschmacklichen Kurzschluss zu fusionieren" ("Männer Vogue") und als "sexueller Provokateur" ("Billboard") die französische Entertainment-Szene dauerhaft in Unruhe zu versetzen. Berühmt-berüchtigt wurde er 1968 außerhalb des französischen Sprachraums mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jane Birkin durch das lustvoll gestöhnte Duett Je t’aime … moi non plus, das eigentlich für Brigitte Bardot, die Gespielin früherer Gainsbourg-Chansons ( Harley Davidson, Bonnie And Clyde), gedacht war.

Lange vor diesem Skandal nach Noten hatte sich Gainsbourg auf der Pariser Showbiz-Szene als "vulgär schwatzender, kettenrauchender Trunkenbold" etabliert, "der als Hofnarr dem König Publikum eine lange Nase drehte oder irgendein anderes Körperteil provokant hinstreckte" ("Paris Passion"). Mit 30 Jahren ließ er sich als Pianospieler in den Clubs des Boheme-Viertels St. Germain hören und fühlte sich vor allem von den pessimistischen Poemen und schwarzhumorigen Balladen des Satirikers Boris Vian beeindruckt. Gainsbourgs erster Hit Le Poinoinneur des Lilas (1961) handelte von einem Kartenlocher der Metro, der sich schließlich aus Langeweile Löcher in den Kopf schießt. Mit einer weiteren Erfolgs-Single, La Javanaise, und den Alben Confidentiel, Percussions "etablierte er seine drei Markenzeichen – Frauenverachtung, Novitätengeilheit und die Lust am kruden Scherz" und gerierte sich fortan als "weltläufiger Ästhet de Sade’scher Prägung, als rumpoussierender Drahtzieher von Starlet-Karrieren und Medienrebell, der immer gut genug ist für ein Skandalzitat" ("New Musical Express").

Jane Birkin, die er in der Stöhn- und Wisper-Operette Histoire de Melody Nelson 1971 als Lolita-gleiches Nymphchen präsentiert hatte, entschärfte Gainsbourgs Lustmolchgebaren: "Ich habe erkannt, dass all das, was ich bei ihm für Aggressionen hielt, nur als Selbstschutz von jemandem dient, der unglaublich übersensitiv ist, schrecklich romantisch, mit einer Zärtlichkeit und Sentimentalität, die die Leute einfach bei ihm nicht entdecken können." Gainsbourg-Freundinnen Isabelle Adjani, Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, France Gall, Françoise Hardy, Anna Karina mochten das ähnlich gesehen haben.

Der Sohn eines russisch-jüdischen Emigranten erlebte das Kriegsende in den Wäldern bei Vichy, da sein Vater vor den deutschen Besatzern fliehen musste, nachdem französische Musikerkollegen gedroht hatten, ihn an die Nazis zu verraten. Als Gainsbourg 1979 mit Sly & Robbie eine Reggae-Version der Marseillaise in Kingston, Jamaika, aufnahm und als Aux Armes et cetera veröffentlichte, lief er erneut Gefahr, als vaterlandsloser Geselle verteufelt zu werden: "Die Franzosen können einfach nicht ertragen, wenn ein halbes Dutzend Schwarze und ein russischer Jude die Nationalhymne singen." Bisweilen fühlte sich der Schock-Chansonnier "erschöpft von der Rolle, die man so in der Öffentlichkeit spielt", und mutmaßte in grimmigem Zynismus: "Wenn ich eines Tages wie John Lennon erschossen werde, sage ich vielleicht noch danke schön." Andererseits: "Ich finde immer einen Weg zu schockieren, aggressiv zu machen – das ist ein lebenswichtiger Antrieb für mich, sonst könnte ich mich gleich wie Sid Vicious von den Sex Pistols ins Aus schießen."

So begrüßte er denn Whitney Houston vor französischen TV-Kameras höflich: "Ich will Sie ficken!", verbrannte in einer Fernseh-Talkshow Geldscheine, um gegen 74 Prozent Einkommensteuer zu protestieren, und gedachte auch vorsorglich seines Ablebens: "Ich habe eine Totenmaske von meinem Schwanz machen lassen, damit mich alle, die mich geliebt haben, weiterlieben können."

Vom Alkohol beinahe schon imprägniert, vom Kettenrauchen gegerbt, starb Gainsbourg am 2. März 1991 an Herzversagen. Präsident Mitterrand weinte scheinheilig "unserem Baudelaire, unserem Apollinaire" hinterher, der Pariser Bürgermeister Jacques Chirac brachte persönlich Betroffenheit in seinem Nachruf ein: "Mein Lieblingslied Harley Davidson ist für immer in unserem Herzen verewigt, weil Brigitte Bardot, die ich sehr verehre, es singt." Rückblickend schrieb der deutsche Journalist Andreas Banaski 2001 zum zehnten Todestag: "In der ewigen PopHipster-Coolness-Weltrangliste tummelt sich Gainsbourg mit dem Coolnessquotienten 0,81 (26 Cooljahre geteilt durch 32 Dienstjahre) auf den vorderen Plätzen unter Titanen wie John Lennon, Chico Buarque und Neil Young. Wäre Gainsbourg Deutscher, dann mindestens Bert Brecht, Thomas Mann, Horst Schimanski, Manfred Krug und Udo Jürgens in einer Person."

16 Studioalben wurden 2001 von Motor Music wiederveröffentlicht – um keinen Tag gealtert, zeitlos subversiv. "Schönheit vergeht, Hässlichkeit bleibt", hatte er von sich selbst gesagt, oder auch: "Mein Herz ist eine Handgranate, die jederzeit losgehen kann."

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs und
Zusammenstellungen (Auswahl):
Du Chant à la Unel (1958)
No. 2 (1959)
L’etonnant (1961)
No. 4 (1962)
Confidentiel (1963)
Percussions (1964)
Initials B.B. (1968)
Jane & Serge (1968)
Histoire de Melody Nelson (1971)
Vu de l’extérieur (1973)
Rock Around The Bunker (1974)
L’homme à tête de chou (1976)
Aux Armes etc. (1979)
Mauvaises nouvelles des étoiles (1981)
Gainsbourg 1958 à 1963 (1983)
Love On The Beat (1984)
Gainsbourg Live (1985)
You’re Under Arrest (1987)
Hey Man Amen (1989)
De Gainsbourg à Gainsbarre (1990)

Ähnliche Künstler