ELEMENT OF CRIME
Biografie
Element Of Crime , 1985 in Berlin gegründet, beriefen sich als einzige deutsche Band erfolgreich auf die Ästhetik des deutschen Vorkriegssongs à la Kurt Weill. Obwohl sie sich aktuellen Trends wie New Wave, Dance und Neofolk nicht verschlossen, waren die melancholischen Grübeleien der Band in jeder Phase anregend zeitlos. "Die Berufs-Melancholiker, die Walzerkönige, die Band, die sogar Chansons auf Deutsch hinkriegt und mit Sven Regener einen Vorstand hat, der immer so poetische Sachen singt und auch noch so toll Trompete spielt" ("Musikexpress"), thematisierte in ihren "Songs der Befremdlichkeiten – immer mit dem sympathischen Charme des Diskreten und des Selbstzweifels" ("Süddeutsche Zeitung") Phänomene wie Erinnerung und Verdrängung. "Es ist Regeners Lakonismus, der anrührt, seine Einsicht ins Unglück" ("Rolling Stone").
Element of Crime waren extrem unextrem. "Statt zu polarisieren, haben die Elements es geschafft, mit ihrer Kunst, die ohne jegliche Künstlichkeit auskommt, parallel existierende Szenen zusammenzubringen" ("Aktiv"). Element of Crime gingen als Nachwehe aus dem Westberliner Kollektivgeist der Neuen Deutschen Welle hervor. Sven Regener (voc, tp, g, org), geb. am 1. Januar 1961 in Bremen, und Jakob Ilja (g), als Jakob Dreiw Ilja Friderichs 1959 in Berlin geboren, kannten sich bereits aus der Punk-Band Neue Liebe, bevor sie sich mit Paul Lukas (bg), Jürgen Fabritius (sax) und Uwe Bauer (dr), geb. am 4. Juni 1953, der von den Fehlfarben kam, zu Element of Crime zusammenfanden. Eine erste Deutschlandtournee mit den Subtones trieb die Band an den Rand des finanziellen Ruins, machte jedoch Kurt Dahlke alias Pyrolator von der Düsseldorfer Band Der Plan auf die Gruppe aufmerksam, der sie auf sein Label Ata Tak holte. Das Debütalbum Basically Sad (1986) verkaufte sich im ersten Jahr etwa 800-mal. 1986 verließen Bauer und Fabritius die Band. Während Richard Pappik, geb. am 6. Dezember 1955 in Holzminden, als Trommler einstieg, beschloss man, keinen neuen Saxophonisten einzustellen. Im selben Jahr wechselte die Gruppe zu Polygram und nahm in London unter der Regie von John Cale Try To Be Mensch (1987) auf.
Element of Crime wurden plötzlich zu den Lieblingskindern der deutschen Medien und absolvierten eine äußerst erfolgreiche Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, die aus "Kreuzberger Lokalhelden weltzugewandte Musiker-Modelle" ("Die Zeit") machte. Zwei inoffizielle Auftritte führten die Band in die Ostberliner Zionskirche. Beim zweiten wurde das Publikum von einer Horde Rechtsradikaler überfallen. Produziert von David Young, geb. am 2. Mai 1949 in London, der zuvor unter anderem für Duke Ellington, Bronski Beat, Country Joe McDonald und David Bowie gearbeitet hatte und ein halbes Jahrzehnt später als fester Live-Gitarrist in die Band einstieg, nahm die Gruppe in New York das Album Freedom, Love And Happiness (1988) auf. Während der Aufnahmen an dieser relativ poplastigen Platte arbeiteten die Berliner unter anderem mit den Uptown Horns und Peter Scherer von den Ambitious Lovers zusammen. Auf dem wiederum in Berlin produzierten The Ballad Of Jimmy & Johnny (1989), auf dem der Pyrolator als Keyboarder mitwirkte, veröffentlichten Element of Crime mit Der Mann vom Gericht erstmals einen Song in deutscher Sprache.
Diese Entscheidung blieb nicht ohne Folgen. Ende des Jahres wurde die Gruppe zu einer Kurt Weill-Hommage auf das Festival de la Batie nach Genf geladen. Es entstanden acht Coverversionen von Weill-Songs, von denen Surabaya Johnny ins feste Repertoire der Gruppe übernommen wurde. Eine Phase der Stagnation und Orientierungslosigkeit im Jahr 1990 wurde durch die Live-Platte Crime Pays überbrückt, die zugleich das Ende der "englischen" Ära der Band markierte. Für Damals hinterm Mond (1991) sattelten Element of Crime auf deutsche Texte um und begannen eine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Orm Finnendahl, der ihre Songs mit Streicherarrangements versah. Das Jahr 1992 stand ganz im Zeichen von Live-Auftritten. Das nun zweisprachige Repertoire stiftete bei Fans und Kritikern zunächst mehr Verwirrung als Klarheit. Im Sommer lud Herbert Grönemeyer die Band als Support auf seine Deutschlandtournee, was einen ungeahnten Popularitätszuwachs zur Folge hatte. Entsprechend erfreulich waren die Verkaufszahlen der "arg pathetischen" ("taz") CD Weißes Papier (1993), auf der die Gruppe mit Bläsersätzen, Akkordeon und anderen Instrumenten arbeitete. Die Platte verkaufte sich auf Anhieb 60000-mal und löste endlich die finanziellen Probleme der Band.
Die Konjunktur ausnutzend, wurde ein Jahr später das aufwendig produzierte Monumentalwerk An einem Sonntag im April (1994) veröffentlicht, mit dem die Band ihren kreativen Höhepunkt erreichte. Mit einer sechsköpfigen Tourband konnten erstmals große Konzerthallen gebucht werden. Vom plötzlichen Erfolgsrausch überwältigt, reichte Paul Lukas 1995 den Abschied ein und wurde durch Christian Hartje, geb. am 7. Mai 1964 in Hamburg, von der Country-Band Twang Dudes ersetzt. Das folgende Album Die schönen Rosen (1996) stieg auf Platz 24 in die deutschen Charts ein. 1997 setzte eine weitere Phase der Beruhigung ein. Ilja wurde im Umfeld von 17 Hippies aktiv, Pappik nahm Kinderlieder auf, Regener und Hartje wirkten als Gäste auf einem Album von Das Holz mit. 1998 entstand im Can-Studio nahe Köln das Album Psycho (1999), mit dem die Gruppe den Versuch unternahm, sich französisches Material anzueignen, und das in den deutschen Charts Position elf belegte.
Nach 13 Jahren waren Element of Crime nicht mehr aus der deutschen Musiklandschaft wegzudenken. "Eigentlich kann man die Band nur vergleichen mit den großen Durchhaltern der jüngeren Geschichte: Helmut Kohl, Lothar Matthäus, den Rolling Stones" ("Rolling Stone"). Für eine Inszenierung von "Peter Pan" am Schauspielhaus Bochum nahmen "die Lieblinge des denkenden Liebhabers deutschsprachiger Popmusik" ("WOM Journal") vier weitere Songs auf, die auf der EP Irgendwo im Nirgendwo (2000) veröffentlicht wurden. Der renommierte Theaterregisseur Leander Haussmann drehte das Video zur EP. Mit ihrem Bekenntnis zum Liebeslied auf Romantik (2001) outeten sich Element of Crime endgültig als Deutschlands erste Adresse in Sachen Chanson nach der Jahrtausendwende. Nie zuvor hatte die schwermütige Band so unbeschwert geklungen. "Die Kunst sollte ja nach Ansicht vieler Leute der Wahrheit dienen", so Sven Regeners Kommentar zu dem Album. "Das ist durchaus ehrenwert, aber solange mir niemand sagt, welcher Wahrheit diese Kunst dienen soll, halte ich mich lieber ans Schöne."
Eine Maxime, der er auch in seinem später verfilmten Buch "Herr Lehmann", dem wohl erfolgreichsten Roman, den je ein deutscher Popmusiker geschrieben hat, folgte. Der "Tagesspiegel" kürte Regener für das Buch zum "Literaten der Single-Generation". 2002 verließ Christian Hartje die Band, David Young übernahm den Bass, und Element of Crime machten zu viert weiter. Allerdings war von der Gruppe vorerst nicht viel zu hören, da sich die Mitglieder lieber auf ihre Soloprojekte – unter anderem Film-Soundtracks und Theatermusiken – konzentrierten. Als 2004 Regeners zweiter Roman "Neue Vahr Süd" erschien, rechnete niemand mehr mit einer Rückkehr von Element of Crime. Doch das Quartett war noch lange nicht bereit, sich endgültig in den Annalen der Rockgeschichte einmotten zu lassen. 2005 feierten sie ihr Comeback mit Mittelpunkt der Welt. Regener und Co. klangen plötzlich ungewohnt befreit und entspannt.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Basically Sad (1986)
Try To Be Mensch (1987)
Freedom, Love And Happiness (1988)
The Ballad Of Jimmy & Johnny (1989)
Crime Pays (1990)
Damals hinterm Mond (1991)
Weißes Papier (1993)
An einem Sonntag im April (1994)
Die schönen Rosen (1996)
Psycho (1999)
Romantik (2001)
Mittelpunkt der Welt (2005)
Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie (2009)
Zusammenstellungen:
1985–1990 (2002)
1991–1996 (2002)

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