Carpenters
Biografie
Carpenters boten "Eiskrem-Musik" ("Rolling Stone") mit Rock-Appeal und Soul-Gefühl für zaghaft progressive Musikkonsumenten, die den Halt an traditionellen Klangvorstellungen nicht verlieren wollten. Die Geschwister Karen (voc, dr) und Richard Carpenter (kb, voc), am 2. März 1950 (Karen) und am 15. Oktober 1946 (Richard) in New Haven, Connecticut, geboren und von 1963 an in der kalifornischen Kleinstadt Downey bei Los Angeles aufgewachsen, spielten ihre romantisierenden Slow-Songs mit banaler Integrität ein. Relativ gehaltvolle Kompositionen von Burt Bacharach, Leon Russell oder Paul Williams wurden von Karens stilistisch makelloser, herzzerreißender Mezzosopranstimme und von Richards Piano-Verzierungen und Stromlinien-Arrangements zu formal brillanten Rock-Versatzstücken nivelliert. John Bettis, den sie durch ihre Mitwirkung an der Studentenband Spectrum kennengelernt hatten, trug zu eigenen Kompositionen stimmige Texte bei.
Karen und Richard Carpenter hatten ihr Handwerk in verschiedenen Kirchen-Bands, Jazz-Gruppen und auch solo von Grund auf gelernt, bis Herb Alpert ein Demo der beiden hörte und sie 1969 für A & M unter Vertrag nahm. Die klinisch weißen Interpretationen der Geschwister fanden bei einer Durchschnittsauflage von einer Million pro LP weitgehendes Verständnis in der musikalisch konservativen Mittelschicht. Dennoch stießen sich zahlreiche Kritiker an dem inoffensiven Repertoire der Carpenters. Ihre Songs, meinte Peter Reilly in "Stereo Review", gaben als "deodorierte Parodie" genau die kleinbürgerlichen Wunschvorstellungen wieder, "die sich ältere Leute gern von jüngeren Leuten machen möchten". Gegen Ende der siebziger Jahre verfing diese sanfte Täuschung nicht mehr. Im stilistischen Amok probierten die Carpenters zu jener Zeit alles, was modisch war – von Reggae-Adaptionen bis zum Musical-Hit Don’t Cry For Me, Argentina.
Als der Erfolg ausblieb, besannen sie sich wieder auf ihr Talent als Balladeninterpreten. Durch das enorme Tempo, einen niemals endenden Stress und die dünne Luft in den oberen Regionen des Showbusiness hatten die Geschwister jahrelang Raubbau an ihrer Gesundheit betrieben. Während sie Top Of The World sang, brach Karen 1975 auf der Bühne in Las Vegas zusammen. Eine England- und eine Japantournee mussten abgesagt werden. Bei der Sängerin, die sich verbissen eine mörderische Diät aufgezwungen hatte, wurde nervöse Magersucht diagnostiziert. Ihr Bruder Richard war durch den Dauergebrauch des Beruhigungsmittels Quaaludes danach süchtig geworden. 1978 konnte er nicht mehr auftreten und musste sich in Topeka, Kansas, einer Entzugstherapie unterziehen.
Karen versuchte sich derweil mit dem Produzenten Phil Ramone an einer Solo-LP für den Erwachsenenmarkt, die aber weder Richard noch A & M zusagte. Erst 1989 wurde die Single If I Had You daraus veröffentlicht und erreichte Position 20 in den Adult Contemporary Charts. Als die LP Karen Carpenter endlich 1996 herauskam, wurde sie unter Connaisseurs als Geheimtipp gehandelt und galt als ein Meisterwerk.
1980 zerbrach Karens Ehe mit dem Baulöwen Thomas J. Burris nach nur einem Jahr. Ihr Leiden wurde schlimmer, sie ging in New York zur Psychotherapie. Zurück in Kalifornien, wollte sie wieder arbeiten, verlor aber binnen einer Woche fünf Kilo an Gewicht. Am 4. Februar 1983 versagte im Haus ihrer Eltern in Downey ihr Herz.
Das Album, an dem sie gearbeitet hatte, erschien – durch älteres Material vervollständigt – im November 1983 unter dem Titel Voice Of The Heart. Es erreichte in der Pop-Liste von "Billboard" die Position 46. Die erste Single daraus, Make Believe It’s Your First Time, kam auf Platz 101, die zweite, Your Baby Doesn’t Love You Anymore, wurde gar nicht notiert. Nach Karens Tod stellte ihr Bruder aus unveröffentlichtem Material und durch die Fertigstellung unvollendeter Aufnahmen postume Carpenters-LPs zusammen und überwachte zahllose Sampler. Eine Solokarriere, die er 1987 versuchte, ging nach einer einzigen LP, Time, wieder zu Ende.
Das Erbe, das er zu verwalten hatte, ernährte ihn gut: 15 Studioalben mit 13 Top-Ten-Singles wie Close To You und We’ve Only Just Begun (1970), For All We Know, Rainy Days And Mondays und Superstar (1971), Hurting Each Other (1972), Sing, Yesterday Once More, Top Of The World (1973) und so fort, und dazu immerhin noch fünf Top-Twenty-Hits.
Ungezählte Gold- und Platin-Trophäen hatten die Carpenters abgeräumt, drei Grammys und einen Preis als "Best Band, Duo or Group (Rock/Pop)" 1973 von den ersten American Music Awards. Man kannte und kaufte sie weltweit. Auch aus Europa, Australien und Japan kamen Tantiemen, und das hielt an. Einen Teil des Vermögens, das dabei zusammenkam, gab Richard zum Schutz des Carpenter-Images aus. So limitierte er mit Rechtsmitteln und Geldeinsatz 1987 den Vertrieb des Films "Superstar" von Toddy Haynes, in dem Karens Tod mit Barbiepuppen nachgestellt worden war. 1989 kam eine andere, dokumentarische "Karen Carpenter Story" mit seiner Mitwirkung ins CBS-Fernsehen.
1990 wurden die Singles der Carpenters auf zwei LPs wiederveröffentlicht und kehrten teilweise in die Charts zurück. Eine 4-CD-Box mit 67 Tracks und zum Teil vordem unveröffentlichtem Material, die A & M 1991 unter dem Titel From The Top auf den Markt brachte, bewirkte eine weitere Umbewertung der Carpenters-Musik. Nachdem 1990 bereits Sonic Youth dem toten Superstar mit Tunic (Song For Karen) gehuldigt hatten, vereinigten sich 1994 überlebende Künstler wie Babes in Toyland, Grant Lee Buffalo, Shonen Knife, Cracker, Matthew Sweet und Sheryl Crow zum Tributalbum If I Were A Carpenter. 1998 erschien eine weite-re Video-Dokumentation, 75 Minuten "Close to You: Remembering the Carpenters". Zwei ihrer Songs wurden in die Grammy Hall of Fame "für Produktionen von bleibender Qualität oder historischer Bedeutung" aufgenommen: 1998 We’ve Only Just Begun, 2000 Close To You. Auf dem Campus der California State University wurde ein Richard and Karen Carpenter Arts Center eröffnet.
Als Universal 2003 The Essential Collection 1965–1997 in einer 4-CD-Box mit 73 Songs, TV-Mitschnitten, Radio-Spots, Jingles und einem frühen Interview vorlegte, gab es für den "stilistisch makellosen Mezzosopran Karen Carpenters und die blumigen Kompositionen mit den piekfeinen Piano-Verzierungen ihres Bruders Richard" ("Rolling Stone") in den Rezensionen nur noch Lob. Richard, der mittlerweile mit Frau Mary, vier Töchtern und einem Sohn in Thousand Oaks, Kalifornien, lebte, stiftete dort 2004 drei Millionen Dollar für eine Civic Arts Plaza zur Erinnerung an seine Schwester. Sein kostspieligstes Hobby: die Sammlung klassischer, preisgekrönter Automobile. Als er seinen wertvollsten Oldie erwarb, einen Chrysler 300 Convertible, war Karen noch am Leben.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Ticket To Ride (1970)
Close To You (1970)
Carpenters (1971)
A Song For You (1972)
Now And Then (1973)
Horizon (1975)
A Kind Of Hush (1976)
Live At The Palladium (1976)
Passage (1977)
Christmas Portrait (1978)
The Singles 1974–78 (1978)
Made In America (1981)
Voice Of The Heart (1983)
An Old Fashioned Christmas (1984)
Zusammenstellungen (Auswahl):
The Singles 1969–73 (1974)
Yesterday Once More (1985)
Classic Collection Vol. 1 (1986)
Classic Collection Vol. 2 (1987)
From The Top (1992)
Carpenters Perform Carpenters (2003)
The Essential Collection 1965–1997 (2003 4-CD-Box)
Gold:
35th Anniversary Edition (2004)
LPs Richard Carpenter:
Time (1987)
Pianist Arranger Composer Conductor (1997)
LP Karen Carpenter:
Karen Carpenter (1996)


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