Collins,Judy
Biografie
Judy Collins (voc, g), am 1. Mai 1939 in Seattle, Washington, geboren, als Tochter eines blinden Radioansagers in Denver, Colorado, aufgewachsen, war jahrelang - hinter Joan Baez - "Amerikas Folksong-Interpretin Nummer zwei" ("Esquire"). Erst Ende der sechziger Jahre fand sie mit ihrer flötenähnlichen Altstimme, ihrem emotionstragenden Vibrato und ihrer artifiziellen Diktion auch außerhalb der USA ein größeres Publikum.
Mit zwölf, nachdem sie als Konzertpianistin bereits mit dem Denver Symphony Orchestra aufgetreten war, erkrankte sie an Kinderlähmung. Mit 23, nach ihrem Folksong-Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, bekam sie Tbc. Seitdem behielt die Sängerin, deren Interpretationen manchen Kritikern wegen der "Kultiviertheit und Disziplin der Darbietung, der ausgefallenen Begleitung, dem Sinn für Form und dem gezügelten rhythmischen Impetus" als "Kunstlieder der Folklore" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") galten, das Image einer Maid Of Constant Sorrow (so der Titel ihrer ersten LP).
Von 1962 bis 1965 zog die überzeugte Pazifistin mit Pete Seeger und Phil Ochs durch die US-Südstaaten, um Schwarze zum Gang an die Wahlurnen anzuregen. Später sang Judy Collins, die in einem Jahrzehnt mehr als 1000 Wohltätigkeitskonzerte gab, gegen den Krieg in Vietnam. "Ich glaube", erklärte sie 1967, "dass unsere Massengesellschaft ihren besten und wahrhaftigsten Ausdruck in der Popmusik gefunden hat. Und ich versuche stets, Lieder zu finden, in denen man das Wesen unserer Gesellschaft wie in einen Spiegel erkennen kann."
Die mitunter aggressive Botschaft der von ihr bevorzugten Songs von Bob Dylan, Leonard Cohen, Joni Mitchell und den Beatles entglitt ihr jedoch häufig, mit Pastell-Tonfarben übermalt, in einen romantischen Illusionismus und in die Idylle. Im Stück Albatros, dem ersten Song, den sie 1967 selbst geschrieben hatte, erzählte sie beispielsweise von einer jungen Frau, die "den Massen die Farben, die Glocken, den Wind und die Träume gibt". Aber sie fragte ängstlich: "Wird es jemals einen Prinzen geben, der übers Meer oder über das Gebirge kommt?"
Zeitweise hieß ihr Prinz Stephen Stills, der sie im Album Who Knows Where The Time Goes begleitet und im Crosby, Stills & Nash-Hit Suite: Judy Blue Eyes verewigt hat.
Neben der Gesangskarriere spielte sie Theater: 1969 beispielsweise die Solveig in Ibsens "Peer Gynt" beim New Yorker Shakespeare-Festival. Eine TV-Dokumentation über ihre klassische Musiklehrerin, die Dirigentin Antonia Brico, wurde 1975 für einen Academy Award nominiert.
Im gleichen Jahr feierte Judy Collins noch einmal auf dem Plattenmarkt Triumphe: Ihre Version des Stephen Sondheim-Songs Send In The Clowns aus dem Musical "A Little Night Music", auf der Collins-LP Judith publiziert, eroberte, namentlich in Europa, die Charts. 1977 ehrte die Plattenfirma Elektra die Sängerin mit dem sorgfältig edierten Doppelalbum So Early In Spring - The First 15 Years, beendete die Zusammenarbeit nach drei weiteren Veröffentlichungen aber 1984 mit Home Again.
Nach einer Pause in Familie, in der sie ihre Autobiographie "Trust Your Heart" (1987) mit einer detaillierten Darstellung ihrer Alkoholsucht schrieb, brachte sie ihr gleichnamiges Album bei Gold Castle heraus, hatte das Interesse am Musikgeschäft aber offenkundig verloren. 1989 startete sie mit einem Augen-Gel eine Kosmetik-Kollektion und nahm fortan vor allem musikalische Gesellschaftsereignisse wahr - so etwa den Dinner Dance der Music and Performing Arts Unit of B'nai B'rith im New Yorker Marriott Marquis Hotel 1991, bei dem sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, oder eine Benefizgala des Hollywood Women's Political Committee neben Barbra Streisand, Vanessa Williams, Patti Austin und anderen 1992, die 350000 Dollar einbrachte.
Im gleichen Jahr nahm sie zusammen mit Cissy Houston, Lesley Gore, Odetta, Maureen McGovern, Carly und Lucy Simon als Clintones die Titel America The Beautiful und Michael Row The Boat Ashore für die politische Kampagne "Women Light The Way For Change". 1993 jubilierte sie zum Andenken an die einstige Präsidentengattin Eleanor Roosevelt in der New Yorker Alice Tull Hall, zum National Memorial Day auf dem Capitol Hill in Washington und joggte wahlwirksam mit Präsident Clinton, der im Gegenzug bekannt gab, er habe seine Tochter Chelsea nach der Judy Collins-Aufnahme Chelsea Morning benannt. Inmitten all dieser Society-Aktivitäten nahmen sich die Texte ihres Albums Judy Sings Dylan ... Just Like A Woman, das sie 1993 auf Geffen Records veröffentlichte, geradezu deplatziert und altbacken aus.
Ihren ersten Roman, den sie - wiederum titelgleich mit einer Song-Kollektion - 1995 vorlegte, überschrieb sie: "Shameless" (Schamlos). Ein Jahr später bot der Verlag Clarkson ihre Biographie, eine CD mit gecoverten Songs und reichlich Notenmaterial als Paket mit dem Titel Voices an.
Am 16. Mai 1996 heiratete Judy Collins in New York den ehemaligen Bürgerrechtler Louis Nelson, auf den Tag genau 18 Jahre nachdem sie sich bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennen gelernt hatten. Danach stürzte sie sich mit neuer Energie in die Arbeit, ging mit Roberta Flack als "Ladies of the Night" auf Tournee, bereiste als UNICEF-Botschafterin im Dienst unterprivilegierter Kinder oder als Agitatorin gegen Landminen die Welt und wurde im Four Seasons Hotel in Boston dafür geehrt. Sie beteiligte sich an TV-Diskussionen wie beispielsweise bei ABC in der Serie "Politically Incorrect", trat im Januar 1999 im New Yorker Madison Square Garden neben den anderen "Women in Music" (Show-Titel) Odetta, Helen Reddy, Phoebe Snow, Janis Ian, Jewel und Paula Cole zugunsten des philanthropischen Turner/Fonda-Projekts auf und fand auch noch Zeit für ihre zweite Autobiographie "Singing Lessons", die im gleichen Jahr erschien.
Neben den diversen Wiederveröffentlichungen und Anthologien jener Jahre besang sie 1999 ein Album mit Musical-Standards: Both Sides Now - Classic Broadway. "Wenn Amethysten singen könnten", hatte der Folksinger und Schwager von Joan Baez, Richard Fariña, einmal gesagt, "klängen sie wie Judy Collins."
Für ihre 2000 auf Delta veröffentlichten Live-Alben Live At Wolf Trap und All Of A Wintry Night oder ihr Portrait Of An American Girl (2005) galt das immer noch. Doch auch wenn ihr Leben nun nach der Melodie des Spirituals Amazing Grace, das sie zum Hit machte, in göttlicher Gnade zu verlaufen schien, waren Schicksalsschläge nicht ausgeblieben. Am 15. Januar 1992 hatte sich ihr Sohn Clark Taylor in der Garage seiner getrennt lebenden Frau in St. Paul mit Autoabgasen umgebracht.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Maid Of Constant Sorrow (1961)
The Golden Apples Of The Sun (1962)
Judy Collins 3 (1963)
The Concert (1964)
Fifth Album (1965)
In My Life (1966)
Wildflowers (1967)
Who Knows Where The Time Goes (1968)
Whales And Nightingales (1970)
Living (1971)
True Stories And Other Dreams (1973)
Judith (1975)
Bread And Roses (1976)
Hard Times For Lovers (1979)
Running For My Life (1980)
Times Of Our Lives (1982)
Home Again (1984)
Trust Your Heart (1987)
Sanity And Grace (1989)
Fires Of Eden (1990)
Baby's Bedtime (1990)
Baby's Morningtime (1990)
Judy Sings Dylan
Just Like A Woman (1993)
Shameless (1995)
Voices (1995)
Both Sides Now (1998)
Classic Broadway (1999)
Live At Wolf Trap (2000)
All Of A Wintry Night (2000)
Sings Leonard Cohen:
Democracy (2004)
Portrait Of An American Girl (2005)
Sings Lennon & McCartney (2007)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Recollections (1969)
The Most Beautiful Songs (1971)
Amazing Grace, The Best Of J. C. (1972)
Colors Of The Day (1973)
So Early In Spring - The First 15 Years (1977)
The Stars Of Christmas (1988)
Forever - An Anthology (1998)
The Essential (2004)

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