Deep Purple
Biografie
Deep Purple , im Februar 1968 von Jon Lord (org, p) und Ritchie Blackmore (g) in London gegründet, bezog die Spannung, die das Quintett zu einer der erfolgreichsten britischen Rockbands machte, aus einem ununterbrochenen Konflikt zwischen diesen beiden Musikern. Nicht selten trugen sie ihren Kampf auf offener Bühne, vom Publikum als Teil der Show missverstanden, derart handgreiflich aus, dass Gitarren und Verstärker zu Bruch gingen und Teile des Schlagzeugs ins Auditorium flogen.
Lord, am 9. Juni 1941 in Leicester geboren, studierte Musik und besuchte drei Jahre lang eine Schauspielschule. Er spielte in verschiedenen Jazz- und Rockbands, u.a. bei den Combos Artwoods, Flower Pot Men und Santa Barbara Machine Head; sein uneingestandenes Ziel war jedoch stets das Komponieren größerer Konzertwerke. Nachdem er von Beginn an Deep Purple durch klassische Musikstrukturen geprägt hatte, schien er sich mit seinem Concerto For Group And Orchestra und der Gemini Suite 1970 endgültig als Ensemblechef durchgesetzt zu haben. Das Concerto wurde am 24. September 1969 von Deep Purple und dem Royal Philharmonic Orchestra unter Malcolm Arnold in der Londoner Royal Festival Hall uraufgeführt. Die Gemini Suite, ein Auftragswerk der BBC, wurde 1970 von der Gruppe, dem London Symphony Orchestra und den Sängern Tony Ashton und Yvonne Elliman aufgenommen. Ashton wirkte – neben den Rocksolisten Ray Fenwick (g), Glenn Hughes (voc, bg, g), Pete York (dr, perc), David Coverdale (voc) – 1974 in München auch an der Gemeinschaftskomposition Windows von Jon Lord und Eberhard Schoener mit, die mit dem Orchester der Münchner Kammeroper als Bindeglied zwischen Rock und E-Musik anlässlich eines Kongresses der Jeunesses Musicales aufgeführt und vom Fernsehen in viele Länder übertragen wurde.
Lords Gegenspieler Ritchie Blackmore, am 14. April 1945 in Weston-Super-Mare geboren, hatte seit seinem elften Lebensjahr Gitarrenunterricht. Um 1960 wurde er beim Rock ’n’ Roll-Aristokraten Screaming Lord Sutch Berufsmusiker und rockte in England, Italien und Deutschland mit zahlreichen Bands wie z.B. den Three Musketeers und den Hamburger Faces. Egozentrisch, ehrgeizig und aggressiv, erklärte er oft: "Ich bin so lange im Geschäft, dass ich den meisten Gitarristen heutzutage den Arsch abspielen kann." Vom Album Deep Purple In Rock an entsprach der Ensemblestil Blackmores hartem, unverbindlichem, kompromisslosem und gewalttätigem Naturell.
In einem Bauernhaus in der englischen Grafschaft Hertfordshire hatten sich Lord, Blackmore, Rod Evans (voc), Nick Simper (bg) und Ian Paice (dr) 1968 zwei Monate lang zusammengerauft. Ihre erste Single Hush wurde in den USA ein Hit, in England aber kaum beachtet. Erfolgreiche Amerikatourneen verstärkten die Kluft zwischen US-Popularität und heimischer Bedeutungslosigkeit; ihr zweites und drittes Album kamen in England mit monatelanger Verzögerung heraus. Erst das Konzert mit dem Royal Philharmonic Orchestra brachte die Band auch in Großbritannien ins Gerede und in die Hitlisten. Evans und Simper hatten nicht das nötige Durchstehvermögen gehabt und nach ihrem Ausscheiden die Bands Captain Beyond und Warhorse gegründet. An ihrer Stelle traten fortan Ian Gillan (voc) und Roger Glover (bg) auf.
1971 gründeten die Musiker ihr eigenes Plattenlabel Purple Records, obgleich der Konflikt in der Band sich eher verschärft hatte. Bei allem Erfolg war offensichtlich geworden, dass Blackmores Dampframmenstil in Leerlauf geraten war. Anfang 1973 erklärten die Bandmitglieder übereinstimmend, Deep Purple löse sich auf. Tatsächlich schieden Ende Juni lediglich Gillan und Glover wieder aus, die durch David Coverdale (voc) und Glenn Hughes (bg, voc) ersetzt wurden. Erst im Frühjahr 1975 verließ Ritchie Blackmore die Band, um Rainbow zu gründen. Für ihn trat Tommy Bolin (g) bei, der noch auf der LP Come Taste The Band (1975) zu hören war, bevor die Band endgültig auseinanderging. Bolin, der zuvor bei der James Gang und bei Billy Cobham gespielt hatte, starb am 4. Dezember 1976 an einer Überdosis Heroin.
1984 rief Jon Lord, der zwischendurch unter anderem bei David Coverdales Whitesnake beteiligt war, seine Mannen Blackmore, Gillan, Glover und Paice zur Band-Reunion Deep Purple (Mark II) wieder zusammen. Die Polygram-Offerte von zwei Millionen Dollar für jeden der Musiker, so das nicht dementierte Gerücht, war schwerlich zurückzuweisen. Sie produzierten das Album Perfect Strangers (1984), das in England die Chartposition fünf erreichte, in den USA Platz 17, und begaben sich für die nächsten Jahre unverzüglich wieder on the road.
Die Konzerte ihrer diversen Welttourneen waren in der Regel ausverkauft, doch die neuen Songs, "ohne jede Chance, sich zu entwickeln oder zu atmen" (Kritiker Patrick Neylan-Francis), gerannen nicht zu Single-Hits. Die alten Spannungen und Streitigkeiten zwischen den Veteranen dauerten an. Blackmore weigerte sich wiederholt, die "lausige Nummer" Smoke On The Water aus dem alten Album Machine Head (1972) im Konzert mitzuspielen. Gillan gefiel das neue Album The House Of Blue Light (1987) nicht. Er ging 1989 und wurde für Slaves And Masters (1990) durch Joe Lynn Turner (voc) ersetzt. "Ich kann", so Gillan damals, "an Deep Purple nur noch wie an eine Verflossene denken. Wir heirateten 69 und wurden 73 geschieden. 84 heirateten wir noch mal und ließen uns 89 wieder scheiden. Das mach ich nicht noch mal."
Im Dezember 1992 scherte er sich jedoch nicht mehr um sein Geschwätz von gestern und ging mit den alten Kumpels für die CD The Battle Rages On (1993) in Peter Maffays Studio bei München wieder ans Mikrophon. Verblüfft wartete "Der Musikmarkt" mit dem Allgemeinplatz "Deep Purple klingt tatsächlich wie Deep Purple" auf. Für die erste Single Anya flirtete die "laue Altherrenriege" ("Stern") auch mit andalusischer Flamencomusik. Eine weitere Welttournee begann im Juli 1993 in Clarkston, Missouri, und endete nach 69 Konzerten im Dezember in Osaka, aber da war Blackmore bereits wieder abgesprungen. An seine Stelle trat kurzfristig Joe Satriani (g).
Vollgültiges Mitglied wurde für das Album Purpendicular (1996) der am 28. Juli 1954 in Hamilton, Ohio, geborene Saitenvirtuose Steve Morse, vordem bei den Dixie Dregs, bei Kansas und von der Zeitschrift "Guitar Player" zum weltbesten Allroundgitarristen gekürt. Morse brachte neben seiner Jazzvirtuosität auch eine Bläsersektion in die Band ein und erfrischte die "nicht ganz unironischen Verspieltheiten von Altrockern, die nichts zu verlieren haben" ("Zitty"). Dem als "Official Bootleg" avisierten Album Live At The Olympia ’96 (1997) der "in Würde gealterten Mark-II-Haudegen" bescheinigte die Zeitschrift "Stereoplay" einen "manierlichen Mix alter und neuer Rockperlen". Days May Come And Days May Go (2000), wieder entdeckte Proben-Tapes von 1975 mit Coverdale, Lord, Hughes, Paice und Tommy Bolin aus den kalifornischen Pirate Sound Studios, mochte die gleiche Zeitschrift nur mit Einschränkungen empfehlen: "Trotz viel Energie doch sehr sessionartiger Charakter und klangtechnische Mängel."
Aber das neue, in Orlando, Florida, aufgenomme-ne Werk Abandon (1998) dieser "Lieblingsband aller Musiklehrer", so Christian Seidl im "Stern", habe "in seinem ironiefreien Perfektionismus durchaus Größe". "Stereoplay" präziser: " Abandon geht als direkter Nachfolger von Fireball oder Machine Head durch: ein kraftstrotzendes Hardrock-Werk, versetzt mit Jazz, Blues und Funk." Doch auch dem Flirt mit der Klassik wurde noch einmal Genüge getan. Dreißig Jahre nach dem Concerto For Group And Orchestra trafen sich Deep Purple erneut mit dem London Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall. Das Konzert, später auf Tournee mit dem Romanian Philharmonic Orchestra wiederholt, enthielt neben dem Concerto und Band-Hits auch Songs aus den Solokarrieren der Musiker.
"Tip" über das Album In Concert With The London Symphony Orchestra (1999): "Sie streifen die längst zur Hülse gewordene Hardrock-Attitüde ab, geben sich als raffinierte Showband zu erkennen, weiden sich in gewähltem Bombast und lassen anstelle der Band die Idee Deep Purple treten." Weniger blumig formuliert, ließe sich dies allerdings auch wie eine Absage an den Rock ’n’ Roll lesen, zumal Großkritiker wie Martin C. Strong ("The Great Rock Discography") nicht erkennen konnten, an wen sich ein solches Album richten solle. Mit Bananas (2003) beherzigten die Musiker die Kritik, und Strong war’s zufrieden: "Eine total andere Note, eine Art back to the roots mit weniger Bombast, weniger Selbstgefälligkeit und Ego macht die CD zu einem der besseren Deep Purple-Sets der letzten Zeit mit einer überraschenden Wendung zu einem Blues-Boogie-Angebot."
Don Airey (kb) hatte die meisten neuen Originals geschrieben. Jon Lord wurde nicht vermisst. In den Jahren 2004/2005 rockten Deep Purple in 38 Ländern. Ian Gillan: "Erstaunlicherweise war die Band nach der Tour immer noch heiß. Deshalb gingen wir auch gleich wieder ans(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Shades Of Deep Purple (1968)
The Book Of Taliesyn (1969)
Deep Purple (1969)
Live In Concert At The Royal Albert Hall With The Royal Philharmonic Orchestra (1970)
Deep Purple In Rock (1970)
Fireball (1971)
Machine Head (1972)
Made In Japan (1972)
Who Do We Think We Are (1973)
Burn (1974)
Stormbringer (1974)
Come Taste The Band (1975)
Made In Europe (1976)
Last Concert In Japan (1976)
Powerhouse (1977)
Deep Purple In Concert (1980 Aufnahmen 1970–1972)
Live In London (1982 Aufnahmen von 1974)
Perfect Strangers (1984)
The House Of Blue Light (1987)
Nobody’s Perfect (1988)
Scandinavian Nights (1988 Aufnahmen von 1970)
In The Absence Of Pink:
Knebworth 85 (1991 Aufnahmen von 1985)
The Battle Rages On (1993)
Come Hell Or High Water – Live (1994)
King Biscuit Flower Hour Presents:
Deep Purple In Concert (1995 Aufnahmen von 1975)
Purpendicular (1996)
Just Might Take Your Life (1996 Aufnahmen von 1974)
Live At The Olympia ’96 (1997 Aufnahmen von 1996)
Abandon (1998)
In Concert With The London Symphony Orchestra (1999)
Live At The Rotterdam Ahoy (2000)
This Time Around:
Live In Tokyo (2001 Aufnahmen von 1975)
The Soundboard Series (2001)
Bananas (2003)
Live In Inglewood (2004 Aufnahmen von 1968)
Kneel And Pray (2004 Aufnahmen von 1969)
Space Volume I & Volume II (2004 Aufnahmen von 1970)
Denmark 1972 (2004 Aufnahmen von 1972)
Rapture Of The Deep (2005)
Live In Europe 1993 (2006 Aufnahmen von 1993)
They All Came Down To Montreux (2007)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Mark I & II (1974)
24 Carat Purple (1975)
The Singles A’s & B’s (1978)
When We Rock, We Rock And When We Roll, We Roll (1978)
The Mark Two Purple (1979)
Deepest Purple (1980)
Shades 1968–1998 (1999)
Days May Come And Days May Go (2000)
Listen, Learn, Read On (2002)
The Platinum Collection (2005)
LPs Roger Glover:
The Butterfly Ball & The Grasshopper’s Feast (1974)
Elements (1978)
Mask (1984)
LPs Jon Lord:
Gemini Suite (1972)
Windows (1974)
Sarabande (1976)
Before I Forget (1982)
The Country Diary Of An Edwardian Lady (1984)
Pictured Within (1998)
From Darkness To Light (2000)
Calling The Wild (2000 Soundtrack)
Boom Of The Tingling Strings (2003)
Beyond The Notes (2004)
LPs Ian Gillan (Auswahl):
Child In Time (1976)
Scarabus (1977)
Clear Air Turbulence (1977)
Live At Budokan (1978)
Mr. Universe (1979)
Glory Road (1980)
Double Trouble (1981)
Future Shock (1981)
Magic (1982)
Live At Budokan (1983 Doppel-LP-Version)
What I Did On My Vacation (1986)
Accidentally On Purpose (1988 mit Roger Glover)
Dreamcatcher (1997)
Picture Within (1999)
Gillan’s Inn (2006)
One Eye To Morocco (2009)
LPs Glenn Hughes:
Play Me Out (1977)
Hughes & Thrall (1982 mit Pat Thrall)
LP Jon Lord und Tony Ashton:
First Of The Big Bands (1974)
LP Paice Ashton Lord:
Malice In Wonderland (1976)
LPs David Coverdale/Whitesnake (Auswahl):
White Snake (1977)
Northwinds (1978)
Trouble (1978)
Love Hunter (1979)
Ready And Willing (1980)
Live – In The Heart Of The City (1980)
Come An’ Get It (1981)
Saints And Sinners (1982)
Slide It In (1984)
1987 (1987)
Slip Of The Tongue (1989)
Restless Heart (1997)
Starkers In Tokyo (1998)
Into The Light (2000)
LPs Coverdale Page:
Coverdale Page (1993)
Live At The Royal Albert Hall (2000)
LPs Ritchie Blackmore mit Rainbow und Blackmore’s Night Rainbow


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