EARTH, WIND & FIRE
Biografie
Earth, Wind & Fire schichteten aus Latin, Funk-Rhythmen, Gospel-Harmonien, furiosen Bläsersätzen und allerlei exotischen Klangzutaten (wie dem animierenden Klicken des afrikanischen Daumenklaviers Kalimba) einen distinktiven Big Band-Sound auf, der "innovativ, aber populär, präzise und dennoch sinnlich, kalkuliert und trotzdem mitreißend" ("Rolling Stone") war. Auf millionenfach verkauften Alben wie That's The Way Of The World, Gratitude, Spirit, All And All, I Am (1975-79) und bei spektakulär ausgestatteten Live-Konzerten versuchten sie, mit kosmischen Anspielungen und altägyptischem Dekor eine spirituelle Brücke von den Pharaonentempeln am Nil zu den Ghetto-Wohnblocks in Harlem zu schlagen. Zur Illustration ihres transzendentalen Credos ließen sie für ihre Shows gigantische Pyramidenattrappen bauen, hantierten unter Anleitung des kanadischen Magiers Doug Henning mit Levitation, Telekinese und anderen Effekten schwarzer Magie und zelebrierten ihren nebulösen Mumienschanz in Feuer, Rauch und elektronischem Overkill. Trotz der grotesken Opulenz dieser ekstatischen Selbstbeweihräucherung beteuerte Bandleader Maurice White: "Wir sind auf diese Welt gekommen, um den Menschen einen Dienst zu erweisen, und nicht, um Stars zu sein. Wir sind eigentlich nur die Werkzeuge des Schöpfers."
Die Inanspruchnahme von höchster Stelle begann 1969 in Chicago, als der Musikstudent und Session-Drummer White, am 19. Dezember 1941 in Memphis geboren, sich mit seinem Bruder Verdine (bg) und acht anderen Musikern zum Funk-Orchester Salty Peppers zusammentat, das alsbald in Earth, Wind & Fire umgetauft und nach zwei Alben von White wieder aufgelöst wurde. Die Reinkarnation eines jüngeren Earth, Wind & Fire-Ensembles mit den Brüdern White, Philip Bailey (voc), Larry Dunn (kb), Jessica Cleaves (voc), Roland Bautista (g), Ronald Laws (fl) begann 1971. Seitdem hatten sich um den Kern Maurice White, Verdine White, Philip Bailey in wechselnden Personalarrangements Johnny Graham (g), Al McKay (g), Andrew Woolfolk (sax), Ralph Johnson (perc), Fred White (dr), Don Myrick (sax), Louis Satterfield (tb), Rahmlee Michael Davis (tp) geschart. Unverändertes Markenzeichen der Band blieben das lakonische Bassspiel Verdines, die flinken polyrhythmischen Gitarrenläufe, die vielbejubelten und oft kopierten aufgekratzten Bläsersätze und die darüber hinwegschwelgenden melodischen Gegenläufe der Falsettstimmen von Maurice, Verdine und Philip Bailey. Mit dem "Billigpreis-Mystizismus" ("Melody Maker") seiner gutgemeinten Weltverbesserungstexte wollte White "mehr als eine Kultur, mehr als einen Clan von Leuten" ansprechen. Aus dem "Zusammenschmelzen von Rock und Jazz und Gospel" sollte eine "neue Musik" entstehen, die ihr irdischer Schöpfer "White Spectrum Music" nannte.
Als der idealistische Platten-Millionär 1983 jedoch auf Electric Universe die renommierte Bläsersektion abschaffte und die charakteristischen afrokubanischen Rhythmen verstummen ließ, dafür aber einen synthesizerorientierten New Wave-Sound anbot, verflog der Zauber märchenhafter Umsätze und trancehafter Publikumszustimmung. Earth, Wind & Fire verschwanden im Sarkophag, White zog sich ein Album lang in seine Solopyramide zurück. Vokalwunder Philip Bailey ging unterdessen mit Phil Collins auf eine künstlerische Extratour, die ihm 1985 einen Top-Hit (Easy Lover) einbrachte. 1987 präsentierte White dann die dritte Inkarnation von Earth, Wind & Fire. Statt spiritueller Verklärung wurde nach vierjähriger Veröffentlichungspause auf Touch The World nun soziales Bewusstsein geboten. "Das Album klingt, als hätte es bei jemandem seit 1981 auf dem Dachboden gelegen", mäkelte . "White wird immer ein weniger bedeutender Künstler als Sly Stone, Stevie Wonder oder auch George Clinton bleiben, weil es ihm offenbar reicht, seine Talente nur aufblitzen zu lassen, statt sie bis zur Belastungsgrenze auszuprobieren. Unter seiner Hand gewinnt zwar formelhafte Musik eine neue Vitalität, bleibt aber eben doch formelhafte Musik" ("Rolling Stone").
Gemessen an neuen schwarzen Stars wie Prince, dem Klänge à la Earth, Wind & Fire eine von vielen Möglichkeiten waren, und neuer schwarzer Musik wie Rap und HipHop wirkte Touch The World nicht nur altmodisch, sondern führte auch die Starre des White'schen Musikkonzeptes gnadenlos vor. White benötigte abermals einige Schreckjahre, um die Mäkelei von Kritikern und die Abstinenz des Publikums zu verkraften, hörte intensiv aktuelle Musik und brachte 1990 Heritage heraus: MC Hammer und Sly Stone hatten ihm im Studio geholfen. Es blieb beim Versuch, auf diese Weise Anschluss an die Musik der neunziger Jahre zu finden; live blieb alles beim Alten. Desillusioniert zog White die Konsequenzen, wechselte Schallplattenfirma und Management und verlegte sich vorerst auf das Produzieren anderer Künstler wie El DeBarge und Barbara Weathers. Einen neuen Versuch mit seiner Band unternahm er erst 1993, als er Millennium veröffentlichte, wieder mit Bläsern und einigen Coverversionen, darunter ein Prince-Song.
Wenn schon nicht neue Lieder, so fielen ihm doch neue Tourneetitel ein. Im Spätherbst 1994 war White mit der Truppe unter dem Etikett "An Intimate Evening" zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder unterwegs. 1995/96 überschrieb er die Konzertreise durch Japan und die USA mit der Schlagzeile "The Legend Continues". 1997 stellte er die USA-Tournee durch 21 Städte unter das Motto "Sinbad & His Soul Music Festival". Der Zauber von 1001 Nacht schien die Truppe auch im Studio wieder zu inspirieren. Für die Hälfte des Albums In The Name Of Love (1997) gelang EWF tatsächlich ein kompaktes Song-Angebot. Dann wurde einfach wieder drauflos gejammt, und so ging es fort. Auf The Promise (2003) bemühte sich White derart verbissen, seine Roots wiederzufinden, dass die CD wie von einer mittelmäßigen Gospeltruppe klang, die Earth, Wind & Fire zu kopieren versucht. Illumination (2005) wurde durch die Gäste Black Eyed Peas, Jam & Lewis sowie den Saxophonisten Kenny G. aufgepeppt, was den Sound laut "Rolling Stone" zum "Dancebeat-Philly-HipHop-Gebrauchsjazz-Funk-Disco-Auftrieb" qualifizierte, "aktionistisch und bunt".
Etwas Ähnliches wie eine Karnevalskapelle waren Earth, Wind & Fire, seit 1995 auf Hollywoods Walk of Fame mit einem Stern verewigt, ja seit langem schon. Songs aus Earth, Wind & Fires besseren Zeiten - Shining Star, Fantasy, September oder After The Love Has Gone - kamen im April 2006 am New Yorker Broadway auf die Bühne zurück. Regisseur/Choreograph Maurice Hines verwendete sie für das Musical "Hot Feet" (Buch: Heru Ptah) um die junge Tänzerin Kalimba, der ein Paar magischer roter Tanzschuhe zu einer Karriere im Showbusiness verhilft. Am 23. Juli hatten die "Hot Feet" im Hilton Theatre nach zwölf Previews und 97 regulären Vorstellungen ausgetanzt. Die Kritiker hatten sie fast ausnahmslos verrissen, dem Komitee für die Theaterpreise waren sie nicht eine einzige Tony Award-Nominierung wert gewesen.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Earth, Wind & Fire (1971)
The Need Of Love (1972)
Last Days And Time (1972)
Head To The Sky (1973)
Open Our Eyes (1974)
That's The Way Of The World (1975)
Spirit (1976)
All 'n' All (1977)
I Am (1979)
Faces (1980)
Raise! (1981)
Powerlight (1982)
Electric Universe (1983)
Touch The World (1987)
Heritage (1990)
Millennium (1993)
Plugged In And Live (1995)
In The Name Of Love (1997)
The Promise (2003)
Illumination (2005)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Another Time (1971)
The Eternal Dance (1989 Box mit drei CDs, enthält u. a. zwölf bis dahin unveröffentlichte Aufnahmen)
LP Maurice White:
Maurice White (1986)
LPs Philip Bailey:
Continuation (1983)
Chinese Wall (1984)
The Wonder Of His Love (1984)
Inside Out (1986)
Triumph (1986)
Family Affair (1989)
Philip Bailey (1994)
In The Name Of Love (1997)
Life And Love (1997)
Dreams (1999)
Take Two (2001)
Soul On Jazz (2002)

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