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DAVIS, MILES

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Davis,Miles

Biografie

Miles Davis Dewey (tp, flh), am 25. Mai 1926 in Alton, Illinois, geboren, als Sohn eines wohlhabenden schwarzen Zahnarztes in St. Louis aufgewachsen, Absolvent des berühmten New Yorker Juillard-Konservatoriums, übte um 1970 mit seinem psychedelischen Trompetenjazz starken Einfluss auf die Rock-Szene aus. Der rebellische "schwarze Prinz" (Werbeslogan), seit seiner Mitgliedschaft im Charlie Parker-Quintett nach 1945 für New Yorks Underground-Intelligenzija die Verkörperung von Coolness, improvisierte über einem vielschichtigen Klangteppich elektrisch abgetasteter, intensiv, aber nicht schwer rockender Rhythmusinstrumente ohne festliegende Harmoniefolgen und metrische Korsetts nur mehr "über Gefühle".

Dabei rieben sich die Akkorde in schrillen Dissonanzen, türmten sich Tonfolgen zu Klangbergen oder brachen als Melodienfragmente ab. Diese bewusstseinserweiternde "ultimate music" bewirkte, in Rocktempeln wie den Fillmores dargeboten, bei manchen Popmusikfans Halluzinationen, wie sie der Graphiker Mati Klarwein auf dem Cover des Davis-Doppelalbums Bitches Brew (Hurengebräu) dargestellt hat: Da brannten Mohnblumen neben schaumigen Brandungswellen, da umarmten sich afrikanische Königskinder, und die glatzköpfigen Gesichter einer schwarzen und einer weißen Frau, die aus den Fingern gekreuzter Hände hervorwuchsen, waren mit Tau- und Bluttropfen übersät.

Davis nannte die Gruppe, die dieses Album in unabgesprochenen Free Sessions einspielte, "the best damn rock & roll band in the world": Wayne Shorter (sax), John McLaughlin (g), Dave Holland (b), Harvey Brooks (b), Chick Corea, Joe Zawinul (kb), Larry Young (org), Bennie Maupin (bcl), Jack DeJohnette, Lenny White, Charles Alias, Jim Riley (perc).

Bitches Brew erreichte eine Auflage von rund einer halben Million. Ausgelöst wurde Davis’ Paradigmenwechsel vom Bebop (mit Charlie Parker, as, 1945–1948) und vom Cool Jazz (mit Gil Evans, p/arr, 1950) zu einer "afrozentrisch inspirierten Bouillabaisse" (so der Pop-Theoretiker David Toop im Essayband "Ocean of Sound") durch das damals 22-jährige Model Betty Mabry, geb. am 26. Juli 1945 in Durham, North Carolina, mit dem der "schwarze Revolutionär im Ferrari" ("Die Zeit") 1968 ein Jahr lang verheiratet war.

Davis ließ die spätere Sängerin auf dem Cover der LP Filles De Kilimanjaro (1968) abbilden, widmete ihr darauf das Stück Mademoiselle Mabry und ließ sich schnell scheiden, weil er die Angetraute bei näherer Kenntnis als "zu jung und zu wild" empfand. Ihre aggressiv-lasziven Vocals, bei denen sie Musiker aus den Psychedelic-Bands Sly & The Family Stone, Tower of Power und Santana sowie die noch unbekannten Pointer Sisters begleiteten, erschienen zwischen 1973 und 1975 auf den LPs Betty Davis (1973), They Say I’m Different (1974), Nasty Gal (1975) und wurden auf der CD This Is It auf Vampisoul (Cargo) zum Teil wiederveröffentlicht.

"Davis bellte, keuchte und schrie ihre sexuell expliziten Lyrics über furztrockene, minimalistische No-Bullshit-Funk-Arrangements und gerierte sich dabei wie eine läufige Hündin", so Albert Koch im "Musikexpress". "In Liedern wie If I’m In Luck I Might Get Picked Up oder dem mittlerweile klassischen Anti Love Song sprach sie offen aus, was sie von einem Mann forderte", schrieb Sven Beckstette in der "FAZ": "Diese Frau nahm sich, was sie wollte, und dachte nicht an Unterordnung."

Nach den drei LPs zog sich Betty Davis aus dem Musikgeschäft zurück und versuchte zwei Jahrzehnte später mit den CDs Hangin’ Out In Hollywood (1995), Crashin’ From Passion (1996) ein Comeback. Dass sie nicht mit dem Macho Miles, dem "Picasso der unsichtbaren Kunst" (Duke Ellington), harmonieren konnte, lag auf der Hand. Der unberechenbar egozentrische Davis, nebenbei Amateurboxer und zeitweiliger Besitzer eines spanischen Schlösschens an der New Yorker 77. Straße, dessen eigenwilliger Dress bisweilen Modeimpulse gab, wurde von seinen Mitspielern oft als derart autoritärer Bandleader empfunden, dass die meisten ihn nach relativ kurzer Zeit wieder verließen. Sie übertrugen sein Konzept modalen Improvisierens (manchmal eine Stunde lang über einen einzigen Grundton) auf ihre eigenen Rock Jazz-Combos wie Tony Williams’ Lifetime, John McLaughlins Mahavishnu Orchestra, die Gruppen Weather Report, Compost und andere. Davis selbst lehnte den Begriff Rock wie jede andere Etikettierung für seine Musik ab: "Rock ist ein Begriff des weißen Mannes, und ich bin kein weißer Mann."

1972 brach sich der Trompeter, der schon 1949 heroinabhängig geworden war und die Sucht nach fünf Jahren überwunden hatte, bei einem Autounfall beide Beine, was seine Kreativität beeinträchtigte, aber nicht stoppte. Erst nach der in Japan live aufgenommenen LP Agharta (1975) zog er sich für fünf Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Er habe sich einige Rippen gebrochen, hieß es, oder auch, er sei erneut an die Nadel geraten. Von seiner neuen Frau, der Schauspielerin Cicely Tyson, ermutigt, machte Davis 1981 mit der LP The Man With The Horn diesem Gerücht ein Ende. Das Album erschien – teils gesungen – noch stärker als die früheren auf den Popmarkt orientiert. Die Live-Konzerte, die er während der achtziger Jahre wieder häufiger gab, waren voll der alten Magie.

Für das Live-Doppelalbum We Want Miles (1982) gewann er einen Grammy Award. Fünfundzwanzig dieser Auszeichnungen kassierte er in seiner mehr als vierzigjährigen Karriere – eine davon 1988 für die LP Music From Siesta, für die er auch den erlauchten spanischen Malteserorden erhielt. Nach den Produktionen Star People, Decoy, You’re Under Arrest und Tutu aus den achtziger Jahren wartete er 1989 zum Start seiner mit dem Poeten Quincy Troupe verfassten Autobiographie "Miles" im Verlag Simon & Schuster mit Amandla auf. Diese LP, von Marcus Miller und Tommy LiPuma produziert, enthielt als einzigen Höhepunkt einen Tribut an den kurz zuvor verstorbenen Davis-Bassisten Mr. Pastorius (Titel). Sein Kommentar dazu: "Don’t call me legend. I’m Miles and alive."

Der Kritik war das nicht genug. Der "Musikexpress" hielt dem Trompetenstar einen eigenen Ausspruch vor: "Spiel nicht, was dir gerade einfällt, geh einen Schritt weiter." Eine geplante Studioproduktion mit Prince kam nach informellen Sessions nicht mehr zustande. Davis trompetete für die John Lee Hooker-Produktion The Hot Spot (1990) sowie im beziehungsreichen Titel-Track der CD You Won’t Forget Me der Jazz-Pianolady Shirley Horn aus Washington, D.C., und wandte sich mit dem Album Aura seiner eigenen Legende zu.

Im Sommer 1990 gab er in Paris ein Reunion-Konzert mit den ehemaligen Weggefährten Jackie McLean (as), John McLaughlin (g), Wayne Shorter (ts), Chick Corea (p) und Herbie Hancock (p), rekonstruierte beim Montreux Jazz Festival unter Leitung von Quincy Jones live sein epochemachendes Orchesteralbum Birth Of The Cool und kassierte für seine Lebensleistung noch einen Grammy. Er litt an Magengeschwüren, seiner künstlichen Hüfte und an Kehlkopfkrebs. In der Schweiz unterzog sich der Star einer Frischzellenkur, verließ in seinem letzten Sommer aber kaum noch die Zwei-Millionen-Dollar-Villa im kalifornischen Malibu. Am 28. September 1991 starb er in Santa Monica an den Folgen eines Schlaganfalls. Der als verlässlich geltende Chronist Martin C. Strong ("The Great Rock Discography") nannte als Todesursache die Immunschwächekrankheit Aids. Auf dem Woodlawn Cemetery in der New Yorker Bronx wurde Davis in einem Sarkophag aus schwarzem Marmor neben dem Grab von Duke Ellington beigesetzt.

Sein Nachlassalbum Doo Bop (1992) enthielt eine Jazz/HipHop-Fusion mit dem Rapper Easy Mo Bee. Miles Davis war bis zum Schluss immer noch einen Schritt weitergegangen. "Kein Judas des Jazz, kein Verrat, kein unerwartetes Aufspringen auf den Rock-Express", resümierte Konrad Heidkamp in der "Zeit", "und "Pop" war Miles ohnehin sein Leben lang – vom Bye Bye Blackbird der fünfziger bis Time After Time der achtziger Jahre". In den Jahren nach seinem Tod wurde so gut wie jeder Ton, der von ihm, veröffentlicht oder nicht, aufgezeichnet worden war, in aufwendigen Boxen- und CD-Serien neu ediert.

1998 ging der Avantgarde-Bassist und Musikproduzent Bill Laswell noch einen Schritt darüber hinaus. Unter dem CD-Titel Panthalassa – The Music Of Miles Davis 1969–1974 fertigte er eine sogenannte Reconstruction & Mix Translation aus drei LPs jener Jahre an – vier Medleys von je 15 Minuten Dauer. Dies sei, so Konrad Heidkamp, "ein Katechismus des elektrischen Miles, der vor allem eins zeigt: Die Botschaft klang melodischer und differenzierter, als der Jazzfan dachte, zukunftsträchtiger und aufregender, als der Popfreund ahnt."

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs (Auswahl):
Boppin’ The Blues (1946)
Cool Boppin’ (1948)
Birth Of The Cool (1949)
Conception (1951)
Blue Period (1951)
Dig (1951)
Birdland 1951 (1951)
Miles Davis With Horns (1951)
Miles Davis Volume 1 (1952)
Miles Davis Volume 2 (1953)
Blue Haze (1953)
Walkin’ (1954)
Bags’ Groove (1954)
Miles Davis And The Modern Jazz Giants (1954)
Musings Of Miles (1955)
Blue Moods (1955)
Quintet/Sextet (1955 mit Milt Jackson)
Miles:
The New Miles Davis Quintet (1955)
Round About Midnight (1955)
Relaxin’ With The Miles Davis Quintet (1956)
Steamin’ With The Miles Davis Quintet (1956)
Workin’ With The Miles Davis Quintet (1956)
Cookin’ With The Miles Davis Quintet (1956)
Miles Ahead (1957)
Ascenseur Pour l’Échafaud (1957 Soundtrack)
Amsterdam Concert (1957)
Milestones (1958)
Somethin’ Else (1958 mit Cannonball Adderley)
Porgy And Bess (1958)
Kind Of Blue (1959)
Sketches Of Spain (1960)
Live In Den Haag (1960)
Olympia, 20th March 1960 (1960)
Manchester Concert (1960)
Olympia, 11th October 1960 (1960)
Someday My Prince Will Come (1961)
In Person:
At The Blackhawk, San Francisco (1961)
At Carnegie Hall (1961)
Quiet Nights (1962)
Seven Steps To Heaven (1963)
In Europe (1963)
My Funny Valentine (1964)
Four & More (1964)
Miles In Tokyo (1964)
Miles In Berlin (1964)
E.S.P. (1965)
The Complete Live At The Plugged Nickel (1965)
Miles Smiles (1966)
Sorcerer (1967)
Nefertiti (1967)
Miles In The Sky (1968)
Filles De Kilimanjaro (1968)
In A Silent Way (1969)
Bitches Brew (1969)
A Tribute To Jack Johnson (1970)
Live At The Fillmore East, March 7, 1970:
(1970)
Black Beauty:
Miles Davis At Fillmore West (1970)
The Cellar Door Sessions (1970)
Live-Evil (1971)
On The Corner (1972)
Big Fun (1972)
In Concert:
Live At Philharmonic Hall (1972)
Get Up With It (1974)
Dark Magus (1974)
Agharta (1975)
Pangaea (1975)
The Man With The Horn (1981)
Miles! Miles! Miles! (1981)
We Want Miles (1982)
Star People (1983)
Decoy (1983)
You’re Under Arrest (1984)
Tutu (1986)
Music From Siesta (1987 Soundtrack)
Aura (1989 Aufnahmen von 1985)
Amandla (1989)
The Complete Miles Davis At Montreux (1991)
Dingo (1991 Soundtrack)
Miles & Quincy Live At Montreux (1991)
Live Around The World (1991)
Doo-Bop (1992)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Water Babies (1977 Aufnahmen 1967–68)
Circle In The Round (1979 Aufnahmen 1955–70)
Directions (1980 Aufnahmen 1960–70)
The Columbia Years (1990 Aufnahmen 1955–85)
The Essential Miles Davis (2001)
The Complete ‹On The Corner› Sessions (2007 6-CD-Box)
Box-Sets/erweiterte Wiederveröffentlichungen:
The Complete Miles Davis With John Coltrane (1955–1961)
The Complete Miles Davis And Gil Evans (1957–1968)
Seven Steps:
The Complete Columbia Recordings Of Miles Davis 1963–1964 The Complete Studio Recordings Of The Miles Davis Quintet 1965–1968 The Complete In A Silent Way Sessions (1968–1969)
The Complete Bitches Brew Sessions (1969–1970)
The Complete Jack Johnson Sessions (1970)
The Cellar Door Sessions (1970)

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