Start | Depeche Mode | Rowohlt-Biografie

Depeche Mode

Im Handel erhältliche Produkte

Depeche Mode

Biografie

Depeche Mode machten "Musik für die Massen" (Albumtitel) und hatten als "Teeniebop-Band des denkenden Schulmädchens" alles, "was man zum Kulthelden braucht" ("Village Voice"): Sie waren "jung, putzig, Typen von nebenan" ("Melody Maker"). Andererseits: "Warum drängt sich bloß jemand nach einer Band, deren Sänger nicht singen kann, deren Melodien zum Verzweifeln überraschungsarm und infantil sind und deren Musik sich anhört, als hätten Ultravox total verkatert einige Kraftwerk-Nummern fehlinterpretiert?" ("NME"-Kritiker Simon Witter).

Andrew Fletcher (g), geboren am 8. Juli 1960 in Basildon, Essex, Martin Gore (g, voc), geb. am 23. Juli 1961 in Basildon, Vince Clarke (kb, voc), geb. am 3. Juli 1960 in Basildon, Dave Gahan (voc), geb. am 9. Mai 1962 in Epping, Essex, hatten 1980 als konventionelle Rockband zusammengefunden und benannten sich nach einem französischen Modeblatt. Ein Jahr später stiegen sie auf elektronische Instrumente um. Clarke schied nach Erscheinen des ersten Albums aus, gründete mit Alison Moyet Yazoo und später mit Andy Bell Erasure. Inspiriert von Gores zahlreichen Berlin-Aufenthalten, versuchte die mit Alan Wilder (kb) komplettierte Band, den Sturm und Drang deutschen Industrie-Pops à la Einstürzende Neubauten in ihren Sound einzuarbeiten.

Allerdings glich der gefällige Elektrobeat eher "dem Herzschlag eines liebenswerten Joggers"; ihre zahlreichen Hit-Singles waren für "Time Out" das "charmante und proper arrangierte Beispiel gepflegter britischer Langweiligkeit". Dem widersprach Gore nicht einmal: "Ich möchte die Langeweile des Lebens wiedergeben. Wenn man ausflippt und die Dinge zu einem absurden Extrem treibt, sagt man damit nichts über das wahre Leben. Das wahre Leben ist nämlich nicht extrem, wir sind es auch nicht, und unsere Musik genauso wenig."

Während Depeche Mode zunächst so klingen wollten wie "ein Märchen von schweigenden Maschinen, Robotern, Konsumdiktaten und stummen Kindern, die sich in den Himmel verlieben", trieb Gore das Hit-Material seiner Band zunehmend in "schale Morbidität" ("Village Voice"). Bei Stücken wie Master And Servant, Never Let Me Down Again, Shake The Disease mischten sich homoerotische Allegorien mit Drogeneuphorie und sadomasochistischen Anzüglichkeiten in einer schwarzen Romantik voller Begierde und Reue. Zwar konnte Autor Gore solche düsteren Obsessionen mit Witz und Intelligenz artikulieren. Dennoch tönten die Texte wie Prahlereien aus Schülermund nach der heimlichen Lektüre harter Pornos. SM als Modepose, Lederfetischismus als schick schockierender Garderobenvorschlag: "Damit sind Depeche Mode im Grunde nicht mehr als die Avantgarde jener gut gestylten Fotomodelle, die ihren schwungvollen Haarschnitt in den Dienst der Musikindustrie stellen" ("Die Zeit"), und ihre Musik schallte so zeitgeistgemäß wie ein "Soundtrack für den Modetrend zum schwarzen Design: elegant, aber auch leicht lächerlich" ("New Musical Express").

Mit Violator (1990) und mehr noch mit Songs Of Faith And Devotion (1993) änderte Gore vorsichtig die Richtung der Band, indem er der Sex-Thematik etwas Religion beigab. Die vormals gepflegten, netten Jungs ließen sich tätowieren, Bärte und Haare wachsen. Von Star-Rockfotograf Anton Corbijn ins rechte Licht gerückt, strahlten die ehemaligen Teenie-Rocker nun Härte und Einsamkeit aus. Tatsächlich befand sich die Band in einer Krise: Alan Wilder verließ im Juni 1995 nach 15 Jahren Zugehörigkeit Depeche Mode und beklagte sich über die "internen Verhältnisse und die Arbeitsweise" der Gruppe, die ihm zu wenig Raum ließ. Wenige Wochen später schlitzte Frontmann Dave Gahan sich im Alkoholrausch die Pulsadern auf, konnte aber gerettet werden. Kurz zuvor hatte er in einem Interview düstere Andeutungen über die seelischen Belastungen eines Rock-Stars gemacht: "Fünfzehn Jahre Dauerparty und Spaßhaben fordern nun mal ihren Tribut."

Doch fing sich die zerrissene Band, zum Trio geschrumpft, noch einmal und legte mit Ultra (1997) ein überraschendes Album vor. "Dieses Comeback hätte uns wohl niemand mehr zugetraut", freute sich Andy Fletcher. Wie die Musiker äußerlich nichts mehr mit den adretten Teenagern von einst gemein hatten, war auch die Musik vom munteren Electronic Pop zum finsteren Klangwerk mutiert. Das "rabenschwarze, mysteriöse, grüblerische Album" ("Musikexpress"), an dem Ex-Can-Drummer Jaki Liebezeit und Doug Wimbish (bg, Ex-Living Colour) beteiligt waren, wollte Gahan nicht mit Konzerten promoten. "Eine Mammuttournee werden wir nicht mehr machen", sagte der mittlerweile drogenfreie Sänger und dachte wohl an Fletchers Nervenzusammenbrüche und seine eigene Herzattacke während der vorangegangenen Tour.

Gleichwohl sprang Ultra unmittelbar nach Veröffentlichung in England, Schweden, Spanien und Deutschland auf Platz eins, in den USA auf Platz fünf in den Charts. Vier ausgekoppelte Singles gerieten in den wichtigsten Märkten unter die Top 15. Der Erfolg zog nach der ersten von 1985 eine zweite Singles Collection aus den Jahren 1986 bis 98 in einer Doppel-CD nach: Nummer fünf im UK, 38 in den USA. Und was scherte Gahan sein Statement von gestern. Am 2. September 1998 begann die Gruppe in Tallin, Estland, eine weitere Europatournee, die am 17. Oktober in San Sebastian, Spanien, endete und vom 27. Oktober bis 22. Dezember in Nordamerika fortgesetzt wurde. Im Februar 1999 kam eine weitere Singles Collection mit den Oldies der Jahre 1981 bis 85 auf den Markt.

Auf der Marke A & M hatten mittlerweile Konkurrenztruppen wie die Smashing Pumpkins, The Cure, Rammstein unter dem CD-Titel For The Masses und als Tributalbum deklariert eigene Versionen der Depeche Mode-Hits dargeboten, die der "Spiegel" mit den Attributen "unauffällig, reduziert, langweilig, massakriert" charakterisierte: "Die Originale bleiben unübertroffen." Ein weiteres Tributalbum, das der Berliner Elektronikspezialist George Lindt 1999 unter dem Titel Coming Back To You auf seinem Label Kodex publizierte, war da schon von anderer Qualität.

Lindt hatte unveröffentlichte DM-Songs aus den frühen Achtzigern, die bisher nur auf technisch miserablen Bootlegs vorlagen, mittels alter Synthesizer mit dem Sound des DM-Debütalbums Speak And Spell digital rekonstruiert. Ergebnis, so Tim Fabian in "Zitty": "Sechs lupenreine Depeche Mode-Cover, die die Zeit zurückdrehen, selbst der Sänger klingt nach Gahan." Außerdem habe Lindt neben dem damaligen Songschreiber Vince Clark einen bisher unbekannten Komponisten (etwa des Stückes Television Set) entdeckt: Jason Knott. Fabian: "Wie es scheint, müssen die DM-Chroniken dank Lindt neu geschrieben werden."

Eine exzellente Depeche Mode-Biographie von Steve Malins vom britischen "Q"-Magazin erschien Ende 1999 im Hannibal-Verlag. Erst 2001 wartete die Band mit einem weiteren Album, Exciter, auf: "Fette, gelegentlich tanzbare Synthesizer-Sequenzen, gepaart mit vertrackten Beats und einem zwingenden melodischen Element", hörte der "Musikexpress", während Wolfgang Doebeling in "Rolling Stone" zugleich einwandte: "Zu oft lassen die Herren Gahan, Gore und Fletcher ihre Maschinen mellotronig schwellen, ohne ihnen dafür ein stabiles Song-Gerüst zu bauen, zu oft setzen sie auf pure Soundmalerei." Die auf ein halbes Jahr veranschlagte "Exciter"-Tour, zu gleichen Teilen in den USA und Europa, startete im Sommer 2001 im New Yorker Madison Square Garden vor einer riesigen Leinwand, auf der Starfotograf Corbijn Wasserkaskaden herabstürzen und Haie einen Goldfisch umkreisen ließ.

Gegenüber dem "Grufti-Pomp" ("Musikexpress") früherer Tourneen hatten Depeche Mode nicht nur musikalisch, sondern auch optisch abgespeckt. Martin Gore: "Bei der "Songs Of Faith And Devotion"-Tour hatten wir 14 Video-Leinwände auf der Bühne und standen auf unterschiedlich hohen Podesten. Dave fühlte sich da oben völlig allein gelassen, als ob er kein Teil des Ensembles sei. Das Publikum war mehr auf die Leinwände fixiert als auf die Band. Diesmal haben wir ein sehr aufgeräumtes Bühnenbild, sodass wieder ein Band-Feeling aufkommen kann." Für die Tournee wurde das Trio durch Peter Gordeno (kb), Christian Eigner (dr) und die Vokalistinnen Jordan Bailey, Georgia Lewis verstärkt.

Die Tour wurde zum Triumphzug, die Tickets in Rekordzeit ausverkauft, danach war erst einmal Schluss. Dave Gahan ( Paper Monsters, 2003) und Martin Gore ( Counterfeit2, 2003) kamen jeweils mit Soloalben heraus, Andrew Fletcher hatte sich nach Amerika abgesetzt. Depeche Mode sei nun also keine Band mehr, sondern ein globales Unternehmen, bilanzierte Michael Pilz im Oktober 2005 in der "Welt" und wusste auch, was dieses strategisch zu leisten habe: "Stellvertretend muss es Unverstandensein, Schmerz, Verzückung und Erlösung simulieren. Einerseits sollen die reiferen Künstler aus dem eigenen Jugendwerk zitieren. Auf der anderen Seite darf das nicht zu selbstzufriedener Verwaltung führen wie bei den vergleichbaren Konzernen R.E.M. oder U2. Ein weltweit operierender Musikhersteller(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Speak And Spell (1981)
See You (1982 Mini-LP)
A Broken Frame (1982)
Construction Time Again (1983)
Everything Counts (1983 Mini-LP)
Get The Balance Right (1983 Mini-LP)
Blasphemous Rumours (1984 Mini-LP)
Some Great Reward (1984)
Black Celebration (1986)
Music For The Masses (1987)
101 (1989)
Violator (1990)
Songs Of Faith And Devotion (1993)
Songs Of Faith And Devotion – Live (1993)
Ultra (1997)
Exciter (2001)
Playing The Angel (2005)
Sounds Of The Universe (2009)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Catching Up With Depeche Mode (1985)
The Singles 81–85 (1985)
The Singles 86–98 (1998)
Remixes 81–04 (2004)
LPs Martin Gore:
Counterfeit E.P. (1989)
Counterfeit² (2003)
LPs Dave Gahan:
Paper Monsters (2003)
Hourglass (2007)

Ähnliche Künstler