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BLUMFELD

Blumfeld

Biografie

Blumfeld , 1990 in Hamburg gegründet, hoben sich von vielen anderen deutschen Bands durch tiefsinnige, von individueller Selbstzerfleischung geprägte, Rock- und Rap-Flair verbindende Texte ab, die auf einem dichten, treibenden, vielschichtigen Gitarrenuntergrund dargebracht wurden. "Deutschlands wichtigste Alternative Rock-Band" (so die englische "Virgin Encyclopedia"), die sich nach Franz Kafkas Erzählung Blumfeld - Ein älterer Junggeselle benannt hatte, erlangte internationale Anerkennung, indem sie die spezifische Sperrigkeit der deutschen Sprache in der Rockmusik überwand und einen flüssigen Sound generierte, der an Sonic Youth, die Pixies und Pavement erinnerte. Neben Tocotronic und Die Sterne galten Blumfeld als herausragende Vertreter der sogenannten Hamburger Schule. Ein Kritiker von "NM! Messitsch" stellte 1992 Blumfelds "Ansingen gegen die Spaßtyrannen dieser Zeiten als letzten Versuch, Rockmusik in Deutschland noch glaubhaft und relevant vorzutragen", heraus.

Jochen Diestelmeyer (g, voc) sammelte 1985 erste musikalische Erfahrungen im Umfeld von Bernd Begemanns Bad Salzufler Label Fast Weltweit, aus dem neben Blumfeld Bands wie Die Sterne und Die Goldenen Zitronen hervorgehen sollten. Mit dem Bassisten Peter Wenzel (später Die Sterne) gründete er die Gruppe Bienenfänger, die 1988 auf zwei Tape-Samplern von Fast Weltweit mit mehreren Stücken vertreten waren.

Zu dieser Zeit begann sich Diestelmeyer auch für den Sprechgesang des HipHop zu interessieren. 1990 traf er sich mit André Rattay (dr) und Eike Bohlken (g, bg) von der Noisecore-Band Der Schwarze Kanal. Gemeinsam mit Gruppen wie Cpt. Kirk und Brüllen lösten Blumfeld noch vor ihrem Plattendebüt einen deutschlandweiten Hamburg-Boom aus. Nach dem im Herbst 1991 erschienenen und von "Spex" zur Single des Jahres gekürten Song Ghettowelt veröffentlichte die Band im Herbst 1992 ihr erstes Album Ich-Maschine. "Das Wunder Hamburgs" ("Zitty") zelebrierte ein "Musikempfinden irgendwo zwischen Krach und Dehnung, das Ergebnis: harte Grooves, verzerrte Bässe, Lärmteppiche, die elegant wie Joni Mitchell auf außergewöhnliche Akkorde fallen" ("taz").

Eine gemeinsame Europatournee mit Pavement führte dazu, dass Blumfeld von dem britischen Label Big Cat verpflichtet wurden. Das zweite Album L'Etat Et Moi (1994) geriet noch klaustrophobischer als sein Vorgänger und präsentierte die Stimme des vereinsamten Individuums inmitten einer unentrinnbaren Maschinerie in einer Weise, die an Chaplins "Lichter der Großstadt" erinnerte. Die Band verstand diese Platte als Diskussionsforum, doch die Stärke der Texte Diestelmeyers lag gerade darin, daß diese, mochten sie auch noch so politisch sein, niemals die Musik dominierten. Sie "fixieren Gefühlsmomente, vage Stimmungen, kratzen an Tabus" ("WOM Journal"). Nach zwei Jahren intensiver Konzerttätigkeit stieg Bohlken aus, weil er die Doppelbelastung aus Band-Stress und Philosophiestudium nicht mehr verkraftete. Statt seiner stießen Peter Thiessen (g, bg) und Michael Mühlhaus (kb) zu Blumfeld.

In dieser Besetzung entstand das dritte Album Old Nobody (1999), das noch hintergründiger und poetischer als bisher alltägliches Scheitern beschrieb. "Die Texte Blumfelds greifen eher klassische Themen wie Liebe, Kunst, Geschichte und Vergänglichkeit auf und führen diese auf eine konventionelle Sprache zurück. Das ehemalige Verdienst der Erfindung und Gestaltung einer eigenen Sprache scheint somit Vergangenheit" (so eine Website). Das Album wurde von der Kritik zwiespältig aufgenommen, begeisterte Stimmen mischten sich mit Warnungen von dem drohenden Ausverkauf. In einem Video zum Titelsong trat der Schauspieler Helmut Berger denn auch als Old Nobody auf. Den Jahrtausendwechsel ließ die Band etwas ruhiger angehen. 2002 erschien unter dem Titel Die Welt ist schön eine Sammlung früher Singles aus den Jahren 1991/92. Ende desselben Jahres verließ Peter Thiessen die Gruppe, und Mühlhaus wechselte zum Bass. Der Rest von Blumfeld wagte mit neuen Studioaufnahmen einen Neuanfang und stellte sich auch wieder live dem Publikum.

Auf Jenseits von jedem (2003) übernahm Vredeber Albrecht die Keyboards. Je nach Perspektive bescheinigte oder unterstellte "Die Zeit" dem Album mit vernichtendem Wohlwollen "nichts Prätentiöseres als entspannten, professionellen und mit Spaß an der eigenen Sache gespielten Gitarren-Pop, mit einfachen Mitteln verblüffend nuancen- und dimensionenreich". Nach endlosen Touren verabschiedete sich 2004 auch Michael Mühlhaus und wurde von Lars Precht von der Lounge Pop-Band Veranda Music ersetzt. In der neuen Besetzung veröffentlichten Diestelmeier und Co. im April 2006 Verbotene Früchte. Von ihren Ursprüngen war die "versponnene Wandervogeltruppe" ("Tagesspiegel") nie so weit entfernt wie auf diesem überraschenden Bekenntnis zur Natur. Das Urteil von "Intro" fiel entsprechend nüchtern aus: "Das Album ist keine Weiterentwicklung, kein Neuanfang, auch keine Wiederholung. Es ist eine Verdichtung von Kontinuität."

Diese Kontinuität fand ein Ende, als im Januar 2007 die Band ihre für April/Mai 2007 anberaumte "Ein Lied mehr"-Tour zur Abschiedstournee erklärte. 2009 veröffentlichte Diestelmeyer sein erstes Soloalbum Heavy, auf dem er der Stilistik von Blumfeld treu blieb.

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Ich-Maschine (1992)
L'Etat Et Moi (1994)
Old Nobody (1999)
Testament der Angst (2001)
Die Welt ist schön (2002)
Jenseits von jedem (2003)
Verbotene Früchte (2006)
Jochen Diestelmeyer solo:
Heavy (2009)

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