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BOWIE, DAVID

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Bowie,David

Biografie

David Bowie , bürgerlich: David Robert Jones (voc, g, sax), am 8. Januar 1947 in Brixton, London, geboren, übersättigte den paranoiden Rock ’n’ Roll seiner frühen Karrierejahre mit Reizbildern aus Horrorshows und inszenierte mit theatralischem Gespür makabre Visionen von planetarischen Katastrophen, am Rock-Terror verzweifelten Selbstmördern und transsexueller Erlösung durch kosmische Supermänner. Bei seinen aggressiven Vaudeville-Shows gebärdete er sich mit pinkfarbenem Haar, surrealistischem Make-up und bizarrer Kostümierung wie der "Dylan eines Parallel-Universums, der zur Begleitmusik von Black Sabbath umhertaumelt" ("Cream"). Sein Rollenspektrum reichte von mystischer Weiblichkeit à la Greta Garbo und der ätherischen Hysterie eines Sternenwesens bis zum sado-erotischen Männlichkeitswahn eines Lederfetischisten.

Bowie, nach eigener Definition ein singender Schauspieler, ließ sich bei der Gestaltung seines Repertoires vornehmlich von Stanley Kubricks Filmen "2001: A Space Odyssey" und "A Clockwork Orange" anregen. Die Magie eines interplanetarischen Trips, mystische Spekulationen über den Weltenanfang, die stilisierte Darstellung von Gewalt, Zivilisationsneurosen in einer übertechnisierten Welt sowie Nietzsches Übermenschentheorie als zweifelhafte Verheißung waren ständig wiederkehrende Themen in seinen Songs. "Damals herrschte das allgemeine Gefühl". so David Bowie Ende 2006, "dass es keine "Wahrheit" mehr gäbe und dass die Zukunft nicht so klar umrissen sei, wie man gedacht hatte. Die Vergangenheit übrigens auch nicht, daher war alles legitim. Wenn wir nach Wahrheit suchten, konnten wir sie auch selbst erfinden."

Der ehemalige Jazzsaxophonist, Leiter einer psychedelischen Beatband, Folksänger, Werbetexter und Spieler in einer Pantomimengruppe, hatte bereits 1967 einen bescheidenen Hiterfolg mit dem satirischen Liebeslied Love You Till Tuesday gehabt. Seine Einspielungen für das damals neugegründete Deram-Label, simple ironische Gesellschaftskommentare, trug er mit dem Cockney-Akzent des Revuesängers Anthony Newley vor, der damit in der Cabaret-Show "Stop the World I Want to Get Off" forciert volkstümliche Töne hatte anschlagen wollen.

Doch Bowies Spottlieder, die gelegentlich (wie in London Boys) in bitterer Selbsterkenntnis ausklangen, waren in der Flower Power-Saison von 1967 nicht gefragt. Nach einem Therapiestudium des tibetanischen Buddhismus und einigen Gigs mit dem Pantomimenensemble von Lindsay Kemp tauchte er 1969 wieder auf der Musikszene auf. Sein zweiter, wesentlich erfolgreicherer Hit Space Oddity bezog sich schon im Titel auf Kubricks "2001" und deutete die Hinwendung des Sängers zu metaphysischen Themen an.

Auf den nachfolgenden Mercury-LPs David Bowie (1969), The Man Who Sold The World (1970) bewies Bowie, der sein Pseudonym von dem gleichnamigen Jagdmesser abgeleitet hatte, poetische Flexibilität. In dem Bemühen, bisexuellen Avantgardismus, die Hilflosigkeit eines kreativen Individuums in einer irrwitzigen Umwelt und das Planspiel einer Transformation zum Übermenschen theatralisch aufzuputzen, überfrachtete er jedoch seine Songs mit esoterischen Metaphern und quälenden Rock-Dissonanzen. Die kommerzielle Attraktivität der LPs war deshalb sehr gering.

Bowie zog sich für einige Zeit in die Künstlerwerkstatt zurück, die er mit seinen Space Oddity-Tantiemen eingerichtet hatte. 1971 zündete seine dritte Karrierestufe. Seine neue Plattenfirma RCA investierte 100000 Dollar in die Fabrikation eines neuen Superstars, der ein Jahr später bereits im Triumphzug durch 24 amerikanische Großstädte geschickt werden konnte. Obendrein kaufte der Konzern die zwei erfolglosen Mercury-LPs ein und brachte sie nochmals, nun mit Profit, heraus.

Die neuen Bowie-Songs unterschieden sich stilistisch kaum von diesen alten Einspielungen. Der Sänger konnte sie allerdings wesentlich exaltierter anpreisen. Da die allgemeine Einstellung zur Sexualität inzwischen liberaler geworden war und Gruppen wie Alice Cooper nützliche Feldarbeit geleistet hatten, fiel es Bowie nicht schwer, als Transvestit mit Lidschatten und Chiffongewändern zu posieren. Sein sicheres Gefühl für theatralische Wirkung, die Qualität seiner Kompositionen und die instrumentale Brillanz der von Mick Ronson (g, p, voc) angeführten Begleitgruppe The Spiders setzten Bowie von der Masse seiner Nachahmer deutlich ab, die kaum über die plüschige Zweideutigkeit einer "Drag Show" hinauskamen.

1973 schien Bowie, wie in einem Song aus der LP Ziggy Stardust angedeutet, einen "Rock ’n’ Roll-Selbstmord" vorzubereiten, als er wichtige Konzerttermine ohne Grund kurzfristig absagte und verkündete, er wolle sich nunmehr nur noch futuristischen Filmprojekten widmen. Doch die schicke Verzichtserklärung signalisierte bloß eine Atempause im Flirt mit dem dekadenzwilligen Publikum: Im Sommer 1974 eröffnete "La Bowie" eine neue Saison in der Präsentation von Rockmusik. Seine Diamond Dogs-Show fusionierte auf hypertheatralische Weise nervösen Rock, Pantomime und exquisit choreographierte Lichteffekte.

Obwohl die Pressereaktion günstig war ("New York Times": "Er hat sein Potenzial als Mann des Theaters noch gar nicht recht erkannt"), schälte sich Bowie nach Tournee-Ende aus seinem Glitter-Image und ließ sich in Philadelphia mit Rhythm & Blues-Musikern auf eine LP-Session ein: "Das ist die Art von Musik, die ich eigentlich immer singen wollte." Bowies Manier, sich ständig theatralisch neben die von ihm eifrig nachempfundenen Musikstile zu stellen, wirkte bei seinen Soul-Adaptionen nicht sehr überzeugend. "Der Effekt war tödlich", kommentierte "Rolling Stone" die bemühte Mimikry. "Village Voice" hingegen fand die desorientierenden Disco-Mutationen von Station To Station (1976) so reizvoll, "als habe sich der schwarze Kino-Detektiv Shaft in Jean-Luc Godards "Alphaville" verirrt".

Sein Gespür für musikalische Zeitströmungen und seine Vorahnung kommerzieller Trends brachte Bowie 1976 nach Berlin, das er als "eine Stadt voller Bars für traurige und enttäuschte Menschen" empfand, "eine Stadt, um sich zu besaufen". Bowie wurde trunken am düsteren Pomp der deutschen Vergangenheit ("Hitler war einer der ersten Rockstars; er hat ein ganzes Land inszeniert") und an den asketischen Avantgarde-Aktivitäten von Karlheinz Stockhausen, Kraftwerk, Tangerine Dream. Gemeinsam mit Brian Eno entwarf er auf Low und Heroes (1977) Szenarien eines Berlin zwischen Götterdämmerung und Kristallnacht und Porträtskizzen eines Außenseiters, der in diesem Niemandsland kokett Pose bezieht.

Seine Neigung zur Schauspielerei brachte ihn unterdessen auf einem zweiten Karriereweg in Kontakt zu Film und Theater. Während er 1980 am Broadway in Bernard Pomerances Drama "The Elephant Man" und 1982 im BBC-Fernsehen als Bertolt Brechts "Baal" brillierte, waren seine Kino-Aktivitäten zumeist künstlerisch unbefriedigend. Auftritte in Nicolas Roegs "Der Mann, der vom Himmel fiel" (1976), David Hemmings’ "Schöner Gigolo – Armer Gigolo" (1977), Tony Scotts "Begierde" (1983), Nagisa Oshimas "Merry Christmas, Mr. Lawrence" (1983), Julian Temples "Absolute Beginners" (1986), Jim Hensons "Labyrinth" (1986) und Scorseses "The Last Temptation of Christ" (1988) zeigten eine beträchtliche Instinktschwäche bei der Auswahl von Filmrollen, die Bowies Anspruch als Trendsetter festigen sollten.

Auf neueren Plattenveröffentlichungen gingen dem Chamäleon des Rock die Verwandlungsfarben aus. Deshalb borgte Bowie reichlich bei den verschiedenen Entwicklungsstadien seiner eigenen Show-Vergangenheit, ohne diesem Eklektizismus jedoch einen zeitgemäßen Ausdruck geben zu können. "Kalt, kraftlos und kalkuliert", kanzelte der "New Musical Express" die LP Never Let Me Down (1987) ab, sah den Verdacht auf "verschrobene kunstakademische Vorstellungen von Pop" endgültig bestätigt und riet dem Sänger, es "doch mal wieder mit Drogen" zu versuchen. Die Zeitschrift "Crawdaddy" hatte jedoch bereits 1977 ein faireres Urteil über die Widersprüche in Bowies Œuvre gefunden: "Man mag ihn einen widerwärtigen Egozentriker nennen, aber er ist niemals langweilig."

Ende der achtziger Jahre gönnte Bowie sich eine Atempause und veröffentlichte 1988 erstmals seit 1971 weder eine neue Single noch eine neue LP. 1989 übertrug er dem amerikanischen Label Rykodisc die Veröffentlichungsrechte an seinen früheren LPs, gründete mit Tin Machine wieder eine Band und stürzte sich mit Feuereifer in seine neue Rolle als Primus inter Pares. Doch verschwand hinter der Standardbesetzung mit Gitarren, Bass und Drums und dem Namen nicht sein Image als Superstar: Der zunächst sich schnell einstellende Erfolg wurde ihm zugeschrieben.

1991 wendete sich das Blatt. Die zweite Veröffentlichung der Blechmaschine dümpelte in unteren Charts-Rängen, während seine als CDs wiederveröffentlichten Alt-Aufnahmen fast ausnahmslos vorbeizogen. Unbeeindruckt ging Bowie mit der Band auf Tour, verlor 1992, nach der Veröffentlichung des(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
David Bowie (1967)
David Bowie – Man Of Words, Man Of Music (1969 unter dem Titel Space Oddity 1972 wiederveröffentlicht)
The Man Who Sold The World (1970)
Hunky Dory (1971)
The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars (1972)
Aladdin Sane (1973)
Pin Ups (1973)
Diamond Dogs (1974)
Young Americans (1975)
Station To Station (1976)
Low (1977)
Heroes (1977)
Lodger (1979)
Scary Monsters (And Super Creeps)
(1980)
Let’s Dance (1983)
Tonight (1984)
Never Let Me Down (1987)
Black Tie White Noise (1993)
The Buddha Of Suburbia (1993)
Outside (1995)
Earthling (1997)
Hours (1999)
Heathen (2002)
Reality (2003)
Glass Spider (2007)

Zusammenstellungen (Auswahl):
The World Of David Bowie (1970)
Best Deluxe (1973)
ChangesOneBowie (1976)
Rock Concert (1979)
Chameleon (1979)
The Best Of Bowie (1980)
The Best Of David Bowie 1969/1974 (1997)
The Best Of David Bowie 1974/1979 (1998)
The Platinum Collection (2005)
Soundtracks:
Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981)
David Bowie In Bertolt Brecht’s Baal (1982)
Cat People (1982)
Ziggy Stardust – The Motion Picture (1983)
Love You Till Tuesday (1984)
The Falcon And The Snowman (1985)
Absolute Beginners (1986)
Labyrinth (1986)
LPs mit Tin Machine:
Tin Machine (1989)
Tin Machine II (1991)
Oy Vey Baby (1992)

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